Leichte Kost [34]

Vom Verlust des Anspruchs.

Was reicht dir persönlich an Qualität, ganz gleich, ob in den Dingen, die dich umgeben oder für die Art und Weise, wie du lebst? Gibt es in allen Dingen, in allen Bereichen des Lebens eine gewisses Niveau, hast du prinzipiell einen Anspruch an dich und das, das dich erreicht, umfasst, bereichert oder ausmacht?

Was geschieht, wenn du es misst, wenn es dich flieht, wenn es sich deiner entzieht? Bist du neuerdings zufrieden mit dem, was dir frei Haus geliefert, was dir geboten wird, worum du dich nicht mühen musst? Das, wofür du keinen Schritt weiter machen musst, was ohne Aufwand dir zufällt, ist es das, was dir reicht, ausreicht, dein Leben zu bereichern? Gibt es noch die Neugier in dir, die dich entfacht? Zu erforschen, was noch möglich ist, möglich nach dem, was Usus ist, was vorhanden und dir zu deinem Glück gereicht wird?

Verweilst du mit der Sicherheit des Bekannten in der Gewohnheit, dem, was dich nicht aus dem Wohlsein der I… bringen könnte? Lehnst du lieber an der Schutzmauer der Behaglichkeit, als einen Blick darüber zu riskieren, in Sorge, es könnte die Sicht auf das Fundament bloßlegen, das die Ketten an deinen Füßen verbirgt und eine Sehnsucht entfachen und dir die Ruhe gefährden, womöglich die Unruhe des Herzens der Kreativen in dir eröffnen könnte?

Zensur des schönen Hässlichen, Teil 2 (195)

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Hier im zweiten Teil von „Zensur des schönen Hässlichen“ gehe ich weiterhin der Frage nach dem Umgang mit physischen Erscheinungen nach. Was sehen wir (an), wie bewerten wir das gesehene und warum?

Zunächst ein inhaltlicher Auszug aus Plutarchs (ca. 46-120 n.Chr.) Dichtungen über die Spartaner:
„Lykurg hat auch die Lebensführung der Frauen sorgfältig geregelt. Er sorgte dafür, dass die Körper der Mädchen durch Laufen, Ringen und Speerwerfen gekräftigt wurden. Denn er sagte sich, dass Frauen mit kräftigen Körpern auch kräftige Kinder gebären würden. Und auch bei der Geburt selbst hätten sie keine Schwierigkeiten. Weichlichkeit, Verzärtelung und alles, was er abfällig „weibisch“ nannte, verbannte er. Er gewöhnte die Mädchen daran, wie die Knaben nackt ihre Aufzüge zu halten und bei bestimmten Festen zu tanzen und zu singen und das vor dem Augen der jungen Männer. Dass die Mädchen sich entblößten, hatte übrigens nichts peinliches an sich. Denn es war Scham dabei und keine ungehörige Schaulust. So gewöhnten sie sich an Einfachheit und strebten nach wohl gestalteter Körperbeschaffenheit. Auch gab das der Frau Sinn und Geschmack für das stolze Selbstgefühl, dass auch sie nicht weniger als der Mann Anteil haben sollte am Streben nach Tapferkeit und Ruhm. …“

Auch wenn schriftliche Überlieferungen aus der Zeit Spartas meist nicht von Spartanern selbst verfasst und überliefert wurden, diese stammen nämlich mehr von ihren Feinden oder von Nachfahren, und dadurch deren Integrität grundsätzlich bezweifelt werden darf, so lässt sich aus pragmatischer Vorstellung heraus doch ein wahrer Kern annehmen, zumal ausreichend andere Kulturen existieren, die einen vergleichbaren Umgang mit der Körperkultur pflegen. Anhand des obigen Beispiels sieht man, wie sich die damals aktuellen Richtlinien und vorgegebenen Verhaltensweisen im Punkto Körperlichkeit über die Zeiten hinweg verändern. Die Sozialisation körperlicher Belange mündete in der modernen westlich-geprägten Gesellschaft gemeinhin in eine Tabuisierung, was unter anderem an der Sprache, dem genutzten Wortschatz zu erkennen ist.

Die vermutlich etwas verklärte Sicht Plutarchs auf die Gebräuche der Spartaner soll hier als Gedankenanstoß gelten. Im ersten Teil stellte ich die Frage nach der Bedeutung der sichtbaren Formen aller Dinge im Umfeld des Menschen. Durch welche Überlieferungen bedeuten unserer Gesellschaft bestimmte Dinge mehr als anderes, warum verändert eine optische Abweichung die Bedeutung, wie entsteht die unterschiedliche Wertigkeit?

Nicht nur Formen beeinflussen unser Verständnis der Dinge, auch Oberflächen und Material erwirken seltsame Gebärden. Irgendwann entdeckte der Mensch das Gold. Woher und warum entstand seine Wertigkeit, warum brachten die Conquistadores viele tausend Ureinwohner für das Metall ums Leben? Weil es glänzt? Weil es rein ist? Weil es ein knappes Gut ist? Weil ein relativ hoher (Gegen-) Wert festgelegt worden ist? Warum? Vielleicht ahnen wir es.

Zurück zur eigentlichen Fragestellung. Im Zuge der Sozialisation der Gesellschaft entstanden vielfältige Übereinkünfte, die einer ganz wesentlichen, fundamentale Ambivalenz entsprang: Sie ist von einem Subjekt erschaffen und weiterentwickelt worden, und zwar für ein Objekt, das gleichzeitig Subjekt ist. Dabei ist besonders in unserem Kulturkreis die rationalistische Denkweise bezeichnend für den Umgang mit der Vielfalt der Möglichkeiten. Stark zweckdienliches Denken besitzt den höchsten gesellschaftlichen Stellenwert. Ob die zweckgerichtete Lebensart bei uns Menschen zum Selbstzweck mutiert ist, kann jeder für doch selbst entscheiden, wenn er nur reflektiert.

So ist ein wesentlicher Faktor in diesem Zusammenhang der Akt der Infragestellung von Sinnhaftigkeit jedweder sittlichen, moralischen und emotionalen Übereinkünfte durch jedes Individuum einer Gemeinschaft, um diese Gemeinschaft dem Menschen dienlich zu gestalten und nicht umgekehrt. Perfide Mechaniken wie die versteckt-offene Etablierung einer grenzenlosen Konsumsucht, angefeuert durch den Anschein von fiktiven Innovationen entfremden den Menschen zu einem zunehmend entsozialisiertem und was viel bedeutender ist, entmenschlichtem Wesen.

So lässt sich ein „Ist-Zustand“ beschreiben, wie er vielfach attestiert und auch empfunden wird. Über die Herkunft, die Entstehung sagt es nur wenig aus. Verfolgt man allerdings die Entwicklungsgeschichte von Sitten und Gebräuchen, so wird einem gewahr, dass es in den Kulturen, Epochen und Gesellschaften in ihren unterschiedlichen Umgangsweisen nahezu alle erdenklichen Formen gelebt wurden. Auch ergibt sich daraus, dass unsere aktuelle Lebensart nur einen Ausschnitt aus den Möglichkeiten beschreibt, der in ferner oder naher Zukunft schon nicht mehr gesellschaftsfähig sein kann.

Nichtsdestotrotz sind wir hier und jetzt sozialisiert worden. Umgangsformen beherrschen wir notwendigerweise und da der Mensch an sich ein zutiefst bequemes Wesen ist, Veränderungen im Grunde genommen nicht wirklich anstrebt und mag, ist jede Auseinandersetzung mit Normen anstrengend und wird erst dann in Angriff genommen, wenn diese Normen die menschliche Existenz über einen gewissen Punkt hinaus gefährden.

Dieser Punkt findet sich bei jedem Individuum am anderer Stelle, auch die Auffassungsgabe gegenüber den eigenen Lebensbedingungen gestaltet sich absolut heterogen, und das schon in jedem einzelnen von uns, geschweige denn zwischenmenschlich. Auch dabei kommt uns wieder unsere Bequemlichkeit entgegen, wenn es darum geht, Denkmodelle zu hinterfragen, oder, vollkommen utopisch, selbst solche zu entwerfen.

Gemeinhin wird gerne konsumiert, was schon da ist, was bequem übernommenen werden kann. Es wird ein wenig zurecht gebogen, und gerade so passend gemacht. Querulanten, die unbequeme Fragen aufwerfen, sind nicht gern gesehen. Nur wenn es mehr werden, wenn mehr und mehr Menschen dazu übergehen, Sichtweisen in Frage zu stellen, es sich selbst unbequem zu machen, weil man sich nicht weiter auf sich selbst ausruht, dann ist es möglich, etwas zu verändern. Dazu bedarf es, wie uns die Vergangenheit gelehrt hat, Vorreiter.

Das sind jedoch solche Wesen, die nicht unaufhörlich die zwar bequemen, aber prinzipiell unhaltbaren Zustände nur beschreien. Es braucht Menschen, die folgerichtige Lösungsansätze vorschlagen können, die menengerechte Ideen postulieren. Es braucht Denker und „Empfinder“, die durch Beschreibungen Fakten darlegen UND Wege aus dem unbekannten Dilemma weisen oder aufzeigen, wie diese zu finden sind. Wir brauchen dringend Menschen, die einfach ethische Lebens – Thesen aufstellen. Diese kann man auch durchaus mal an eine Türe nageln.

Neu! Nagelneu! Das Neueste, nicht nur schnöde „Neu“! ;-) ( 188 )

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Neophilie! Von Konrad Lorenz geprägter Begriff, der, kurz übertragen, die Liebe zu Neuem bedeutet. Er beschreibt, welche angeborenen Mechanismen im Menschen ablaufen, wenn er Neuem, Unbekanntem gegenüber steht, welche Reaktionen erwartet werden können. Neu ist toll! Ist das so? Wirklich und Wahrhaftig?

Sind wir Menschen stets neugierig? Gierig auf Neues? Neugierig auf alles, wenn es neu ist? Ist Neugierde einer der Motoren unserer Entwicklung, der Evolution überhaupt? Warum bewirbt die Industrie erfolgreich ihre entwickelten Produkte und Leistungen grundsätzlich immer mit dem Attribut NEU? Weil die Marktforschung erwiesen hat, dass wir Homo consumicus wie „HB-Männchen“ auf das Adjektiv „neu“ anspringen? Etwas ist anders, als das, was wir bereits kennen. Was wir kennen ist schon irgendwie langweilig, oder? Nur zu neu oder zu unbekannt sollte es auch wieder nicht sein.
„NEU“ counts! Das neue Auto, der neue Italiener, eine neue Waschformel, eine neue Frisur, ein neuer Partner … ehm, moment mal, neuer Partner? Nee, oder? Na nicht ganz. Neu ist zwar spannend, aber mit vielen Investitionen belegt. Könnte zu anstrengend werden. Oder gilt es nur für eine kurze Spanne? Schon eher. Geht man ja keine Verpflichtung ein. Also muss man ja auch nicht viel von dem halten, was man verspricht, oder?
Ist das tatsächlich so? Verhaltensforscher bestätigen es leider. Woher kommt dieser Ansatz und was hat er mit Schönheit zu tun? Ganz einfach, es wurde untersucht, in wie weit sich die Schönheit zunächst auf die Wahl eines Partners auswirkt, und anschließend eine Rolle bei der Wahl eines neuen Partners spielt. Dabei kamen spannende Ergebnisse heraus. Doch der Reihe nach.
Der Mensch hat von Beginn seiner Entwicklung an gelernt auf seine Umgebung adäquat zu reagieren. Früh lernte er, was wie zu verarbeiten, zu speichern, zu lernen ist. Bis zu den ersten eigenen Gedanken wurde er erfolgreich konditioniert. Nun galt es, alles noch einmal in Frage zu stellen, zu überarbeiten. Je nach Grad der Konditionierung und je nach Geistesleben gelang das dem einen besser, dem anderen schlechter, dem einen früher, dem anderen später, dem nächsten nicht.
Eigene Wertvorstellungen sind das Ergebnis. Es sei dahingestellt, welcher Qualität sie sind. Es gibt sie einfach und nach ihnen richtet sich der Mensch regelmäßig. So hat er Vorstellungen von einem Partner. Begonnen von Freundschaften im Kindergarten (oder vorher in der Krabbelgruppe, dort allerdings zu 99% elterngesteuert) über die Vorschule, Grundschule, Sek.1 und vielleicht Sek.2, Ausbildung oder Studium tragen zu einem Bildnis bei, einem Kunst-werk, welches der Mensch zeitlebens formt.
Es schwebt ihm wie eine Schablone im Geiste vor, wenn er über einen Menschen befindet, mit dem er mehr als nur kollegiale oder freundschaftliche Gefühle zu pflegen wünscht. Er sucht einen Partner fürs Leben, beginnt zu sondieren, was passen könnte, welche Voraussetzungen er wünscht, mehr noch, welche Bedingungen er überhaupt umzusetzen im Stande ist. Welchen Marktwert wirft er in den Ring? Mal mehr mal weniger Versuche gibt es, mal längerfristige Beziehungen werden wertvoll, mal Enttäuschungen (beiderseits wie einseitig) sind zu überstehen.
Irgendwann wird der Mensch fündig. Eine Partnerschaft ist entstanden. Viele Emotionen entstehen in diesen Momenten und alles Neue am Anderen ist spannend und faszinierend. Hormonausschüttungen unterlegen unsere Empfindungen. Wir leben auf Wolke 17, sehen vieles rosaroter, als es zu sein pflegt. Ein überaus wichtiger Baustein unserer Beziehungen, bedeutet doch die Partnerschaft eine längerfristige Beziehung zu einem Mitmenschen, nämlich mindestens so lange, bis ein eventueller Nachwuchs da ist oder besser noch gut vorbereitet in die weite Welt hinaus gelassen kann. Letztes ist dabei jedoch schon als Luxus anzusehen.
Doch irgendwann reist die Beziehung nicht mehr über so eine rauschende Gefühlsachterbahn entlang. Gewohnheit und Gewöhnung treten an die Stelle der Faszination. Ernüchterung macht sich breit, und zwar umso mehr, als sich einer oder beide Partner zuvor verstellten, vorspielten etwas zu sein, was man gern gewesen wäre oder was von anderen erwartet wurde. Eigentlich eine Chance, den anderen erneut kennen zu lernen, wird es aber nicht so gelebt, sondern viele Menschen distanzieren sich, da sie sich etwas anderes versprachen. Ent-Täuschung kratzt am Ego des anderen, doch während dies als fundamentaler Beginn einer fantastischen Beziehung zu verstehen, wendet sich der Mensch häufig ab. Was aber macht der Mensch sehr gerne, wenn etwas nicht seinen Vorstellungen entspricht? Richtig, er wendet sich Neuem zu. Allzu gern widmet er sich neuen Abenteuern, die in erster Hinsicht das versprechen, was gesucht wird. Das „Alte“ kennt jeder. Es ist unspektakulär, und es hat scheinbar nicht den Erfolg gebracht, den sich der Mensch versprochen hat. Da kann das Neue ja nur besser sein. Oder?
Und spätestens in diesem Moment kommt die Psychologie der Schönheit ins Spiel. Wir haben gelernt, dass schön = gut ist. Dabei wird uns suggeriert, dass das Neue, solange es schön ist, mit allergrößter Wahrscheinlichkeit viel mehr dem entspricht, was wir uns wünschen, wonach wir streben. Daher die vermeintliche Chance, in Neuem die Erfüllung unserer Begierde zu finden. Erst mit den Jahren, und bei genauerem Hinsehen lernen wir, dass das Neue nicht automatisch das Bessere ist. Aber es ist kein einfacher Weg, denn man muss tatsächlich ehrlich reflektieren, was eine grundsätzliche Ehrlichkeit zu sich selbst und mit sich selbst zu Grunde legt.

Jugendwahn Teil 3 (187)

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In diesem 3. und letzten Teil von Jugendwahn befasse ich mich mit den Auswirkungen des Jugendkultes auf unser Verhalten und unserem Verständnis von Aussehen als Folge davon.

„Nur wer jugendlich erscheint, ist dynamisch.“ Einerlei, ob Mann oder Frau, in der Gesellschaft zählt derjenige besonders viel, der sein Aussehen einer einzigen Direktive unterzieht: Sehe frisch aus, wirke agil, unverbraucht und möglichst makellos. Makel sind Fehler. Fehler bedeuten Unvollkommenheit. So möchte keiner wirken. Sei gutaussehend. Dann sieht man dir deine Fähigkeiten an, die Kraft zu haben, etwas zu bewegen, zu erschaffen.

Anders ist es, wenn man dir ansieht, dass du nicht mehr ganz jung bist. Dann hast du die beste Zeit deines Lebens schon hinter dir. Du hast nicht mehr die Kraft und Energie, das zu leisten, was die Leistungsgesellschaft von jedem erwartet. Sicher gibt es noch etwas für dich zu tun, aber die wichtigen, großen und bedeutenden Dinge werden durch frische Kräfte viel effizienter abgearbeitet.

Das sollte jedem Menschen bewusst sein. Wem es nicht bewusst ist, dem wird es in jeder erdenklichen Situation vermittelt. Ob durch die Volksdroge Fernsehen, oder durch andere Kommunikationsmedien wird jugendliche Frische propagiert. Eine milliardenschwere Industrie beispielsweise bombardiert uns mit der scheinbaren Notwendigkeit der permanenten Aufhübschung. Sie nutzt die im Menschen programmierten Urinstinkte und genetisch bedingten Abläufe für ihre Zwecke.

Und der Mensch? Der fällt darauf rein. Der läuft hinterher. Der verliert zunehmend die Fähigkeit zu agieren. Der reagiert nur noch. Menschen jenseits des jugendlichen Alters setzen alles daran, diese Phase des Lebens zu verlängern. Dass sie bei diesem Unterfangen wesentliche Inhalte ihres aktuellen Daseins unwiederbringlich zerstören, entzieht sich ihrem Bewusstsein. Lebensgüte entsprechend des Alters erleidet unter dem schier alles entscheidenden Einfluss des Äußeren immer wieder Schiffbruch. Kleine, knapp unter der Wasseroberfläche liegende Felsenriffe lassen uns genau so kentern, wie weit offensichtliche Klippen, an denen der Mensch nicht in der Lage ist, vorüber zu fahren.

Wie sehen diese Hindernisse aus? Die Klippen sind die permanent sichtbaren, relativ künstlichen Vorbilder, Lieblinge aller Medien. Der Mensch neigt dazu, sich beständig zu verbessern, in allen Belangen. Im Grunde genommen ist es nicht falsch, folgend dem Sinne der Evolution. Sonst gäbe es Stillstand. (Was in manchen Belangen durchaus wünschenswert wäre, das gehört jetzt aber nicht hierhin.) Jedoch zu Stillstand ist der Mensch nicht programmiert. Anstatt aber seine Energie in andere Bahnen zu leiten, als der der Optimierung der Äußerlichkeiten einträchtig zu folgen, verfällt der Mensch allzu bereitwillig immerzu dieser Richtung. Er steckt bekanntermaßen unendlich viel Energie und Substanz in diesen Bereich.

Weitere Hindernisse auf dem Kurs des Menschen -in Form von Felsen unter der Wasseroberfläche- sind die eigenen Wertvorstellungen. Diese schuf sich der Mensch im Laufe seiner Entwicklung selbst. Gedanken kreisten seit je her um das eigene Wesen. Sie stellten damals wie heute Parallelen auf von der eigenen Interaktion bis zu der anderer Individuen. Ob das in aktiver oder passiver Form geschieht, ist einerlei und ist in jeder Hinsicht ambivalent. Aktiv ist der Mensch, indem er kommuniziert, passiv, indem er als (optisches) Wesen einfach anwesend ist. Und zwar genau so, wie er erscheint. Manipulieren und bestimmen kann er weitestgehend beides, das Aussehen sowie seine Handlungen. Solange es darum geht, Werte zu erschaffen, einem Wachstumskurs zu folgen, wird der Mensch immer BEWERTET werden. Wie hoch ist sein Beitrag zum allgemeinen Wachstum?

Und genau darin liegt die Crux. Leistet ein Mensch weniger, als von allen erwartet, ist er weniger wert. Spätestens da beißt sich die Katze in den Schwanz. Schönen Menschen billigen wir alle viel mehr positive Werte und Eigenschaften zu, als weniger schönen Menschen. Das wurde zur genüge nachgewiesen. Um diesem Urteil nicht tatenlos ausgesetzt zu sein, reagiert der Mensch. Er manipuliert sein Aussehen unter der Vorgabe, möglichst „wertvoll“ gesehen zu werden. Denn, sieht er „besser“ aus, ist er wertvoller. Zumindest vom Äußeren her und zu Beginn, mit dem Doping der Attraktivität. Nicht nur Fehler werden attraktiveren Menschen eher verziehen, selbst gleiche Leistungen werden erwiesenermaßen höher bewertet. Das beginnt schon in der Schule oder früher.

Damit bleibt als Fazit das Verständnis von Wertigkeiten in unserer Gemeinschaft in Frage zu stellen. Ist das Nonplusultra die Jugendlichkeit mit ihrer Erscheinung und ihren Attributen. Bemisst sich der Wert eines Menschen an der Ausbildung jugendlicher Merkmale, respektive jugendlichem Aussehens in jedem Alter? Diese Frage kann sich jeder stellen, ob er sie aber beantworten möchte, und ob er die Antwort kund tut, sich sogar nach seiner Erkenntnis richtet, das zeigt sich im Wandel der Werte in unserer Gemeinschaft.

Selbsterfüllende Prophezeiung ( 185 )

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Wenn es nur oft genug gesagt wird, dann glaubt man es. Spätestens dann verhält sich der Mensch entsprechend. So bestätigen es Forschungsergebnisse. Was ist gemeint, dazu mehr im Folgenden.

Denkt ein Mensch, es geht nicht gut, dann geht es oft nicht gut. Denkt der Mensch hingegen, dass es schon gut gehen werde, so geht es oft gut. So viel hat schon jeder von uns einmal erfahren. Ich selbst verhalte mich zwar noch lange nicht dementsprechend, aber ich arbeite daran. Positive Energie!

Was hat es mit dem Aussehen zu tun? Eine ganze Menge, so haben es Forscher in den USA heraus gefunden. Sie haben mit einer Anzahl von über 1000 Kindern eine Langzeitstudie durchgeführt, in der erforscht werden sollte, was es mit Bestätigung und Widerspruch zum Aussehen der Kinder auf sich hat, und sie kamen zu einem (leider) ernüchterndem Ergebnis, welches sich wie folgt beschreiben lässt : Die Kinder, denen ihr soziales Umfeld beständig ihr gutes Aussehen bestätigte, entwickelten sich im Laufe der Jahre zu Menschen, die in vielen Dingen eine sehr viel positivere Entwicklung erfuhren, als solche Kinder, die diese Bestätigung weniger oder nicht erfuhren.

Was bedeutet das? Wenn einem Kinde nur oft genug gesagt wird, wie hüsch, stark, schlau, …  es ist, entwickelt es ein positiveres Selbstbild von sich. Dieses positivere Selbstbild trägt in erheblichem Maße dazu bei, mehr Selbstbewusstsein auszubilden, was wiederum dazu führt, dass dieser (junge) Mensch noch positiver wahrgenommen wird, und demnach wieder mehr positve Rückmeldung zu sich bekommt. Diesen Effekt, der nicht ohne Probleme von statten geht, wozu ich weiter unten noch etwas bemerken möchte, konnte in o.g. Studie nachgewiesen werden.

Bei den weniger positiv veranlagten Kindern trat dieser Effekt im Negativen auf. In ihrem Selbstbewusstsein schwebten Phrasen wie : “ Ich kann das sowieso nicht“, „ich bin nicht schön“, ich bin zu dick/klein/langsam/dumm/… die dazu beitrugen, dieses zu verinnerlichen und nach außen auszustrahlen. Damit ging dieser Kreislauf in die negative Richtung und konnte nur schwer bis gar nicht durchbrochen werden.

Dieses Verhalten endet keineswegs mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter. Nicht umsonst werden immer wieder Führungsseminare durchgeführt, in denen die leitenden Mitarbeiter erlernen, wie sie Ihre Untergebenen anleiten sollen, um ein möglichst hohes Potential freizusetzen. Das dient freilich ausschließlich der Gewinnoptimierung, weniger der Menschenfreundlichkeit. Aber, auch wenn es erhebliche Fehlleistungen auf diesem Gebiet in Form unfähig leitender Angestellter gibt, so wirkt es an den Stellen, wo es klappt, deutlich messbar. (Gewinnsteigerung durch deutlich größeren Einsatz der MA) Dies konnte ich während meiner Zeit als Personalreferent zudem gut beobachten.

Ein häufig aufgetretenes Phänomen war bei dieser Untersuchung, dass einige der oft gelobten Kinder regelmäßig zur Selbstüberschätzung tendierten. Problematisch war dabei, dass bei einem Hinweis auf diese Selbstüberschätzung diese Kinder diesen Hinweis selbst als nur unwesentlich übergehen konnten. Es tat ihrem Ego keinen Abbruch. Alles kleine Narzissten?  So extrem war es dann doch nicht, denn junge Menschen machen in ihrer Entwicklung logischerweise Fehler, aus denen sie lernen, lernen, dass auch sie nicht perfekt sind. Nur steckten diese Kinder die Fehler viel leichter weg, als ihre „minderwertigen“ Pendants. „Minderwertig“ ist in diesem Zusammenhang ein starkes Kraftwort, dass natürlich nicht wirklich auf die jungen Menschen zutrifft! Nur in dem Sinne, wie sie sich selbst erfuhren, nämlich als viel weniger wert, als die schöne Freundin oder weniger wert, als der schlaue Freund, trifft es die Sache genau: Kinder sind sehr gute Beobachter, und es entging ihnen nicht die Ungleichbehandlung der unterschiedlichen Menschen. „Wie ungerecht es doch ist!“ Auch das ist ein Punkt, der hinzukommend an ihrem ohnehin nicht besonders starken Selbstbewusstsein nagt.

Meine Gedanken dazu: In einer Gesellschaft, in der das Aussehen einen derart hohen Stellenwert innehat, leiden die Vielzahl der Kinder unter diesem Aspekt, eine Vielzahl der Kinder, die in ihrer Mehrzahl nicht den Entsprechungen genügen (können). Wir Erwachsenen selbst sind es, die diese Werte immer wieder neu vermitteln, seit Generationen immer das Gleiche! Eine allumfassende Antwort darauf muss auch ich leider schuldig bleiben, dazu sind schon sehr viele kluge Bücher und Artikel veröffentlicht worden, die man leicht findet ( Kinder suchen Orientierung, Lasst Kinder wieder Kinder sein, …) Ich möchte dazu nur eingehend aufrufen, die Werteveteilung zu überarbeiten. Ohne die Stigmatisierung fortzuführen zu wollen und Medien eine Alleinschuld zuweisen zu wollen, möchte ich jeden einzelnen dazu auffordern, seine Werte zu überdenken, und vor allem danach zu handeln. Beklagen ist einer unserer Lieblingsmodi, doch zu verändern ist scheinbar nahezu unmöglich. Die Studie ist für mich ein weiter Anlass dazu, andere Menschen in ihrer „Wertigkeit“ zu bestärken. Wo es geht.

Auch meine Worte, wenn von unserem Sohn mal wieder die Frage kommt, ob wir nicht ein transatlantisches Schnellrestaurant aufsuchen wollen, zu antworten, ob er irgendwann so aussehen wolle, wie jener oder dieser „dicke Mops“ impliziert schon die Wertigkeit von Körpergewicht. ( Wobei ich hier anführen möchte, dass sich die Zahl der Besuche in erwähntem Etablissement schon halbiert hat: 2014 = 2; 2015 = 1 !!!!! )  So, wie meine Eltern es schon taten, wenn ich nach Schokolade fragte! In allen noch so kleinen Bemerkungen gebe ich Werte weiter. Wie soll unser Sohn da „normal“ auf nicht dünne Menschen reagieren. Wie werden wohl seine Wertemassstäbe sich  entwickeln, wenn wir solche Worte verwenden. Bei seiner letzten Geburtstagsfeier lud er mit 13! auch Mädchen! ein. Als einziger in seiner Klasse. Auch ein nicht schlankes Mädchen war darunter, und im Umgang mit ihr stellte ich keine Diskrimierung fest, von keiner der anwesenden Personen und trotz Aufenthalt im Kletterpark. Das war selbst in der Grundschule anders zu beobachten, wenn auch dort von Mädchen untereinander viel häufiger. Mal sehen, wohin das führt. Ich werde berichten …

 

Marktwert des Menschen (90)

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Viele Worte über das Aussehen, von vielen Menschen, von mir, über alle Grenzen hinaus, in allen Medien, zu allen Zeiten sind zu vernehmen. Gesichter, Figuren, Proportionen werden in jedem Moment beschrieben, bewertet, bewundert und betrachtet. Ratschläge, Überlieferungen, Brauchtümer, Tipps über die Verbesserung unserer Äußerlichkeiten unterstützen uns zu jedem Zeitpunkt, in allen Kulturen, in allen Epochen. Status quo ist der Ausgangszustand, den es aus nur einem Grunde zu verbessern gilt: die Erhöhung des eigenen Marktwertes.

Erreicht wird diese Verbesserung, indem allgemeingültige Schönheitsideale als Vorbilder dienen, denen in großen wie in kleinen Schritten nachgeeifert wird. Wenn auch das Verständnis eines Schönheitsideals in vielen Kulturen und Zeiten unterschiedlich erlebt und widergespiegelt wird, so vereinen sie sich dennoch in ihrer Intention.

So kann man in der Vielfalt der menschlichen Kulturen Verschönerungen in unzähligen Variationen erleben. Ob die Tellerlippen der Botocudo-Indianer in Amazonien oder die Hautritzungen des Mossi-Stammes in Obervolta, die Tätowierungen der Aborigines oder der Schmollmund von Chiara Ohoven.

Nicht, dass diese Menschen ohne ihre „Verschönerungen“ nicht auch schon als attraktiv galten, so sollten die vorgenommenen Maßnahmen noch etwas mehr herausholen, nachhelfen, um auf der Skala des Aussehens noch etwas weiter nach vorn zu rücken. Damit würde der Mensch eine größere Attraktivität gewinnen, so dass er unter seinen Konkurrenten in seinem sozialen Umfeld einen Vorteil erziele, oder aber zumindest eine größere Zuneigung erhielte, was er durch die Beliebtheit des Schönen in allen Dingen erhoffte.

Anders war und ist es bei der Korrektur eines Makels. Dass ein Mensch mit einem Höcker auf der Nase rein optisch betrachtet gemeinhin selten als schön angesehen wird, setze ich als richtig an. Um an den Punkt eines „normalen“, nicht verwachsenen Gesichts oder Körpers zu kommen, muss dieser Mensch eine Korrektur vornehmen, um seinen optischen Marktwert anzugleichen.

Diese Korrekturen und Verschönerungen manifestieren sich in verschiedenster Weise. Schon die Fitnessübungen am Tage können ein erstes Mittel der Wahl sein, tägliche Übungen schon ein intensiverer Schritt, Mittelchen und Tinkturen ein weiterer, und Operationen und Spritzungen in der westlich-industriellen Gesellschaft schon ein finaler Schritt. Verlängerter Hals, verkümmerte Füße oder beschnittene Genitalien(so tolerant, das zu akzeptieren bin ich übrigens noch lange nicht!) mögen befremdlich auf unsere westlichen Maßstäbe wirken, so, wie die weiße Haut manchen magersüchtigen Modells eine afrikanische Gesellschaft befremdet.

Stellt sich also erneut die Frage nach dem Sinn für das Ganze. Ist es, weil wir alle auf der Suche nach Anerkennung, Macht und Einzigartigkeit sind, uns abheben wollen von der Masse, in der wir so gerne untertauchen. Oder kann es sein, das wir nur darauf aus sind, von einigen Menschen geliebt zu werden, und von einem ganz besonders!?

Die Steigerung des Marktwertes, die wir uns durch Kleidung, Kosmetik, Schmuck oder Körperausformung erhoffen, können wir nur für uns selbst in letzter Konsequenz begründen. Wir Menschen sind vom Grunde her immer auf der Suche nach Optimierung, in allen Bereichen unseres Lebens, und auch unser Körper steht demgegenüber nicht außen vor. Für mich ist folgende These nicht von der Hand zu weisen: Durch die Selektion, die durch Bewertung des Schönen oder des Hässlichen in fast allen Dingen des Lebens kontinuierlich stattfindet, optimiert sich die Menschheit fortwährend. Als Folge auf dem Gebiet der Attraktivität wird die Entwicklung des Aussehes hin zum immer schöneren (evolutions-biologisch zweckmäßigen) Menschen zu erkennen sein.