Was ich besser machen könnte… Teil 9 von 12 [Intermezzo]

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„Wo liegt mein Schlüssel? (Über bewusstes Handeln)

Eine Angewohnheit, die vermutlich jedem schon begegnete ist das Verlegen unterschiedlichster Utensilien. Ich suche immer dann etwas, wenn ich es nicht dort hin bringe, woher ich es holte, oder etwas, was hinzu kommt, nicht an den Platz lege, wo es weiter standardmäßig behandelt wird. Eigentlich eine vollkommen banale Frage der Organisation, oder? Aus Erfahrung weiß vermutlich auch jedermann, dass die Zeit, die man zur Suche der verlegten Sachen braucht um ein Vielfaches größer ist, als die Zeit des ordnungsgemäßen Ablegens gebraucht hätte. Die oftmals nur wenige Sekunden länger dauernde Aktion des Zurücklegens kostet mich nahezu immer so wenig Zeit, dass es ein wahres Phänomen ist, warum ich es nicht mache. Warum machst du es nicht? Kommt dir auch der Gedanke „gleich“? Oder entscheidest Du dich auch erst, eine Sache fertig zu bringen, bevor etwas zurück geräumt wird?

Was hat dieser Umstand mit Bewusstheit im täglichen Leben zu tun? Im Alltag versucht der Mensch im Allgemeinen möglichst effizient zu sein. Energiesparen in jeder erdenklichen Form, kein Weg zu viel lautet die Devise. Am Beispiel des Wohnungsschlüssels kann ich mein Verhalten leicht demonstrierten. Ich betrete die Wohnung, nachdem ich sie aufgeschlossen habe, mit dem Schlüssel in der Hand und anschließend gibt es mehrere mögliche Szenarien, wie die Geschichte verlaufen könnte.

  1. Ich gehe als erstes zum Schlüsselbrett und hänge den Schlüssel dort auf. (Vorbildlich, oder? ☺)
  2. Ich stecke den Schlüssel in die Jackentasche, nachdem ich aufgeschlossen habe und betrete die Wohnung. Der Schlüssel bleibt in der Jacke. (Eine Jacke von vielen in der Garderobe, nicht einfach, oder?)
  3. Ich halte den Schlüssel in der Hand, nachdem ich die Türe aufgeschlossen habe, trage meinen Einkauf in die Küche und lege den Schlüssel auf die Arbeitsplatte, um ihn später weg zu bringen, nachdem das Obst in den Kühlschrank gewandert ist. (Hier kann „später“ ziemlich spät werden 🙈)
  4. Je nach den Dingen, die ich mit ins Haus bringe, komme ich manchmal nicht direkt zum Ort, wo die Schlüssel hängen und dabei besteht die Möglichkeit, sie dort abzulegen, wo die mitgebrachten Dinge hin gehören.

Diese Möglichkeiten sind sicher noch um einige zu erweitern. Was ließe sich aber ändern, oder um die Frage aus der Überschrift aufzugreifen, was könnte ich besser machen? Mit dem bewussten agieren, das dem weitläufigen „Funktionieren“ entgegen steht (und ich funktioniere zuweilen recht ordentlich), schaffte ich mir die Chance, weniger suchen zu müssen und damit die Zeit für andere, bedeutsamere Dinge zu verwenden. Nach dem Abstellen des Obstes zuerst den Schlüssel aufhängen, den Schraubenzieher nach dem anziehen der Schraube am Griff der Pfanne direkt in den Keller zurück zu bringen und nicht erst dann, wenn ich das nächste Mal in den Keller gehe. Es kostet wenige Sekunden, wenn ich es sofort mache, aber zig Minuten, wenn ich den Schraubenzieher suchen muss, weil mir nicht einfällt, wo ich ihn zuletzt genutzt hatte.

Wo liegen deine Schlüssel, wenn sie nicht am richtigen Ort zu finden sind? 😊

Was ich besser machen könnte… Teil 3 von 12 [Intermezzo]

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3. Aufmerksam zuhören 🙈

Der Rheinländer ist quasi eine Quasselstrippe. Nicht-Rheinländer beklagen oftmals, dass sie aus einem Gespräch mit einem Rheinländer herauskamen und feststellen mussten, dass sie eingentlich überhaupt nichts gesagt haben. Der Rheinländer dafür umso mehr. Ich bin gebürtiger Rheinländer und weiß, dass ich dieses Gen ebenfalls in mir habe, es äußert sich nur anders, und daran möchte arbeiten. Das äußert sich wie folgt: In einem Gespräch mit einem anderen Menschen kommen mir während der Worte des Anderen eigene Gedanken und Erfahrungen, die ich am liebsten sofort kundtun möchte. Doch das habe ich im Griff. Was ich verbessern möchte ist dieser Vorgang beim Zuhören. Ich möchte mich noch mehr auf das konzentrieren, was mein Gegenüber sagt, wovon er berichtet, was ihn sorgt. Meine Vermutung ist die, dass während des Abgleichs mit eigenen Erfahrungen mir Teile der Erzählung des Anderen entgehen könnten und ich dadurch Wichtiges von Unwichtigem versäume zu unterscheiden.

Ich selbst, groß geworden in Düsseldorf, habe es oft genug erlebt, dass auf eine Erzählung hin und einer Frage dazu nicht eine Antwort kam, sondern sogleich losgelegt wurde mit den Worten: „Jaaa, genau, dat hab‘ ich so ähnlich erlebt, wie Du und weißte, dat war so…“ Das habe ich mir zwar schon in jugendlichen Jahren abgewöhnt, aber gedanklich passiert es oft noch.

Wie siehst Du das? Bist Du ein guter Zuhörer? Gehst Du auf Dein Gegenüber ein oder bist Du eher ein guter Selbstdarsteller? Schätzen Deine Freunde den Austausch mit Dir? Was sind Deine Erfahrungen dazu und wie gehst Du mit diesen Tendenzen um? Ich bin neugierig, ob Du mir dazu etwas raten kannst. 😊

Körperwahrnehmung, Teil VI (201)

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„Mens sana in corpore sano.“
Ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper. Oder umgekehrt? „Ein gesunder Körper entsteht durch einen gesunden Geist.“ Ich sehe es als problematisch, eine solche These herzuleiten. Definiert sich der Mensch durch seinen Körper? Wird er durch seinen Körper definiert?

Es kommt auf den Standpunkt an. Wie näherst du dich einer Frage? Warum interessiert es dich? Die Perspektive erlaubt einen Überblick. Je weiter weg Du stehst, desto größer ist deine Übersicht. Alles ist [natürlich] begrenzt durch deinen persönlichen Horizont. Den hast du entdeckt, er hat sich weiter gebildet und du hast ihn [wahrscheinlich] irgendwann erweitert. Vielleicht bestehen Erfahrungen durch erfahren von Sichtweisen anderer. Entdecktest du die Einzelheiten am Horizont erst durch Hinweise eines weitsichtigen Vorbilds? Reihten sie sich ein in deinen Horizont? Andererseits entgehen dir vielleicht bei einer weiten Sichtweite Einzelheiten. Einzelheiten, die möglicherweise entscheidenden Einfluss auf das Ganze gehabt hätten. Folglich ist beides vonnöten.
Es folgt ein Versuch.

Du existierst. Du existierst als Körper. Du existierst als Geist. Diesen cartesischen Dualismus blende ich hier vorerst aus.
Im Gegenteil: Ich beschreibe einen weiteren Dualismus. Du existierst auf der einen Seite als Körper, und zwar als Körper, der handelt, kreativ ist, der erschafft und vernichtet, der auf seine Umwelt wirkt. Auf der anderen Seite existierst du gleichzeitig als Körper, der empfängt: Die Umwelt wirkt auf dich. Du fühlst, du hörst, du schmeckst. Du erfährst Einflüsse aller Art. Du empfindest Gefühle über deinen Körper, die durch Wahrnehmungen bei anderen Lebewesen, deren Handlungen, sowie deren Unterlassungen, deren Gesten und Ausstrahlung erzeugt werden.

Ein Wechselspiel der Kräfte kannst du beobachten: Dir widerfährt etwas, du reagierst, du handelst, eine Wirkung geschieht. Auf diese reagierst du wiederum. Leben. Wirken. Über deinen Körper wirkst du auf die Welt, schreibst jeden Tag Geschichte, die Geschichte deiner selbst, sowie die Geschichte der Menschen.

Bist du also für die Personen in deinem Umfeld neben deinem Körper als Körper das, was dein Körper verkörpert? Du wirkst nicht nur durch deine Taten, schon deine schiere Existenz wirkt auf deine Umgebung. So wie der Grashalm, auf dem du stehst, sich verbiegt, so wirkt deine Erscheinung auf andere Menschen. Siehe dich an. Überlege, welchen Einfluss das Äußere der Menschen, denen du tagtäglich begegnest, auf dich selber hat.

Bei der Begegnung mit Menschen in deinem sozialen Umfeld laufen all die Prozesse ab, auf die du im Laufe deiner Entwicklung konditioniert wurdest. Gesellschaftliche Konstruktionen des Miteinander regeln deine Erscheinung, weitestgehend uniform kommst du gegangen. Du armes, austauschbares Individuum, hervorgebracht durch gesellschaftliche Diskurse, nicht aus sich selbst heraus, vielmehr ein Produkt der Gesellschaft, sich im Wesen auflehnend, doch immer schön konform. Nonkonforme Störelemente bedrohen die Ordnung, die Vorhersagbarkeiten der intersozialen Abläufe laufen Gefahr ihres Zweckes enttarnt zu werden.

Dein Körper, angefüllt mit Wahrheit, Wissen, Macht und Trieb bringt diese Dinge über Aktion heraus, hervor, er wirkt ausschließlich über Aktion, selbst Verweigerung ist zuweilen Aktion, wenn nicht Verweigerung zum statischen Zustand geworden ist. Und aufgepasst: Wie weit entfernt bist du vom Zustand einer Statue? Meckerst du nur herum, fügst dich in ein Schicksal, das gerade so zufällig des Weges kam, heulst nur herum, kaum hörbar, gerne von der Couch aus, mit ein paar Snacks neben dir, das Pad auf dem Schoß, wild Buchstaben swypend, über deine ach so missliche Lage? Das ist ja so wunderbar bequem, unauffällig, statisch. Hauptsache, der Hecht im Karpfenteich, in Form eines notwendigen Broterwebs hält dich noch funktionell aufrecht für die ökonomische Liga. Herzlichen Glückwunsch.

Du bist kontrolliert! (198)

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In der Gemeinschaft, in der wir leben, befinden wir uns fast zu jeder Zeit in einem Verband, der durch Übereinkünfte zu Regeln und Vorschriften kam, die durch seine Mitglieder, also uns selbst, kontrolliert werden, solange wir uns innerhalb dieses Verbands aufhalten.

Du lebst in einem Verband. Dieser kann sein eine Familie, ein Verein, ein Club, eine Klasse, eine Schule, eine Firma, eine Partei, einer Straße oder anderes mehr. Du, das Individuum, befindest dich in Gesellschaft. Im Laufe der Zeit haben sich Verhaltensweisen etabliert, die für diese Gesellschaft für ein funktionierendes Miteinander notwendig erscheinen.

Bevor ein Wesen Mitglied dieser Gesellschaft werden kann, wird es entsprechend konditioniert. Sobald die Gesellschaft davon ausgeht, dass dieses designierte Mitglied alle Regeln weitestgehend verinnerlicht hat, dies durch irgendwie geartete Prüfung bewiesen hat, gilt es als Mitglied.

Von nun an erfährt jedes Mitglied eine tief verwurzelte Überwachung. Ein Kontrollmechanismus funktioniert dergestalt, dass jedem einzelnen Individuum jederzeit die Vorschriften bewusst sind, und jede Zuwiderhandlung unweigerlich als Verstoß erst einmal auffällig wird, um dann, laut vorher festgelegter Mechanismen, in entsprechender Weise sanktioniert zu werden. Das kann von subtil, ja fast unbewusst bishin zu scharf proklamatorisch geschehen. Es kann alles sein zwischen einem Blick oder Wegsehen bishin zur Todesstrafe.

Je nach Auffälligkeit, Andersartigkeit einer Handlung erfolgt eine Reaktion, die dem Verursacher aufzeigen soll: Was Du gerade vollzogen hast, ist so nicht konform der Regeln der Gemeinschaft, in der wir leben. Gleichzeitig ist diese Reaktion zutiefst subjektiv, denn sie erfolgt von einem Menschen, der zwar die weitestgehend selben Regeln erlernt hat, wie der Akteur, aber stets eine eigene Auslegung derer betreibt.

Wenn nicht die Angelegenheit aus einem Dialog besteht, dann erntet der Akteur mehrfach Beachtung. Gleichzeitig erfährt er mehrfache Reaktionen. Diese richten sich wiederum nach der Gepflogenheiten der Gemeinschaft, ein einfaches Unterfangen bei einer eindeutigen Handlung, nicht so jedoch bei einer weniger eindeutigen Handlung.

Bei der Reaktion auf eine zweifelhaft erscheinende Sache bedarf es oftmals eines Vorreiters, der durch seine Reaktion eine Richtung weist. So einfach dies auch erscheinen mag, so willkürlich kann es erfolgen. Wie genau diese Zusammenhänge miteinander in Verbindung stehen ist eine eigene Betrachtung wert und würde hier den Rahmen sprengen. Du erinnerst dich bestimmt an Situationen, in denen dir ein Verhalten eines Menschen im erstem Moment nicht unmittelbar verständlich und vor allem nicht bewertbar erschien, bis eine deiner gültigen Instanzen (Vater, Mutter, Partner, Kollege, Führer, …) ein Urteil fällte, dem dein Geist (zustimmend) folgen konnte.

So funktioniert unsere Gesellschaft vielerorts durch Selbstkontrolle oder Eigenkontrolle, wie durch Überwachung des Habitats durch uns selbst. Jeder sieht jeden an und bewertet unwillkürlich augenblicklich. Und wehe, er ist nicht konform. Dann haben viele Menschen ein Problem. Wo ist meine Grenze von dem, was ich persönlich noch tolerieren kann, ab wann sehe ich meinen Biotop in Aufruhr gebracht und beginne denunzierende Tendenzen in mir aufsteigend zu erkennen oder mache mir Gedanken über Regulation.

Wie funktioniert dein persönlicher Mechanismus? Wann glotzt du? Wann schreitest du ein? Wann bemühst du weitere Instanzen und vor allem, wie sehr entwickeltst du dir deine eigenen Theorien, verschaffst dir einen eigenen Überblick oder übernimmst einfach vorgebrachte Parolen aus vorgedachtem Meinungs-Fastfood?

Jeder von uns hat eine eigene Konditionierung erhalten und baut diese im Laufe seines Lebens weiter um und aus. Jeder von uns formt mit seinem persönlichen Verhalten sein persönliches Umfeld weiter aus. Hier zu unterscheiden, was dem einzelnen Individuum sowie der Gemeinschaft zuträglich ist oder unmerklich latent und sukzessive durch bestimmte Mitglieder unterstützt eine Eigendynamik entwickelt. Gefahr in Verzug ist immer dann gegeben, wenn ein System des Systems willen beginnt zu agieren und nicht mehr der Mitglieder wegen, bzw. nur einzelner weniger wegen. (Dieser spezielle Aspekt ist einen eigenen Beitrag wert.)

Sei also achtsam auf deinem eigenen Geist und auf alle Tendenzen in deiner Gemeinschaft und besonders ist ein Austausch von Gedanken und Gefühlen zu proklamierten: Starte immer, wenn möglich, ein Palaver!

[Anmerkung: Palaver: aus dem indianischen, eine Gesprächsrunde, bei der als Besonderheit gilt: gesprochen wird immer der Reihe nach, niemals werden Worte unterbrochen, jeder hat in etwa die gleiche Redezeit, es werden vorher eine bestimmte Anzahl von Runden festgelegt, zwischen jeder Rede findet eine kleine Pause statt, deren Länge vorher beschlossen wird.]

Gemein – schaft (197)

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Lebst Du als Einsiedler? Nein? Dann in einer Gemeinschaft? Prägt Dich diese Gemeinschaft in irgend einer Art und Weise?  Oder prägst Du die Gemeinschaft? Vielleicht kommt Dir das Wort „Wechselwirkung“ in den Sinn.

Seit dem wir Menschen nicht mehr in kleinen Gruppen verstreut über den Globus dahinvegetieren, und uns mehr oder weniger dicht auf die Pelle rücken, haben wir uns Regeln ausgedacht. Regeln, die uns helfen [sollen], den Umgang untereinander vorhersagbar zu machen. Die Zeitspanne, in der sich diese Normen gebildet haben, beläuft sich auf eine Zeit von über 500 Jahren, und ist dabei keineswegs abgeschlossen, sondern befindet sich im stetigen Wandel. Was heute noch moralisch ethisch korrekt ist, könnte im Laufe der Entwicklung schon bald als überholt und nicht mehr zeitgemäß gelten.

Junge Erdenbürger werden in relativ kurzer Zeit so konditioniert, dass sie funktionieren. Sie müssen, wie du auch, diesen Entwicklungsprozesses, der sich im Laufe der Jahrhunderte etablierte, in nur wenigen Jahren verinnerlichen. Diese Normen und Regeln sollen so weit übernommen werden, dass sie nicht mehr von außen überwacht, gesteuert oder geregelt werden müssen, sondern sie sollen aus eigener Überzeugung befolgt werden.

Ob diese Übereinkünfte dabei dem eigenen Körperempfinden widersprechen oder nicht, das gilt aus Sicht der Norm als zunächst unerheblich. Den körperlichen Bedürfnissen wurde im Zuge der Reglementierungen zunehmend weniger Raum eingeräumt. Die Trennung von Geist und Körper im Laufe der „Zivilisierung“ des Menschen schuf gleichzeitig eine Verlagerung der Gewichtung. Der Geist wurde über den Körper gestellt.

Jeder von uns bedenkt sein Verhalten, bevor er es ausübt. Er geht im Geiste die möglichen Konsequenzen durch, die ihn durch sein Verhalten ereilen könnten, wenn nicht schon die aufkommende Idee über eine Handlung als nicht konform niedergeschlagen wird. Im bezug auf die körperlichen Belange funktionieren in uns Mechanismen, deren Ausdruck in Scham und Peinlichkeit gründet. Ein Verhaltenskodex ist in unserem Verständnis so weit etabliert, dass eine Zuwiderhandlung eine derart große Hemmschwelle zu überwinden hätte, die uns warnt: bis hier her und nicht weiter, sonst habe ich mit unvorteilhaften Konsequenzen zu rechnen.

Einzug gehalten haben die die körperlichen Umgangsformen beim Adel, wenn ich dem Soziologen Elias folge. Regelwerke über die Etikette wurden anschließend zunächst nur für die Bourgeoisie verfasst, sie sollten sich danach aber zunehmend auch unter dem einfachen Volk durchsetzen. Dieser Prozess kann bis heute und in vielen Regionen und Ländern beobachtet werden. Schon vor knapp 100 Jahren beobachteten aufmerksame Zeitzeugen gegenläufige Tendenzen. Aufweichungen der Benimmregeln wie das Reden über private, körperliche Erfahrungen im öffentlichen Fernsehen, die Akzeptanz von Nacktheit in der Öffentlichkeit, bishin zum Urinieren bei Theatervorstellungen mögen als Beispiele gelten. So lassen sich diese Verschiebungen als leicht pendelhaft bezeichnen.
Jeder einzelne Mensch findet sich im Gezeitenstrom der Moralitäten wieder, in dem er selbst entscheiden kann, ob er sich mittreiben lässt, stehen bleibt, oder gegen diesen Strom schwimmt. Je nach persönlichen Konsequenzen für Dich handelst Du täglich auf’s neue. Viel Erfolg!

Neu! Nagelneu! Das Neueste, nicht nur schnöde „Neu“! ;-) ( 188 )

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Neophilie! Von Konrad Lorenz geprägter Begriff, der, kurz übertragen, die Liebe zu Neuem bedeutet. Er beschreibt, welche angeborenen Mechanismen im Menschen ablaufen, wenn er Neuem, Unbekanntem gegenüber steht, welche Reaktionen erwartet werden können. Neu ist toll! Ist das so? Wirklich und Wahrhaftig?

Sind wir Menschen stets neugierig? Gierig auf Neues? Neugierig auf alles, wenn es neu ist? Ist Neugierde einer der Motoren unserer Entwicklung, der Evolution überhaupt? Warum bewirbt die Industrie erfolgreich ihre entwickelten Produkte und Leistungen grundsätzlich immer mit dem Attribut NEU? Weil die Marktforschung erwiesen hat, dass wir Homo consumicus wie „HB-Männchen“ auf das Adjektiv „neu“ anspringen? Etwas ist anders, als das, was wir bereits kennen. Was wir kennen ist schon irgendwie langweilig, oder? Nur zu neu oder zu unbekannt sollte es auch wieder nicht sein.
„NEU“ counts! Das neue Auto, der neue Italiener, eine neue Waschformel, eine neue Frisur, ein neuer Partner … ehm, moment mal, neuer Partner? Nee, oder? Na nicht ganz. Neu ist zwar spannend, aber mit vielen Investitionen belegt. Könnte zu anstrengend werden. Oder gilt es nur für eine kurze Spanne? Schon eher. Geht man ja keine Verpflichtung ein. Also muss man ja auch nicht viel von dem halten, was man verspricht, oder?
Ist das tatsächlich so? Verhaltensforscher bestätigen es leider. Woher kommt dieser Ansatz und was hat er mit Schönheit zu tun? Ganz einfach, es wurde untersucht, in wie weit sich die Schönheit zunächst auf die Wahl eines Partners auswirkt, und anschließend eine Rolle bei der Wahl eines neuen Partners spielt. Dabei kamen spannende Ergebnisse heraus. Doch der Reihe nach.
Der Mensch hat von Beginn seiner Entwicklung an gelernt auf seine Umgebung adäquat zu reagieren. Früh lernte er, was wie zu verarbeiten, zu speichern, zu lernen ist. Bis zu den ersten eigenen Gedanken wurde er erfolgreich konditioniert. Nun galt es, alles noch einmal in Frage zu stellen, zu überarbeiten. Je nach Grad der Konditionierung und je nach Geistesleben gelang das dem einen besser, dem anderen schlechter, dem einen früher, dem anderen später, dem nächsten nicht.
Eigene Wertvorstellungen sind das Ergebnis. Es sei dahingestellt, welcher Qualität sie sind. Es gibt sie einfach und nach ihnen richtet sich der Mensch regelmäßig. So hat er Vorstellungen von einem Partner. Begonnen von Freundschaften im Kindergarten (oder vorher in der Krabbelgruppe, dort allerdings zu 99% elterngesteuert) über die Vorschule, Grundschule, Sek.1 und vielleicht Sek.2, Ausbildung oder Studium tragen zu einem Bildnis bei, einem Kunst-werk, welches der Mensch zeitlebens formt.
Es schwebt ihm wie eine Schablone im Geiste vor, wenn er über einen Menschen befindet, mit dem er mehr als nur kollegiale oder freundschaftliche Gefühle zu pflegen wünscht. Er sucht einen Partner fürs Leben, beginnt zu sondieren, was passen könnte, welche Voraussetzungen er wünscht, mehr noch, welche Bedingungen er überhaupt umzusetzen im Stande ist. Welchen Marktwert wirft er in den Ring? Mal mehr mal weniger Versuche gibt es, mal längerfristige Beziehungen werden wertvoll, mal Enttäuschungen (beiderseits wie einseitig) sind zu überstehen.
Irgendwann wird der Mensch fündig. Eine Partnerschaft ist entstanden. Viele Emotionen entstehen in diesen Momenten und alles Neue am Anderen ist spannend und faszinierend. Hormonausschüttungen unterlegen unsere Empfindungen. Wir leben auf Wolke 17, sehen vieles rosaroter, als es zu sein pflegt. Ein überaus wichtiger Baustein unserer Beziehungen, bedeutet doch die Partnerschaft eine längerfristige Beziehung zu einem Mitmenschen, nämlich mindestens so lange, bis ein eventueller Nachwuchs da ist oder besser noch gut vorbereitet in die weite Welt hinaus gelassen kann. Letztes ist dabei jedoch schon als Luxus anzusehen.
Doch irgendwann reist die Beziehung nicht mehr über so eine rauschende Gefühlsachterbahn entlang. Gewohnheit und Gewöhnung treten an die Stelle der Faszination. Ernüchterung macht sich breit, und zwar umso mehr, als sich einer oder beide Partner zuvor verstellten, vorspielten etwas zu sein, was man gern gewesen wäre oder was von anderen erwartet wurde. Eigentlich eine Chance, den anderen erneut kennen zu lernen, wird es aber nicht so gelebt, sondern viele Menschen distanzieren sich, da sie sich etwas anderes versprachen. Ent-Täuschung kratzt am Ego des anderen, doch während dies als fundamentaler Beginn einer fantastischen Beziehung zu verstehen, wendet sich der Mensch häufig ab. Was aber macht der Mensch sehr gerne, wenn etwas nicht seinen Vorstellungen entspricht? Richtig, er wendet sich Neuem zu. Allzu gern widmet er sich neuen Abenteuern, die in erster Hinsicht das versprechen, was gesucht wird. Das „Alte“ kennt jeder. Es ist unspektakulär, und es hat scheinbar nicht den Erfolg gebracht, den sich der Mensch versprochen hat. Da kann das Neue ja nur besser sein. Oder?
Und spätestens in diesem Moment kommt die Psychologie der Schönheit ins Spiel. Wir haben gelernt, dass schön = gut ist. Dabei wird uns suggeriert, dass das Neue, solange es schön ist, mit allergrößter Wahrscheinlichkeit viel mehr dem entspricht, was wir uns wünschen, wonach wir streben. Daher die vermeintliche Chance, in Neuem die Erfüllung unserer Begierde zu finden. Erst mit den Jahren, und bei genauerem Hinsehen lernen wir, dass das Neue nicht automatisch das Bessere ist. Aber es ist kein einfacher Weg, denn man muss tatsächlich ehrlich reflektieren, was eine grundsätzliche Ehrlichkeit zu sich selbst und mit sich selbst zu Grunde legt.

Der Pfau oder die Begegnung mit Circe (159)

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Je nachdem, wie wir einen Gegenüber empfinden, benehmen wir uns, geben wir uns, verhalten wie uns, ob wir wollen oder nicht!

In einem Experiment ließen Forscher die Probanden telefonieren. Die Angerufenen waren jeweils anderen Geschlechts. Einem Teil der Anrufer wurde ein Foto des Angerufenen beigelegt, auf dem jeweils ein eher attraktiverer oder unattraktiverer Mensch abgebildet wurde, einer Kontrollgruppe wurde kein Bild vorgelegt. Während des Telefonats wurden nicht nur die Gespräche mitgeschnitten, es wurde auch die Mimik und Gestik aufgezeichnet. Soweit der Versuchsaufbau.

Es wurde bei dem Versuch beobachtet, dass die Anrufer, die ein Foto eines attraktiven Menschen vor sich liegen hatten, nicht nur eine viel offenere Sprechweise an den tag legten sondern sich im Hinblick auf die eigenen Verhaltensweisen und Ausdruck um ein vielfaches freier, freundlicher, offener, lustiger und eloquenter gaben. Nicht nur die Themen waren freier, auch die Körperhaltung drückte sich entspannter aus.

Die Personen mit den scheinbar unattraktiveren Gesprächspartnerinnen sprachen sehr viel mehr ernste Themen an, lachten weniger und auch ihre Körperhaltung war weniger entspannt.

Bei der Kontrollgruppe war dann auch zu beobachten, was erwartet wurde: der Gesprächsverlauf entwickelte sich frei nach den thematischen Inhalten und nach Sympathiegrad der Stimme.

Was kann ich daraus schließen? Wie lautete das Fazit der Forscher aus ihrem Experiment?

Die vermeintliche Wirkung des Äußeren ist hingehen der landläufigen Meinung von großem Einfluss auf unser Verhalten. Es wurde deutlich beobachtet, dass die nicht vom Probanden steuerbaren Verhaltensweisen, seine Mimik und Gestik bei einem Gespräch mit einem scheinbar attraktiven Gesprächspartner weitaus offener, freundlicher oder freier waren. Woher kommt dieses Verhalten? Warum findet bewusst und unbewusst solch eine Gewichtung statt, und zwar bei Frauen und Männern gleichermaßen?

Die Forscher legten eine äußerst archaische Ursache zugrunde: sprechen wir mit einem für uns attraktiven Menschen, so rücken wir uns in ein besonders vorteilhaftes Licht, bewusst wie unbewusst, um eine möglichst kongruente Situation zu erzeugen. Obwohl wir oberflächlich nichts weiter, als ein Telefonat führen, gebärden wie uns in einem für uns vorteilhaften Lichte, weil es ja sein könnte, dass wir dem Gesprächspartner möglicherweise einmal näher kommen, und zwar in der Tat -nach genetisch bedingten Abläufen- bis hin zur erfolgreichen Arterhaltung. Wenn wir auch als scheinbar aufgeklärte Menschen in der Welt kommunizieren, so funktioniert unser Unterbewusstsein noch nach diesem archaischen Prinzip.

In dem Moment, in dem wir unsere Attraktivität steigern durch jedwede Maßnahmen, erhöhen wir, gewollt oder ungewollt, unsere positive Wirkung und Bedeutung im Sinne der ureigensten Bedürfnisse der Menschen. Interessant finde ich die Möglichkeit, diese Erkenntnis auf ein direktes Gespräch zu übertragen. Auch dabei zeigt sich in vielen Versuchen das gleiche Bild: Sich sympathische Menschen zeigen ein deutlich werbenderes Verhalten, als dies sich eher unterschiedliche Personen zeigen.

Eine große Veränderung in diesem Verhalten konnten die Forscher im Übrigen dadurch erzielen, indem sie den Anrufern im Vorfeld des Telefonats mitteilten, ob der Angerufene den Anrufer attraktiv fand oder eher unattraktiv. Wenn auch der Effekt jeweils verstärkend wirkte, so konnte beobachtet werden, dass bei vermeintlich attraktiven Gesprächspartnern dennoch ein entsprechendes Verhalten gezeigt wurde, nur in viel abgeschwächterer Form. Wussten die Probanden von einer negativen Meinung des Angerufenen über sie selbst, so konnte eine mehr unbehagliche Körpersprache beobachtet werden. Diese ist zu vergleichen mit der inneren Abwehrhaltung, die wir in anstehenden unangenehmen Gesprächen einnehmen.

Fazit: Die Äußerlichkeiten beeinflussen unser Verhalten trotz Aufklärung in hohen Maße. Nicht mal unser Wissen darum verhindert das. Vielleicht ist es ja gut so, so finden wir doch intuitiv das richtige Gefühl für den anderen und sollten diesem Gefühl öfter vertrauen.

Die Mittel der Wahl (91)

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Ein Mensch steht vor seinem Kleiderdepot. Er fragt sich, welche Kleidung er wählen soll. Von außen betrachtet und vor dem Hintergrund des Themas Aussehen und Attraktivität stellen sich mir bei dieser Szene folgende Überlegungen ein:

Zu welchem Zweck (ver-) bekleidet sich der Mensch? Was möchte er mit dieser oder jener Wahl der Kleidungsstücke erreichen, welche Absicht steckt dahinter? Welche formellen und informellen Übereinkünfte wurden für diese oder jene Art der Kleidung festgelegt?

Ein Mensch sitzt vor seinem Schmuckkästchen. Er fragt sich, ob, und wenn ja, welchen Schmuck er anlegen soll. Sind auch dabei Konventionen im Spiel, die zu bestimmten Anlässen bestimmte Etikette empfehlen?

Ein Mensch steht vor seinem Schuhschrank. Er fragt sich, welches die Farbe und Form ist, die seine Schuhe stilsicher zu seinen Kleidern passen lässt. Er überlegt sich außerdem, ob die Form seiner Schuhe den Anforderungen seiner heutigen, voraussichtlichen Wegstrecke ‚per pedes‘ entspricht. Wobei im Zweifelsfall das Aussehen entscheiden wird.

Bei jeder der obrigen Entscheidungen kann, rein theoretisch, von Manipulation des eigenen Äußeren gesprochen werden. Es geht darum, das eigene Äußere so zu verändern, damit eine bestimmte, genau definierte Wirkung erzielt wird. In wie weit das mit den zur Verfügung stehenden Mitteln überhaupt erreicht werden kann, das möchte ich hier ebenfalls erfragen.

Menschen zeigen sich in der Öffentlichkeit. Zwar nicht in ihrer natürlichen Erscheinung, nämlich nackt, sondern bekleidet, denn sie sind schließlich „zivilisiert“. Ist es nun so, dass die unterschiedlichsten Ausprägungen der Bekleidung meist mit ziemlich eng gefassten Konventionen oder Aussagen belegt sind? Erfordern bestimmte Situationen entsprechende Kleidung? Sind diese Unterschiede innerhalb kleinster Kulturkreise akzeptiert und bekannt und das auf regionaler Ebene, Länderebene und Staatsebene? Über die Kontinente hinweg finden sich sowohl Übereinstimmungen wie auch regelrechte Abweichungen. Bei der Konfrontation mit abweichenden Kulturen reagieren wir regelmäßig mit Unverständnis. Dies geschieht nicht aus bösem Willen, sondern nur aus Argwohn oder Unwissenheit, besonders Andersartigem gegenüber. Die westlich industrialisierte Gesellschaft wird gewiss über ein Auftreten im ledernen Lendenschutz bei einer Fachtagung über Automationstechniken in helle Aufruhr versetzt. Noch größer wäre die Erschütterung, würde der so bekleidete Mensch einen Beitrag von exorbitanter Qualität abliefern.

Da stehen wir also, in Jeans mit Hemd und Sportschuhen, im Sommerkleid mit leichten Stoffschuhen, im Anzug mit ungarischen Lederschuhen, im Kostüm mit High-Heels oder im Bikini. Je nach Anlass finden wir die Form.

Weiter stellt sich für mich die Frage nach der Wertung der Stofffetzen. Was macht den Menschen „wertvoll“, Stoff zurechtgeschneidert von Armani oder Gucci, Schuhe von Prada, oder nur einige Felle des Eisfuchses? Je nach Schnitt, oder?! 😉 Und nicht bei der Kleidung endet die Verkleidung! Was macht den Menschen „wertvoll“, der einen Porsche oder Aston Martin, eine private Cesna oder ein Jet Ranger, oder aber nur ein Rappe der Gattung Araber sein Eigen nennt? Ist es der Beweis für das Erreichte im Leben, der aussagt, hey, sie her, wie erfolgreich ich das Leben gemeistert habe und wie gut daher meine Gene sind?

Welche Rolle erwarten wir von einem Menschen, der mit dem Designeranzug bekleidet auftritt? Was möchte er ausdrücken, in Gegensatz zum Träger der „Semi-destroyten“ Jeans mit einem Verkaufspreis von immerhin knapp 300 Euro? Was derjenige in einer vergleichsweise einfachen Cordhose ausdrücken möchte, darüber kann man ebenso Überlegungen wagen, und in welche gedankliche Schublade der Träger dadurch von uns abgelegt wird, das steht auf einem anderen Blatt.

Meine eingangs beschriebene Überlegung zielt auf folgenden Umstand ab: in wie weit der Mensch in der Lage ist, sich so zu präsentieren, dass die gewünschte oder „erforderliche“ Aussenwirkung nicht hinter der Beabsichtigung zurück bleibt, sondern tatsächlich erreicht wird? Immer wieder stelle ich fest, dass ein Ziel, eine Wirkung für sich selbst eingefordert wird, für dessen Erreichen jedoch schon fundamentalste Prämissen fehlen. Ich selbst nehme mich da in keinster Weise aus!

Zur welchem Ergebnis kommt ein Mensch, der rein äußerlich den Konventionen nahezu perfekt gereicht, der aber durch unkonventionelle Verhaltensmuster in der Summe seiner Erscheinung nicht authentisch oder glaubwürdig auftreten kann? Als übertriebenes Beispiel sei eine Person im klassischen Markenanzug oder Maßanzug genannt, dem jedoch die gesellschaftlichen Umgangsformen nicht geläufig sind. Man stelle sich solch eine Person vor, die zur Begrüßung auf ihr gegenüber zugeht, und mit einer festen Umarmung dem Menschen zwei dicke Schmatzer auf die Wangen gibt.

Dieses Beispiel entbehrt nicht einer gewissen Komik, verdeutlicht zwar auch meinen Frageansatz, nur möchte ich das entsprechend meinem Hauptthema etwas subtiler beschreiben. Was drücke ich mit meiner Kleidung aus, wenn ich nicht zu einer Art Selbsterkenntnis und Selbstsicherheit gelangt bin, die mich in Fragen meines Stils authentisch unterstützt? Ausgehend von der These, dass jede Person danach bestrebt ist, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten gefällig auszusehen, stelle ich die Frage, ob ich meine eigenen Schritte zur Erreichung dieser Verschönerung überhaupt bewusst setzen kann.

Was nutzt mir die noch so klassische Kleidung, wenn ich nicht die Höflichkeit besitze, einer Dame den Stuhl zu reichen? Was nutzt mir die Designerjeans, wenn ich nicht die Erscheinung habe, mich darin zu bewegen? Was nutzen mir die italienischen Schuhe, wenn ich darin stets stolpere? Was nutzt mir der Gürtel aus Krokodilleder (für mich sowieso nicht recht), wenn meine Plastikhandtasche voller Schachteln mit Zigaretten ist und ich keinen Moment ohne eine solche da stehen kann?

In unserer Gesellschaft wird sich der Fokus stets auf ein bei uns eventuell vorhandenes Manko richten. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob das Manko durch unser Unvermögen uns zu kleiden entstanden ist, oder ob es uns angeboren ist. Wenn ich letzteres als nicht Inhalt dieser Betrachtung zurückstelle, komme ich bei dem durch uns selbst verursachten Fehlgriff zu einer weiteren Fragestellung: Existieren überhaupt allgemeingültige Normen, Übereinkünfte über eine gültige, gefällige oder unvorteilhafte, verunstaltende Bekleidung oder Manipulation des Äußeren beim Menschen unserer Gesellschaft?

Scheinbar frei in der Wahl unserer Kleidung finden wir bei genauerer Betrachtung sehrwohl einige ungeschriebene Vorschriften, die je nach Anlass eine bestimmte Art von Kleidung vorschreiben. Also doch eine Kleiderordnung? Wie alle kennen sie, und wollen wir gesellschaftlich ernst genommen werden, so halten wir uns tunlichst daran. Außer, wenn wir in unserer persönlichen Freizeit verweilen, dann, ja dann schlagen wir gerne über die Stränge, verweigern uns den sonst fast allgegenwärtigen Vorgaben. Was dabei heraus kommt ist nicht immer von Vorteil für uns selbst, und das liegt nicht nur an der eigenen Unsicherheit oder fehlenden Erfahrungen in der Wahl unserer Klamotten, sondern viel mehr in unserer Selbsterkenntnis begründet, die vielleicht schon deshalb nicht so wirklich entwickelt und ergründet wurde, weil wir unsere Lebenszeit und Lebensenergie zu sehr für von uns selbst ablenkenden, oberflächlichen „Dingen“ vergeudet haben. Das lässt sich sogar bei sehr vielen Menschen auf unseren Körper übertragen. (Darüber schreibe ich in einem der nächsten Beiträge erst etwas, dazu habe ich zuvor noch einige Lektüre zu lesen.)

Und was kann ich als erstes Teilfazit formulieren?

Nicht jeder hat einen fähigen Stilcoach zur Hand, um sich vorteilhaft zu kleiden. Die wenigsten Menschen finden ihren passenden Stil, der sich harmonisch zu ihrem Wesen, zu ihrer Erscheinung fügt, weil sie noch auf der Suche nach sich selbst sind. Konventionen scheinen zu bestimmten Anlässen etabliert und anerkannt zu sein. Die oft übertriebene Beschäftigung mit äußeren „Werten“ führt zu keinem harmonischen und authentischen Aussehen ohne eine beginnende Erkenntnis über sein inneres Wesen.

Verblasste Schönheiten (85)

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Warum streichst Du die Wand in einer anderen Farbe? Warum isst Du nicht jeden Tag die gleiche sehr gesunde Speise? Warum trägst Du nicht jeden Tag die gleichen von Dir so geliebten Klamotten? Warum trinkst Du nicht ausschliesslich Wasser?

   Der Mensch scheint nicht geschaffen für immerzu Gleichartiges, er ist wie ein rastloser Tiger beständig auf der Jagd nach Abwechslung. Monotonie nagt an des Menschen Schöpfungskraft. Das Reisen war schon immer eine Muse der Künstler. Wir Menschen scheinen angewiesen zu sein auf immer neue Impressionen, um in unserem Dasein eine Entwicklung zu entfalten. Was bedeutet das für unser Leben? Sind wir im höchsten Maße anfällig für die superlativen Attribute besser, neueste, aktuellsten, innovativsten, frischesten, chicsten der neuen Dinge. Wie alt muss eine Sache sein, um sie als „nicht mehr zeitgemäß“, „unmodisch“, „nicht mehr auf dem neuesten Stand der Technik“, „unmodern“ oder ähnlich veraltet abzutun? Vielleicht etwas früher, als erwartet? Zu früh? Oder passend?

    Weiter forschend stellt sich die Frage, was dies für unsere emotionale Seite bedeutet? Welchen Einfluss hat diese Mentalität oder genauer gesagt diese innerste Veranlagung auf unseren Umgang mit anderen Personen? Das ist eine sehr interessante Fragestellung.
In der heutigen schnelllebigen Zeit, so meint man, haben schnell aufeinanderfolgende Zyklen der Mode, der Vorlieben oder gar der Gepflogenheiten eine Diktatur des Oberflächlichen geschaffen. So schnell ist etwas „out“, und dabei wird immer wieder mal festgestellt, dass die Beteiligten selbst nicht mehr mitkommen. Im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen, der von dieser Entwicklung ebenfalls nicht verschont wird, frage ich, was erwirkt dieses Streben nach immer Neuem dort?

   Es ist nun nicht so, dass wir liebgewonnene Menschen flugs austauschen, um dann und wann unser soziales Umfeld zu wechseln. Abgesehen von der Tatsache, dass wir immer wieder neue Menschen kennenlernen, die wir interessant oder eher noch liebenswert schätzen lernen und auf der anderen Seite liebgewonnene Menschen leider aus den Augen verlieren, weil es sich einfach nicht anders ergibt, so findet eine explizite Suche nach immer einem neuen Umfeld nicht statt.

   Aber, auch wenn wir einen Menschen nicht wie Ware oder Dinge austauschen, so untergräbt diese Mentalität doch in bestimmter Weise unsere Integrität und unsere Art der Konfliktlösung. Weglaufen gleich wegschmeissen und ausweichen statt begegnen. Uns Menschen obliegt es, dagegen zu arbeiten, zu überdenken, ob etwas wirklich erneuert werden muss, ob wir wirklich etwas Neueres haben müssen, ob wir das neue „Ding“ insoweit benötigen für die sinnvolle Entwicklung unserer Persönlichkeit und unserer emotionalen und empathischen Intelligenz. Vielleicht erreichen wir durch die vertiefende Beschäftigung mit Vorhandenem eine viel weitreichendere Erfüllung unserer Wünsche und Ideen.

   Anschließend komme ich noch zum Bezug zur Fotografie verbunden mit der Schönheit in allen Dingen. Einen Fotografen platziere ich ganz nahe bei den Jägern und Sammlern. Er ist mit seiner Kamera auf der Jagd nach immer neuen Motiven, auf der Suche nach einem gelungenen Schnappschuss, auf dem Weg zu seiner meisterlichen Arbeit und darüber hinaus. Er sieht das Leben zu einem ganz eigenen Teil in Bildern, die er dokumentiert. Jedes Mal, wenn er oder sie die Fotokamera in die Hand nimmt, ist es die Suche nach etwas Neuem. Nicht die alten Fotografien reichen aus, es gibt noch so viel Ungesehenes dort draußen, für den Fotografen wieauch für die Betrachter. Für den Fotografen ist es auch nicht der Sinn und Zweck, sich mit den bestehenden Fotografien zufrieden zu geben, dass liegt nicht in der Natur der Fotografie. Schließlich fließt das Leben in all seinen Facetten und Nuancen, Bahnen und Pfaden, auch außerhalb dieser Pfade immer weiter, und immer wieder entstehen Momente, die niemals zuvor dagewesen zu sein scheinen.

   Nur mal das Genre der Menschenfotografie betrachtet werden immer wieder Menschen geboren werden, deren Antlitz einen ganz eigenen, besonderen und einzigartigen Blick ergeben werden. So werden auch nach Jahrmillionen immer wieder einzigartige, fraktale Wolkenkonstellationen die Menschen mit Begeisterung in ihren Bann ziehen werden. Alles neu, jeden Tag, jede Sekunde ist das Leben.

   Differenziert ist dabei die Fotografie vom Verhalten des Menschen. Wenn auch, wie oben geschrieben, die Schnelllebigkeit oder Kurzlebigkeit der Dinge um uns herum unser Verhalten maßgeblich beeinflusst, so führt die Fotografie zur wahrlichen Beschreibung unserer Lebensräume. Einzelne Passionen können zwar zu einer Verschiebung der persönlichen Wahrnehmung führen, doch gibt es nachgeschaltet stets den Betrachter der Fotografien, der mit seiner Abwesenheit oder Abwesenheit eine Bewertung und Würdigung der Ergebnisse beisteuert. Hat dabei Erfolg, was gesucht wird, oder Erfolg, was präsentiert wird? Diese Erfahrung hat jeder Fotograf selbst erlebt, der seine Fotografien nicht ausschließlich für sich selbst gefertigt hat.