Agonie der Hoffnung [120]

Veränderung ist das, was Leben bedeutet. Stagnation hieße ein Wandel zu einem Stillleben. Doch – alles bewegt sich. Nichts ist fixiert, weder der Berg, noch der Ozean, noch das Plastik in unserer Umwelt. Unser Leben sowieso, denn während wir verzweifelt oder im Glauben gekonnt meinen, es steuern zu können, geschieht Leben einfach so weiter. Offenen Auges schreiten wir voran, beobachten all die Dinge, die sich verändern, schauen hi und da nach vorne und zurück, sehr selten mal zur Seite, bestimmt aber nicht über den Tellerrand hinweg und setzen unsere Schritte fort.

Hoffentlich geht das gut, denken wir uns, kaufen weiter fleißig jedes Jahr ein neues Handy, alle 3 Jahre ein neues Auto und alle 12 Jahre einen neuen Lebensabschnittspartner. Ach, Unsinn, wir doch nicht, immer diese Statistiker. Was ist schon Durchschnitt? Also, hoffentlich geht das gut. Klima, Regenwald, Plastik, Umwelt, Bildung, das Leben schlechthin. Sieht zwar manches nicht mehr so toll aus, aber hey, bei uns im Discounter gibt’s doch alles. Und Microplastik in mir habe ich auch noch nicht gefunden. Zwar auch nicht gesucht, aber was solls, geht mir doch ziemlich gut. Na gut, im Schnee ist es jetzt auch nachgewiesen worden, aber naja, den essen wir ja nicht. Nee, den trinken wir auch nicht, Niederschlag doch nicht. Wie, Tiere, die wir verspeisen trinken Regenwasser? Naja, wird schon nicht so schlimm sein. Man soll sowieso weniger Fleisch essen. Soll gesünder sein. Dafür mehr Gemüse. Und wer jetzt auf die Analysen hinweist, die Microplastik auch in Gemüse nachweisen konnten, der ist schon ein regelrechter Spielverderber.

Wird schon gutgehen, irgendwie. Dass die meistverkaufte Nussnougatcreme (der Welt?) jede Menge Palmfett beinhaltet, das weiß man, aber so schlimm wird die Abholzung der Urwälder nicht sein, wo statt des Urwaldes Palmen angebaut werden. Darauf erst mal einen Kaffee aus der Kapsel-Maschine trinken. Plastikmüll? Das bisschen. Außerdem, für mich alleine lohnt kaum eine andere Variante. So als Single, von denen es ja immer mehr gibt, gerade in Städten, wo alle hin wollen oder müssen, weil das Fahren ja nicht mehr zeitgemäß ist. Umwelt, du verstehst?

Wer hat eigentlich gesagt, dass die Kommunikation zwischen den Menschen problematisch würde? Bei uns nicht, wir haben ein Smartie, mit allen möglichen Apps und Anwendungen, mit deren Hilfe wir total viel kommunizieren. Da braucht man nicht mal mehr hingehen. Und Konflikte gibt’s da auch weniger. Man muss ja nicht antworten und schlimmstenfalls muss man halt blockieren. Außerdem kommuniziere ich mit all meinen Freunden der sozialen Netzwerke. Das sind echt viele und wir kommunizieren echt viel. Und die Likes erst. So viele, ich bin echt was wert.

Nee, raus gehen machen wir weniger. Wozu auch, geht alles online. Und viel günstiger. Und, wir müssen kein Auto oder Bus fahren, schonen total die Umwelt damit. Die Post fährt eh, hält bei fast jedem, in der Straße, jeden Tag. Dann ist mein Paket ja sozusagen nur Mitfahrer. Sozusagen. Außer Urlaub natürlich. Wir fliegen fast jedes Jahr weg. Ja, wegen Wetter. Ist hier auch nicht dolle, zumindest nicht zuverlässig. Ja ich weiß, ökologischer Fußabdruck. Aber weißt du, wenn ich Greta so sehe, die jetzt über den Atlantik segelt, und nur im Notfall den Diesel im Boot anwirft, das ist cool. Nee, ich hab leider nicht die Zeit, nach Formentera zu segeln, weißt du, die Dauer, ich hab ja nur 2 Wochen Urlaub im Sommer. Und La Réunion, wie lange müsste ich dahin segeln? Greta hat keinen Job, die hat es gut, und die Überfahrt wird wohl gesponsert. Denke ich, oder.

Hoffentlich geht das gut. Nee, nicht Greta, die haben einen Schiffsdiesel. 84 PS. Ich meine den Rest. Klima, Plastik, Regenwald und so. Ach ja, und Bildung. Aber bei der Bildung beginnt es, denn woher soll man wissen, was in der Nussnougatcreme für Inhaltsstoffe sind, wenn man in der Schule schreiben darf, wie man hört. Und wo der Unterrichts-Ausfall so hoch ist, dass Politik oder Ethik gar nicht statt finden kann. Wie soll einer darauf kommen, dass in einem Land in Südamerika Regenwälder gerodet werden, um Soja, das hauptsächlich für Tiernahrung verwendet wird, anzubauen. Das ist so weit weg, was die da machen und wenn einige Indianerstämme dafür ausgerottet werden, von den Tieren ganz zu schweigen, was solls, da irgendwo in Afrika oder Amerika, oder wo das ist. Und Palmöl für Biosprit, wo der Urwald für Palmen … – ja, du weißt schon… , das ist traurig, ja, aber der Biosprit ist gut für’s Klima. Nee, ist alles nicht gut, aber so schlimm bestimmt nicht, das sind garantiert nur Fake-News. Bestimmt. Hier ist alles in Ordnung im Supermarkt und Elektronikmarkt, wo es viele coole neue Handys gibt, jedes Jahr. Was die können, glaubst du nicht. Und jetzt komm‘ mir mal nicht mit seltenen Erden aus Afrika. Mach nicht noch ein Fass auf, sonst kommt mir noch der Gedanke, dass man nix mehr darf.

Nee, is nicht ironisch gemeint, ironisch? Wenn das mal nicht ironisch ist… 😉

Wahrnehmung und Sichtweise (223)

Was du siehst und was du wahrnimmst, sind oft ganz verschiedene Dinge. Was du siehst und was andere sehen, sind oft sehr unterschiedliche Dinge. Was du aus einem visuellen Objekt machst, und was andere damit verbinden, können immer wieder vollkommen andere Dinge sein.


Einhundert Menschen könnten etwas sehen. Nehmen wir diese Möglichkeit einmal an. Einige davon sehen es tatsächlich, andere nicht. Nehmen wir an, es seien 60 Menschen, die es sehen, der Rest von 40 sieht es nicht. Von den 60 Menschen könnten es alle wahrnehmen. Doch dem ist natürlich nicht so, denn selbst dann, wenn wir etwas sehen, nehmen wir es nicht unbedingt wahr. Es fällt durch unser Aufmerksamkeitsraster. (Ein spannendes Wort, wäre eine besondere Betrachtung wert) 

Sagen wir, von den 60 Menschen nehmen es 40 wahr. Ein hoher Wert, meine ich, buhlen doch um unsere Aufmerksamkeit sekündlich unendlich viele Reize. Doch belassen wir es bei den 40 Personen.Von diesen 40 Betrachtern verwerfen das Bild wenigstens die Hälfte, nachdem es im Gehirn kurzfristig abgeglichen wurde mit bereits bekannten, gängigen Formaten. Hier hängt es wesentlich davon ab, wie sehr etwas bekannt ist, wie außergewöhnlich eine Sache ist, die in unser Gehirn vordringt oder wie ungewöhnlich die Umstände der Wahrnehmung sind.(Ganz außerordentlich subjektiv!) Finden wir keine Verbindung, wird es interessanter. Wir sehen länger hin, um vielleicht doch noch eine Verknüpfung zu finden. Je nach Bild entscheiden wir in nur Bruchteilen von Sekunden darüber, ob sich eine weitere Beschäftigung mit der Sache momentan anbietet, oder ob es aus irgend einem Grund momentan nicht möglich ist. (Zeit, Verfügbarkeit, Wichtigkeit)

Bleiben also vorerst 20 Personen übrig. Diese 20 haben entweder eine Verknüpfung mit bereits vorhandenen Mustern gefunden, oder sie haben eine neue Idee entwickelt. 20 Möglichkeiten der Wahrnehmung, Deutung, 20 mögliche Reaktionen, wenn auf ein Bild eine Reaktion erfolgen kann. 

Zurück zur Frage der Betrachtung. Welche Bilder ermöglichen überhaupt eine Reaktion? Welche eine Besprechung, oder welche erzeugen eine Beschäftigung damit. Kurzfristig, in der Realität erblickte Situationen benötigen mindestens eine Beschreibung, wenn mehr als der Betrachter eine Beschäftigung mit dem Bilde erwägt. Eine Dokumentation in irgendeiner Art und Weise, mündlich, schriftlich oder sonst wie, wenn nicht mindestens 2 Personen die identische Szene wahrgenommen haben. Selbst dann jedoch verwischen sich die Eindrücke in Windeseile. Gesehenes vermischt sich mit Erinnerungen, Realität und Fiktion driften aufeinander zu. (Man erinnere sich an die unzähligen Versuche über Täterbeschreibungen, und wie weit diese tatsächlich auseinander lagen.)

Findet eine Beschäftigung mit einem Bilde statt, die einer Kommunikation zwischen Ersteller und Empfänger entspricht, wenn auch zeitlich und räumlich meist getrennt, so meist nur in eine Richtung, wenn es nicht gerade „live“ geschieht. Schon haben wir zwei unterschiedliche Pole, die all ihre Vorbildung (jedes mal) in die Waagschale werfen, der Absender wie auch der Adressat. Noch spannender würde es, wenn zwei Adressaten existierten, die zeitlich und räumlich zusammenträfen. So wäre ein interessanter Austausch möglich.

Anders bei einer Dokumentation? Schon bei einer Niederschrift nehmen Worte den Platz der Bilder ein. Diese erzeugen im Gedächtnis des Empfängers ein Bild aus ihrer selbst. Doch wie ist es beim stehenden oder bewegtem Bilde? Auch hier, je nach Blickwinkel und Vollständigkeit der Dokumentation entsteht willkürlich Zensur, so dass nicht mehr über die vermeintliche Situation, sondern bloß noch über das Abbild entschieden werden kann. Nichts anderes, als ein Gemälde, dessen Wirkung und Auswirkung, dessen hervorgebrachte Reaktionen und Aktionen zu einem neuen Bild heranwachsen werden. Alles eine Frage der Kommunikation, oder?

Von der Wichtigkeit einer Sache könnten einige von Hundert erzählen. Da wir jedoch in unserer Kommunikation mehr und mehr eingeschränkt werden, bzw. diesen Vorgang mutwillig selbst vollziehen, sind es am Ende nur wenige unter 10.000, die einem Bildnis gewahr werden und wie verschwindend klein ist die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Beschäftigung? Sehen wir mal (hin).