Fiktive Worte [107]

Gespräch gegen Gespräch, Formen der Kommunikation, was bedeutet ein Gespräch in einem Chat, welche Substanz hat es tatsächlich?

Zweifelsohne, bei einem Gespräch von Mensch zu Mensch gibt es viele Ebenen, auf denen kommuniziert wird. Jeder weiß es. Zunächst steht das gesprochene Wort als gesendete Botschaft im Mittelpunkt und mehr noch als empfangene Botschaft beim Adressaten. Hinzu kommt die Gestik und Mimik des Sprechenden, als Indikator für Wahrheit und Lüge, als Katalysator für Eindringlichkeit oder als unwichtiges Beiwerk. Beim direkten realen Gespräch gibt es unzählige Quellen für Abweichungen und Missverständnisse, ganz offen ausgelöst durch Wortwahl, hingegen durch die Körperhaltung auf subtiler Ebene. Wir alle kennen es, wenn ein Mensch eine frohe Botschaft verkündet, seine Körperhaltung aber eher mißmutig erscheint, und wir uns daraufhin sofort fragen, was ist los, was nicht stimmt, mit der Konsequenz, den Sprechenden umgehend zu fragen, was nicht stimmt.

Gleichsam werden wir stutzig, wenn ein Gegenüber recht teilnahmslos eine weniger frohe Botschaft verkündet, zusätzlich vielleicht noch amüsiert dreinblickt. Wir ahnen sofort, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugehen kann und beginnen umgehend rückzufragen. Schließlich kann es ja nicht sein, daß Dramatik ohne entsprechende Mimik wirklich dramatisch sein kann. Wir leben nicht in Japan, wo es so üblich ist.

Jeden unklaren Punkt können wir beim persönlichen Gespräch sofort klären. (Hier sollte ich besser schreiben KÖNNTEN, denn die Mehrzahl der Menschen verlernte scheinbar sich zu vergewissern, verlernte nachzufragen. Sie empfinden möglicherweise ihre Nachfrage als Zeichen der Unsicherheit, und niemand möchte sich eine Blöße geben.) Dabei stellt die Rückfrage in der Kommunikation ein relevantes Mittel zur Verfügung. Wer fragt schon zwei oder mehrmals nach, wenn das gemeinsame Verständnis vermeintlich noch immer nicht hergestellt ist, wer hakt nach, wenn er den Eindruck hat, dass irgend etwas noch immer nicht stimmt, einer Frage scheinbar immer wieder ausgewichen wird, wie es häufig in der öffentlichen Diskussion vorgelebt wird.

Ein „Wie fühlst Du Dich“, wenn man sieht, dass sein Gesprächspartner fliehend nach links und rechts weg schaut, eine sofortige Nachfrage auf einen fragenden Blick, all das ist Kommunikation.

Was funktioniert davon aber virtuell, was in einem Chat, einem Mail-Kontakt oder in WhatsApp? Während bei der Brieffreundschaft noch die Linien der Schriftführung ein wenig Persönlichkeit erahnen ließ, so fällt das beim Chat weg. Emoticons sind gezielt eingesetzte Ausdrücke, weit weg von tatsächlichen Gefühlsregungen. Was bleibt, ist einzig das geschriebene Wort.

Wie wurde formuliert, welche Wortwahl fand statt, welche Satzlänge scheint Standard? Synonyme, Erläuterungen sind Beispiele für Mittel der Wahl. Inhaltlich ist allentscheidend, was geschrieben wird, worauf geantwortet wird und welche Frage oder welche Aussage ignoriert wird. Letzteres ganz besonders, habe ich den Eindruck. Hier gilt zwar nicht mehr die Regel vom geschriebenen und damit bleibenden Wort, denn oft wird so schwammig formuliert, dass alles und nichts in bestimmte Bedeutungen umgedeutet werden kann.

Was kann ein Gespräch auf virtueller Ebene bewirken? Man tauscht sich mit Worten aus, und zunächst wird festgestellt, ob sich die Personen kennen, im realen Leben oder sonst wie. Ich möchte hierbei die Prämisse zugrunde legen, dass sich die Menschen vorher nicht kannten, der Kontakt entstand virtuell. Keiner weiß vom anderen etwas darüber, das tatsächlich ist, weil kein Kontakt zuvor etwas hätte verifizieren können. Alles ist nun denkbar. Alle Prämissen sind wie ein Puzzle zusammensetzbar, nur dass dabei jedes Teil an jedes andere Teil passt. Es kann ein fiktiver Charakter gebildet worden sein, dessen Ausprägungen im Laufe der Konversation angepasst wird. Niemand weiß vom anderen, was real, was erdacht, was gespielt oder wahrhaftig ist. Worte können alles implizieren. Oder nichts. Das Spiel ist eröffnet.

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Hintergedanken [92]

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Was Du sagst und was Du denkst, sind unterschiedliche Dinge! Doch was Du tust und besonders was Du nicht tust, zeigt, wes Geistes Kind Du bist! Du spielst verstecken, aber Du kannst Dich nicht verstecken, denn Du handelst nicht, wo Handlung angesagt. Jeder kann es sehen, und sieht Dich früher oder später so, wie Du bist!

(Mein Model auf dem Bild war übrigens das genaue Gegenteil!💪 😊)

Die Suche nach der Schönheit, Teil III (213)

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„Du hast ja keine Ahnung, natürlich ist das ein Kunstwerk!“ So oder so ähnlich könnte mir auch jemand vorwerfen mich geäußert zu haben, wenn ich manche Kunst intuitiv beschreiben müsste. Kann es aber wahrhaft so sein, dass jemand keine Ahnung von dem hat, was Kunst sein könnte?

Der ästhetische Blick kann geschult werden. So das gängige Verständnis der Sachverständigen. Friedrich Schiller beschreibt es in seinem Werk „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ sehr anschaulich, da er Schönheit in Verbindung mit gesellschaftlicher Moral und Freiheit bringt. Im Zuge der Persönlichkeitsentwicklung des Menschen kann man davon ausgehen, dass Schönheit, wenn sie als etwas Vollkommenes verstanden wird und Hässlichkeit als unvollkommen, grundsätzlich erkannt wird. Nuancierungen dessen, sowie Übergänge von einem Extrem zum anderen Extrem, wie auch nur marginale Unterschiede kennzeichnen die möglichen Erwägungen.

Wenn Ästhetik erlernt werden kann, so bedeutet das im Umkehrschluss, dass es Wesen gibt, die eines ästhetischen Blickes oder Verständnisses entbehren. Dieser Zustand kann über kurz oder lang so erhalten bleiben. Wird das Wesen nicht geschult, ausgebildet oder gebildet, so wird es einer eventuellen Ästhetik vielleicht niemals gewahr. Weiterhin gibt es demnach unterschiedliche Stufen der Erkenntnis. Je weiter ein Wesen gebildet worden ist, desto sicherer erkennt es eine Ästhetik.

Heißt es aber im Gegensatz zu dieser Annahme, dass ein ungebildeter Geist nicht in der Lage wäre, Ästhetik zu blicken? Erkennt ein unbedarfter Mensch nicht die Harmonie (hier in Ergänzung zur Ästhetik verwendet) eines Musikstückes? Kann ein nicht durch die musische Bildung geformter Mensch die Eloquenz einer Dichtung, die brillanten Pinselstriche eines Malers oder die atemberaubende Plastizität einer Arbeit eines Bildhauers erkennen? Mitnichten, möchte ich meinen, doch da es hier nicht um die einzelne Person geht, trägt die musische Bildung in der statistischen Summe doch: Die Wahrscheinlichkeit ist einfach um ein Vielfaches größer ein ästhetisches Werk zu erkennen, wenn einem betrachtenden Wesen eine ästhetische Bildung zu Teil wurde.

Wird eine Beschreibung durch die Fähigkeit ihrer Herleitung wertvoller als ohne diesen Hintergrund benennen zu können? Nicht unbedingt, nur die Wahrscheinlichkeit ist definitiv größer, dass etwas überhaupt erkannt wird, wenn die einzelnen Komponenten geläufig sind. Schönheit wird in jedem einzelnen Genre definiert durch bestimmte Inhalte, Merkmale oder einzelne Kompositionen.

Deute ich den trivialen Ausspruch: „Schönheit liegt im Auge des Betrachters!“ einmal näher, so liegt diesem Ausspruch eine deutlich klarere Bedeutung, als die landläufig gängige, zugrunde: Schönheit als Objekt besitzt einen absoluten Wert, wobei das betrachtende Subjekt dabei in der Lage ist, nur einen ihm bekannten, erlernten, geläufigen Wert dieser Schönheit überhaupt wahrzunehmen in der Lage ist. Du erkennst nur die Schönheit, die Du gelernt hast zu erkennen. Dabei kann der Begriff „Schönheit“ in manchen Fällen sehr viel weiter gesteckt werden, etwa als Kunst-werk, oder als Naturschauspiel, als vom Menschen geformtes oder natürlich entstandenes Objekt, dessen Inhalt nicht nur schöne, sondern auch gewöhnliche bis außergewöhnliche, bizarre oder skurrile Erscheinungen widerspiegeln vermag.

Fortsetzung der Schönheiten (54)

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   In der öffentlichen Diskussion um das Thema Schönheit, welches sich direkt in Verbindung zu seinen Hauptkriterien „glatte Haut“ und „Schlankheit“ manifestiert, finden sich immer wieder die gleichen Begründungen, mit denen der Versuch einer Rechtfertigung für das Streben der Menschen nach ihr dargelegt werden.

   Die Menschen sehen die Gesellschaft in der Verantwortung Abhilfe dafür zu schaffen, dass alles nur noch nach Schönheit strebt,  den Jüngern der Schönheitsindustrie, ihrer Leid (enschaft) einen Fluchtweg zu offenbaren.

   Wo liegt, so frage ich, die Ursache des Schönheitskultes, besonders bei der Frau, aber auch zunehmend beim Mann. Wenn die Befragten von den eigenen Gründen für ihre Wünsche nach besserem Aussehen sprechen, so kommt sehr häufig die Gesellschaft zur Sprache, in gleichem Atemzug der eigene Stellenwert in der Gesellschaft, in der das Streben nach Schönheit immer und überall gelebt und vorgelebt wird. Menschen glauben, mit einem höherem Maße an Schönheit mehr Einfluss,  Macht, Beliebtheit und Anerkennung zu gewinnen.

   Ihnen wird, so der Tenor, diese Prämisse für Erfolg in allen gesellschaftlichen Beziehungen vorgelebt. Alle Welt spricht über die Schönheit der Frau, die so schlank für ihr Alter ist. Mit enormer Bewunderung wird dies ebenso betont, wie die Höchstleistung eines Spitzensportlers. Ob das Gespräch mit der Nachbarin oder beim abendlichen Treffen im VHS-Kurs, noch mehr beim wöchentlichen Besuch im Fitnesscenter, wie beim Abendessen mit Freunden kommt immer das gleiche Kompliment über die Lippen des Gesprächspartners der Frau:“Du siehst ja gut aus!“ Beständig sieht man Talkshows mit dem Thema „Gewichtsproblem“ der westlichen Menschenkinder, deren Gewicht dank Überangebot und ständiger Verfügbarkeit maßlos überzuckerter Brausegetränke und Fertiggerichte in Schnellrestaurants ins adipöse zu rutschen droht. Unter dem Deckmantel der Gesundheitsvorsorge wird dem Schönheitswahn dergestalt Rechnung getragen , als die einzig wahre Vorbeugung zur Gesundheit das Abnehmen gepredigt wird. Schlank = gesund = SCHÖN!

   Wie dem auch sei, bei der Beleuchtung der Ist-Situation habe ich noch nicht die Frage nach der Ursache all dessen beantwortet. Wo wird dieses Verständnis geboren, wo werden alle Menschen der Gesellschaft mit dieser Lebensweisheit des „Hübschseins“ zum ersten Male konfrontiert? Wahrscheinlich findet dies sehr früh bei uns allen in der Kindheit statt. Von klein an werden die Kinder sehr unterschiedlich an das Thema Aussehen herangeführt. Immer noch, wie vor über 100 Jahren, wird dem Mädchen wiederholt Komplimente über sein Aussehen gemacht, die Niedlichkeit des Gesichts und der Augen, wie dem Anmut der Bewegungen in dem neuen weißen Kleidchen. Der Junge hört diese Bekundungen, wenn überhaupt, sehr viel weniger. Bei ihm sind es die Stärke und das Wissen, die Schnelligkeit und die Geschicklichkeit des Buben, mit der er den Parcours mit dem Fahrrad durchfuhr.

   Liegt darin die erste Ursache für unser Dilemma, in dem wir uns befinden? Setzen wir uns mit dem Thema Aussehen so auseinander, weil es uns derart mit auf den Lebensweg gegeben wurde? Immer wieder werden die gleichen Verhaltensweisen vorgelebt, werden den Kindern von jeder neuen Generation Eltern das selbe, fundamentale Verständnis weitergegeben, das schon sie  selbst erfuhren. Wie prägend diese Kindheitserfahrungen sein können, haben schon viele Wissenschaftler evaluiert. Zumal es nicht nur die Eltern des Kindes hervorrufen, vielmehr ist es eine ganze Armada von Bezugspersonen, die ihrerseits unter den gleichen Vorzeichen groß wurden. Die Tante, der Onkel, die Kindergärtnerin, der Lehrer, die Oma, sie alle in vielfacher Ausführung leben es vor. Wann lernen junge Menschen am besten und meisten? Nicht durch Vorsagen oder beibringen, sondern durch Vorleben. Folglich findet hier eine sehr starke Prägung statt. Kinder und Jugendliche identifizieren sich mit Vorbildern und Idolen, diese sind zunächst die Eltern, vielleicht noch Geschwister, bis es dazu kommt, Vorbilder aus der Welt der Medien zu entdecken. Ob Musiker, Schauspieler oder „Stars“ der Social-Media-Szene, Stichwort YouTube oder Blogger. Kann es durchaus eine Begründung für dieses Verständnis von Schönheit sein? Ich vermute es.

   Wenn ich von der daraus folgenden Voraussetzung ausgehend die gesellschaftlichen Beziehungen zwischen den Menschen sehe, und der untereinander verflochtenen sozialen Abhängigkeit Rechnung trage, so entsteht zwangsläufig dieser allgemeine Konsens über ein Ideal von Schönheit. Wir können vermeintlich gar nicht anders. Würden  wir uns mit dieser Materie tatsächlich auseinander setzen, so kämen wir vermutlich auf ein differenzierters Verständnis. Doch es gibt im Leben sicher andere, entscheidend wichtigere Dinge, mit denen der Mensch sich auseiander setzen muss. Dies behauptet die Mehrheit der Menschen. Sieht man aber, wie viel Lebensenergie wir alle in die Gestaltung und Verbesserung unserer Optik fließen lassen, so ist dies scharf zu überdenken, bin ich überzeugt. Hier wäre vermutlich wieder einmal die Erziehung der jungen Menschen zu bereichern, vielleicht dahin gehend, dass ein Schulfach Ethik in Verbindung mit dem Thema Gemeinschaft und miteinander leben einen richtigen Ansatz darstellt.

  Aufklärung ist in meinen Augen noch immer der nachhaltigste Weg, um eine differenzierte Betrachtung zu ermöglichen. Die Frage, ob denn die Erkenntnis zu einem veränderten Umgang mit dem Thema Schönheit zur Folge haben würde, wäre dann obsolet. Wenn wir Bürger von den Zusammenhängen Kenntnis hätten, die uns zu einer immer größeren Schönheit verleiten, so würden wir wahrscheinlich gelassener damit umgehen. Führte diese Gelassenheit als Folge dieser Bewusstseinsveränderung nicht automatisch zu einer zunehmenden Verminderung der allgemeinen Leistungsbereitschaft? Wenn du nicht mehr in bisherigem Maße nach Schönheit strebst, wonach strebst du dann? Diese Frage kann sich jeder einmal stellen, der sich alltäglich um sein Äußeres bemüht. Bedeutet es, wenn plötzlich nur noch ungeschminkte Menschen durch die Städte laufen, es auch nur noch unförmig aufgedunsene, ungepflegte, unsaubere Personen sind, die das Bild unserer Landschaften prägen? Oder reduziert sich danach der Aufwand um visuelle Begehrlichkeiten auf ein (gesundes) Maß an natürlicher körperlicher Fitness?  Ich sehe, wie schon häufig gesagt, gerne -in meinen Augen- schöne Menschen an. Allein die Tatsache, dass das, was jeder Mensch als schön erachtet, könnte vielleicht individueller geprägt sein.

   Einem Ausflug in das Thema Evolution soll einer der nächsten Beiträge gewidmet sein. Spannend dazu die These: Warum die Schlankheit evolutionsbiologisch „richtig“ sein könnte.