Distanz [122]

Eine Entfernung bietet Schutz, das ist allgemeinhin bekannt. Von weiter weg aus lassen sich viele Dinge einfacher betrachten, denn man ist ja nicht zu nahe dran, um eventuell involviert zu werden.

Entfernung bietet eine Grenze. Sie muss erst überwunden werden, damit eine Verbindung entstehen kann. Ist man weit genug weg, so ist man unsichtbar. Ein Mensch kann unsichtbar sein, obwohl er direkt vor einem steht. Er ist deswegen unsichtbar, weil seine Seele so weit weg ist, dass sie unsere Seele nicht berührt. Und andersherum. Natürlich.

Die Entfernung ist eine Grenze und eine Begrenzung. Sie ist beabsichtigt oder einfach so da. Sie kann verringert werden, verschoben werden oder beibehalten werden. Eine Verschiebung setzt eine Aktion oder Reaktion voraus. Bleiben diese aus, so bedeutet es, dass die Entfernung bestehen bleiben soll. Bildlich gesprochen, tauschten wir Meinungen aus, suchten nach Zielen, fänden dabei Diskrepanzen, so könnte einer einen Schritt auf den anderen zu machen. Er könnte die Distanz verringern, um Diskrepanzen auszuräumen.

Jene Angst vieler Menschen ist bei einer Verringerung der Distanz, dass das andere Wesen, auf welches man einen Schritt zuginge, diese Nähe entweder dazu nutzt – nicht mal absichtlich – zu verletzen und andererseits könnte diese Nähe bedeuten, dass man erkannt wird, wie man ist. Womöglich erkennt der andere noch weiterreichende Dinge, deren wir selbst bisher noch nicht gewahr wurden. Da bietet Entfernung schon eine gewisse Unschärfe. Man wird nicht so schnell fokussiert. Ein Schwarm bietet nicht nur Schutz, indem man in der Masse verschwindet, sich mit dem Strom treiben lässt, er dient auch dazu, kein klares Bild, kein Profil hinterlassen zu haben. Wenn deine einzige Hinterlassenschaft auf diesem Planeten der von Dir genutzte Plastikmüll ist, dann warst du zumindest in dieser Hinsicht nachhaltig bleibend.

Distanzieren sie sich von bestimmten Inhalten. Vermeiden sie es, mit bestimmten Inhalten in Verbindung gebracht zu werden. Wahren sie die Distanz. Immer schön unverbindlich sein, sonst suggeriert eine zu geringe Distanz nachher noch eine Verbindung zu einer bestimmten Sache.

Was ich besser machen könnte… Teil 9 von 12 [Intermezzo]

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„Wo liegt mein Schlüssel? (Über bewusstes Handeln)

Eine Angewohnheit, die vermutlich jedem schon begegnete ist das Verlegen unterschiedlichster Utensilien. Ich suche immer dann etwas, wenn ich es nicht dort hin bringe, woher ich es holte, oder etwas, was hinzu kommt, nicht an den Platz lege, wo es weiter standardmäßig behandelt wird. Eigentlich eine vollkommen banale Frage der Organisation, oder? Aus Erfahrung weiß vermutlich auch jedermann, dass die Zeit, die man zur Suche der verlegten Sachen braucht um ein Vielfaches größer ist, als die Zeit des ordnungsgemäßen Ablegens gebraucht hätte. Die oftmals nur wenige Sekunden länger dauernde Aktion des Zurücklegens kostet mich nahezu immer so wenig Zeit, dass es ein wahres Phänomen ist, warum ich es nicht mache. Warum machst du es nicht? Kommt dir auch der Gedanke „gleich“? Oder entscheidest Du dich auch erst, eine Sache fertig zu bringen, bevor etwas zurück geräumt wird?

Was hat dieser Umstand mit Bewusstheit im täglichen Leben zu tun? Im Alltag versucht der Mensch im Allgemeinen möglichst effizient zu sein. Energiesparen in jeder erdenklichen Form, kein Weg zu viel lautet die Devise. Am Beispiel des Wohnungsschlüssels kann ich mein Verhalten leicht demonstrierten. Ich betrete die Wohnung, nachdem ich sie aufgeschlossen habe, mit dem Schlüssel in der Hand und anschließend gibt es mehrere mögliche Szenarien, wie die Geschichte verlaufen könnte.

  1. Ich gehe als erstes zum Schlüsselbrett und hänge den Schlüssel dort auf. (Vorbildlich, oder? ☺)
  2. Ich stecke den Schlüssel in die Jackentasche, nachdem ich aufgeschlossen habe und betrete die Wohnung. Der Schlüssel bleibt in der Jacke. (Eine Jacke von vielen in der Garderobe, nicht einfach, oder?)
  3. Ich halte den Schlüssel in der Hand, nachdem ich die Türe aufgeschlossen habe, trage meinen Einkauf in die Küche und lege den Schlüssel auf die Arbeitsplatte, um ihn später weg zu bringen, nachdem das Obst in den Kühlschrank gewandert ist. (Hier kann „später“ ziemlich spät werden 🙈)
  4. Je nach den Dingen, die ich mit ins Haus bringe, komme ich manchmal nicht direkt zum Ort, wo die Schlüssel hängen und dabei besteht die Möglichkeit, sie dort abzulegen, wo die mitgebrachten Dinge hin gehören.

Diese Möglichkeiten sind sicher noch um einige zu erweitern. Was ließe sich aber ändern, oder um die Frage aus der Überschrift aufzugreifen, was könnte ich besser machen? Mit dem bewussten agieren, das dem weitläufigen „Funktionieren“ entgegen steht (und ich funktioniere zuweilen recht ordentlich), schaffte ich mir die Chance, weniger suchen zu müssen und damit die Zeit für andere, bedeutsamere Dinge zu verwenden. Nach dem Abstellen des Obstes zuerst den Schlüssel aufhängen, den Schraubenzieher nach dem anziehen der Schraube am Griff der Pfanne direkt in den Keller zurück zu bringen und nicht erst dann, wenn ich das nächste Mal in den Keller gehe. Es kostet wenige Sekunden, wenn ich es sofort mache, aber zig Minuten, wenn ich den Schraubenzieher suchen muss, weil mir nicht einfällt, wo ich ihn zuletzt genutzt hatte.

Wo liegen deine Schlüssel, wenn sie nicht am richtigen Ort zu finden sind? 😊

Die Dauer des Lebens [Gefühle der Seele, Intermezzo]

Das Leben zu leben ist anstrengend. Manchmal ist es mehr, manchmal weniger anstrengend. Je mehr ich gegen etwas, also mich selbst und meine Seele ankämpfe, desto anstrengender wird es. Ist das Gefühl im Fluss, so strengt es weniger an.

Heute war es anstrengend, denn ich habe Dinge behandeln müssen, die meinem Wesen widersprechen. So kommt es von Zeit zu Zeit, und ich überlege, warum es so ist, woher es kommt und wohin es will, dieses Gefühl der Verbundenheit zur eigenen Seele und der Abstoßung zu jenen Dingen, die der Seele zuwider streben. Das Gefühl dafür ist sehr deutlich, aber es gibt eine Ohnmacht, die zu einer Verzweiflung führen kann.

Nein, ich beschwere mich nicht, denn ich kann es ändern. Diese Änderung kostet zwar einiges, Menschenleben, Herzen, Seelen, aber es ginge. Doch gehe ich so mit Menschenleben, Herzen, Seelen um? Bringe ich einen Teil im Herzen des anderen um? Noch nicht. Erst, wenn mein Herz gebrochen ist?

Werde ich dann, wenn der Leidensdruck zu groß geworden ist, handeln? An manchen Tagen ist die Schale dünner, der Kern ungeschützt und sehr empfindsam. Solche Tage können schön sein – Zeit zum Innehalten. Doch auch anfällig ist die Seele dann, wenn sie sich geöffnet hat. Jene Gefühle, die ihr widerstreben, erscheinen, sie werden viel stärker empfunden, als aus einer Stärke heraus. Es kann wahrlich schmerzen. Wie viele Tragödien basieren genau auf diesem Gefühl.

Die Seele blutet, sie fühlt und lässt zu, was kommt und ist, ganz gleich, welcher Herkunft. Dieser Schmerz ist nicht immer einfach zu fühlen, manchmal möchte ich weglaufen, doch ich weiß, der Schmerz ist da, woimmer ich bin. Denn er ist die Seele. Manches ist wie ein Wunder, so unfassbar schön. Anderes wie eine Abstoßung, oder nein, nicht Abstoßung, denn es ist längst zugelassen und empfunden. Doch es fühlt sich einfach nicht richtig an. Diese Erkenntnis ist folgerichtig, denn eindeutig der Seele zugegen.

Was tun, in diesem Moment? Der Kopf ist überheblich und schlau, doch machtlos, weil die Seele geöffnet ist. Bleibt uns nur fühlen und loslassen, aufnehmen und vorbei lassen, wahrnehmen und sein Empfinden dem Licht zuwenden. Ja, manchmal wirkt es schwer, aber eine Seele, die empfindet, ist fähig dazu. Von einfach hat nie jemand gesprochen. Viele Grüße von deinem Seelenverwandten.

Das versteckte Bild, Teil 1 [118]

Fotos, ja, aber bitte nur verkleidet.

Was erreichten unsere Vorfahren, was wurde aus unserer eigenen Sicht auf das, was menschlich ist? Was hat ich im Laufe der Evolution getan in Bezug auf die Ansichten und Aussichten auf unseren Körper, unsere Seele? Sind es ethische und ästhetische Aspekte, die unsere Empfindung anleiten, unser Denken bestimmen, unsere Ansichten zu konkreten Reaktion zwingen? Nicht immer ganz zuverlässig kommt es in Sachen Ästhetik zu Entgleisungen. Irrungen und Wirrungen scheinen an der Tagesordnung zu sein, sie beeinflussen so unsere Wahrnehmung, stellen sie auf eine manchmal harte Probe, und rütteln mitunter gehörig an den Grundfesten.

So auch bei mir. Die Beben sind manchmal so gewaltig, dass ich viel mehr von dem in Frage stelle, was in mir zurechtgebogen und niedergemetzelt, ausgemerzt und aufoktroyiert wurde. Regeln und Sitten, Anschauungen und Gesetze, Verordnungen und Verhaltensweisen stehen da, immer wieder nackig, ohne Verkleidung, zeigen ihren wahren Hintergrund und ergeben sich damit der Sinnfrage, und der Herkunft ihrer selbst. Warum soll es SO sein, und wohin soll ES führen? Wer prägte ES einst, wer vertritt ES heute und wozu? Was könnte sich ändern, verfolge man ES so nicht weiter? Revolution nannten es manche, Konterrevolution erfolgte häufig, andere nannten es sittlichen Verfall, wieder andere Befreiung. Wenn ein System als einzige Rechtfertigung den Selbsterhalt vorweisen kann, ist dann nicht der Zeitpunkt gekommen, es zu hinterfragen?

Wann erkennen die Menschen ein System? Erkennen sie es dann erst, wenn es sie in ihrer Existenz bedroht? Wie könnte eine solche Bedrohung aussehen? Was, wenn das System den Menschen konditioniert hat, und er gefangen in weltlichen Dingen einer wesensfremden Kultur verfällt? Was muss dann geschehen, bis der Mensch erwacht, aus dieser doppelten Falle? Einmal die Falle der Wesensfremde, zum anderen die Falle der eigentlichen Entmenschlichung.

Wenn das System dem Menschen eine recht komfortable Lage bietet, in der die Grundbedürfnisse gestillt sind, und jenen Bedürfnissen, die darüber hinaus gehen, eine Ersatzbefriedigung geboten wird, vielleicht lässt sich damit diese Trance so lange aufrecht erhalten, bis die Menschen zu dekadent, zu bequem, so verunsichert, so geistig alt und arm geworden sind, um einen Aufruhr anzuzetteln oder die richtigen Fragen zu stellen, damit die Menschen erwachen. Das System erhält sich selbst somit. Wer ist eigentlich DAS SYSTEM? Sind es Menschen unter uns, die das System bilden, oder hat es sich verselbstständigt? Wer sind seine Lakaien, seine Helfershelfer, seine Verehrer, seine Knechte, seine Verfechter, seine Mitläufer, seine Anhänger und Handlanger und gar seine Erschaffer? Etwa wir alle? Ich fürchte, ich bin ein Teil davon.

Brauchte es Zeit, um diese Dinge zu erkennen? Nein, nicht wirklich. Mut? Schon eher. Und etwas verändern? Vielleicht, jeder einzelne und in seinem Wirkungskreis. Von innen, dort, wo wir sind. Oder?

Von der Vergänglichkeit [117]

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Über die Phasen des Aussehens im Laufe des menschlichen Lebens habe ich schon geschrieben. Wir Menschen befinden uns in einem ständigen Wandel. Das Wachstum ändert zwar immer wieder seine Geschwindigkeit, bis es irgendwann gänzlich zum Stillstand kommt, ab dann wächst der Körper nicht weiter, sondern baut nach einer Phase der Stagnation stetig ab. Die äußerlichen Faktoren sind für jeden sichtbar. Es beginnt scheinbar schleichend, das Gewebe verliert an Spannkraft, der Mensch kann tun, was er will, es geschieht. Das ist nicht umkehrbar, auch wenn viele Menschen es gerne umkehren würden. Soweit der Fakt. Was aber bedeutet es für unser Leben? Nichts? Für jeden Bereich nichts? Für unser Dasein überhaupt, nichts? Für das, was von uns bleiben wird, nichts? Für die Menschlichkeit, nichts?

Die Jugend weiß nichts von den Veränderungen, die sie erwarten. Klar, sie hören es, aber bis sie betroffen sind, sind es für sie ferne Galaxien aus der Mandelbrot-Menge. Ab einem gewissen Alter finden sich recht plötzlich erste Anzeichen für eine Alterung. Ab wann, das ist bei jedem Exemplar anders. Was geschieht dabei, was geht in den Menschen vor, wenn sie es feststellen? Auch da ist jedes Exemplar anders. Was macht diese Veränderung mit der Psyche des Menschen? Der Körper verändert sich, die Psyche eigentlich nicht. Warum dann die psychischen Probleme? Sind es überhaupt Probleme? Wirklich? Frage ich meinen persönlichen Schönheitschirurgen, so meint er, die Probleme sind erheblicher Natur. Also, alles nix, oder? Frage ich meine Kolleginnen und Kollegen, ist es eigentlich keine große Sache, aber der Job von dir, altes Eisen, ist schon nicht schlecht. No Problem, oder? Deine Freunden bist du immer gleich viel wert, oder? Sie bemessen dich nicht an der Elastizität deines Bindegewebes, oder? Auch dann nicht, wenn sie vielleicht etwas jünger sind, und bei ihnen der Verfall früher beginnt, als bei dir? Dein Partner schon gar nicht, er liebt dich sowieso deiner inneren Werte wegen, nicht wahr? Ein jüngerer Mensch als neuer, frischer Partner im Austausch wäre keine wirkliche Veränderung, zumal du selbst ja gleich alt bleibst. Oder ist es anders?

Worum geht es eigentlich? Um Körper oder Geist und Seele? Was möchtest Du diesbezüglich, welche Gesellschaft wünschst Du Dir? Welche Rolle spielt deine Hülle, deine Haut, deine Haare, deine Kleider? Wie viel Bedeutung hat dein Blick? Welche Bedeutung hat die Berührung, wenn du auf der Haut entlang des Oberschenkels, des Pos des Rückens entlang streichst und deinen Partner spürst, und du dabei straffe, weiche Haut fühlst oder die Haut die ersten Falten hat, das Gewebe nicht mehr so straff ist, wie es Jahre zuvor noch war? Was ändert sich im Menschen allgemein, was in dir, und was in dem Menschen, der vor dir liegt, der eine Grenze überschritt und die Jugendlichkeit verließ? Was sagt der Körper aus, in einer Gesellschaft von heute? Was kann der Körper bewirken, wenn er jung ist, und was, wenn er älter ist? Was denkst Du darüber?

Warum ich? [116]

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Warum! möchtest du mit mir arbeiten? Welche Gründe hast du? Weißt Du denn nicht, wie anstrengend es sein kann, mit mir zu arbeiten?

Du meinst, du siehst die Ergebnisse, sie gefallen dir und du möchtest ähnliches haben?

Weißt Du, wie schwierig das ist, was du dafür tun musst?

Wie meinst Du, so aufwendig kann es gar nicht sein?

Wenn Du wüsstest, was Du dafür zu leisten im Stande sein musst?

Kannst Du Dir nicht vorstellen? Du meinst, das ist doch alles ganz easy? Schließlich sähe man auf den Bildern, wie locker sie wirkten?

Ja, sehen so aus, gebe ich dir recht. Meinst du, das bekommst Du hin?

Das ist so aufwendig und kompliziert, so schwer und zeitraubend, besonders aber erfordert es eine besondere Leistung von dir:

Sei zuverlässig!

Zu schwer, nicht wahr. Zu aufwendig, oder? So viel zu investieren, für nur ein Bild? Kaum den Aufwand wert, nicht wahr! Lieber nicht, zu viel, dachte ich mir. Aber sei nicht traurig, das Leben läuft. Gewiss.

Welcher Aufwand ist nötig, um ein Bild zu erschaffen? [115]

Ganz klar ist die Beantwortung dieser obigen Frage daran geknüpft, welches Ziel hinter dem Bild steckt. Davon hängt ab, ob ein Bild nach dem Zufallsprinzip erschaffen würde oder ob Planung und Ideenfindung dahinter steckt.

Was ist nötig für ein Bild? Einerseits könnten sich Model und Fotograf irgendwo treffen und Bilder machen. So wird ein Mensch fotografiert und es entstehen Bilder. Andererseits kann eine aufwendige Planung hinter einem Shooting stehen. Das ist meist dann der Fall, wenn es sich um eine konzeptionelle Arbeit handelt, die zu einem bestimmten Ergebnis führen soll. Welcher also ist der Weg, Dein Weg, mein Weg?

Pauschal lässt sich keine Antwort darauf finden. Jeder Mensch hat einen anderen Anspruch an ein Bild. Nicht jeder möchte einen großen Aufwand betreiben, um ein paar Bilder zu erhalten. Model und Fotograf sind gleichermaßen gefragt, wenn es um die Qualität der Aufnahmen geht, und beide legen fest, welche Voraussetzungen zu erfüllen sind und wie die Planung von statten geht.

Ein Skizzenbuch beispielsweise ist für manche Menschen Neuland. Eine vorherige Beschäftigung mit dem Shooting kann mehr oder weniger intensiv sein. Manchem Model reichen einfache Bilder ohne großen Aufwand aus, manchen Fotografen entsprechend. Widersprüchlich dabei ist allein das Anspruchsdenken der Menschen: Manche Menschen erwarten explizit außergewöhnliche und besondere Bilder, gehen jedoch ohne Vorstellung davon an die Umsetzung heran. Manche legen die Umsetzung in die Hand des Anderen oder erwarten einen All-Inclusiv-Service ohne eigenes Zutun.

Wieder andere Menschen haben erste Erfahrungen hinter sich und bieten sich als Model an, dies mit der Prämisse, die entstehenden Bilder sollen wenigstens der Qualität der eigenen gezeigten Fotografien entsprechen. In den meisten Fällen jedoch findet sich bei diesen Bildern offensichtlich leider keine besondere Qualität. Aber selbst diese Einschätzung liegt im Auge des Betrachters, und vielleicht reicht einigen dieses Mittelmaß aus und sie finden diese Bildchen gut genug. Immer wieder kommt es auf den Anspruch und das Ziel an.

Vielen Fotografen geht es mehr um eine Sammlung vieler unterschiedlicher Menschen als Motiv für ihr Portfolio, da spielt die Qualität eine eher untergeordnete Rolle. Ob diese Fotografen die Qualität ihrer Bilder überhaupt erkennen steht für mich zur Debatte, denn wie solle die Aufnahme werden, wenn ein Mensch die Wirkung eines Blicks oder einer Pose nicht erkennt und damit nicht beeinflussen kann. Wenn ich die Bilder eines Peter Lindbergh oder einer Annie Leibovitz betrachte, so sehe ich doch, dass es funktionieren kann. Diese Bilder kann jeder sehen. Warum also kommt es zu solchen Unmengen mangelhafter oder unterdurchschnittlicher Fotos im Netz? Vielleicht liegt die Antwort schon in der Frage, denn der Punkt ist wahrscheinlich allein die einfache Möglichkeit der Publikation von allem und jedem im Internet, gravierend die miserable Qualität auf einigen Socialmedia-Plattformen, auf denen man sich unbedarft aufhalten kann. Wieder aber stellt sich hier die Frage des Anspruchs: Will ich künstlerisch-außergewöhnliche Bilder kreieren, oder reicht mir die natürliche Abbildung eines lächelnden Menschen, was keineswegs ein verwerfliches oder minder wichtiges Sujet ist? Nicht jeder hat den Anspruch, ein hochwertiges Bildnis zu erstellen, ganz abgesehen von der Fähigkeit dies zu erfüllen, und dabei schließe ich mich explizit ein. Nicht jeder hat die Ressourcen im Rahmen seiner Möglichkeiten einen Stab an Mitwirkenden aufzustellen, die als Stylisten, Makeup-Artisten, Licht-Adjudanten, allgemeine Helfer und Berater bei einem Bild mitwirken. Wieder stellt sich die Frage nach dem Anspruch.

Die Bedeutung der Fotografie ist in einem starken Wandel begriffen. Jeder Mensch muss sich selbst vor Augen führen, welche Bedeutung sie für ihn hat. Nach der Schwemme von Bildchen im www gilt es vielleicht eine Rückbesinnung zur Form der Fotografie als Kunst anzustoßen. Eine Gegenbewegung zur Manier des Dauerpostens zur Erhöhung der eigenen Reichweite in Form unzähliger Follower zur Steigerung des eigenen Egos ist vielleicht ein Weg. Mehr gute Bilder als viele Bilder. Oder hälst Du den Zug für abgefahren?

Mein geschätzter Fotografen-Kollege Lars Döbler hat in einem bemerkenswerten Artikel kürzlich die in vielen Bildern geforderte Geschichte im Bild in Frage gestellt. Ich selbst denke darüber seit 30 Jahren nach und für mich gibt es ebenfalls Bilder, die einfach nur diesen „Wow-Effekt“ haben, ohne eine Geschichte zu erzählen. Das kann die Darstellung eines Körpers sein oder der Ausdruck der Augen, der mich anhalten lässt und einfach nur begeistert staunen. Ob eine langhaarige Darstellerin in langem, wehenden Kleid in den stürmischen schottischen Highlands oder ein CloseUp eines Körperteils im Gegenlicht kann diesen Effekt haben. Bei diesen Bildern stellt sich die Frage, wie viel Aufwand notwendig war für die Erstellung. Standen drei Mitarbeiter mit Windmaschinen neben dem Model in wehendem Kleid oder herrschte tatsächlich stärkerer Wind und Helfer hatten alle Mühe die Blitze mit den Lichtformern festzuhalten? Oder war man nur zu zweit in der Eifel und es war zufällig windig, die Bilder entstanden nur mit availible Light? (Ja, sieht man natürlich auf den Bildern)

Welcher Aufwand ist für Dich tragbar und es wert, aufgewendet zu werden? Locker flockig oder gezielt geplant? Beides, hin und wieder? Manchmal kommen mir Zweifel. In letzter Zeit häufiger, als mir lieb ist. Aber ich bleibe gelassen. Wie siehst du das?

Vom Wandel der Fotografien [114]

Ich wiederhole mich mit meinen Äußerungen zur Qualität der gezeigten Bilder im www. ganz gerne mal, ist es doch etwas, was mir immer wieder auffällt. Doch dieses Mal betrachte ich die Lage der Dinge von einer anderen Seite. Man muss es nur lang genug und oft genug wiederholen, dann wird eine Sache schon richtig, oder? Passiert das gerade in Sachen Fotografie? Lege ich einmal die Historie der Lichtbilderstellung zu Grunde, so stelle ich fest, dass aus einer Kunst oder einer technisch nur wenigen „Fotografen“ vorbehaltenen Kunstfertigkeit ein Massenphenomen geworden zu sein scheint. Der einstige Seltenheitswert einer fotografischen Aufnahme trug dazu bei, dass sie begutachtet wurde. Nicht nur wegen eventuell angefallener Kosten, auch wegen des Aufwandes, der mit der Erstellung verbunden war. Ein Ergebnis war nie sofort verfügbar, sondern es bedurfte einer Wartezeit, zu der sich immer eine gewisse Vorfreude gesellte.

Das ist heute anders. Jeder Mensch kann zu jeder Zeit ein Lichtbild erstellen, und er tut dies auch. Es ist keine besondere Ausrüstung von Nöten. Als zweiten Aspekt, der noch viel erheblicher wirkt, wirkt die Möglichkeit zur Veröffentlichung der Lichtbilder. Diese besteht durchgehend und wird ebenso beständig genutzt. Während zu Beginn der Fotografie und vor der Massenverfügbarkeit eine Veröffentlichung äußerst eingeschränkt war, nämlich in Form von gedruckten Bildern in entweder Büchern oder Magazinen, in der Mehrzahl aber als Ausdruck in Form von 9×13 oder 10×15 Bildern für das eigene Fotoalbum, seltener als 30×45 Print für die eigenen vier Wände, so wird heute nur wenig gedruckt, da im Zeitalter der Digitalisierung hierzu vermeintlich keine Notwendigkeit mehr besteht.

Dazu bedarf es scheinbar auch keiner Notwendigkeit des Drucks mehr, denn die Fotografie oder Lichtbilderstellung tauscht ihren Sinn ein. Ein schon immer dokumentarischer Charakter übernimmt zunehmend den Sinninhalt, indem nicht mehr die einzelne Fotografie im Vordergrund steht, sondern der Stream. Nicht ein Bild ist als solches wichtig, sondern dieses eine nur als Bestandteil einer Präsentation eines Alter Egos im www. Diese Bilder sind mehr oder weniger austauschbar, es kommt nicht so sehr auf den Inhalt, sondern mehr auf eine Frequenz zum richtigen Zeitpunkt an, in der die Menschen ein Lichtbild veröffentlichen. Damit löst sich die Halbwertszeit der Bilder in Wohlgefallen auf. Im Umkehrschluss fällt auch der Inhalt auf ein kaum mehr messbares Niveau, es scheint einfach nicht mehr notwendig, dass aus einem Lichtbild eine Fotografie oder tatsächlich ein Bild wird.

Nicht aber bei allen Menschen ist es so, nicht alle finden sich damit ab. Obwohl auch ich manchmal diesem Phänomen Rechnung trage. So versuche ich unentwegt eine Art der Kunstfertigkeit aufrecht zu erhalten, die Fotografie als eine Möglichkeit aufrecht zu erhalten, die die Muse im Menschen berührt, seine Phantasie beflügelt und Gefühle wie Anmut, Schönheit und Entzückung nicht aussterben lässt. Ob mit das gelingt steht auf einem anderen Blatt und das darf jeder Betrachter selbst entscheiden. Für mich kann ich nur sagen, dass ich danach trachte, auch, wenn hin und wieder die Verzweiflung ob der unendlichen Flut der Belanglosigkeit an mir knabbert.