Reaktionen [Intermezzo]

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Wie reagierst du? Angemessen? Gar nicht? Mit erheblicher Verspätung? Nur oberflächlich? Ehrlich?

Hier eine kleine Übersetzung:

1. Du sagst etwas ab. Wie?

  • Du sagst, du kannst nicht: HEIßT- Ich möchte eigentlich gar nicht (mehr), also bitte sieh‘ ab von weiteren Nachfragen
  • Du sagst ab, schlägst einen oder mehrere neue mögliche Ausweich-Termine vor. HEIßT: Ich möchte wirklich, kann aber jetzt nicht, biete dir daher einen neuen Termin.

2. Du hattest eine Zusammenarbeit?

  • Ich bedanke mich bei Dir für die tolle Zusammenarbeit. HEIßT: Es war nett, aber bitte nicht noch einmal.
  • Ich bedanke mich bei Dir und betone die positive Arbeit und frage nach einer Wiederholung: Ich fand es gut, so gut, dass ich mir eine Wiederholung wünsche.

3. Du möchtest ein bestimmtes Ziel erreichen?Du erfährst, welche Voraussetzungen und Anstrengungen erforderlich sind.

  • Ich bedanke mich, finde es ganz toll und melde mich, wenn ich Zeit habe. HEIßT: Hört sich toll an, aber nee, lass mal, ist mir zu viel Jedöhns, habe Besseres zu tun.
  • Ich bedanke mich, finde es ganz toll, welche Termine schlägst du vor? HEIßT: Hört sich gut an, ich bin interessiert, finde die Arbeit angemessen und möchte es erreichen.

4……..Fallen Dir noch Beispiele ein? 😊

Reminiszenz, Teil 2 [101]

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Wie sehr man den Erfahrungen der Vergangenheit Raum in der Gegenwart einräumt, hängt davon ab, was man erlebt hat und wie es sich auf das Leben ausgewirkt hat. Die Frage, ob man zur Erkenntnis gelangt, man habe schon alles erlebt und es gäbe nichts neues mehr zu erfahren, beantworte sich jeder Mensch selbst. Während der vielen Schritte der eigenen Entwicklung durchlaufen Menschen verschiedene Stadien der Erkenntnisse. Was geschieht, wenn man denkt, man habe alles erkannt und was, wenn der zweite, viel entscheidendere Schritt der Erkenntnis eintritt, man könne nur wenig bis gar nichts verändern, in einer Resignation endet?

Wenn das Leben einen Menschen lehrt, dass jede Handlung Grenzen aufzeigt und dass diese Grenzen bisher nicht überwunden werden konnten, ganz gleich, ob die Ziele einer Handlung zu hoch oder die Anstrengungen zu gering, die Zeit einfach die falsche oder der Ort nicht der richtige war, ist nicht, was bleibt, immer das gleiche Resultat: Scheitern?

Wie oft stehst Du auf, nachdem Du fielst? Ist es irgendwann genug? Arrangieren sich nicht allzu viele Menschen in ihrer Komfort-Zone, liegend, Menschen, die nur dann wieder aufstehen, wenn diese Komfort-Zone in Bedrängnis gerät? Menschen, die bis zu diesem Zeitpunkt allenthalben nur schreien?

Wie ist es in einem Leben innerhalb einer Resignation? Wenn alles außerhalb der Komfort-Zone belanglos und ein Zeitvertreib darstellt, den es höchstens mal zu kommentieren, bestenfalls zu verurteilen gilt! Immer aber schön aus der Komfort-Zone heraus, dann aber mit Nachdruck. Um nicht allzu nah heran zu kommen, oder gar ergriffen zu werden, von der beobachteten Situation, einem Geschehen, einer Entwicklung, immer dann ist ein virtueller Abstand schon nicht schlecht. Also, paradiesische Zustände in dieser unseren digitalen Welt, oder? Klick – Weg, Schalt – um!

Du. Bist. Schuld. [99]

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Kann von Schuld überhaupt die Rede sein?

Was bedeutet dir deine Schuld? Wie gehst du damit um? Kannst du deine Schuld eingestehen? Relativierst du deine Schuld und teilst sie auf in kleine Teile, die nicht alle deine Schuld ausweisen? Oder bist du eher analytisch, siehst deine Schuld und erkundest, wie es zu dieser Schuld kam? Vielleicht übergehst du alle Schuld, ignorierst sie und gehst über zur Tagesordnung? Flucht wäre eine Alternative? Schnell weg?

Der Umgang mit Fehlern ist eine der schwierigsten Herausforderungen unserer Kommunikation. Fehler macht jeder. Einer macht ihn, ein anderer bemerkt ihn. Was nun? Wie können die Reaktionen aussehen?

  • Hey Du, Du hast einen Fehler gemacht!
  • Hey Du, hast Du einen Fehler gemacht?
  • Hey Du, ist das richtig, was Du gemacht hast?
  • Hey Du, ich habe ein Problem, ich verstehe nicht, was dies bedeutet.
  • Hey Du, kannst Du mir helfen, folgendes nachzuvollziehen?
  • Hey Du, wie hast Du dies gemacht?
  • Hey Du, habe ich Dich richtig verstanden, wenn ich denke, dass es so gemeint war?

Möglichkeiten auf einen Fehler zu reagieren sind so vielfältig, wie unsere Sprache. Jeder hat schon von „Ich-Botschaften“ und „Du-Botschaften“ gehört. Jeder hat schon davon gehört, das es Aussagesätze und Fragesätze gibt. Möglicherweise hat mancher auch schon von ihrer Wirkung gehört. In der Theorie ist es vielleicht nicht so schwer die Unterschiede anzuwenden, doch die Praxis sieht allzu häufig anders aus. Ich bin da nicht anders, ganz und gar nicht. Ich versuche es, es gelingt immer besser, aber immer wieder falle ich in Verhaltensmuster zurück, die ich schon längst als ausgemerzt gesehen habe. 🙈

„Du bist schuld!“ meint immer auch „Ich nicht!“ „Ich bin besser als Du, weil mir dieser Fehler nicht passiert ist! In diesem Moment ist es eine wahre Einladung sich zu erhöhen, den anderen zu erniedrigen. Besonders bei jenen Menschen, deren Ego und auch Charakter nicht besonders stark ist beobachte ich diese Reaktion. Wie ist Deine Erfahrung? Doch Fehler sind das, was man machen wird, wenn man handelt. Handle ich nicht, lindnere also, so ändere ich nichts, das Leben nicht, eine Situation nicht, eine Lage nicht. Nur der Umgang damit ist etwas zutiefst komplexes, da er viele unterschiedliche Parameter hat. Wie gravierend ist ein Fehler, welche Situation ist es, und wer wird betroffen? Gibt es menschlichen Schaden, physisch oder psychisch, oder nur materiellen Schaden? Ist eine Anstrengung vergebens geworden, gilt der Schaden der Zeit? Welche Folgen sind real oder zu erwarten? Gibt es einen Lerneffekt? Ist Buße eine gute Idee oder Vergebung? Im kleinen Fehler wie im großen, im einmaligen wie im wiederholten, worin liegt die Ursache? Kann die Ursache bei der Betrachtung in Erwägung gezogen werden oder ist erst im Nachhinein von Bedeutung?

„Du bist schuld!“ ist ein Phänomen geworden, in vielen Lebenslagen und an vielen Orten scheint durch die nachlassende Fähigkeit zu kommunikativem Umgang der Ton rauer geworden zu sein und eine Verteidigungsstrategie liegt im Geiste stets bereit. „Nein!“, „Doch!“, „Nein!“, „Doch!“,…. konstruktiv sieht anders aus. Was erlebst Du so in Sachen „Fehler“ und „Schuld“? Hast Du Dich heute schon entschuldigt? Wurde Dir verziehen, oder hast Du eine Reaktion lieber gar nicht erst abgewartet? Nee, nicht wahr? 😊

Wohin des Weges? [85]

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Wohin möchtest du gelangen? Heute, demnächst, in deinem Leben? – Und überhaupt?

Wer möchtest du sein? Heute, morgen, in deinem Leben? – Und überhaupt?

Stellten Freunde mir früher diese Fragen, so brauchte ich nie lange überlegen: Ich wollte schon immer ein Individualist sein. Diese Antwort entsprang tief aus einem Bauchgefühl heraus. Ich konnte es sein. Zumindest das, was ich darunter verstand. Um Modeerscheinungen kümmerte ich mich nicht, weder die Schuhe mit den drei Streifen, die damals in schwarzweiß eine Existenzgrundlage zu sein schienen, noch eine bestimmte Jeans – Marke oder eine bestimmte Jacke in rot mit weißen Ärmeln und fettem kursiven Markenschriftzug konnte man an mir sehen. „Bloß nicht sein, wie die Masse!“ Mit meiner Unabhängigkeit scharte sich während der Schulzeit immer ein kleine Gruppe von Freunden um mich, denen es ähnlich ging. „No Mainstream!“ „Never!“

Warum konnte ich mich so entwickeln? In meiner Kindheit und Jugend boten mir meine Eltern (fast) alle Freiheiten. Mir kamen alle Sicherheiten zu teil, dass, wenn ich mal fiele, es immer ein Netz gab, das mich auffing. Auch wenn manche Stürze äußerst schmerzvoll waren, es gab immer jemanden, der eine Hand reichte zum Aufstehen. Eine Ahnung von einer gewissen Abhängigkeit diesbezüglich schwante mir damals überhaupt nicht. Diese kritische Auseinandersetzung folgte erst weit danach. Die Geborgenheit gab innere Ruhe und erzeugte einen großen Fundus an Vertrauen.

Es war ein Luxus, den ich erst später erkannte, ist er doch lange nicht selbstverständlich. Doch zugegeben, es ist tatsächlich so, dass man manche Dinge erst erkennt, wenn man sie nicht mehr hat oder Menschen kennenlernt, denen es nie vergönnt war, dieses Urvertrauen zu bilden. Später im Leben, nach der Jugendzeit, entwickelte sich eine gewisse Individualität bei mir, die jedoch immer im Dialog stand mit der Gemeinschaft, in der ich mich befand, die mich akzeptierte oder auch mal ausschloss, sobald ich Gefahr lief diese Individualität zu übertreiben. (Stichwort „Zen“, komme ich noch zu.)

Nun aber zu meinen Gedanken über eine persönliche Entwicklung im Bezug auf die Individualität. Diese wird bei jedem Menschen auf sehr unterschiedlichen Pfaden erfahren und reflektiert. Es stellt sich hoffentlich und möglichst früh im Leben die Frage: „Wer will ich sein?“ Hoffentlich auch weit davon entfernt zu fragen, wer soll ich sein, und wer darf ich sein!

Daraus folgt eine differenziertere Fragestellung, nämlich wie viel Individualität kann das Ziel unserer Entwicklung sein? Explizit:

  • „Wie weit grenzt sich dein Wesen vom Durchschnitt deiner Gemeinschaft ab?“
  • Wie weit vom Extrem in die eine wie in die andere Richtung, außerhalb oder innerhalb deines eigenen Selbstverständnisses, empfindest du dich?

Stelle dir eine Waage vor. Ein Zeiger kann eine Gewichtung anzeigen. Er kann ausgewogen darstellen oder auch einen Ausschlag in eine beliebige Richtung. Stelle dir diese Waage vor, die zur einen Seite die Individualität beschreibt, zur anderen eine Art Dazugehörigkeitsgefühl. Bist du nun zu individuell, verlierst du den Bezug zur Gemeinschaft. Bist du hingegen zu sehr in der Gemeinschaft verortet, so läufst du Gefahr, dich selbst zu verlieren. Beide Extreme werden dir vermutlich nicht recht sein. In unserer Gesellschaft werden beide Extreme gemeinhin als krankhaft bezeichnet, schizoide Tendenzen sind eine mögliche Ursache für einen extremen Ausschlag in Richtung Individualität.

Behalte beim Bildnis der Waage jedoch immer im Hinterkopf: Ist es tatsächlich eine Waage, die ausschließlich ein „Entweder-Oder“ zulässt oder ist es viel eher möglich oder gar viel wahrscheinlicher, dass beide Richtungen im Menschen bedient werden können? Wenn ja, gibt es dabei einen maximalen Abstand zwischen Individualität und gemeinschaftlicher Einbindung. Widersprechen sich diese Strömungen auch prinzipiell, so finden doch beide ihre Verknüpfung in uns, die beständig während unserer lebenslangen Sozialisierung auf uns einwirken.

Aus der Zoologie kennen wir alle die Verhaltensweise, dass derjenige ausgestoßen wird, der den Regeln der Gemeinschaft zuwider handelt. In menschlichen Gesellschaften und Gruppen ist es oft nicht anders, selbst, wenn es um ein Vielfaches subtiler abläuft. Derjenige, der sich zu sehr in eine Gruppe integriert, läuft Gefahr, sich darin -aus Sicht der Gruppenmitglieder- zu verlieren. Gefragt ist zunächst deine Sicht auf deine eigene Situation. Wo siehst du dich, individualisiert oder angepasst? Oder beides? In welchen Bereichen setzt deine individuelle Handlungsweise ein, wo reagierst oder agierst du aus deinem persönlichen Muster heraus und wo passt du deine Handlungsmuster an? Ist es stets eine Mischung aus beidem?

Inwieweit reichen deine persönlichen Anforderungen an dich selbst, wie weit siehst du dich eingebunden in gesellschaftliche Erwartungen, Forderungen und Übereinkünften? Freiheit kann bedeuten frei zu sein in mehrfacher Hinsicht:

  • frei von Konventionen
  • frei von Zwängen aus Gruppen
  • frei von eigenen Ansprüchen
  • frei von überlieferten Regeln
  • frei von trivialen Zwängen

So frei ist wohl keiner von uns. Denn eine Gemeinschaft funktioniert nur dann, wenn ihre Umgangsformen erhalten bleiben, welche die Gemeinschaft erhält und sie nicht in irgendeiner Form gefährdet. Umschlich ein Säbelzahntiger eine Gruppe von Menschen, führte ein lautes Schreien eines ihrer Mitglieder wohl zur Unterbindung desselben. Ein Leben als Individualist ist demnach möglich bis zu dem Punkt, an dem die Individualität eines Einzelnen der Gemeinschaft schadet. Jede Tendenz einer Gefährdung wird von der Gemeinschaft meist früh erkannt. Dabei führt es nicht selten zu einer für die Individualität gefährlichen Reaktionen, die nur einem Selbstzweck dienen: Dem Selbstschutz. Jede Störung, die eine Gesellschaft zersplittert, zersetzt, manchmal sogar schon in Unruhe versetzt, wird umgehend geahndet. Sicher sind Entwicklungen nur durch Veränderungen zu erreichen, doch die Gemeinschaft als solche versucht sich dabei stets zu erhalten. Revolution ist ein seltenes Phänomen. Ich möchte an dieser Stelle jedoch nicht zu politisch denken.

Auch in mir ist Revolution eher gemäßigt aufgetreten. Bis auf einige wenige Male. Und selbst in diesen Situationen hatte ich Grenzen und nahm immer ein Teil von mir mit. Ein Beispiel möge aus meiner Zeit der Auseinandersetzung mit dem Zen-Buddhismus genannt werden: Ich lebte zu diesem Zeitpunkt als Single, tauchte ein in den Zen, versuchte (allerdings ohne Mentor) diesem ein Stück weit zu folgen, um zu ergründen, ob er meine Seele berührt.

Irgendwann verschenkte ich fast mein ganzes Hab und Gut an meine Freunde, die mich zugegeben etwas seltsam ansahen, mich aber dabei unterstützten. Vieles vernichtete ich. Es gab jedoch Dinge, materialistisches, von dem ich mich nicht getrennt habe, darunter meine Schallplatten-Sammlung. Diese lagerte ich nur ein. Knapp 2000 Stück, die ich alle einzeln bei unzähligen Gelegenheiten überall in Europa (hauptsächlich hier in Deutschland) nach und nach erworben hatte. Sie wollte ich nicht aufgeben, Musik bedeutet mir noch heute sehr viel.

Daraus ergaben sich viele Diskussionen: Ob man tatsächlich alles aufgeben solle und, wenn man auch nur eine Sache behielte, so könne es unter Umständen bedeuten, dass man nichts weg gäbe, es machte keinen Unterschied. Kann man so sehen. Meine Wohnung war sehr leer. Vier Jahre lang. Irgendwann traf ich auf einen Menschen, der sehr viel mehr Erfahrung im Leben gesammelt hatte, als ich. Er war in einigen großen und kleinen Religionen bewandert, hielt sich zu deren Ergründung in den entsprechenden Ursprungsländern auf. Spannende Gespräche führten wir, Fragen noch und nöcher sprudelten so aus mir heraus. Von da an änderte sich einiges an meinem Verständnis dem Wirken und Zielen der Menschen gegenüber. Soweit und soviel dazu und zurück zum Thema.

  • Wie viel Individuum lässt du zu?
  • Wie viel Individuum lässt deine Umgebung zu?
  • Bist du damit in der richtigen Umgebung?
  • Wie viel Gemeinschaft räumst du dir ein?

Veränderungen bedeuten stets Ungewissheit! Ungewissheit und damit verbunden Unsicherheit ist etwas, das Angst erzeugen kann, dieses versucht der Mensch tunlichst zu vermeiden, es gilt als angeboren. Dich es findet Entwicklung statt und wir begeben uns hin und wieder auf unsicheres Terrain, auch das ist angeboren. Wir können denken und fühlen, daher wachsen wir und verändern uns mit der Zeit mehr oder weniger stark. Du bist der Lenker und kannst steuern. Lote aus, was ist und was geht. Ein Weg wird zu einem Weg, indem du ihn gehst. So versuche ich es, begleitet von Irrungen und Wirrungen, von Erkenntnis und Bestätigung. Wir sollten werden, wer wir sind. Ein Individuum.

Nähe und Weite [78]

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Nähe und Weite. Ein Blick erreicht Dich. Du siehst die Augen. Nähe. – – Du siehst einen Menschen, seine Statur, seine Körperhaltung, seine Proportionen. Keinen Blick, keine Augen. Weite.

Ein wesentlicher Unterschied auf Bildnissen von Menschen kann die Distanz zwischen Model und Fotograf sein. Eine gänzlich andere Bildaussage entsteht durch die unterschiedlichen Entfernungen. Die Distanz stellt sich als ein wesentliches Mittel zur Verfügung, eine Botschaft im Bild zu erschaffen. Wie weit entferne ich mich vom Menschen vor der Kamera, um dem Bild jene Aussage zu verleihen, die in meinem Gefühl entstand? Von einem Körperteil (Bodypart in fotografisch übersetzt 😊) ausgehend, mit Blick oder vollkommen anonym beginnt das Bild zu erzählen, findet immer andere Gedanken und Gefühle je nach Veränderung der Entfernung, dies alles geschieht immer im Pendel über Gesichtsausdruck und Anonymität. Schon die wilden Haare im Gesicht, die nur einen sehr begrenzten Blick auf den Ausdruck gewähren, verändern eine Botschaft mit Nachdruck. Unter Umständen erkennt man die Person auf dem Bilde nicht mehr, sollte ein wesentlicher Teil des Gesichts verdeckt sein.

Nicht aber um Blick oder nicht Blick soll es hier gehen, das habe ich bereits in einem Artikel vorher beschrieben. Es soll um die Wirkung von Distanz gehen. Was bewirkt eine zunehmende Distanz? Sie geht immer einher mit einer Addition von Bildelementen. Je weiter ich mich vom Motiv entferne, desto mehr „Drumherum“ kommt in den Bildausschnitt. (Ich spreche jetzt nicht vom gleichzeitigen Wechsel der Optik zum Tele hin.) Eine Zunahme an Bildinhalten kann bis hin zu einer totalen Überfrachtung führen. Es entstehen folglich Fragen nach der Sinnhaftigkeit bestimmter Bestandteile einer Aufnahme. Warum musste dies oder jenes auf der Aufnahme sein? Wäre sie nicht viel besser geworden, hätte man das ein oder andere ausgespart und wäre näher ans Motiv heran gegangen? Schließlich handelt es sich dabei um einen DER populärtrivialen Leitsätze der Fotografie: „Ist Dein Bild nicht gut genug, warst Du nicht nah genug dran!“

Was aber verändert sich mit zunehmender Distanz zum Menschen, meinem Motiv? Immer mehr des Körpers wird sichtbar. Ein Arm, ein Bein, Teile des Torsos, bis schließlich der ganze Mensch sichtbar ist. Anschließend erscheinen immer mehr Bestandteile der Location im Bild, wenn nichts gerade unendliche Weite den Hintergrund beherrscht.

Was erscheint auf meinem Bild? Eine Brücke, eine Wand, ein Haus, eine Skyline? Ein Baum, eine Pflanze, ein Bergrücken? Ein Schloss, ein Abgrund, ein Wasserfall? Ein Eisberg, eine Düne, eine Wurzel? Oder das, was Dir noch in den Sinn kommt. Bleibt der Mensch bis zu einem gewissen Punkt noch das Hauptmotiv, so wechselt das irgendwann, und ein Mensch scheint nur noch Beiwerk zu werden. Kommt es zu Beginn, einer kleinen Distanz, noch auf Hautreinheit (⚠ Achtung: hat für mich definitiv nichts mit dem Alter des Menschen vor der Kamera zu tun! ⚠) an, gerät zunehmend mehr der Fokus des Betrachters auf Proportionen und Perspektive. Weiter entfernend wechselt die Aufmerksamkeit immer mehr in Richtung gesamte Erscheinung. Dinge wie etwa Outfit und Accessoires (Ob Kleinteile wie Buch, Schirm, oder Pflanze und größere Objekte wie etwa Auto, Felsen oder Segelboot) buhlen um die Aufmerksamkeit mit dem Menschen. Das geht so lange, bis es das Gleichgewicht vollends kippt und der Mensch in der Bedeutungslosigkeit verschwindet. Worauf kommt es also an?

Wie immer kommt es in erster Linie und letztlich auf die Bildaussage an. Was möchte ich mit meinem Werk ausdrücken? Welche Botschaft soll es beinhalten? Welchem Gefühl will ich Ausdruck verleihen? Daraufhin folgt die Überlegung, ab welcher Distanz es unmöglich wird, gewisse Gefühle zu vermitteln, weil zu viel des Guten gewollt war? Inwieweit kann ich ein Gefühl mit einer Pose und einem Blick oder einem abgewandten solchen erzeugen? Es gibt kein Patentrezept dafür, zumindest ist mir keines bekannt. Ich kenne eine Reihe von Bildern bekannter Fotografen und einiger Geheimtipps, die keinem Muster für Entfernung zwischen Fotograf und Model entsprechen. Gut so. Meine ich. Denn jeder dieser Highlights (damit sind jene meiner ganz persönlichen Ansicht nach gemeint!) birgt eine andere Distanz zwischen Fotograf und Mensch. Was diese Bilder ausmacht, ist ein Gefühl der Begeisterung, das sie in mir auslösen. Sind manche Menschen weiter entfernt, manche näher, so kommt es vermutlich auf genau dieses Gefühl an, das sich auch am Set jeweils durchsetzt, denn ich stehe nicht da und denke vor einer Aufnahme über die Entfernung nach, sondern folge einer Intuition. Als ich vor über 30 Jahren mit der Fotografie begann, war es vermutlich manchmal anders, wie ich auch heute noch bewusst gewisse Parameter rein vom technischen Standpunkt her variiere, doch die intuitive Arbeit bleibt jene mit den gefühlvollsten Ergebnissen. Diese folgt manchmal auf die bewussten technischen Veränderungen, klar, aber letzten Endes gibt der Sucher das Preis, was ich fühle! Klick! 😊

Entwicklung [73]

Schon Jahre, nein, Jahrzehnte lang nehme ich Teil am Spiel der Eitelkeiten, oder auch: am Spiel ‚mit‘ den Eitelkeiten‘. Wie viele Worte über Aussehen und Wirkung, über Schönheit und Ideale, über Unzulänglichkeiten und Makel, über Anerkennung und Unsicherheit wechselte ich mit vielen, vielen Menschen. Und dennoch, es gibt (vielleicht noch) kein Fazit von mir. So wenig, wie es einen Konsens über die Schönheit der Äußerlichkeiten an sich gibt. Narziss lässt grüßen.

Jedem einzelnen dieser schönen Menschen widmete ich einen Teil meiner Zeit und meiner Aufmerksamkeit. Diese Aufmerksamkeit widmete ich ihnen nicht nur während der gemeinsam verbrachten Zeit, sondern auch darüber hinaus. Zeiten, in denen ich über Worte und Taten, über Wünsche und Ängste, über Träume und Ziele und deren Verwirklichung bei diesen Menschen nachdachte, die wir zuvor in unseren Gesprächen zum Thema machten. Auch deshalb beschäftige ich mich gerne mit diesen Eindrücken, um bei unserer nächsten Zusammenkunft vielleicht in der Lage sein zu können, die richtigen Fragen zu stellen.

Interessante Sichtweisen erfuhr ich immer wieder, wurde oftmals überrascht von den tatsächlichen Gefühlen dieser Menschen, die so schier unendlich weite Welten in sich bargen, in ihren Gedanken zwischen Wahrnehmungen und Wirklichkeiten. Und Letzteres steht hier ganz bewusst im Plural. Auch, wenn bei einem ersten Treffen für ein Fotoshooting noch nicht alle Gedanken über Außenwirkung frei geteilt werden, so geschieht doch im Laufe der Stunden durch die ständige Beschäftigung mit dem Aussehen und der Wirkung dessen genau das. Es ist schließlich nicht verwerflich, denn was sonst als die positive und gerichtete Ausstrahlung eines Menschenkindes wird auf einem Foto gezeichnet.

Jede einzelne dieser Begegnungen trug ihren Teil zur Bildung meiner Erfahrungen bei, jede einzelne sorgte beständig für Veränderungen und Revisionen in meinen Ansichten. Andere Treffen erzeugten in mir ein verblüffendes Erstaunen, wieder andere mauerten viel zu schnell ein Dogma, das wir nur langsam durch intensive Begegnungen widerlegen konnten. „Nichts ist, wie es scheint.“ mochte ich wiederholt ausrufen und dennoch zeigte sich mit der Zeit immer deutlicher: Viel mehr ist, wie es scheint, wenn man nur genauer hinsieht.

Es gibt für mich keine Prototypen eines menschlichen Wesens. Vom Verhalten der Menschen her werde ich zwar immer wieder dazu verführt, dies zu glauben, tappe immer wieder in die Falle etwas Bestimmtes zu erkennen, doch erst einen Moment später gelingt mir die Wahrung der nötigen Distanz, um nicht einen Menschen in eine bestimmte Schublade zu manövrieren. Sicher sind wir uns alle ähnlich in unseren Reaktionen und Gedanken, Gefühlen und Ängsten, Wünschen und Neigungen, doch sie sind bei jedem von uns individuell. Auch dann, wenn Eitelkeiten und der Wunsch nach Akzeptanz tief in uns verwurzelt ist, wir so oft so viel häufiger instinktiv reagieren, als uns lieb ist, so sind wir doch denkende Individuen, die wir unser Verhalten kognitiv steuern können, wir durch Vernunft unsere archaischen Gefühle so lenken können, dass wir andere Menschen nicht bedrängen.

Was möchte ich eigentlich mit dieser Einleitung sagen? Es geht mir darum zu beschreiben, dass jeder von uns eine höchst eigene Wahrnehmung seiner Persönlichkeit besitzt, und diese nicht durch Außenstehende einer Reduzierung auf die aktuell geläufigen Schemata und Schablonen beschränkt werden sollten. Auch dann nicht, wenn scheinbar bekannte und immer wieder sich wiederholende Verhaltensweisen ein Muster implizieren. Es steht immer eine dem Menschen eigene Entstehungsgeschichte dahinter. Es bildete sich eine eigene Kombination von Gefühlen und Wahrnehmungen, die vielleicht in ein beliebiges und bekanntes Verhaltensmuster mündet, aber in ihrer Bedeutung nicht dem uns bekannten Inhalt entsprechen muss. Daher gebietet es unsere, meine Art der Betrachtung eines Menschen die eventuell vorhandenen Muster zwar zu erkennen, aber dann zu durchbrechen und sich ohne Vorurteile selbst bekannten Verhaltensweisen zu nähern. Nicht immer leicht, suche ich als menschliches Wesen seit Jahrtausenden doch schon immer und überall nach Mustern, um mir die Welt zu vereinfachen, zu verstehen, mir Sicherheit zu verschaffen.

Das nur zur (zu meiner eigenen) Erinnerung! Sei offen und freigeistig!

Assoziationen [71]

Assoziationen zu Bildern, Worten und Gerüchen bilden sich in jedem Menschen innerhalb vom Bruchteil einer Sekunde.

Was ist eine Assoziation? Ist es eine Verbindung von einer Wahrnehmung zu einem bekannten Gefühl? Was nehmen wir Menschen wahr, was erreicht uns zuerst, wenn uns etwas erreicht? Auf welchem Weg, welcher Rezeptor leitet die Reize in unser Wahrnehmungszentrum? Und damit stellt sich die essenzielle Frage: Wo liegt dieses Zentrum? Im Kopf? Im Bauch? Im Herzen? An jedem dieser Orte? Hintereinander oder zugleich? Unterschiedlich intensiv und nachhaltig?

Eine Assoziation bildet sich blitzartig, bleibt mal länger, mal kürzer in uns, sie wird gerne von unserem Verstand kontrolliert und versucht einzuordnen. Welche deiner Assoziationen sind dir bekannt und bewusst? In welchen Bereichen weißt du um deine Verknüpfungen und vielleicht sogar etwas über ihre Herkunft? Wenn du einige Assoziationen mit je einer Erfahrung verbinden kannst, gibt es darunter solche, die du magst, also die ein gutes Gefühl erzeugen und solche die du aufgrund schlechter Gefühle ablehnst? Sind deine dir bekannten Verbindungen aufgrund eines einzigen Erlebnisses entstanden oder waren es derer mehrere?

Gibt es bei dir -ebenso wie bei mir auch- Verbindungen, die Assoziationen zwischen den Wahrnehmungsebenen zulassen? Hast du vielleicht Bauchschmerzen beim Hören ganz bestimmter Musik? Spürst du eine wonnige Wärme beim Riechen bestimmter Düfte?

Schier unerklärlich kommen manche Gefühle in uns auf. Wir spüren vielleicht eine totale Tiefenentspannung, und wir können uns im ersten Moment nicht erklären, woraus und warum dieses Gefühl entstand. Ein ungutes Gefühl ist gleichwohl denkbar und wir ahnen nicht, woher es kommt, möchten es regelmäßig jedoch loslassen, suchen zu ergründen, wie es entstand, um es demnächst zu vermeiden.

Fotografien können Träger stärkster Emotionen sein. Aber Bilder können auch ein Exempel der Belanglosigkeit darstellen. Bei jedem Betrachter wecken sie unterschiedliche Assoziationen, auf Bildern mit Darstellungen von Menschen und ihren Ausdrücken spielen viele Faktoren eine Rolle, als stärkster gilt der Gesichtsausdruck. Wir Menschen haben gelernt, welche Gesichtsausdrücke was verheißen, schließlich sind wir als soziale Wesen auf ihr Funktionieren angewiesen, da wir sonst Isolation erfahren. Das aber möchten wir definitiv vermeiden.

Gilt es also zu ergründen, welche Gesichtsausdrücke welche Assoziationen in uns erzeugen, vielleicht noch einen Schritt weiter zu gehen, und die Entstehungsgeschichte derer zu beleuchten, wenn wir verstehen wollen, warum wir wie empfinden. Fotografie kann ein Weg sein. Meine ich. Was ist es für Dich?

Neu! Nagelneu! Das Neueste, nicht nur schnöde „Neu“! ;-) ( 188 )

Buss jeans hintern

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Neophilie! Von Konrad Lorenz geprägter Begriff, der, kurz übertragen, die Liebe zu Neuem bedeutet. Er beschreibt, welche angeborenen Mechanismen im Menschen ablaufen, wenn er Neuem, Unbekanntem gegenüber steht, welche Reaktionen erwartet werden können. Neu ist toll! Ist das so? Wirklich und Wahrhaftig?

Sind wir Menschen stets neugierig? Gierig auf Neues? Neugierig auf alles, wenn es neu ist? Ist Neugierde einer der Motoren unserer Entwicklung, der Evolution überhaupt? Warum bewirbt die Industrie erfolgreich ihre entwickelten Produkte und Leistungen grundsätzlich immer mit dem Attribut NEU? Weil die Marktforschung erwiesen hat, dass wir Homo consumicus wie „HB-Männchen“ auf das Adjektiv „neu“ anspringen? Etwas ist anders, als das, was wir bereits kennen. Was wir kennen ist schon irgendwie langweilig, oder? Nur zu neu oder zu unbekannt sollte es auch wieder nicht sein.
„NEU“ counts! Das neue Auto, der neue Italiener, eine neue Waschformel, eine neue Frisur, ein neuer Partner … ehm, moment mal, neuer Partner? Nee, oder? Na nicht ganz. Neu ist zwar spannend, aber mit vielen Investitionen belegt. Könnte zu anstrengend werden. Oder gilt es nur für eine kurze Spanne? Schon eher. Geht man ja keine Verpflichtung ein. Also muss man ja auch nicht viel von dem halten, was man verspricht, oder?
Ist das tatsächlich so? Verhaltensforscher bestätigen es leider. Woher kommt dieser Ansatz und was hat er mit Schönheit zu tun? Ganz einfach, es wurde untersucht, in wie weit sich die Schönheit zunächst auf die Wahl eines Partners auswirkt, und anschließend eine Rolle bei der Wahl eines neuen Partners spielt. Dabei kamen spannende Ergebnisse heraus. Doch der Reihe nach.
Der Mensch hat von Beginn seiner Entwicklung an gelernt auf seine Umgebung adäquat zu reagieren. Früh lernte er, was wie zu verarbeiten, zu speichern, zu lernen ist. Bis zu den ersten eigenen Gedanken wurde er erfolgreich konditioniert. Nun galt es, alles noch einmal in Frage zu stellen, zu überarbeiten. Je nach Grad der Konditionierung und je nach Geistesleben gelang das dem einen besser, dem anderen schlechter, dem einen früher, dem anderen später, dem nächsten nicht.
Eigene Wertvorstellungen sind das Ergebnis. Es sei dahingestellt, welcher Qualität sie sind. Es gibt sie einfach und nach ihnen richtet sich der Mensch regelmäßig. So hat er Vorstellungen von einem Partner. Begonnen von Freundschaften im Kindergarten (oder vorher in der Krabbelgruppe, dort allerdings zu 99% elterngesteuert) über die Vorschule, Grundschule, Sek.1 und vielleicht Sek.2, Ausbildung oder Studium tragen zu einem Bildnis bei, einem Kunst-werk, welches der Mensch zeitlebens formt.
Es schwebt ihm wie eine Schablone im Geiste vor, wenn er über einen Menschen befindet, mit dem er mehr als nur kollegiale oder freundschaftliche Gefühle zu pflegen wünscht. Er sucht einen Partner fürs Leben, beginnt zu sondieren, was passen könnte, welche Voraussetzungen er wünscht, mehr noch, welche Bedingungen er überhaupt umzusetzen im Stande ist. Welchen Marktwert wirft er in den Ring? Mal mehr mal weniger Versuche gibt es, mal längerfristige Beziehungen werden wertvoll, mal Enttäuschungen (beiderseits wie einseitig) sind zu überstehen.
Irgendwann wird der Mensch fündig. Eine Partnerschaft ist entstanden. Viele Emotionen entstehen in diesen Momenten und alles Neue am Anderen ist spannend und faszinierend. Hormonausschüttungen unterlegen unsere Empfindungen. Wir leben auf Wolke 17, sehen vieles rosaroter, als es zu sein pflegt. Ein überaus wichtiger Baustein unserer Beziehungen, bedeutet doch die Partnerschaft eine längerfristige Beziehung zu einem Mitmenschen, nämlich mindestens so lange, bis ein eventueller Nachwuchs da ist oder besser noch gut vorbereitet in die weite Welt hinaus gelassen kann. Letztes ist dabei jedoch schon als Luxus anzusehen.
Doch irgendwann reist die Beziehung nicht mehr über so eine rauschende Gefühlsachterbahn entlang. Gewohnheit und Gewöhnung treten an die Stelle der Faszination. Ernüchterung macht sich breit, und zwar umso mehr, als sich einer oder beide Partner zuvor verstellten, vorspielten etwas zu sein, was man gern gewesen wäre oder was von anderen erwartet wurde. Eigentlich eine Chance, den anderen erneut kennen zu lernen, wird es aber nicht so gelebt, sondern viele Menschen distanzieren sich, da sie sich etwas anderes versprachen. Ent-Täuschung kratzt am Ego des anderen, doch während dies als fundamentaler Beginn einer fantastischen Beziehung zu verstehen, wendet sich der Mensch häufig ab. Was aber macht der Mensch sehr gerne, wenn etwas nicht seinen Vorstellungen entspricht? Richtig, er wendet sich Neuem zu. Allzu gern widmet er sich neuen Abenteuern, die in erster Hinsicht das versprechen, was gesucht wird. Das „Alte“ kennt jeder. Es ist unspektakulär, und es hat scheinbar nicht den Erfolg gebracht, den sich der Mensch versprochen hat. Da kann das Neue ja nur besser sein. Oder?
Und spätestens in diesem Moment kommt die Psychologie der Schönheit ins Spiel. Wir haben gelernt, dass schön = gut ist. Dabei wird uns suggeriert, dass das Neue, solange es schön ist, mit allergrößter Wahrscheinlichkeit viel mehr dem entspricht, was wir uns wünschen, wonach wir streben. Daher die vermeintliche Chance, in Neuem die Erfüllung unserer Begierde zu finden. Erst mit den Jahren, und bei genauerem Hinsehen lernen wir, dass das Neue nicht automatisch das Bessere ist. Aber es ist kein einfacher Weg, denn man muss tatsächlich ehrlich reflektieren, was eine grundsätzliche Ehrlichkeit zu sich selbst und mit sich selbst zu Grunde legt.

Der Pfau oder die Begegnung mit Circe (159)

pfrar jeans hintern

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Je nachdem, wie wir einen Gegenüber empfinden, benehmen wir uns, geben wir uns, verhalten wie uns, ob wir wollen oder nicht!

In einem Experiment ließen Forscher die Probanden telefonieren. Die Angerufenen waren jeweils anderen Geschlechts. Einem Teil der Anrufer wurde ein Foto des Angerufenen beigelegt, auf dem jeweils ein eher attraktiverer oder unattraktiverer Mensch abgebildet wurde, einer Kontrollgruppe wurde kein Bild vorgelegt. Während des Telefonats wurden nicht nur die Gespräche mitgeschnitten, es wurde auch die Mimik und Gestik aufgezeichnet. Soweit der Versuchsaufbau.

Es wurde bei dem Versuch beobachtet, dass die Anrufer, die ein Foto eines attraktiven Menschen vor sich liegen hatten, nicht nur eine viel offenere Sprechweise an den tag legten sondern sich im Hinblick auf die eigenen Verhaltensweisen und Ausdruck um ein vielfaches freier, freundlicher, offener, lustiger und eloquenter gaben. Nicht nur die Themen waren freier, auch die Körperhaltung drückte sich entspannter aus.

Die Personen mit den scheinbar unattraktiveren Gesprächspartnerinnen sprachen sehr viel mehr ernste Themen an, lachten weniger und auch ihre Körperhaltung war weniger entspannt.

Bei der Kontrollgruppe war dann auch zu beobachten, was erwartet wurde: der Gesprächsverlauf entwickelte sich frei nach den thematischen Inhalten und nach Sympathiegrad der Stimme.

Was kann ich daraus schließen? Wie lautete das Fazit der Forscher aus ihrem Experiment?

Die vermeintliche Wirkung des Äußeren ist hingehen der landläufigen Meinung von großem Einfluss auf unser Verhalten. Es wurde deutlich beobachtet, dass die nicht vom Probanden steuerbaren Verhaltensweisen, seine Mimik und Gestik bei einem Gespräch mit einem scheinbar attraktiven Gesprächspartner weitaus offener, freundlicher oder freier waren. Woher kommt dieses Verhalten? Warum findet bewusst und unbewusst solch eine Gewichtung statt, und zwar bei Frauen und Männern gleichermaßen?

Die Forscher legten eine äußerst archaische Ursache zugrunde: sprechen wir mit einem für uns attraktiven Menschen, so rücken wir uns in ein besonders vorteilhaftes Licht, bewusst wie unbewusst, um eine möglichst kongruente Situation zu erzeugen. Obwohl wir oberflächlich nichts weiter, als ein Telefonat führen, gebärden wie uns in einem für uns vorteilhaften Lichte, weil es ja sein könnte, dass wir dem Gesprächspartner möglicherweise einmal näher kommen, und zwar in der Tat -nach genetisch bedingten Abläufen- bis hin zur erfolgreichen Arterhaltung. Wenn wir auch als scheinbar aufgeklärte Menschen in der Welt kommunizieren, so funktioniert unser Unterbewusstsein noch nach diesem archaischen Prinzip.

In dem Moment, in dem wir unsere Attraktivität steigern durch jedwede Maßnahmen, erhöhen wir, gewollt oder ungewollt, unsere positive Wirkung und Bedeutung im Sinne der ureigensten Bedürfnisse der Menschen. Interessant finde ich die Möglichkeit, diese Erkenntnis auf ein direktes Gespräch zu übertragen. Auch dabei zeigt sich in vielen Versuchen das gleiche Bild: Sich sympathische Menschen zeigen ein deutlich werbenderes Verhalten, als dies sich eher unterschiedliche Personen zeigen.

Eine große Veränderung in diesem Verhalten konnten die Forscher im Übrigen dadurch erzielen, indem sie den Anrufern im Vorfeld des Telefonats mitteilten, ob der Angerufene den Anrufer attraktiv fand oder eher unattraktiv. Wenn auch der Effekt jeweils verstärkend wirkte, so konnte beobachtet werden, dass bei vermeintlich attraktiven Gesprächspartnern dennoch ein entsprechendes Verhalten gezeigt wurde, nur in viel abgeschwächterer Form. Wussten die Probanden von einer negativen Meinung des Angerufenen über sie selbst, so konnte eine mehr unbehagliche Körpersprache beobachtet werden. Diese ist zu vergleichen mit der inneren Abwehrhaltung, die wir in anstehenden unangenehmen Gesprächen einnehmen.

Fazit: Die Äußerlichkeiten beeinflussen unser Verhalten trotz Aufklärung in hohen Maße. Nicht mal unser Wissen darum verhindert das. Vielleicht ist es ja gut so, so finden wir doch intuitiv das richtige Gefühl für den anderen und sollten diesem Gefühl öfter vertrauen.