Reisen formt den Charakter (Teil 6) Panamá

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Paradisisch.. 😊

Portobelo, direkt an der Karibik gelegen, bedient in Teilen schon das typische Klischee von weißem Sandstrand, Palmen und blauem Himmel. Das Wasser war warm, zwischen 26 und 30 Grad, ludt zum verweilen ein, ich konnte mich treiben lassen, die Augen gen Himmel gerichtet, alle Töne dieser Welt ausblenden, ab und zu den Kopf heben, um zur Küste zu blicken, die Entfernung zum Strand zu kontrollieren. Korallenriffe boten Schutz vor allzu hohen Wellen, vielleicht auch vor allzu hungrigen Meeresbewohnern.

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Riff vor Cacique

An zwei Tagen, oder besser anderthalb Tagen waren wir zusammen mit den Einheimischen im tiefblauen Wasser der Karibik, sahen einige bunte Fische und andere Bewohner der Riffe, schritten durch Mangroven

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Mangroven Wald an der Karibik

und erfrischten uns mit just im Moment gepflückten Kokosnüssen. Zwei Macheten sollten uns daraufhin mit nach Deutschland begleiten, im Koffer natürlich, sie sind hervorragende Werkzeuge für die Gartenbearbeitung. Die Zeit verging wie im Flug, und die Aufenthalte wurden durch ein paar Erlebnisse der besonderen Art begleitet, von denen ich eines kurz erwähnen möchte. Abgesehen von 4 Menschen, die Bekanntschaft mit Seeigeln machen sollten (HIER an diesem Strand brauchen Sie sich keine Gedanken machen über Seeigel, die gibt es hier nicht!!!) stellten wir fest, dass Korallen an einigen Stellen sehr scharfe Kanten besaßen. Darauf wurden wir hingewiesen, deutlich und explizit, aber manche Erfahrungen im Leben muss man schließlich ja selbst machen… 😊

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Man sieht das 1.5 Meter tiefe klare Wasser kaum

Die spannendste Geschichte ergab sich aber nicht im Wasser des atlantischen Ozeans, sondern bei der Rückfahrt von Cacique nach Portobelo. Es war unser Bus. Er sprang an, alle saßen drin, er wollte losfahren – nichts tat sich! Viele Versuche anzufahren scheiterten. Die Bremse schien zu sagen: Hier ist es schön, bleibt noch etwas, es lohnt sich! Das tat es. Wir wussten zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass wir bis zur Dunkelheit Zeit haben würden, aber der Reihe nach.

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Panorama über die Karibik

Nach genügend Versuchen anzufahren deuteten uns die Einheimischen den Bus wieder zu Verlassen. Mittlerweile schon in der tiefenentspannten Lässigkeit der Karibik angekommen stieg ich mit aus, betrachtete einen Moment die Situation, sah, dass viele Bewohner von Cacique herbeigeeilt kamen, um zu helfen und entschloss mich daher mit einigen anderen in Richtung Strand zu gehen. In Sicht- und Hörweite legten wir uns nieder, betrachteten den Horizont, die Sonne war auf dem Weg uns ein wunderschönes Spektakel zu bieten, indem sie sich anschickte unter zu gehen. Wie überall auf der Welt, besonders aber an allen Westküsten, fasziniert dieser Vorgang die Menschen seit je her und mit unveränderter Kraft und Wirkung. Auch mich, denn ich bin absolut anfällig für die Farben der untergehenden Sonne, des Himmels, des Horizontes überhaupt. Einige Inseln brachen die Linie des Meeres auf, erschufen so ein verspieltes Bild einer Romantik, die jedes Bild wert gewesen wäre. Doch nicht meines, denn ich habe trotz im Rucksack vorhandener Kamera die Situation nur erlebt, keine hektische Handlung, kein wildes Suchen, keine suchen eines besten Ausschnitts nichts dergleichen. So muss der geneigte Leser hier an dieser Stelle seiner eigenen Phantasie freien Lauf lassen und sein eigenes Bild eines seiner schönsten Sonnenuntergänge hervorrufen, um nachzuempfinden, was in diesem Moment zu sehen war.

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ein Sonnenuntergang Tage zuvor… 😊

Während dieses unbeschreiblichen Naturschauspiels wurde im Hintergrund gewerkelt, versucht, wieder gewerkelt und wieder versucht. Nach einer Stunde oder länger wurde herausgefunden, woran es lag. Der Kompressor zum lösen der Bremsen war defekt. Doch eine Lösung war bald gefunden, und ein anderer Bus hätte allen zu lang gedauert zu bestellen. Ein kleiner mobiler Kompressor wurde geholt, die Bremsen nach und nach gelöst, dann die beiden vorhandenen Hochdruckschläuche verlängert, im vollen Druck geknickt, mit Kabelbindern an zwei Stellen fixiert, und dem lieben Philipp durch das Fenster an seinem Sitzplatz mit den Worten „Bitte ganz fest halten die nächste Stunde“ in die Hände gedrückt. 😊

Wir kamen tatsächlich an, und Philipp konnte die nächsten Tage auf ein Krafttraining für die Oberarme verzichten.

Diese erfahrene Hilfsbereitschaft des gefühlt ganzen Dorfes in dieser Situation war für mich beeindruckend. Immer wieder liefen Menschen hin und her, wurde diskutiert, geschraubt, gesucht, versucht, wieder geschraubt, gefachsimpelt, versucht und der Friseur des Dorfes, unweit des Busses gelegen, verlegte seine Arbeit kurzerhand auf die unbefestigte Straße, um seiner Kundschaft, vielleicht auch sich selbst, ein kleines Schauspiel zu gönnen. Drei Stühle, eine Kundin wurde behandelt, zwei weitere Kundinnen warteten, alle mit Blickrichtung Bus! 😊

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Strand mit Kokospalmen, deren Nüsse wir bekamen

Der kleine Volksauflauf war für uns interessant, für die Menschen dort sicher auch eine willkommene Abwechslung. Aber, kannst du dir vielleicht vorstellen, was mancher westliche Mensch, Teilnehmer dieser Pilgerreise, während dieser Stunde von sich gab? Leider solch abschätzige Bemerkungen, solch verachtendes Gebaren, das kann und will ich hier nicht getreu wiedergeben, nur unerwähnt lassen möchte ich dieses auch nicht, da es den Abend doch auch berührte. So sind die Menschen halt auch, die sonst immer sehr weltoffen dastehen möchten und hier einen Teil ihres wahren Ichs zeigen.

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Fischerboot

Alle anderen waren begeistert, auch froh, dass wir nicht liegen geblieben waren, dass Philipp so tapfer die beiden Schläuche gehalten hat und auch ein wenig dankbar für ein kleines Abenteuer in Panama. Alles etwas anders, als in Deutschland. Und von dieser Improvisation sollten wir noch mehr erleben, dazu dann in einem der nächsten Beiträge mehr. Danke für’s Lesen. Bis bald. 😊

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Der Mond in Panamá ~ eigentlich der Selbe, wie hier? 😂

Intermezzo (Reisen formt den Charakter, Teil 3) Panamá

Der erste Abend in Portobelo, Panama. Señora Cristina, meine persönliche Gastmutter, empfing mich äußerst herzlich in ihrem Hause.

Fotograf Koblenz Mayen Panama

Der Weg zur Straße

Zuvor fuhren wir die fünf Kilometer von Portobelo bis zu ihrem Haus mit einem Freund von ihr. Es war schon lange dunkel, so konnte ich nicht viel sehen. Es gibt in Portobelo so gut wie keine Straßenbeleuchtung und ihr Haus, schon etwas außerhalb gelegen, hatte lediglich eine kleine Birne über dem Eingang. 30 Meter steil bergan, dann konnten wir das Haus betreten. Sie hatte für mich ein Abendessen zubereitet, eingedeckt konnte ich einen Tisch erblicken. Ich platzierte meinen Koffer an der Treppe zum Obergeschoss, nachdem mir Señora Cristina bedeutete, ich würde oben wohnen, aber könnte erst, wenn ich wollte, zu Abend essen, um mich dann einzurichten. In Anbetracht der fortgeschrittenen Zeit dachte ich ihr Angebot anzunehmen, entschloss mich aber anders, um mich vorher ein wenig frisch zu machen.

Oben angekommen hat mir Cristina das Zimmer gezeigt, mein Bad und was sonst noch oben war, zum Beispiel einen großen Balkon, von dem aus in nicht ganz so rabenschwarzer Nacht bestimmt ein sehr schöner Blick in den tropischen Garten zu erhaschen wäre. Am Morgen danach holte ich dies sofort nach.

Gartenfotografie Garten Panama Fotograf

Gardenview (The Jungle)

Noch Abend. Mein Freund rief an. Er war ebenfalls in seiner Familie angekommen und fühlte sich etwas überfordert. Seine Familie begrüßte ihn sehr freundlich und auch sie machten ihm ein Abendmahl. Allein die Umstände konnte er im ersten Moment nicht erfassen: 11 (Elf) Personen, 5 Erwachsene und 6 Kinder begrüßten ihn und wollten ihn sehen, den jungen Mann aus Deutschland, der bei ihnen die nächsten 8 Tage leben würde. Sie alle sprachen in spanisch auf ihn ein, er aber versteht nur ganz wenig von dieser Sprache. In seinem Zimmer waren die Kinder zugegen, als er sich einrichten wollte, beim Essen waren alle dabei und wollten ihn sehr freundlich befragen und kennenlernen. Da rief er mich an und fragte, was er machen solle. Er wusste sich nicht recht zu verhalten, wollte höflich und freundlich sein, wie er ist, aber es war einfach zu viel. So führten wir einige Telefonate und nach einigem Zuhören und Zureden entspannte sich die Lage, seine Gastgeber machten allmählich etwas langsamer, wie er später berichtete und es kam der Bruder des Gastgebers, der gut englisch sprach, damit wurde alles gut.

Das Haus der Gastgeber meines Freundes war denkbar einfach gehalten, es gab einige Räume, alle ohne Fensterglas, offen, manche mit Moskitonetzen, andere frei. Auch die Möbel waren sehr funktional, aber alles sehr sauber. In seinem Zimmer war sogar eine Klimaanlage installiert, die die Temperatur tatsächlich reduziert hatte.

Fotoshooting Koblenz Portrait tfpShooting

Houses in Portobelo

Als ich mit den Telefonaten fertig war (während des Essens gingen sie ebenfalls ein, Señora Cristina hatte vollstes Verständnis), war auch mein Freund glücklich, alsbald begann ich mich mit meiner Gastgeberin zu unterhalten, soweit es möglich war. Sie sprach ein ganz kleines bisschen Englisch ich ganz wenig Spanisch, so kamen wir über hundert Umwege und reinstes Kauderwelsch zusammen. Über den Inhalt möchte ich später gesondert erzählen, es sind viele spannende Geschichten.

Ihre Wohnung unten im Erdgeschoss war mit Moskitoschutz regelrecht „abgesichert“. Alle Spalten an den Hausöffnungen waren mit Tesafilm geschlossen worden. Zum Glück war es keine Jahreszeit für die kleinen Plagegeister, sie erzählte, in der Regenzeit aber und danach wären es sehr, sehr viele. Doch jetzt, im Januar, sind sie sehr wenige. Ich hatte Glück, andere Menschen weniger. Ich habe durchgehend bis auf einer Übernachtung in einer Polizeischule in Colon stets ein Moskitonetz verwendet, außerdem unterstützte mich ein relativ wirksames Mückenschutz-Pumpspray recht zuverlässig. (Wen es interessiert: nur 2 Stiche in den Wochen 😉)

Am nächsten Morgen hatte Señora Cristina ein Frühstück bereitet und als ich während des gemeinsamen Frühstücks fragte, wie ich am besten nach Portobelo käme, sagte sie, dass entweder einer ihrer Freund mich fahren würde, ich ein Taxi rufen könne (1$), den Bus nehmen könne (20 Cent) (der kommt irgendwann zwischen 9 und 10 Uhr) oder zu Fuß gehen könne, das würde so 50 Minuten dauern. Ich entschied mich sogleich für den Fußweg, und in den nächsten Tagen würde ich jeden Morgen bis auf den Abreisetag zu Fuß nach Portobelo gehen. So tat ich es und es war toll, trotz der hohen Temperaturen und hohen Luftfeuchtigkeit. Angekommen nach 45 Minuten und unzähligen Fotos konnte ich mich in der Kirche etwas ausruhen und abkühlen.

Die Wege in den Tagen waren jedesmal spannend, denn die Anwohner der Straße saßen ab dem zweiten Tag meines allmorgentlichen Weges immer schon in Reihe und Glied vor ihren Häusern, und grüßten alle und immer superfreundlich zurück, mit einem Lächeln und leichtem Unverständnis im Blick, und ganz oft einem Winken! Ich hob zum Gruße fast immer meinen Hut und nach ein paar Tagen ging ich einige Male zu manchen Menschen hin.

Fotograf Koblenz Fotoshooting Picture

Friendly People in Panama

Dazu später mehr.

Und mehr zur Reise im nächsten Artikel, die Vorbereitungen des Weltjugendtages, die Tage der Begegnung sollten langsam beginnen, nach und nach trafen die Jugenlichen und jungen Erwachsenen in Portobelo ein. Es sollten zwei Welten entstehen, eine die des WJT und die andere jene des Lebens in der Familie, die sich hin und wieder überschneiden sollten.

Intermezzo (Reisen formt den Charakter, Teil 1) Panamá

Zwei Wochen Panama. Leben in zwei mir vorher unbekannten einheimischen Familien, am Atlantik die eine, am Pazifik die andere, als einzelner Gast. Keine Medien-Nutzung. Leben als Grundlage, Kommunikation und Kultur in nächster Nähe.

Vom Großen zum Kleinen, ungeordnet, zunächst wollen Gedanken aufgeschrieben werden. Eindrücke mannigfaltigster Art explodieren förmlich im Gedächtnis und Herzen.

Was sonst, mag sich derjenige denken, der reist, der mit offenen Augen jenseits der Pauschal- und Bettenburgen-Urlaube schon einmal unterwegs war, und damit nicht dem örtlichen Tourismus zum Opfer gefallen ist. Panama, für mich ein Land voller Gegensätze, nicht nur, was die Einkommensverteilung und Lebensstandards angeht. Laut Glücksforschung Land Nummer 7 auf der Liste der glücklichsten Länder der Erde. Temperatur ganzjährig um die 28 Grad Celsius bei einer über 90%igen Luftfeuchtigkeit, außer in der Regenzeit, dann noch höher.

Es war Januar, außerhalb der Regenzeit, es scheint ein guter Zeitpunkt für eine Reise in dieses schmale, lange Land in Mittelamerika gewesen zu sein. Zwar regnete es hin und wieder, jedoch nur kurz und wenig heftig.

Wo beginnen mit den Erlebnissen und Erfahrungen, den Geschichten und Schilderungen? Einige Tage ist es nun her, dass ich nach Deutschland zurück gekommen bin. Alles wirkt noch immer ganz nah und bewusst, aber ungeordnet. Starke Eindrücke wechseln sich in Gedanken mit Belanglosigkeiten ab. Ein Blog ist nicht der beste Ordner dafür, das Reisetagebuch schon eher.

Teil 1 Anreise:

Bahnfahrt von Koblenz (2°C) zum Flughafen München(-4°C). Alles pünktlich. Bahn und Flug. Bogota(14°C) als Zwischenstop, dann Panamà(24°C), wie die Einheimischen ihre Hauptstadt Panama-Stadt zu nennen pflegen.

Verabreden sich in Panama (es sind zum Teil Geschichten, die ich hier notiere, angeregt durch Erzählungen meiner Gastfamilien, deren Freunden und Verwandten, ohne dass ich sie überprüfen wollte!) die Menschen und sagen beispielsweise fünf Uhr, dann kommen sie um fünf, oder um zwei oder um halb sieben. Wenn sie es aber genau nehmen möchten, so lautet die Verabredung Fünf, German Time!

Die Flüge waren also nach ca. 15 Stunden absolviert. Ankommen am Tecumen Airport. Transfer direkt mit dem Bus (siehe unten) die ca. 90 km vom Pazifik an die Karibik nach Portobelo. Dazu weiter im nächsten Intermezzo.

#caminorealpanama #cultourpanama @cultourpanama

Von der Handlung im Foto, Teil 1 [38]

Sollte ein fotografisches Bildnis eines Menschen stets eine Handlung des Portraitierten darstellen? Auch, wenn ein Bild inszeniert ist, was es fast immer ist außer in der dokumentarischen oder Streetfotografie, sollte es trotz dieses gestellten Szenarios vermitteln, als handle der Mensch auf dem Bild in irgend einer Art und Weise?

Die Darstellung auf einem Foto könnte von einer expliziten Handlung ausgehen. Oder sie kann eine intuitive Reaktion zeigen, die das Bild suggeriert. Die anschließende Grenze zur Nicht-Handlung ist zwar nicht undurchlässig, jedoch beginnt sie häufig deutlich an der Stelle, wo der fotografierte Mensch in scheinbaren Kontakt mit dem Betrachter tritt, indem er in die Kamera blickt.

Ein Portrait kann auf die eine oder andere Weise wirken. Über die Güte sagt es vorerst noch nichts aus. Es hängt zum Beispiel davon ab, welche Mimik der Portraitierte zeigt, welcher Kontext existiert und letztlich sogar, in welchem Rahmen ein Bild präsentiert wird. Wird eine Handlung im Bilde erkannt, erfasst der Betrachter den Inhalt dadurch schneller? Wird durch diese Erkenntnis diesem Bild schneller eine Sinnhaftigkeit attestiert? Hat es zur Folge, dass eine Fotografie dem Betrachter einen schnelleren und einfacheren Zugang gewährt?

Eine Person auf einem Foto vollzieht zum Beispiel eine alltägliche Handlung. Sie geht einige Schritte, sie bewegt sich im Stand, oder sitzt und zeigt so eine Bewegung, die sich dem Betrachter des Bildes leicht erschließt, weil er sie kennt, sie ihm vertraut ist. Vielleicht liegt die portraitierte Person an einem beliebigen Platz, oder lehnt stehend an einer Wand, seitlich oder mit dem Rücken, möglicherweise an einem bestimmten Objekt.

Was tut die Person dort? Warum wurde sie fotografiert? Vielleicht harrt sie auch nur, in sich gekehrt, an einem bestimmten Ort, einem Platz, der -vielleicht erkennbar- in einer Beziehung zur fotografierten Person steht, eine optische Verbindung beschreibt, durch die Haltung und Mimik unterstützt? Ein Sinn scheint vorhanden. Das Bild scheint logisch zu sein, erst einmal nichts verstörendes erschreckt den Blick. (Zu den Möglichkeiten des Skurrilen und Phantastischen als Reiz des Besonderen komme ich später zu sprechen)

Wird eine Handlung nicht direkt erkennbar, so kommt es auf die Mimik des Portraitierten an. Strahlt die Person auf dem Bild möglicherweise eine innere Ruhe aus, Kontemplation oder auch Melancholie, wird auch der Blick des Portraitierten dies bestätigen, so findet der Betrachter wiederum einen Sinn im Bilde. Es geht danach explizit um die Stimmung, ein Gefühl, welches im Bild besteht, das aus ihm heraus quillt und den hinblickenden Menschen erfassen kann.

Dabei wird erstmals eine Grenze erreicht, an der der Portraitierte und der Betrachtende sich im Bilde fiktiv begegnen. Es werden Gefühle erzeugt, Stimmungen ausgelöst. Der Sinn, die Aussage eines Bildes verschiebt sich von einer Handlung zu einer Stimmung. Genau an dieser Stelle besteht die große Gefahr, an der Belanglosigkeit zu scheitern, der Redundanz zu verfallen, und sein Bild damit einer Beliebigkeit zu opfern.

Von der Philosophie der Fotografie [37]

Gibt es eine Philosophie der Fotografie? Natürlich, mag man ausrufen! Wenn es eine Philosophie für das Leben gibt und die Fotografie zum Leben zählt, dann wäre es nur folgerichtig.

Wenn du für dein Leben und in Beziehung zur Gesamtheit der Menschen eine eigene Philosophie etabliert hast, so kannst du diese Philosophie sicher auf die Fotografie als einem Teil deines Lebens, so du dich mit ihr beschäftigst, determinieren.

Jenen Teil deines Lebens, den du -auf welcher Ebene und Seite auch immer- in die künstlerische Fotografie investierst, in die Erschaffung von Bildern, vielleicht auf der Suche nach dem einen Bild bist oder dabei bist, dein Werk zu vollbringen, diesem Teil gebührt über die pure Aufmerksamkeit hinaus die Beschäftigung mit dem Sinn dahinter, vielleicht dem Sinn, einen eigenen Weg zu beschreiten, auf dem du das auszudrücken vermagst, was du gerne verkünden möchtest, was in dir ist und dem du eine Gestalt geben kannst, nämlich in Form der künstlerischen fotografischen Aufnahme als ein Teil dessen, was von dir bleibt.

Von Konsum, Produktivität und Bildern [35]

Ich sitze oder stehe da und schaue mir Bilder an. Es sind Bilder, die ich über ein Medium betrachte. Mal handelt es sich bei diesem Medium um ein Buch, dann ist es ein Handy, öfter mal eine Zeitung, viel öfter noch der Monitor; oder ich besuche eine Ausstellung.

Ich schaue die Fotografien an, entscheide dabei, meist in sekundenschnelle, ob mich das Bild berührt oder nicht. Die meisten Bilder sehe ich zwar an, doch die Wahrnehmung ist stets eine differenzierte. Denn sehr viel mehr dieser Bilder werden durch diese meine Wahrnehmung unbewusst ausgeblendet. Zusätzlich beschränkt das Medium durch die ihm eigene Art und Weise der Darstellung diese Wahrnehmung.

Je nach Art der Darstellung haben die Bilder, und mögen sie von noch so hoher Qualität sein, eine stark vom Medium abhängige Wirkung. Dabei spielen Fülle, Größe und Anzeige- beziehungsweise Ansichtsdauer eine in diesem Moment medienabhängige Rolle: Sind es viele Bilder, gehen die einzelnen unter, sind sie klein, werden sie wahrscheinlich in ihrer Aussage beschränkt, werden sie nur kurz angezeigt, haben sie kaum die Chance, eine Aussage zu vermitteln.

Kombiniere ich nun diese Voraussetzungen, ergibt sich eine noch differenziertere Situation: in extremo: viele kleine Bilder werden schnell durchgescrollt! Was, so frage ich mich, kann dabei die Aufmerksamkeit erregen? Immer geübter werden unsere Blicke, filtern in Sekundenschnelle die für uns interessanten Aufnahmen heraus, betrachten sie für einen Moment lang etwas aufmerksamer. Durch die Fülle der präsentierten Lichtbilder bleibt dem medienaffinen Wesen kaum eine andere Herangehensweise, könnte man meinen.

Wird ein Bild in einer Ausstellung gezeigt, so findet es, durch die Verweildauer des Besuchers in der Ausstellung gemeinhin, eine wesentlich höhere Aufmerksamkeit. Davon ausgänglich kann die Bildaussage deutlich stärker kommuniziert werden und auch im Nachgang behält das Bild eine stärkere Bedeutung. Sicher wurde eine gewisse Güte eines Werkes durch die Vorauswahl implementiert, denn allein der Fakt der Anwesenheit in einer Ausstellung oder Galerie impliziert eine besondere Wertigkeit. Ob sie es tatsächlich innehat, steht auf einem anderen Blatt.

In abgeschwächter Form folgt die oben getroffene Aussage ebenso dem Printmedium. Zeitung, Zeitschrift oder Buch, Poster oder Druck im öffentlichen Handel kommt einer solchen Qualitätsaussage nahe, auch, wenn es sich in unserer Gesellschaft mehr um eine durch ökonomische Richtlinien bestimmte Intentionen handelt, als dieser Tatsache einen künstlerischen Gesichtspunkt unterstellen zu können.

Was bleibt, sind die digitalen Medien. Trotz der Tatsache, dass sie allenthalben genutzt werden, ihnen eine schier unendliche Reichweite beschieden werden könnte und ihre Verfügbarkeit -insofern ein Netz vorhanden ist- stets gewährleistet zu sein scheint, ahnen wir, dass Wolken entstehen können, sich jedoch genauso gut sehr schnell wieder auflösen können. Wenige Services bereichern die Kreativität der Nutzer. Da, wo ein Kontakt zwischen Schaffenskraft und Kreativen, zwischen Künstlern und Liebhabern, zwischen Neugierigen und Mutigen, sowie ernsthaft Interessierten und authentischen Menschen entsteht, da ist ein Prozess jenseits von Konsum, Gier, Geltungssucht und Überfluss möglich.

Manche digitale Plattform hat das Zeug dazu, die Kreativität der Nutzer zu fördern, ein Stück weit den Konsum zurück zu führen, und die Menschen wieder näher zusammen zu bringen um dem Sein größeren Raum zu geben, eine Möglichkeit zu bieten, zu produzieren, zu erschaffen, anstatt immer weiter zu konsumieren.

Ob eine Plattform dazu werden kann, entscheidet der Nutzer. Ist für Dich eine solche in Sicht? Siehst Du diesen Prozess in der Gesellschaft?

Vom Wert des fotografischen Bildes im Zeitalter der digitalen Welt [33]

Was bedeutet dir ein Bild von dir selbst? Spielt es eine Rolle, auf welchem Medium es vorliegt?

Überall und jederzeit werden Menschen fotografiert. Nochmehr aber fotografieren sie sich vermutlich selbst. Vor allem jüngere Menschen tun dies mehrmals täglich. Die entstandene Aufnahme wird zumeist sofort in ein beliebiges Netzwerk gestellt. Rein digital führen die Menschen ihre bildliche Identität mit sich herum, auf ihrem Handy, oder besser gesagt in der weltweiten Cloud der Social Networks, deren Schlüssel und Verbindung das Handy darstellt.

Nie so viel, wie zuvor entstehen fotografische Aufnahmen, nie zuvor war es so bequem möglich, sie autonom vor einem mehr oder weniger differenziertem Publikum zu veröffentlichen. Jedermann ist es so möglich, seine Werke zu präsentieren. Sein Konterfei mag in jeder erdenklichen Art und Weise, mehr oder weniger häufig, die Datenspeicher und Foren der Netzwerke füllen. Dem optischen Wesen Mensch wurde ein Spielzeug an die Hand gegeben, dem er kaum widerstehen kann. Mit welchen Folgen geschieht das?

Ist eine Fotografie, weil in einfachster Weise, jederzeit und überall zu bewerkstelligen, nicht mehr wert, als die wenige Sekunden dauernde Aufmerksamkeit im www bei ihrer Veröffentlichung, um danach vom Betrachter und Ersteller vergessen im digitalen Nirvana aufzugehen? Ändert die Form der Darstellung den Wert der Aufnahme? Macht heute noch jemand Abzüge von digitalen Bildern außer denen, deren Hobby mit der Fotografie zu tun hat? Die berufliche Seite spielt hier keine Rolle.

Was geschieht mit der Fotografie als solches? Verfolgen wir ihr Dasein ein wenig weiter, und fragen, welche Möglichkeiten der Präsentation genutzt werden? Ein digitales Fotoalbum ist noch kein haptisches Gut. Du kannst es nicht be-greifen. Erst im Abzug gelänge es dir. Ein Fotoabzug wäre ein erster Versuch. Was geschieht nach dem Ausdruck mit dem Foto? Ein Fotobuch, früher Fotoalbum genannt, wäre ein mögliches Archiv. Bedeutet Archiv eine Ablage, deren Halbwertszeit nur geringfügig größer ist, als die der digitalen Variante? Steht im Schrank. Neben den anderen Alben und Büchern. Nimmt man sich hin und wieder zur Hand. Ein erhebendes Gefühl, in den Erinnerungen zu schwelgen. Oder? Vielleicht gehst du einen Schritt weiter und lässt das Bild von einem der vielen Dienstleister als Acrylglas- oder Aludibond-Bild, vielleicht auch als Leinwand abziehen, um es in deiner Wohnung aufzuhängen? Wie lange würde es an seinen Platz passen?

Das ist das, was du persönlich machen kannst. Eine Kollage, ein Kissen, eine Tasse oder einer der vielen anderen Motivträger kommen noch in Frage. Als Präsent kannst Du es jemand anderen überreichen, der es in seinem Bereich präsentiert oder verwahrt. Und was ist noch möglich, wenn du an eine anderen Art der Verwendung deiner Fotografien interessiert bist? Veröffentlichung als Beitrag eines Wettbewerbs ist eine Möglichkeit, die heutzutage fast ausschließlich digital verläuft. Es wäre eine Option. Wiederum digital, bestenfalls in einem Printmedium würde dein Bild gezeigt, um damit seinen Sinn erfüllt zu haben? Gibt es ein „danach“, oder ist der Sinn und Zweck der Aufnahme nur ein Zeitzeugnis der kurzweiligen Bedeutung?

Gehe ich ein Stück weit in die Vergangenheit zurück und frage, welche Bedeutung die Fotografie von ihren Anfängen aus, über die Zeit des Erwachsenwerdens hinaus, als Eastman Kodak den Rollfilm erfand, bis kurz vor der Digitalisierung innehatte, so gilt für jedes Genre ein eigener Maßstab. Davon ausklammern möchte ich die Werbefotografie, die zwar oft als Motor verschiedener Strömungen diente, deren Zweck aber stets gebunden an das Produkt war. Auch die Dokumentar- oder Reportagefotografie ist ein ein eigenständiges Genre. Bei ihr kommt es weniger auf den Stil an, viel mehr auf die zu transportierende Botschaft eines Themas, die außer informativ zu sein stets zweckgerichtet ist. Was bleibt als Genre oder Richtung der Fotografie übrig? Welche Menschen bleiben außer den Werbe- und Dokumentarfotografen?

Reisefotografie ist eines der frühesten Genres, die zusammen mit den ersten Zeitschriften, die in erster Linie aus abgedruckten Fotografien mit etwas Text bestanden. Und all die anderen Themen? Dazu demnächst mehr.

Und Fotografie? Was bedeutet dir ein Bild von dir selbst?

Von der Beliebigkeit der Schönen [32]

Einen schönen Menschen nicht schön zu sehen, ist nicht möglich, oder? Ein hässliches Foto eines schönen Menschen zu machen, ist nicht leicht, oder?

Schöne Menschen laufen durch die Straßen. Hin und wieder sehe ich sie. Ich sitze in einem Café. Ein schöner Mensch sitzt einige Stühle weiter und trinkt einen Espresso, ließt Zeitung, sieht in sein Handy, blickt selten mal auf in die Weltgeschichte, widmet sich schnell wieder seinen Medien. Ich nehme ihn wahr. Ich blicke ihn an und denke, dass er attraktiv wirkt. Er entspricht dem, was in unserer Gesellschaft als schön gilt, er vereint das, was quer durch alle Kulturen und über alle Zeiten hinweg als Maßgabe für Schönheit gilt: makellose Haut, ebenmäßige Formen, symmetrische Proportionen. Der Blick dieses Menschen ist nahezu frei von Aussage und Bedeutung, entspannt blickt er in die Umgebung.

Da ich mich zeitlebens mit Bildern von Menschen beschäftige, setze ich den Menschen ganz bewusst in einen fiktiven Rahmen. Was würde ein Foto von ihm aussagen? Ein Zeugnis von Schönheit, sicherlich, würde entstehen, fast jeder Betrachter würde der Person Schönheit attestieren, augenblicklich und intuitiv. Schlüsselreize würden wirken, so sie denn über das Bild transportiert werden. Ich blicke den Menschen immer wieder mal an. Nein, ich starre ihn nicht an. Mein virtueller Rahmen nimmt verschiedene Formen und Perspektiven auf. Manche davon wirken vorteilhaft, andere nachteilig, wieder andere beliebig.

Ein Foto würde eines von vielen werden, das einen von vielen schönen Menschen zeigt. Es beschreibt eine Szene aus dem Leben, einer alltäglichen Geschichte, die sich so seit Jahrhunderten wiederholt und vermutlich auch über weitere Jahrhunderte wiederholen mag, wenn wir unsere Welt nicht vorher vergiftet und zerstört haben werden. Über Generationen werden schöne Menschen geboren werden, die auf uns Betrachter ihre Wirkung nicht verfehlen werden. Zeugnisse in Form von Bildern wurde früher weniger gefertigt, heute milliardenfach, zugänglich waren sie früher einem sehr kleinen Kreis, heute über alle Grenzen hinaus, jedem in zigfacher Weise zu hauf.

Waren früher die Schönheiten der Gesellschaft etwas besonderes, weil sie seltener zu sehen waren? Im Kreise seiner Familie, seiner Dorfgemeinschaft, seines sozialen Umfelds waren sie so rar, wie sie es heute auch wären, allein die Bevölkerungsdichte bietet eine größere Anzahl, relativ betrachtet. Hinzu kommt aber die Darstellung von schönen Menschen in Form des Bildes. Begonnen mit Skulpturen und Zeichnungen der Bronzezeit, fortgeführt durch die Malerei ab dem frühen Mittelalter bis zur heutigen Präsentation über Film und Foto gewinnt die Darstellung eine Dimension, die schon über den menschlichen Geist lange hinaus gewachsen ist.

Da sitzt er nun, der schöne Mensch, einige Stühle weiter im Café, und tut nichts, als schön zu sein. So meine ganz eigene, persönliche Wahrnehmung. Ob sich der Mensch selbst überhaupt als schön empfindet, steht auf einem anderen Blatt. Welche Rolle sein Aussehen überhaupt in seinem Leben spielt, ist keine Frage für einen Außenstehenden. Meine Beziehung zu ihm beschränkt sich auf die rein visuelle Situation. Das Wissen um diesen Sachverhalt verhindert nicht die optische Wertung, die automatisch in jedem von uns jederzeit stattfindet. In der zunehmend kommunikationsärmer werdenden Gesellschaft findet ein visueller und darstellerischer Ausgleich statt.

Die Präsentation des eigenen Aussehen scheint die Wahrhaftigkeit des Handelns, des zwischenmenschlichen Kontakts zu verdrängen. Früher drückt man es mit den Worten: „Mehr Schein, als sein“ aus. Es bezeichnete Menschen, die mehr Wert auf ihr Äußeres gelegt haben, als auf ihr Handeln. Heutzutage wäre das Aussehen zu ersetzen durch die Präsentation.

Ich sitze noch eine Zeit lang im Café, sehe immer noch hin und wieder zu diesem schönen Menschen hinüber und frage mich, ob nicht erst ein gewisser Grad der Abweichung von schönheitsideellen Maßen zu Interesse an einem Menschen führt. Dieser Gedanke führt aber schon wieder zu einer mit Gedanken und Gefühlen durchsetzten Betrachtungsweise, und die ist ja nicht mehr zeitgemäß. So genieße ich vorsichtshalber nur die schlichte, austauschbare Schönheit des Menschen einige Stühle weiter …

Von der Handlung im Bilde [31]

Soll ein Portrait eine Handlung des Portraitierten suggerieren oder nicht? Künstler aller Zeiten beschäftigen sich mit dieser Thematik. Fotografen tun dies gleichso, seit über Kunst in fotografischen Portraits diskutiert wird.

Dazu einige Zitate:

„Wie eitel ist die Malerei, wo man die Ähnlichkeit mit Dingen bewundert, die man im Original keineswegs bewundert.“

Blaise Pascal (1623 – 1662), französischer Philosoph

„Malerei, Skulptur, Literatur, Musik stehen einander viel näher, als man im Allgemeinen glaubt. Sie drücken alle Gefühle der menschlichen Seele der Natur gegenüber aus.“

Auguste Rodin (1840 – 1917), französischer Bildhauer

„Malerei ist die Kunst, die Seele zu bewegen durch Vermittlung der Augen. Wenn der Maler nur bis zu den Augen kommt, hat er nur den halben Weg zurückgelegt.“

Denis Diderot (1713 – 1784), franzöšsischer Philosoph

„Jedes Portrait, das mit Gefühl gemalt wurde, ist ein Porträt des Künstlers, nicht dessen, der ihm dafür gesessen hat.“

Oscar Wilde (1854 – 1900) irischer Dramatiker und Dichter

Ein Portrait kann so oder anders sein: es zeigt ein Stückwerk aus dem Leben, dem Alltag, ein Ausschnitt aus einer Handlung, ein Spiegel eines Gefühls oder einer Stimmung. Dabei scheint der Fotograf als der Künstler nur stiller Beobachter zu sein. Auf der anderen Seite gibt es ein Portrait, welches aus der Zwiesprache zwischen Portraitiertem und Fotograf entsteht. Der Blick des Models steht bei letzterem in direktem Kontakt mit dem Fotografen, beziehungsweise mit seiner Kamera. Damit entsteht auch eine scheinbare Beziehung zum späteren Betrachter des Bildes.

Das Bild gibt beim direkten Blick in die Kamera nicht nur das Gesicht der Person wieder, sondern viel mehr. Es ist eine Komposition aus vielen Komponenten, die jede für sich genommen von entscheidendem Einfluss auf die Bildaussage ist. Es ist zunächst die Form des Gesichts, dabei die Proportionen von Augen, Nase und Mund, einzeln, sowie zueinander, dann von Farben, Licht und Schatten, welche einige Teile des Gesichts ausblenden, überzeichnen oder schlicht dokumentieren können.

In dieser Form des Portraits spiegelt sich der Ausdruck des Menschen, seine Verfassung, seine Gefühle und Gedanken, seine Ängste und Stärken, seine Ideen und Vorstellungen, seinen Mut und seine Verbindung zum Menschen gegenüber wieder. Es zeigt ein Stück weit die Realität, gleichzeitig ein Schauspiel, ein Theater der Emotionen im Ausdruck des Portraitierten. Und erheblich mehr von der Sichtweise des Fotografen, als vielen Menschen bewusst ist.

Wie weit sich der Mensch vor der Kamera loslassen oder festhalten, er selbst sein kann oder etwas vorspielen kann, auf der Aufnahme befreit und unabhängig, oder befangen fremd wirkt, liegt wesentlich am Verhältnis von Fotograf und Model zueinander. Es liegt zudem an der Fähigkeit des Models, die Ausdrücke zu spielen oder zu fühlen. Es ist ein Zusammenspiel von Model und Fotograf, bei dem die Wesensart des Fotografen entscheidet, in wie weit die Fertigkeiten des Models sich entfalten können. Sie zuzulassen, zu fördern, sie zu unterstützen in Form seines Auftretens und im Umgang mit Menschen speziell in diesem relativ intensiven Moment ist gleichermaßen bildbestimmend.

Beim Bild der stillen Betrachtung hingegen findet meist keine direkte Verbindung durch Blickkontakt zwischen Model und Betrachter (Kamera) statt. Entweder etwas abgewendet von der Kamera, oder mit geschlossenen Augen, verdeckt oder unbestimmt kennzeichnet diese Art Portrait. Zeitweilig kann aber auch ein abwesender, in sich gekehrter Blick in die Kamera, oder vielmehr durch Kamera und Betrachter hindurch diese Art eines solchen Portraits beschreiben.

Eine Handlung, ob aus ganz Alltäglichem oder einer besonderen Aktion, dient als Grundlage für die Geschichte, die ein solches Bild erzählen soll. Der Betrachter nimmt so die Rolle ein, als der stille Beobachter einer definierten Szenerie. Sie könnte sich jederzeit so oder so ähnlich überall abspielen. Sie enthält einen oder mehrere Aspekte, die sie spannend und unterhaltsam, interessant und sehenswert, vielleicht geheimnisvoll und ergreifend macht.

Etwas nicht (mehr) alltäglich Öffentliches könnte diese Szene darstellen. Hier wird dem Betrachtenden ein Einblick gewährt. Eine öffentliche Handlung, die im Rahmen des Bildes eine wertvolle Betonung erfährt, die damit wiederum ein spannendes und eindringliches Gefühl erzeugt, erzählt das die Geschichte des Bildes? Vielleicht eine Geschichte von Leichtigkeit und Freiheit, von Schönheit und Natur, von Unbefangenheit und Unvoreingenommenheit, durch lichtdurchflutete, helle Tönung unterstützt, nimmt es den Betrachter mit, und ermöglicht so diese Empfindung auf wunderbare Weise.

Oder ein Bild schreibt eine düstere Metapher, melancholisch und schwermütig, durch dunkle Töne mitreißend faszinierend, den Betrachter die dunkle Seite seiner Seele wiederfindend in das Bild hinein ziehend. So sähe eine fotografische Wegbeschreibung aus.

Anders ist die Dreiecksbeziehung beim direkten Portrait. Dabei besteht ein persönlicher Blickkontakt zwischen Model und Fotograf, mehr noch zwischen Model und Kamera, letztendlich aber bildlich zwischen Model und Bildbetrachter. Wesentliches begründet sich in der Stimmung, dem Gefühl, dem Ausdruck, der in einem Bild übermittelt wird. Ein Gefühl, entstanden im Blick und der Mimik des Models, erfasst durch den Fotografen, in seinem für richtig und passend empfundenen Moment und von ihm bestimmten Blickwinkel und Licht der Aufnahme. Letztendlich ist es die Empfindung, die das Bild im Besucher erzeugt, die über Inhalt und Geschichte eine Güte findet, oder eben nicht.