Was ich besser machen könnte… Teil 9 von 12 [Intermezzo]

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„Wo liegt mein Schlüssel? (Über bewusstes Handeln)

Eine Angewohnheit, die vermutlich jedem schon begegnete ist das Verlegen unterschiedlichster Utensilien. Ich suche immer dann etwas, wenn ich es nicht dort hin bringe, woher ich es holte, oder etwas, was hinzu kommt, nicht an den Platz lege, wo es weiter standardmäßig behandelt wird. Eigentlich eine vollkommen banale Frage der Organisation, oder? Aus Erfahrung weiß vermutlich auch jedermann, dass die Zeit, die man zur Suche der verlegten Sachen braucht um ein Vielfaches größer ist, als die Zeit des ordnungsgemäßen Ablegens gebraucht hätte. Die oftmals nur wenige Sekunden länger dauernde Aktion des Zurücklegens kostet mich nahezu immer so wenig Zeit, dass es ein wahres Phänomen ist, warum ich es nicht mache. Warum machst du es nicht? Kommt dir auch der Gedanke „gleich“? Oder entscheidest Du dich auch erst, eine Sache fertig zu bringen, bevor etwas zurück geräumt wird?

Was hat dieser Umstand mit Bewusstheit im täglichen Leben zu tun? Im Alltag versucht der Mensch im Allgemeinen möglichst effizient zu sein. Energiesparen in jeder erdenklichen Form, kein Weg zu viel lautet die Devise. Am Beispiel des Wohnungsschlüssels kann ich mein Verhalten leicht demonstrierten. Ich betrete die Wohnung, nachdem ich sie aufgeschlossen habe, mit dem Schlüssel in der Hand und anschließend gibt es mehrere mögliche Szenarien, wie die Geschichte verlaufen könnte.

  1. Ich gehe als erstes zum Schlüsselbrett und hänge den Schlüssel dort auf. (Vorbildlich, oder? ☺)
  2. Ich stecke den Schlüssel in die Jackentasche, nachdem ich aufgeschlossen habe und betrete die Wohnung. Der Schlüssel bleibt in der Jacke. (Eine Jacke von vielen in der Garderobe, nicht einfach, oder?)
  3. Ich halte den Schlüssel in der Hand, nachdem ich die Türe aufgeschlossen habe, trage meinen Einkauf in die Küche und lege den Schlüssel auf die Arbeitsplatte, um ihn später weg zu bringen, nachdem das Obst in den Kühlschrank gewandert ist. (Hier kann „später“ ziemlich spät werden 🙈)
  4. Je nach den Dingen, die ich mit ins Haus bringe, komme ich manchmal nicht direkt zum Ort, wo die Schlüssel hängen und dabei besteht die Möglichkeit, sie dort abzulegen, wo die mitgebrachten Dinge hin gehören.

Diese Möglichkeiten sind sicher noch um einige zu erweitern. Was ließe sich aber ändern, oder um die Frage aus der Überschrift aufzugreifen, was könnte ich besser machen? Mit dem bewussten agieren, das dem weitläufigen „Funktionieren“ entgegen steht (und ich funktioniere zuweilen recht ordentlich), schaffte ich mir die Chance, weniger suchen zu müssen und damit die Zeit für andere, bedeutsamere Dinge zu verwenden. Nach dem Abstellen des Obstes zuerst den Schlüssel aufhängen, den Schraubenzieher nach dem anziehen der Schraube am Griff der Pfanne direkt in den Keller zurück zu bringen und nicht erst dann, wenn ich das nächste Mal in den Keller gehe. Es kostet wenige Sekunden, wenn ich es sofort mache, aber zig Minuten, wenn ich den Schraubenzieher suchen muss, weil mir nicht einfällt, wo ich ihn zuletzt genutzt hatte.

Wo liegen deine Schlüssel, wenn sie nicht am richtigen Ort zu finden sind? 😊

Nackt! (212)

Nackt! Bist du nackt ein anderer Mensch, als wärst Du bekleidet? Gibt dir deine Kleidung einen Schutz, eine Maskerade, eine Sicherheit. Ist Kleidung etwas, ohne die du entblößt, ja vielleicht sogar erkennbar wärst?



Nackt. So bist nur selten in der Öffentlichkeit zu sehen, nicht wahr? In unserer westlich geprägten Gesellschaft gibt es nur wenige Orte, an denen es gestattet ist, sich unbekleidet zu zeigen. Etwa der FKK-Strand oder die Sauna, und vielleicht ein Nudisten-Camping. Bist du nur etwas weniger bekleidet, so gibt es weitaus mehr Orte, an denen es zum üblichen Erscheinungsbild zählt: etwa das Schwimmbad, der Strand oder auch die Stadtparks der Städte. 

Fast fließend sind die Übergänge von Strandkleidung über leicht sommerlich bekleidet bis hin zu „normaler“ Kleidung. Eine Kleidung, die unseren Körper bis auf die Hände, Beine und unser Gesicht vollständig bedeckt. Bedeckt meint dabei eine Hülle aus Pflanzen-, Kunst-, oder Tierfaser, in welcher Weise auch immer. Denn ob eng anliegend, so dass unsere Körperform gut erkennbar bleibt oder so weit, dass wir wie hinter einem Vorhang versteckt scheinen, es kommt nur auf das Bild an.

„Erregung öffentlichen Ärgernisses“ wäre die Bezeichnung für den Tatbestand, sich unbekleidet an öffentlichen Orten zu zeigen, Orten, an denen es nicht gestattet ist. Andere Menschen fühlen sich möglicherweise vom Anblick eines Unbekleideten belästigt. Außerdem, so etwas macht man nicht, es gehört sich nicht. Unsere westlichen Sitten gebieten da deutlich Zurückhaltung. 

Nicht in allen Kulturen der Erde gilt dies bekanntlich gleichermaßen. Und schon in unserer eigenen Kultur gibt es frappierende Unterschiede bei dem, was vom Körper -und wo- zu sehen sein darf. Wer schon einmal während eines Venedig – Aufenthaltes versuchte, schulterfrei in den Markusdom zu gelangen, der weiß, wovon ich spreche. 

Doch welche Gefühle bemächtigen sich unser, wenn wir scheinbar (und der Kühle unserer Breitengrade geschuldet  – tatsächlich) schutzlos dastehen? Gilt doch Kleidung neben Nahrung und Wohnung als eines DER Grundbedürfnisse des Menschen. 

Sind wir in diesem Moment hilflos, weil wir ohne eine Aussage der Kleidung unseren bloßen Körper darstellen, nichts als unseren baren Körper? Keine Etikette üblicher Weise vermag uns einzuordnen. Nur die Form unseres Fleisches, unserer Knochen und der sonstigen „Zutaten“ eines Körperbaus beschreiben das Bild von uns. Oftmals nicht weniger, als durch körperbetonte Kleidung nicht auch zu erkennen gewesen wäre. Dennoch, es ist ein kultureller Unterschied, meist, lässt man eng anliegende Push-Up Mode außen vor. 

Nach der Beschreibung dieses Ist-Zustandes, die uns in jedem Moment eine Einschätzung über einen Menschen abverlangt stellt sich (mir hin und wieder) die Frage, was wir ohne die Kleidung vom Gegenüber erführen! Würdest du die Augen suchen? Würde die Gestik und Mimik alles in dir erzeugen? Wäre der Geruch etwas, was dich eine Meinung bilden ließe? 

Es geht hier ja um den ersten Eindruck,  aber würde er dir genügen? Würdest du auf Worte setzen? Wäre das Handeln für dich entscheidend? Käme es überhaupt so weit? Wie sähen die Interaktionen aus, wären wir alle nackt?

Und nun: Vergleiche!

Michelangelo, oder Ziele der Schönheit (160)

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Der Hintern Gottes
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(Gemälde von Michelangelo Buonarroti in der Sixtinischen Kapelle)

Welchen anderen Sinn und Zweck hat ein schöner Schein als zu scheinen? Welchen Sinn und Zweck hat ein schöner Schein als eine Wirkung zu erzielen? Auf wen aber soll sie wirken und warum wirkt er in seiner Weise?

Schönheit beim Menschen, ein schönes Gesicht, ein schöner Körper – Ausstrahlung wäre wirkungslos, wenn nicht ein Adressat existieren würde. Schönheit ist eine Ursache. Schönheit existiert in unserem Dasein. Schönheit erzielt eine Wirkung. Menschen erkennen Schönheit, und sie fühlen sich intuitiv zu ihr hingezogen, in den meisten Fällen jedenfalls.

Alleiniger Adressat der Schönheit ist der Mensch selbst. Frisst nicht ein Löwe einen schönen Menschen genauso gerne, wie einen hässlichen Menschen. Freut sich ein Hund nicht über eine Delikatesse, gleich ob sie von einem furchigen Narbengesicht überreicht wird oder von einer zarten, bildhübschen Prinzessin.

Die Schönheit setzt im Menschen bestimmte Hormone frei, Emotionen (Reizreaktionen) in uns sind die Folge, die oftmals Reaktionen zur Folge haben. Beispielsweise lächeln wir bei einem schönen Kinde viel ehr, als bei einem wenigen schönen Kind, so haben es Wissenschaftler festgestellt. Andere Wissenschaftler sehen in der Wirkungsweise neurophysiologische Reaktionen. Komplexe Verhaltensmuster entwickelten sich in unterschiedlichen Kulturen.

Erkannte menschliche Schönheit besitzt einen großen Anteil an evolutionärem und sozial entwickeltem Potential. Wir als westlich orientierte Menschen würden geografisch oder ethnisch entstandene Formen der Schönheiten nicht als solche bezeichnen, würden nicht die Reaktionen erfahren, die wir bei Schönheiten unseres Wirkungskreises erfahren. Ob es nun der Fettsteiß mancher afrikanischer Völker ist oder die Tellerlippen der Äthiopier, sie erzeugen in uns nicht die Reaktionen eines bildhübschen jungen Kindes wie Ronja Räubertochter Hanna Zetterberg.

Wissenschaftliche Versuche, bei denen in Gesichtern von Probanden Sensoren angebracht wurden, um Muskelkontraktionen aufzuzeichnen, die nach der Ansicht bestimmter Bilder erfolgten, bewiesen dieses Zusammenspiel von Emotionen und körperlichen Reaktionen. Nur die wenigsten davon nehmen wir deutlich wahr, (Angst-die Haare stellen sich auf, Liebe-Schmetterlinge im Bauch) die Mehrzahl passiert völlig unbewusst.

So hat Schönheit den Zweck, Reaktionen zu erzeugen, Schönheit ist zielgerichtet, und wir alle versuchen tagein, tagaus den Wert dieser Schönheit zu erhalten, zu steigern oder erzeugen. Wir wissen, unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit und über die Jahrhunderte hinweg, dass gesteigerte Attraktivität uns bei der Erreichung unserer Lebensziele dienlich ist, und wir im Gegensatz bei ihrem Mangel dieses durch differente Investitionen ausgleichen müssen.

Können wir uns wehren gegen diese Automatismen? Neurowissenschaftliche Forschungen verneinen diese Frage eindeutig. Doch im zweiten Schritt haben die Menschen Handlungsspielraum. Nachdem die evolutionär-soziale Sensorik auf die Schönheit mit körperlichen Reaktionen antwortete, liegt es an uns, diese in unserem Bewusstsein als das zu erkennen, was sie tatsächlich ist. Schöner Schein, der vorerst nur den Sinn des schönen Scheins besitzt, sonst nichts.

 

 

Zwecklose Schönheit? ( 138 )

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Mies Vandenbergh Fotografie

 

Kürzlich las ich in „Kallias“ von Friedrich Schiller über die Befreiung vom Zweck der Schönheit, damit die Schönheit durch das Fehlen jeglicher Zielgerichtetheit überhaupt erst zum Tragen käme.Das greife ich mit großer Begeisterung auf und führe diesen Gedanken gerne weiter.

Was bedeutet es, wenn Schönheit zielgerichtet ist? Dazu bedarf es einiger Vorüberlegungen. Nehmen wir an, ein Ding, ein Wesen ist existent. Woher auch immer, was auch immer, das soll bei dieser Betrachtung unerheblich sein. Dieses Wesen oder dieses Ding besitzt Schönheit. Zunächst soll es unabhängig nur bestimmt sein, einmal, für wen diese Schönheit existiert, und zum andern, was genau Schönheit beschreibt. Als Adverb könnte genauso hässlich hergenommen werden, oder eine für uns Menschen nicht wertende Beschreibung wie zum Beispiel „groß“ sein. Etwas besäße Größe! Es soll auch nicht näher bestimmt werden, worin sie zu erkennen wäre. Davon gehe ich zunächst als Prämisse aus. Folglich kann Schönheit –oder eine beliebige Eigenschaft– eine Wirkung nur dann haben, wenn ein Empfänger zugegen ist, dem diese Wirkung zu Teil wird. Das Kausalitätsprinzip wirkt entsprechend. Genau zu diesem Zeitpunkt greift die eingangs erwähnte Fragestellung, nur mit dem Unterschied, dass diese Wirkung einem Zweck dienen kann oder eben nicht.

Ich stelle die Frage, ob die angenommene Schönheit einem bestimmten Rezipienten als Schlüsselreiz dient oder ob die Schönheit da ist und keinerlei Wirkung auf den Empfänger ausübt (außer ihrer Erscheinung und Erkenntnis selbst). Angenommen, die Schönheit tut dies nicht, ist in keinster Weise zielgerichtet, wie würde es der Schönheit gerecht werden, und sie überhaupt erkannt werden? Gibt es Schönheit, wo sie nicht wirkt, kein direkter Sinn erkennbar ist? Wer nähme sie wahr, wenn sie doch frei von einem direkten Bezug sind?

Dass es wahr ist, wir in der Tat Schönheit erkennen, obwohl sie nicht direkt mit einem Zweck für unsere Existenz verknüpft ist, das ist jedem Menschen geläufig. In wie weit es dabei zu Parallelen kommt, zu Abläufen, die durch bestimmte Reize -durch unsere Sinne aufgenommen- in unserem Gehirn umgemünzt werden, und bestimmte Belohnungszentren heimlich doch bedient werden, das liegt auf dem Gebiet der Neurowissenschaft. Wir erkennen Schönheit wieder, Muster aus unserem Gedächtnis passen auf das Erkannte, wir erfreuen uns daran. Der entsprechende Bereich unseres Gehirns produziert Hormone, die in uns ein Gefühl erzeugen, das oberflächlich als erhaben, warm oder begeisternd beschrieben werden könnte.

Durch den Menschen erkannte Schönheit, die frei von Zweck ist, hat nach Schiller, wie ich ihn verstanden habe, erst die eigentliche, wahrhafte Bedeutung des Begriffs. Vielmehr ist er eigentlich frei von jeder Begrifflichkeit, denn in dem Moment, in dem ein bestimmter Begriff, der sich stets durch einen Sinn erklärt, zum Tragen kommt, hat das Ding oder Wesen die wahre Schönheit bereits verloren.

Am ehesten lässt sich dieser Zustand mit dem Szenario beschreiben, wenn uns vor Schönheit der Atem stockt, uns die Worte fehlen, wir sprachlos sind. In diesem Moment stellt sich die Frage nach einem Sinn und Zweck des Erkannten nicht. Eine Erläuterung erfolgt frühestens dann, wenn sich der erste Eindruck der Schönheit relativiert hat, unser Geist die sinnlichen Informationen von unseren Gefühlen übernimmt.

Als Beispiel mag eine Sequenz aus der „Carmina Burana“ von Orff oder die „Morgendämmerung“ von Sibelius hergenommen werden, diese Musik, die frei von Zweckdienlichkeiten uns eine Gänsehaut über den Nacken aufkommen lässt. Die Schönheit manifestiert sich in einer Abfolge von Tönen, im Prinzip willkürlich zusammengestellter Instrumente, die willkürlich aus mehr oder weniger natürlichen Materialien zusammen geschustert wurden, Materialien, die in ihrem Rohzustand, wie auch prinzipiell in ihrem vollendeten Zustand im Bezug zur Musik jeder Schönheit entbehren. Nicht dass ein Cello oder eine Oboe nicht auch schön sein könnte, davon soll hier nicht die Rede sein, doch für die Musik ist es erst einmal Faktum. Geht es aber um den Klang, dann ist es von absoluter Bedeutung, nämlich die Schönheit der Töne hervorzubringen, nur darauf kommt es an. Hier sei nur der Vergleich eines orchestralen Werkes zu einem Stück eines Digery Doo gestattet, welches gleichsam in der Lage sein kann, durch den virtuosen Könner bespielt, beseelte Töne von wunderbarer Schönheit hervorzubringen. Und wie viele Menschen aus unserem westlich geprägten Kulturkreis würden ein ausgehöhltes, geschmücktes Stück Eukalyptusholz als schön bezeichnen?In jedem Falle ist der Zuhörer ergriffen von einer Schönheit der Töne, die vordergründig frei von Sinn und Zweck für seine Existenz zu sein scheint.

Ähnliche Gedanken könnte man spinnen, wenn man einem Gemälde von Caspar David Friedrich oder William Turner gegenüber steht. Vielleicht wäre es ein ähnliches Gefühl der überwältigenden Schönheit, stünde man an den Orten, die den Künstlern als Motiv dienten. So erging es mir zumindest, als ich ähnliche Bilder bei meinem Besuch der Insel Rügen vorfand, ohne näher darauf einzugehen, in wie weit Friedrich die Natur idealisierte. Ist diese Schönheit nicht frei von Sinn und Zweck, so wie der Blick auf die Wasserfälle von Iguaçu oder die fallenden Seen von Plitvice?

Wie aber ist die Schönheit zu betrachten bei einem surrealistischen Gemälde von Dali oder (für mich) noch abstrakter bei einem Gemälde von Kandinski oder Klee? Gehe ich noch weiter ins (für mich) ganz Abstruse, zu einem Fettfleck von Joseph Beuys in der Düsseldorfer Kunstsammlung! Für eine Reinigungskraft war sicher keine Schönheit zu erkennen, sonst hätte sie sich sicher nicht an die Beseitigung des „Kunstwerkes“ gemacht. Finden wir darin -sicher befreit von jeglichem Sinn und Zweck- eine Schönheit wieder, die uns in einer bestimmten Form anspricht, erhebt oder erstaunen lässt? Die Antwort liegt in diesem Falle beim  Betrachter.

Die Frage, ob es stimmt, dass die vom Zweck befreite Schönheit als die eigentliche Schönheit angesehen werden sollte, oder ob ein Sinn eines Wesens oder einer Sache seine Schönheit nur vermindern oder gar noch verstärken kann, diese Frage kann jeder für sich selbst beantworten, wenn er sich die Zeit dazu nehmen mag. Ich bin da noch zwiegespalten, sehe ich doch für mich eindeutig eine wunderbare Schönheit im Körper (wie im Geist) eines Menschen, eine Schönheit, welche in keinster Weise frei von Sinn und Zweck (für mich) ist!

 

Die Mittel der Wahl (91)

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Mies-Vandenbergh-Fotografie

Ein Mensch steht vor seinem Kleiderdepot. Er fragt sich, welche Kleidung er wählen soll. Von außen betrachtet und vor dem Hintergrund des Themas Aussehen und Attraktivität stellen sich mir bei dieser Szene folgende Überlegungen ein:

Zu welchem Zweck (ver-) bekleidet sich der Mensch? Was möchte er mit dieser oder jener Wahl der Kleidungsstücke erreichen, welche Absicht steckt dahinter? Welche formellen und informellen Übereinkünfte wurden für diese oder jene Art der Kleidung festgelegt?

Ein Mensch sitzt vor seinem Schmuckkästchen. Er fragt sich, ob, und wenn ja, welchen Schmuck er anlegen soll. Sind auch dabei Konventionen im Spiel, die zu bestimmten Anlässen bestimmte Etikette empfehlen?

Ein Mensch steht vor seinem Schuhschrank. Er fragt sich, welches die Farbe und Form ist, die seine Schuhe stilsicher zu seinen Kleidern passen lässt. Er überlegt sich außerdem, ob die Form seiner Schuhe den Anforderungen seiner heutigen, voraussichtlichen Wegstrecke ‚per pedes‘ entspricht. Wobei im Zweifelsfall das Aussehen entscheiden wird.

Bei jeder der obrigen Entscheidungen kann, rein theoretisch, von Manipulation des eigenen Äußeren gesprochen werden. Es geht darum, das eigene Äußere so zu verändern, damit eine bestimmte, genau definierte Wirkung erzielt wird. In wie weit das mit den zur Verfügung stehenden Mitteln überhaupt erreicht werden kann, das möchte ich hier ebenfalls erfragen.

Menschen zeigen sich in der Öffentlichkeit. Zwar nicht in ihrer natürlichen Erscheinung, nämlich nackt, sondern bekleidet, denn sie sind schließlich „zivilisiert“. Ist es nun so, dass die unterschiedlichsten Ausprägungen der Bekleidung meist mit ziemlich eng gefassten Konventionen oder Aussagen belegt sind? Erfordern bestimmte Situationen entsprechende Kleidung? Sind diese Unterschiede innerhalb kleinster Kulturkreise akzeptiert und bekannt und das auf regionaler Ebene, Länderebene und Staatsebene? Über die Kontinente hinweg finden sich sowohl Übereinstimmungen wie auch regelrechte Abweichungen. Bei der Konfrontation mit abweichenden Kulturen reagieren wir regelmäßig mit Unverständnis. Dies geschieht nicht aus bösem Willen, sondern nur aus Argwohn oder Unwissenheit, besonders Andersartigem gegenüber. Die westlich industrialisierte Gesellschaft wird gewiss über ein Auftreten im ledernen Lendenschutz bei einer Fachtagung über Automationstechniken in helle Aufruhr versetzt. Noch größer wäre die Erschütterung, würde der so bekleidete Mensch einen Beitrag von exorbitanter Qualität abliefern.

Da stehen wir also, in Jeans mit Hemd und Sportschuhen, im Sommerkleid mit leichten Stoffschuhen, im Anzug mit ungarischen Lederschuhen, im Kostüm mit High-Heels oder im Bikini. Je nach Anlass finden wir die Form.

Weiter stellt sich für mich die Frage nach der Wertung der Stofffetzen. Was macht den Menschen „wertvoll“, Stoff zurechtgeschneidert von Armani oder Gucci, Schuhe von Prada, oder nur einige Felle des Eisfuchses? Je nach Schnitt, oder?! 😉 Und nicht bei der Kleidung endet die Verkleidung! Was macht den Menschen „wertvoll“, der einen Porsche oder Aston Martin, eine private Cesna oder ein Jet Ranger, oder aber nur ein Rappe der Gattung Araber sein Eigen nennt? Ist es der Beweis für das Erreichte im Leben, der aussagt, hey, sie her, wie erfolgreich ich das Leben gemeistert habe und wie gut daher meine Gene sind?

Welche Rolle erwarten wir von einem Menschen, der mit dem Designeranzug bekleidet auftritt? Was möchte er ausdrücken, in Gegensatz zum Träger der „Semi-destroyten“ Jeans mit einem Verkaufspreis von immerhin knapp 300 Euro? Was derjenige in einer vergleichsweise einfachen Cordhose ausdrücken möchte, darüber kann man ebenso Überlegungen wagen, und in welche gedankliche Schublade der Träger dadurch von uns abgelegt wird, das steht auf einem anderen Blatt.

Meine eingangs beschriebene Überlegung zielt auf folgenden Umstand ab: in wie weit der Mensch in der Lage ist, sich so zu präsentieren, dass die gewünschte oder „erforderliche“ Aussenwirkung nicht hinter der Beabsichtigung zurück bleibt, sondern tatsächlich erreicht wird? Immer wieder stelle ich fest, dass ein Ziel, eine Wirkung für sich selbst eingefordert wird, für dessen Erreichen jedoch schon fundamentalste Prämissen fehlen. Ich selbst nehme mich da in keinster Weise aus!

Zur welchem Ergebnis kommt ein Mensch, der rein äußerlich den Konventionen nahezu perfekt gereicht, der aber durch unkonventionelle Verhaltensmuster in der Summe seiner Erscheinung nicht authentisch oder glaubwürdig auftreten kann? Als übertriebenes Beispiel sei eine Person im klassischen Markenanzug oder Maßanzug genannt, dem jedoch die gesellschaftlichen Umgangsformen nicht geläufig sind. Man stelle sich solch eine Person vor, die zur Begrüßung auf ihr gegenüber zugeht, und mit einer festen Umarmung dem Menschen zwei dicke Schmatzer auf die Wangen gibt.

Dieses Beispiel entbehrt nicht einer gewissen Komik, verdeutlicht zwar auch meinen Frageansatz, nur möchte ich das entsprechend meinem Hauptthema etwas subtiler beschreiben. Was drücke ich mit meiner Kleidung aus, wenn ich nicht zu einer Art Selbsterkenntnis und Selbstsicherheit gelangt bin, die mich in Fragen meines Stils authentisch unterstützt? Ausgehend von der These, dass jede Person danach bestrebt ist, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten gefällig auszusehen, stelle ich die Frage, ob ich meine eigenen Schritte zur Erreichung dieser Verschönerung überhaupt bewusst setzen kann.

Was nutzt mir die noch so klassische Kleidung, wenn ich nicht die Höflichkeit besitze, einer Dame den Stuhl zu reichen? Was nutzt mir die Designerjeans, wenn ich nicht die Erscheinung habe, mich darin zu bewegen? Was nutzen mir die italienischen Schuhe, wenn ich darin stets stolpere? Was nutzt mir der Gürtel aus Krokodilleder (für mich sowieso nicht recht), wenn meine Plastikhandtasche voller Schachteln mit Zigaretten ist und ich keinen Moment ohne eine solche da stehen kann?

In unserer Gesellschaft wird sich der Fokus stets auf ein bei uns eventuell vorhandenes Manko richten. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob das Manko durch unser Unvermögen uns zu kleiden entstanden ist, oder ob es uns angeboren ist. Wenn ich letzteres als nicht Inhalt dieser Betrachtung zurückstelle, komme ich bei dem durch uns selbst verursachten Fehlgriff zu einer weiteren Fragestellung: Existieren überhaupt allgemeingültige Normen, Übereinkünfte über eine gültige, gefällige oder unvorteilhafte, verunstaltende Bekleidung oder Manipulation des Äußeren beim Menschen unserer Gesellschaft?

Scheinbar frei in der Wahl unserer Kleidung finden wir bei genauerer Betrachtung sehrwohl einige ungeschriebene Vorschriften, die je nach Anlass eine bestimmte Art von Kleidung vorschreiben. Also doch eine Kleiderordnung? Wie alle kennen sie, und wollen wir gesellschaftlich ernst genommen werden, so halten wir uns tunlichst daran. Außer, wenn wir in unserer persönlichen Freizeit verweilen, dann, ja dann schlagen wir gerne über die Stränge, verweigern uns den sonst fast allgegenwärtigen Vorgaben. Was dabei heraus kommt ist nicht immer von Vorteil für uns selbst, und das liegt nicht nur an der eigenen Unsicherheit oder fehlenden Erfahrungen in der Wahl unserer Klamotten, sondern viel mehr in unserer Selbsterkenntnis begründet, die vielleicht schon deshalb nicht so wirklich entwickelt und ergründet wurde, weil wir unsere Lebenszeit und Lebensenergie zu sehr für von uns selbst ablenkenden, oberflächlichen „Dingen“ vergeudet haben. Das lässt sich sogar bei sehr vielen Menschen auf unseren Körper übertragen. (Darüber schreibe ich in einem der nächsten Beiträge erst etwas, dazu habe ich zuvor noch einige Lektüre zu lesen.)

Und was kann ich als erstes Teilfazit formulieren?

Nicht jeder hat einen fähigen Stilcoach zur Hand, um sich vorteilhaft zu kleiden. Die wenigsten Menschen finden ihren passenden Stil, der sich harmonisch zu ihrem Wesen, zu ihrer Erscheinung fügt, weil sie noch auf der Suche nach sich selbst sind. Konventionen scheinen zu bestimmten Anlässen etabliert und anerkannt zu sein. Die oft übertriebene Beschäftigung mit äußeren „Werten“ führt zu keinem harmonischen und authentischen Aussehen ohne eine beginnende Erkenntnis über sein inneres Wesen.