„Eros“, oder Erotik stellt keine Aufforderung dar (202)

GateErotisches entsteht per Definition: Bedeutet Nacktheit an sich schon Erotik? Gibt es Nacktheit nicht an verschiedensten Orten? Ändert sich Nacktheit im Kontext, entsteht folglich zwangsläufig Erotik? Gibt es Abstufungen je nach Mensch, Gegebenheit und Zeit (-alter)? Ein kleiner Ausflug.

Beginne ich mit einer Definition, weil es so schön einfach ist, mit der von Wikipedia:

„Als Erotik – von Eros (Mythologie) – bezeichnet man die sinnliche Anziehung zweier oder mehrerer Menschen. Die Stärke der „erotischen Ausstrahlung“ und der „erotischen Signale“, die andere Menschen „senden“, wird keineswegs nur durch den bloßen Anblick eines möglichst hohen Grads von Nacktheit eines menschlichen Körpers bestimmt, vielmehr können auch bestimmte Kleidungsstücke und Gegenstände (s. Fetisch), die Mimik und Gestik einer Person, Sprachmelodie und -färbung, Körperhaltungen und Handlungen von Menschen oder deren Abbilder Erotik erzeugen.“

“ Als allgemeines Ideal galt und gilt in der Regel die harmonische Verbindung von Liebe, Erotik und Sexualität, also die Vereinigung von emotionaler, geistiger und körperlicher Liebe. Schon die Philosophie im alten Griechenland postulierte die Notwendigkeit einer Einheit von Körper, Geist und Seele, damit der Mensch mit sich selbst im Einklang sei.“

“ Zur Geschichte der erotischen Darstellung gehören Elemente aus Malerei, Bildhauerei, Literatur, Fotografie und Film, die sexuelle Szenen zeigen. Diese wurden von fast allen Zivilisationen, in der Antike wie in der Moderne, angefertigt. Frühe Kulturen hielten den Akt für einen Ausdruck übernatürlicher Einwirkung und verbanden ihre Religion mit solchen Darstellungen. In asiatischen Ländern wie Indien, Nepal, Sri Lanka, Japan oder China hat sexuelle und erotische Kunst besondere spirituelle Bedeutungen innerhalb der einheimischen Religionen des Hinduismus, Buddhismus, Shintō und Daoismus. Die Griechen und Römer produzierten zahlreiche Kunstwerke und Dekorationen erotischer Natur, die vielfach in religiösen Ansichten und kulturelle Praktiken eingebunden waren.“

„Während der Zeitgeist bestimmter Epochen die Erotik mehr oder weniger zu unterdrücken suchte (beispielsweise im viktorianischen Zeitalter), hatte die Erotik zu anderen Zeiten Hochkonjunktur, etwa in der Epoche des Rokoko.“

Damit ist schon einiges Grundsätzliche über Erotik gesagt. Offen bleiben viele Nuancen unter noch mehr Menschen. Irrtümer und Versehen sind im Verständnis ebenso vorprogrammiert, wie absichtlich herbeigeführte Überschreitungen von Regelungen und Übereinkünften.

Nacktheit ist, wie in Wikipedia oben beschrieben, noch nicht erotisch. Das ist nichts neues, wir wissen darüber Bescheid. (Wobei Wissen und Umsetzen zwei sehr unterschiedliche Dinge sein können) Es kommt darauf an, wann Nacktheit beginnt, erotische Züge zu gewinnen. Es kommt auf den Ort an (I), es kommt auf die Epoche an (II) und es kommt auf die Art und Weise der Nacktheit an (III).

I. Der Ort
Es hängt beispielsweise vom Platz des Geschehens ab. Dort entscheidet sich, ob Nacktheit in Richtung erotische Nacktheit verstanden werden könnte. Stelle dir verschiedene Möglichkeiten vor: Beim Arzt, unter der Dusche, im Aufzug, am Strand, in der Striptease-Bar, in der Kirche, …! Du merkst schon anhand dieser wenigen Beispiele, welche Auswirkung wieviel unbedeckte Haut an verschiedenen Plätzen symbolisiert. Im San Marco Dom zu Venedig war mit unbedeckten Armen kein Einlass. Am Rügener FKK-Strand war bedeckt der Einlass verwehrt. Ein bauchfreies Top würde in einer Geschäftsbesprechung unter führenden Wirtschaftsberatern dazu führen, den Gesprächspartner vermutlich nicht ganz ernst zu nehmen.

Alle diese Orte haben eines gemeinsam: Es existiert eine verbindliche Ordnung, eine Regel, die darüber Auskunft gibt, wie sich die Menschen in bestimmten Bereichen zu verhalten haben. Die Toleranzgrenze ist da sehr eingeschränkt. Das funktioniert unter anderem dadurch, dass bei Zuwiderhandlungen Sanktionen erwartet und unter Umständen auch vollzogen werden. Du selbst gucktest bestimmt auch verwirrt, wenn Dir des Nachts um 2 Uhr bei der Heimfahrt aus der Düsseldorfer Altstadt auf der Mecumstraße (eine der am stärksten befahrenen Straßen Deutschlands) in Höhe der Feuerbachstraße bis auf festes Schuhwerk 4 sonst völlig nackte junge Männer erblickt hättest, die so die Straße überquert hätten. (Das hättest du 1982 durchaus erleben können 😉 )

II. Die Epoche
Was heute en Vogue ist, kann morgen zu peinlichen Situationen führen. Wenn Erotik, wie oben zu lesen ist, in einer Epoche verpönt war, etwas später aber als chic galt, wir nur die Zeiten der letzten Jahrzehnte betrachten, so stellen wir fest, dass sich nicht nur die Moral der Gesellschaft verändert hat, sondern auch der Umgang mit ihr durch die Individuen dieser Gemeinschaft. Eine Tendenz zum Werteverfall wird allerorten attestiert, allein die Werte selbst sind dabei nur diffus bestimmt, meine ich. Werte werden nicht unbedingt von der Gemeinschaft festgelegt, die damit lebt, oftmals verselbständigen sich Reglementierungen, um mehr dem System selbst zu dienen, als dem Menschen. Schön ist es, einen Überblick zu erhalten. Man reflektiert, was zu welchen Zeiten möglich, nötig oder bedeutend war, um in diesem Zusammenhang festzustellen, dass man selbst gerade zufällig in dieser bestimmten Epoche zugegen sein darf, welche gerade diese und nicht andere Werte hochhält.

III. Die Art und Weise
Ohne sich ganz eindeutig von den ersten beiden Punkten abzusetzen spielt die Art und Weise der Nacktheit eine entscheidende Rolle bei der Bewertung. Hierbei scheiden sich die Geister, finden die meisten Missverständnisse dort statt. Nacktheit an sich stellt noch keine erotische Situation dar, erst die Gedanken und Gefühle eines Betrachters lässt Erotik entstehen. Von freizügig bis bedeckt kann die Haut des Menschen dargestellt werden, mal mit weniger abzeichnenden Stoff, mal [nahezu] vollkommen verdeckt. Jede Bedeutung in jeder beliebigen Kultur kann abweichend sein, abweichend von deiner Idee von Erotik. Aber nicht nur interkulturell sind Diskrepanzen alltäglich. Schon deine Nachbarin kann ein gänzlich abweichendes Verständnis haben von der Bedeutung der „stoff – freien“ Stelle an ihrem oder auch an deinem Körper. Nicht nur die Vermischung der Kulturen oder die Begegnung der Generationen zeichnet verantwortlich dafür. Je nach Grad der Bildung und Erziehung, der Lebensumstände und Erfahrungen findet ein Abgleich der Werte statt, der dazu noch in ständigem Wandel befindlich ist.

Nun komme ich zum Umgang mit der Erotik. Erotik entsteht demnach nicht zwangsläufig aus Nacktheit. Sicher, manchmal kann sie animieren, doch allzu oft ist es nur plump und obszön. Abgesehen von der allseits ausgelebten Doppelmoral bezüglich aller Erotik, schon das Wort hat öffentlich einen ruchlosen, faden Beigeschmack, und der Tatsache, dass die Erotik eigentlich im Sinne des Betrachters entsteht, findet im öffentlichen Leben kaum erotische Aktionen statt. Fotografien sind eine Ausnahme, auch in entsprechenden Gegenden wie dem Achterburgwall in Amsterdam oder der Reperbahn auf St.Pauli sehen wir hin und wieder deutlich erotisch anmutende Menschen. Der Kleidungsstil mancher Zeitgenossen(-innen) regt bei wenigen Betrachtern auch schon mal erotische Gedanken an, allein der Umgang damit ist eindeutig geregelt: Diese Personen möchten (Auf-)sehen erregen, zwar nicht von jedem, das jedoch liegt bei der Begegnung nicht mehr in deren ermessen. Doch es beschränkt sich auf die Betrachtung. Nichts weiter liegt in der Absicht, von wem auch immer.

Nicht so ist es mit den Gedanken. Sie entstehen immer wieder bei uns Menschen, oft zu den „unmöglichsten“ Zeiten und von beiden Geschlechtern gleichsam. Hierbei gilt: die Gedanken sind frei! und es ist schön, diesen Gedanken einen kleinen freien Raum zu lassen, hier könnte ich nur aus Gesprächen mit vielen Freunden und Freundinnen aus vergangenen Zeiten zitieren, doch als Summe und Fazit möchte ich nur kurz skizzieren: schöne Gedanken bereichern das Leben ungemein. Wir alle sollten weniger verbissen mit unserer eigenen Moral umgehen, was die schönen Seiten des zwischen-menschlichen Lebens angeht. Der Phantasie einen Raum lassen, ihr einen bauen und mit dem Partner Leben einhauchen, versuche es mal.

P.S. (Das Foto ist unbearbeitet und mit der X-T1 und dem 32er Zeiss aufgenommen worden)

Körperwahrnehmung, Teil VI (201)

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„Mens sana in corpore sano.“
Ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper. Oder umgekehrt? „Ein gesunder Körper entsteht durch einen gesunden Geist.“ Ich sehe es als problematisch, eine solche These herzuleiten. Definiert sich der Mensch durch seinen Körper? Wird er durch seinen Körper definiert?

Es kommt auf den Standpunkt an. Wie näherst du dich einer Frage? Warum interessiert es dich? Die Perspektive erlaubt einen Überblick. Je weiter weg Du stehst, desto größer ist deine Übersicht. Alles ist [natürlich] begrenzt durch deinen persönlichen Horizont. Den hast du entdeckt, er hat sich weiter gebildet und du hast ihn [wahrscheinlich] irgendwann erweitert. Vielleicht bestehen Erfahrungen durch erfahren von Sichtweisen anderer. Entdecktest du die Einzelheiten am Horizont erst durch Hinweise eines weitsichtigen Vorbilds? Reihten sie sich ein in deinen Horizont? Andererseits entgehen dir vielleicht bei einer weiten Sichtweite Einzelheiten. Einzelheiten, die möglicherweise entscheidenden Einfluss auf das Ganze gehabt hätten. Folglich ist beides vonnöten.
Es folgt ein Versuch.

Du existierst. Du existierst als Körper. Du existierst als Geist. Diesen cartesischen Dualismus blende ich hier vorerst aus.
Im Gegenteil: Ich beschreibe einen weiteren Dualismus. Du existierst auf der einen Seite als Körper, und zwar als Körper, der handelt, kreativ ist, der erschafft und vernichtet, der auf seine Umwelt wirkt. Auf der anderen Seite existierst du gleichzeitig als Körper, der empfängt: Die Umwelt wirkt auf dich. Du fühlst, du hörst, du schmeckst. Du erfährst Einflüsse aller Art. Du empfindest Gefühle über deinen Körper, die durch Wahrnehmungen bei anderen Lebewesen, deren Handlungen, sowie deren Unterlassungen, deren Gesten und Ausstrahlung erzeugt werden.

Ein Wechselspiel der Kräfte kannst du beobachten: Dir widerfährt etwas, du reagierst, du handelst, eine Wirkung geschieht. Auf diese reagierst du wiederum. Leben. Wirken. Über deinen Körper wirkst du auf die Welt, schreibst jeden Tag Geschichte, die Geschichte deiner selbst, sowie die Geschichte der Menschen.

Bist du also für die Personen in deinem Umfeld neben deinem Körper als Körper das, was dein Körper verkörpert? Du wirkst nicht nur durch deine Taten, schon deine schiere Existenz wirkt auf deine Umgebung. So wie der Grashalm, auf dem du stehst, sich verbiegt, so wirkt deine Erscheinung auf andere Menschen. Siehe dich an. Überlege, welchen Einfluss das Äußere der Menschen, denen du tagtäglich begegnest, auf dich selber hat.

Bei der Begegnung mit Menschen in deinem sozialen Umfeld laufen all die Prozesse ab, auf die du im Laufe deiner Entwicklung konditioniert wurdest. Gesellschaftliche Konstruktionen des Miteinander regeln deine Erscheinung, weitestgehend uniform kommst du gegangen. Du armes, austauschbares Individuum, hervorgebracht durch gesellschaftliche Diskurse, nicht aus sich selbst heraus, vielmehr ein Produkt der Gesellschaft, sich im Wesen auflehnend, doch immer schön konform. Nonkonforme Störelemente bedrohen die Ordnung, die Vorhersagbarkeiten der intersozialen Abläufe laufen Gefahr ihres Zweckes enttarnt zu werden.

Dein Körper, angefüllt mit Wahrheit, Wissen, Macht und Trieb bringt diese Dinge über Aktion heraus, hervor, er wirkt ausschließlich über Aktion, selbst Verweigerung ist zuweilen Aktion, wenn nicht Verweigerung zum statischen Zustand geworden ist. Und aufgepasst: Wie weit entfernt bist du vom Zustand einer Statue? Meckerst du nur herum, fügst dich in ein Schicksal, das gerade so zufällig des Weges kam, heulst nur herum, kaum hörbar, gerne von der Couch aus, mit ein paar Snacks neben dir, das Pad auf dem Schoß, wild Buchstaben swypend, über deine ach so missliche Lage? Das ist ja so wunderbar bequem, unauffällig, statisch. Hauptsache, der Hecht im Karpfenteich, in Form eines notwendigen Broterwebs hält dich noch funktionell aufrecht für die ökonomische Liga. Herzlichen Glückwunsch.

Die universelle Schablone (199)

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Ein Monolog ist nicht existent. Er beginnt sein Dasein erst mit der Wandlung zum Dialog. Oder als Vorläufer zum Dialog, zur Handlung. Wie Du aussiehst, ist unerheblich. Erst dann, wenn Du wahrgenommen wirst, kommt die universelle Schablone der Gesellschaft über Dich!

Noch immer lebst du in (einer) Gesellschaft. Du bist Teil dieser Gesellschaft. Du unterliegst den kulturellen und sozialen Regeln dieser Gesellschaft. Du bist ein Mitglied, dessen Existenz die Gesellschaft ausmacht und ein Teil dieser Gesellschaft, die dich gleichzeitig mit den Normen und Regeln überfängt, die ihre Existenz ausmacht. Dein Platz inmitten deiner Gesellschaft ist ziemlich genau definiert, so, wie auch die Gesellschaft selbst definiert ist. Du hast nahezu immer die Wahl, in welcher Gesellschaft du dich nieder lässt.

Definitionen deiner Gesellschaft ordnen sich ein. Kommunikation ist das Mittel der Regulation. Um etwas zu regulieren muss ich es erst orten. Ich differenziere, um Grenzen festzulegen zu können. Was ist noch zuträglich, richtig im Sinne der Gesellschaft, richtig im Sinne der Übereinkünfte über die Ziele einer Gesellschaft, respektive der Ziele ihrer Teilmengen und die Ziele ihrer Individuen?

Unter dem Wandel der Möglichkeiten der Kommunikation vollzieht sich gleichzeitig ein Wertewandel. Indem ich über fast alles sprechen kann, über fast alles schreiben kann, vor allem aber, indem ich so laut kommunizieren kann, dass es jeder hören könnte, wird der Inhalt aller Diskussionen in immer weiterem Kreise umfasst. Über alles und jeden wird diskutiert. Überall. Wieder und wieder wird entschieden, bestimmt und festgelegt. Erweiterungen erschaffen neue Horizonte, neue Sichtweisen, neue Standorte.

Was vorher nicht definiert war, konnte nicht geregelt sein. Was nützt mir der Monolog? Ein Monolog ist vielleicht ein Gespräch mit mir selbst und schon dann stelle ich vorsichtig die Frage in den Raum, ob ich selbst, ohne schizophren zu sein, nicht doch binär bin. Deshalb, weil ein von mir gesprochener Monolog mich selbst als Subjekt und Objekt erfasst, ich selbst bin Redner und Zuhörer.

Beginne ich also mit dem Dialog. Der Dialog zwischen Gesellschaft und Individuum, der schon deshalb spannend ist, weil es einerseits der Dialog zwischen eben genannten als solcher zwischen Subjekt Gesellschaft und Objekt Individuum ist und andererseits umgekehrt. Du formst, was dich formt. Du baust dir die Grenzen selbst auf, innerhalb derer du dich danach bewegen kannst. Wissen wir alle! Wie die Lämmer, die zur Schlachtbank geführt werden! Was soll’s, solange der Weg dahin schön ist.

Verschwiegen werden all unsere Überschreitungen von sozialen Grenzen, vor anderen natürlich, aber vor allem vor uns selbst. Subtil funktionierende Mechanismen, wie „Kleinreden“, „als Ausnahme abtun“, oder ganz und gar die Schärfe einer Bestimmung in Frage stellen sind Gang und Gäbe. Unser Gewissen, so wir denn eines besitzen, und ferner, falls dieses auch in Betrieb genommen wurde, sowie aktualisiert funktioniert wird allzu gerne hinters Licht geführt. Wir fühlen uns dabei auch noch gut, so konnten es Forscher heraus finden.

Werden unsere Verfehlungen jedoch entdeckt, so wird es manchmal peinlich. Manchmal aber auch ist unser Geist nur so von Trotz erfüllt. Wohlweislich unserer Überschreitungen relativieren wir äußerst gerne. Solange es uns selbst betrifft. Wird es jedoch unübersehbar für alle Beteiligten, folgt die Auseinandersetzung mit der Zuwiderhandlung. Läuft es gut im Sinne von folgerichtig ab, so wird der Verlauf der Grenzen überprüft. „Sind die Bedingungen einer Teilnahme an gesellschaftlichem Leben überhaupt einzuhalten von den Mitgliedern der Gemeinschaft, oder entwickelten sie sich quer?“ Leider findet diese Auseinandersetzung recht selten statt. Schon im engsten Familienkreis blockieren enorme Widerstände Überprüfungen, du kennst es vermutlich. Wie soll es da in größeren Verbänden leichter funktionieren?

So wird abgeglichen, jeden Tag auf’s neue, wer verhält sich wie und wer wie nicht. Das System der sozialen Verflechtungen rastert seine Mitglieder fortwährend ab. Durch uns selbst, beispielsweise mit dem Ausdruck der Gedanken oder Worte: „Wie sieht D A S denn aus?!“ Böse, wer da nicht denkt, es geschehe nur zum Besten der Menschen innerhalb dieses Habitats.

Gemein – schaft (197)

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Lebst Du als Einsiedler? Nein? Dann in einer Gemeinschaft? Prägt Dich diese Gemeinschaft in irgend einer Art und Weise?  Oder prägst Du die Gemeinschaft? Vielleicht kommt Dir das Wort „Wechselwirkung“ in den Sinn.

Seit dem wir Menschen nicht mehr in kleinen Gruppen verstreut über den Globus dahinvegetieren, und uns mehr oder weniger dicht auf die Pelle rücken, haben wir uns Regeln ausgedacht. Regeln, die uns helfen [sollen], den Umgang untereinander vorhersagbar zu machen. Die Zeitspanne, in der sich diese Normen gebildet haben, beläuft sich auf eine Zeit von über 500 Jahren, und ist dabei keineswegs abgeschlossen, sondern befindet sich im stetigen Wandel. Was heute noch moralisch ethisch korrekt ist, könnte im Laufe der Entwicklung schon bald als überholt und nicht mehr zeitgemäß gelten.

Junge Erdenbürger werden in relativ kurzer Zeit so konditioniert, dass sie funktionieren. Sie müssen, wie du auch, diesen Entwicklungsprozesses, der sich im Laufe der Jahrhunderte etablierte, in nur wenigen Jahren verinnerlichen. Diese Normen und Regeln sollen so weit übernommen werden, dass sie nicht mehr von außen überwacht, gesteuert oder geregelt werden müssen, sondern sie sollen aus eigener Überzeugung befolgt werden.

Ob diese Übereinkünfte dabei dem eigenen Körperempfinden widersprechen oder nicht, das gilt aus Sicht der Norm als zunächst unerheblich. Den körperlichen Bedürfnissen wurde im Zuge der Reglementierungen zunehmend weniger Raum eingeräumt. Die Trennung von Geist und Körper im Laufe der „Zivilisierung“ des Menschen schuf gleichzeitig eine Verlagerung der Gewichtung. Der Geist wurde über den Körper gestellt.

Jeder von uns bedenkt sein Verhalten, bevor er es ausübt. Er geht im Geiste die möglichen Konsequenzen durch, die ihn durch sein Verhalten ereilen könnten, wenn nicht schon die aufkommende Idee über eine Handlung als nicht konform niedergeschlagen wird. Im bezug auf die körperlichen Belange funktionieren in uns Mechanismen, deren Ausdruck in Scham und Peinlichkeit gründet. Ein Verhaltenskodex ist in unserem Verständnis so weit etabliert, dass eine Zuwiderhandlung eine derart große Hemmschwelle zu überwinden hätte, die uns warnt: bis hier her und nicht weiter, sonst habe ich mit unvorteilhaften Konsequenzen zu rechnen.

Einzug gehalten haben die die körperlichen Umgangsformen beim Adel, wenn ich dem Soziologen Elias folge. Regelwerke über die Etikette wurden anschließend zunächst nur für die Bourgeoisie verfasst, sie sollten sich danach aber zunehmend auch unter dem einfachen Volk durchsetzen. Dieser Prozess kann bis heute und in vielen Regionen und Ländern beobachtet werden. Schon vor knapp 100 Jahren beobachteten aufmerksame Zeitzeugen gegenläufige Tendenzen. Aufweichungen der Benimmregeln wie das Reden über private, körperliche Erfahrungen im öffentlichen Fernsehen, die Akzeptanz von Nacktheit in der Öffentlichkeit, bishin zum Urinieren bei Theatervorstellungen mögen als Beispiele gelten. So lassen sich diese Verschiebungen als leicht pendelhaft bezeichnen.
Jeder einzelne Mensch findet sich im Gezeitenstrom der Moralitäten wieder, in dem er selbst entscheiden kann, ob er sich mittreiben lässt, stehen bleibt, oder gegen diesen Strom schwimmt. Je nach persönlichen Konsequenzen für Dich handelst Du täglich auf’s neue. Viel Erfolg!

Zensur des schönen Hässlichen, Teil 2 (195)

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Hier im zweiten Teil von „Zensur des schönen Hässlichen“ gehe ich weiterhin der Frage nach dem Umgang mit physischen Erscheinungen nach. Was sehen wir (an), wie bewerten wir das gesehene und warum?

Zunächst ein inhaltlicher Auszug aus Plutarchs (ca. 46-120 n.Chr.) Dichtungen über die Spartaner:
„Lykurg hat auch die Lebensführung der Frauen sorgfältig geregelt. Er sorgte dafür, dass die Körper der Mädchen durch Laufen, Ringen und Speerwerfen gekräftigt wurden. Denn er sagte sich, dass Frauen mit kräftigen Körpern auch kräftige Kinder gebären würden. Und auch bei der Geburt selbst hätten sie keine Schwierigkeiten. Weichlichkeit, Verzärtelung und alles, was er abfällig „weibisch“ nannte, verbannte er. Er gewöhnte die Mädchen daran, wie die Knaben nackt ihre Aufzüge zu halten und bei bestimmten Festen zu tanzen und zu singen und das vor dem Augen der jungen Männer. Dass die Mädchen sich entblößten, hatte übrigens nichts peinliches an sich. Denn es war Scham dabei und keine ungehörige Schaulust. So gewöhnten sie sich an Einfachheit und strebten nach wohl gestalteter Körperbeschaffenheit. Auch gab das der Frau Sinn und Geschmack für das stolze Selbstgefühl, dass auch sie nicht weniger als der Mann Anteil haben sollte am Streben nach Tapferkeit und Ruhm. …“

Auch wenn schriftliche Überlieferungen aus der Zeit Spartas meist nicht von Spartanern selbst verfasst und überliefert wurden, diese stammen nämlich mehr von ihren Feinden oder von Nachfahren, und dadurch deren Integrität grundsätzlich bezweifelt werden darf, so lässt sich aus pragmatischer Vorstellung heraus doch ein wahrer Kern annehmen, zumal ausreichend andere Kulturen existieren, die einen vergleichbaren Umgang mit der Körperkultur pflegen. Anhand des obigen Beispiels sieht man, wie sich die damals aktuellen Richtlinien und vorgegebenen Verhaltensweisen im Punkto Körperlichkeit über die Zeiten hinweg verändern. Die Sozialisation körperlicher Belange mündete in der modernen westlich-geprägten Gesellschaft gemeinhin in eine Tabuisierung, was unter anderem an der Sprache, dem genutzten Wortschatz zu erkennen ist.

Die vermutlich etwas verklärte Sicht Plutarchs auf die Gebräuche der Spartaner soll hier als Gedankenanstoß gelten. Im ersten Teil stellte ich die Frage nach der Bedeutung der sichtbaren Formen aller Dinge im Umfeld des Menschen. Durch welche Überlieferungen bedeuten unserer Gesellschaft bestimmte Dinge mehr als anderes, warum verändert eine optische Abweichung die Bedeutung, wie entsteht die unterschiedliche Wertigkeit?

Nicht nur Formen beeinflussen unser Verständnis der Dinge, auch Oberflächen und Material erwirken seltsame Gebärden. Irgendwann entdeckte der Mensch das Gold. Woher und warum entstand seine Wertigkeit, warum brachten die Conquistadores viele tausend Ureinwohner für das Metall ums Leben? Weil es glänzt? Weil es rein ist? Weil es ein knappes Gut ist? Weil ein relativ hoher (Gegen-) Wert festgelegt worden ist? Warum? Vielleicht ahnen wir es.

Zurück zur eigentlichen Fragestellung. Im Zuge der Sozialisation der Gesellschaft entstanden vielfältige Übereinkünfte, die einer ganz wesentlichen, fundamentale Ambivalenz entsprang: Sie ist von einem Subjekt erschaffen und weiterentwickelt worden, und zwar für ein Objekt, das gleichzeitig Subjekt ist. Dabei ist besonders in unserem Kulturkreis die rationalistische Denkweise bezeichnend für den Umgang mit der Vielfalt der Möglichkeiten. Stark zweckdienliches Denken besitzt den höchsten gesellschaftlichen Stellenwert. Ob die zweckgerichtete Lebensart bei uns Menschen zum Selbstzweck mutiert ist, kann jeder für doch selbst entscheiden, wenn er nur reflektiert.

So ist ein wesentlicher Faktor in diesem Zusammenhang der Akt der Infragestellung von Sinnhaftigkeit jedweder sittlichen, moralischen und emotionalen Übereinkünfte durch jedes Individuum einer Gemeinschaft, um diese Gemeinschaft dem Menschen dienlich zu gestalten und nicht umgekehrt. Perfide Mechaniken wie die versteckt-offene Etablierung einer grenzenlosen Konsumsucht, angefeuert durch den Anschein von fiktiven Innovationen entfremden den Menschen zu einem zunehmend entsozialisiertem und was viel bedeutender ist, entmenschlichtem Wesen.

So lässt sich ein „Ist-Zustand“ beschreiben, wie er vielfach attestiert und auch empfunden wird. Über die Herkunft, die Entstehung sagt es nur wenig aus. Verfolgt man allerdings die Entwicklungsgeschichte von Sitten und Gebräuchen, so wird einem gewahr, dass es in den Kulturen, Epochen und Gesellschaften in ihren unterschiedlichen Umgangsweisen nahezu alle erdenklichen Formen gelebt wurden. Auch ergibt sich daraus, dass unsere aktuelle Lebensart nur einen Ausschnitt aus den Möglichkeiten beschreibt, der in ferner oder naher Zukunft schon nicht mehr gesellschaftsfähig sein kann.

Nichtsdestotrotz sind wir hier und jetzt sozialisiert worden. Umgangsformen beherrschen wir notwendigerweise und da der Mensch an sich ein zutiefst bequemes Wesen ist, Veränderungen im Grunde genommen nicht wirklich anstrebt und mag, ist jede Auseinandersetzung mit Normen anstrengend und wird erst dann in Angriff genommen, wenn diese Normen die menschliche Existenz über einen gewissen Punkt hinaus gefährden.

Dieser Punkt findet sich bei jedem Individuum am anderer Stelle, auch die Auffassungsgabe gegenüber den eigenen Lebensbedingungen gestaltet sich absolut heterogen, und das schon in jedem einzelnen von uns, geschweige denn zwischenmenschlich. Auch dabei kommt uns wieder unsere Bequemlichkeit entgegen, wenn es darum geht, Denkmodelle zu hinterfragen, oder, vollkommen utopisch, selbst solche zu entwerfen.

Gemeinhin wird gerne konsumiert, was schon da ist, was bequem übernommenen werden kann. Es wird ein wenig zurecht gebogen, und gerade so passend gemacht. Querulanten, die unbequeme Fragen aufwerfen, sind nicht gern gesehen. Nur wenn es mehr werden, wenn mehr und mehr Menschen dazu übergehen, Sichtweisen in Frage zu stellen, es sich selbst unbequem zu machen, weil man sich nicht weiter auf sich selbst ausruht, dann ist es möglich, etwas zu verändern. Dazu bedarf es, wie uns die Vergangenheit gelehrt hat, Vorreiter.

Das sind jedoch solche Wesen, die nicht unaufhörlich die zwar bequemen, aber prinzipiell unhaltbaren Zustände nur beschreien. Es braucht Menschen, die folgerichtige Lösungsansätze vorschlagen können, die menengerechte Ideen postulieren. Es braucht Denker und „Empfinder“, die durch Beschreibungen Fakten darlegen UND Wege aus dem unbekannten Dilemma weisen oder aufzeigen, wie diese zu finden sind. Wir brauchen dringend Menschen, die einfach ethische Lebens – Thesen aufstellen. Diese kann man auch durchaus mal an eine Türe nageln.

Anmut ( 181 )

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Schönheit und Anmut: Zwei völlig verschiedene Dinge. Und dennoch: in unserer Vorstellung sind sie an sich ganz ähnliche, vielleicht sich ergänzende Attribute.

Ähnlich, weil beide eine Wirkung eines Menschen auf andere Menschen beschreiben, und doch: grundlegend unterschiedlich sind ihnen die Werte in ihrer Bedeutung. Die Schönheit ihrerseits zielt auf das Aussehen. Schön sein bedeutet, dass dem Menschen eine Eigenschaft zugesprochen wird, die relativ objektiv ersichtlich erscheint. Schönheit ist ein Fakt, sie gilt je nach gesellschaftlicher Prämisse als messbar, als bestimmbar.

Die Anmut hingehen erklärt sich weitgehend anders. Anmut bedeutet eine weit über die schiere Schönheit hinaus gehende Eigenschaft (nicht nur) des Menschen. Sie wird wesentlich differenzierter erkannt. Während das Schöne als anzeigende Eigenschaft einem bestimmten Menschen durch gerade eng definierte optische Eigenschaften zugesprochen wird, so ist Anmut etwas, das zwar auch dem Aussehen zuerkannt wird, insbesondere aber zudem sich manifestiert in Bewegungen, in Gestik, Mimik und den Ausdruck in ihrer Ganzheit zugrunde legt.

Entscheidend ist dabei, dass der Ausdruck in der Anmutigkeit gerade bestimmte Schönheitsfehler mit einbezieht, was der Schönheit hingegen missgönnt ist. Wo die Perfektion der Schönheit ein Manko aufweist, da beginnt meist der Anmut in seiner Ungezwungenheit. Der Anmut unterliegt damit weder irgendwelchen modischen Strömungen noch gelten für sein Erscheinen bestimmte Voraussetzungen, er ist ein Kind der Freiheit. (Empedokles: „Anmut haßt den Zwang“)

Die Schönheit bezeichne ich als gerade mal einen möglichen Teil des Anmutes. Deshalb bedeutet Schönheit, die einen Menschen ziert, oftmals nur diesen blanken Schein, der an sich zwar absolut wirkt, doch in der Beschreibung des Menschen nur oberflächlich bleibt. Schönheit in ihrer selbst führt allzu leicht zum Narzissmus, während die Anmut viel mehr vom in sich stimmigen Wesen des Menschen aufgreift. Sie lässt zudem eine viel tiefere Bestimmung des Wesens zu. Schönheit bringt den Menschen oft zu einer Darstellung ihrer selbst, deren Ausdruck in einem durch und durch künstlichem Verhalten endet, das nur noch der Schönheit selbst geschuldet erscheint. Das Verhalten hat alle spielerische Leichtigkeit, an der der Anmut zu erahnen wäre, verloren.

Vor Jahren las ich ein Buch, in dem sinngemäß die folgenden Worte geschrieben standen: ‚Wie schön du warst, allein vergaß ich dein Gesicht.‘ Dieser Satz stellte für mich damals schon eine sehr eindringliche Ermahnung dar. Ermahnung, weil dabei Dinge jenseits des optischen Äußeren beginnen zu zählen, ja geradezu bestimmend sind Es kommen wesentliche zwischenmenschliche Eigenschaften zum Tragen, die das schiere Aussehen im Sinne der allgemein gültigen Normen sichtlich überlagern. Anmut beschreibt zusätzlich ein Zusammenspiel von sinnlichem Aussehen und geistiger Haltung eines Menschen. Goethe definiert Anmut als den Gleichschritt von Geist und Körper.

In Schillers „Über Anmut und Würde“ (1793) wird Anmut definiert als willkürliche Bewegung einer „schönen Seele“, die „sympathetisch“ zu einer expressiven Gesinnung steht. Anmut ist „Schönheit, die nicht von der Natur gegeben, sondern von dem Subjecte selbst hervorgebracht wird“ und dennoch wie ein Naturschönes wirkt; sie ist sozusagen bewusste Bewusstlosigkeit. Friedrich Schiller sieht die Anmut in der „Freiheit der willkürlichen Bewegungen“.

So bleibt dem Aussehen des Menschen, nicht nur dem des Menschen, aber hier geht es ja in erster Linie um uns Menschen, neben der allseits beliebten Diskussion über Schönheitsideale in Wirklichkeit noch viel mehr, nämlich der Anmut, der so viel mehr von der Seele des Menschen innehat und intuitiv viel häufiger von unserem Empfinden erspürt wird, als wir denken.

Moralia 2 {Das eigene Wesen Mensch} (32)

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Hier möchte ich anschließen an den Artikel „Moralia ( Die Einführung )„. Der Mensch als Zentrum seiner Gefühls- und Gedankenwelt – unsere Schaltzentrale und wie sie aufgebaut worden ist.

Es geht weiterhin um die Moral, diese hohe Instanz in unseren Köpfen. Wenn wir sie erkannt haben, wenn wir wissen, wer sie ist, und wenn wir es geschafft haben, ihre Entstehung in uns nachzuvollziehen, dann sind wir in der Lage, diese in Frage zu stellen.

Wir können die eigene Moral mit unseren Ideen und Wertvorstellungen in Bezug setzen. Danach ist es uns möglich, sie mit denen der Gemeinschaft abzugleichen, der Gemeinschaft, von der wir uns als ein Teil verstehen. Ich sehe uns dabei keineswegs als ein Produkt dieser Gemeinschaft, sondern viel mehr als ein Multiplikator. Durch unser Handeln – ursprünglich schon durch unsere schiere Existenz – prägen wir die Gesellschaft, in der wir wirken. Nicht umhin kommen wir bei unserem Beitrag zur Gemeinschaft auszudrücken, was wir denken: unseren eigenen, persönlichen Standpunkt zu vertreten!

Das geschieht durch Kommunikation auf verschiedenste Weise. Und wer jetzt denkt, er müsse ja nicht sagen, was er denkt, der täuscht sich gewaltig: Auch oder gerade durch „Nichthandeln“ oder „Nichtsagen“ drücken wir aus, welch Geistes Kind wir sind! Zwar bemerken es unsere Zeitgenossen nicht immer sofort, doch in der Summe charakterisiert sich der Einzelne sehr wohl, folglich auch dessen Gesellschaft. Unsere Position sollten wir natürlich kennen und danach den Mut haben, sie auszudrücken. MUT? Ja, Mut meine ich, denn es ist nicht leicht, sich zu positionieren, spielen doch mehrere externe Einflüsse sowie persönliche Faktoren eine Rolle:

1.  Ich sollte mich selbst gefunden haben. Ist dies nicht der Fall, so weiß ich nicht, von wo oder gar wem aus ich hier etwas reflektiere.

2. Ich sollte genügend Informationen über die Fragestellung gesammelt haben. Wenn ich durch Halbwissen wesentliche Inhalte nicht einbringen kann, so habe ich auf einer Seite des Hauses das Fundament nicht gesetzt und das Haus hält nicht mal einer Böe stand.

3. Ich sollte mich mit den Gedanken auseinander gesetzt haben. Habe ich nicht einmal das Für und Wider beleuchtet, so verblendet mein Fokus die Gesamtansicht und ich erliege einem Tunnelblick. Durch die Sichtweise von einem anderen oder mehreren weiteren Standpunkten aus erscheint mancher Gedanke plötzlich in einem gänzlich anderen Licht. Der berühmte Schritt zurück sei hier genannt, der den Wald vor lauter Bäumen enttarnt.

4. Ich sollte nach der Entstehungsgeschichte fragen. Warum ist es dazu gekommen? Welche Umstände oder welche Begleitumstände haben zu einem Zustand geführt. „Wer die Vergangenheit versteht, braucht die Zukunft nicht zu fürchten.“ Diesen Satz las ich als Kind in einem meiner Geschichtsbücher und er bewahrheitete sich durchaus. Heißt er doch übersetzt so etwas wie: “ Das habe ich schon mal gesehen, das könnte daher kommen, dass …“ Nicht das Schubladendenken propagiere ich damit, ich meine, es hilft mir zu wissen, dass Feuer heiß ist und zerstören kann, daher zünde ich keine trockene Wiese (mehr) an. Weiter übersetzt meine ich damit, dass ich in einer fruchtbaren Diskussion einen Menschen beispielsweise nicht persönlich untergrabe! („Du hast doch noch nicht ….“)

5. Ich sollte sagen, was ich denke und es begründen können. Auch ein Grund kann gemeinsam beleuchtet werden und vielleicht sogar als Trugschluss überführt werden oder überzeugen.

6. Ich soll mich trauen, etwas zu sagen. Es ist nicht immer leicht, etwas in der Gesellschaft zu verändern, oder auch einen Beitrag zu leisten, der gehört wird, gesehen oder erlebt wird. Mit im Strom zu schwimmen, das Fähnchen im Wind zu leben, trägt nicht dazu bei, die Gemeinschaft zu verändern, zu ihr etwas Wertvolles beizutragen. Dein Ruf in der Masse der „JAWOLLS“ ist dem Untergang geweiht, dem Untergang der Individualität, die von allen Seiten des Lebens mit den Waffen der Konformität torpediert wird. Ich meine, Veränderung führt meist zu positivem Fortschritt. Nicht, dass alles Althergebrachte falsch ist!  Durch die Tatsache, dass das Leben ein Fluss ist, und wir eine Zeitspanne zu Gast auf der Erde sind, finden wir immer neue Ufer. Diese gilt es neu zu erforschen, mit den Erfahrungen der Altvorderen und den eigenen zu verbinden.

7. Manchmal kommt es darauf an, ein Fels in der Brandung zu sein. In der Beziehung zu a. sich selbst; b. dem Partner gegenüber; c. der Gesellschaft gegenüber. Sei Du selbst, sage es, handle so, verweigere, was widerstrebt. Standhaftigkeit mit Offenheit sind im Punkto Moral keine Widersprüche in sich.


Mit dem Mut des eigenen Wesens kann ich folgerichtig die Moral in Frage stellen. Bezogen auf mein Hauptthema, für das ich hier etwas weiter ausgeholt habe und dies auch sicher noch des Öfteren tun werde, möchte ich zur vorhandenen Moral plakativ vermerken, dass ich diese scheinheilige Moral in dieser Gesellschaft, in der ich mich momentan aufhalte, in Bezug auf z.B. den Hintern nicht für wahrhaftig halte. (Wie in Bezug auf viele andere Themen auch!)

Zur Begründung:
Der Hintern ist und bleibt ein vielbeachtetes Körperteil. Dessen Anziehungskraft beim „anderen“ Geschlecht ist ungebrochen hoch. Die (heimliche) Suche im Internet, die von den Betreibern der Suchmaschinen ausgewertet nicht mehr allzuheimlich zu sein scheint, spricht eine mehr als eindeutige Sprache. Spreche ich mit verschiedenen Menschen über das Thema im weitesten Sinne, so spricht die Mehrzahl frei über die eigene Affinität zum Hintern des Partners oder schöner Hintern anderer Menschen.

Ich stelle hier bewußt die Frage nach der Herkunft dieser Tabus. Auf der Suche nach einer Erklärung werde ich in weiteren Beiträgen meine Erkenntnisse notieren. Die Scheinheiligkeit der Gesellschaft ist hinlänglich beschrieben worden. Eine kleines Beispiel dafür wäre der Umgang mit dem Maler Egon Schiele: 1912 wurde er wegen „Verbreitung unsittlicher Zeichnungen“ zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Bei Versteigerungen heutzutage bezahlen die Menschen für seine Werke Millionenbeträge.

Suche ich nach den Wurzeln dieses Übels, werde ich an vielen Orten fündig. Die Kirche scheint einer davon zu sein, die Vereine ein zweiter, die Medien ein dritter – die Reihenfolge steht hier ohne Wertung. Ich beabsichtige sie zu beschreiben, zwar noch nicht hier und jetzt, aber gemach, Freunde, es folgt alles zu einem späteren Zeitpunkt. 🙂

 

Moralia 1 { Die Einführung } ( 15 )

kap jeans hintern Mies-Vandenbergh-Fotografie

Mies-Vandenbergh-Fotografie

Das macht man nicht! – Soso? Wer sagt das und warum, seit wann und überall? Sei kritisch! Immerfort. Auch Dir selbst gegenüber.

Unsere Wertvorstellungen, insoweit es denn unsere reflektierten sind, wurden uns seit frühester Kindheit aufoktroyiert. Da war Tante Else und Onkel Karl, Oma Metternich und Opa Heinrich, unsere Eltern, die uns sagten, was richtig, was falsch war. Tue dies nicht, tue das nicht, mache es so und nicht anders. Solange Du Deine Füße unter meinen Tisch stellst,…!

Danach kamen die Kindergärtnerinnen, wechselten zu den Lehrern, während zum Zeitpunkt der Oberstufe schon Hopfen und Malz verloren zu sein schien. Auch das persönliche Umfeld aus Mitschülern, Freunden und Freundinnen prägte uns, und vermittelte uns ein Bild des Lebens, von dem wir annehmen mussten, das es sich so gehörte. Idole und Stars, deren Vorbildfunktion uns manches mal in ihren Bann zogen, waren da schon verführerischer, weil oft freigeistiger Natur. Ging da auch etwas anders?


Die Moral war (und ist) allgegenwärtig, eine Institution in unseren Köpfen, gehegt und gepflegt durch die Normen der Gesellschaft, die uns am liebsten mit der Unterstützung der Kirche zu einwandfrei funktionierenden Menschen formen wollte.

   Doch irgendwann war es soweit! Wir konnten lesen. Denken und Fragen konnten wir schon immer , jedoch das Lesen kam erst später dazu.

Entscheidend war der Zeitpunkt, der uns hinleitete, über das zu entscheiden, was wir lesen! Für mich und meinen Freundeskreis sollte die Lektüre damals, in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren, der Durchbruch sein. Wir stellten Fragen, die uns vorher nicht mal ansatzweise in den Sinn gekommen waren. In nächtelangen Gesprächen, bei schier endlosen Kannen Tee, auf der Suche nach Antworten auf die Frage nach Sinn und Unsinn des Daseins, palaverten wir bei Musik von BAP, Konstantin Wecker, Supertramp und Genesis über Werte und Moralia, tauschten uns aus über Menschen und Gefühle. Nach Literatur verschriener Werke und dem Lauschen renitenter Barden sollten wir viel des etablierten Gedankengutes in Frage stellen! Nicht alles haben wir über die Planke gehen lassen. Doch vieles wurde neu geordnet. Schon diese ersten freien Gedanken und Erlebnisse würden ein Buch füllen, jedoch möchte ich hier in Anlehnung an mein eigentliches Thema – die Äußerlichkeiten – einiges inhaltlich mehr dazu vermerken.

   Ich habe mir damals viele von unseren Ideen und Gedanken aufgeschrieben, diese schon damals immer weiter entwickelt. Die Aufzeichnungen und Notizen dazu besitze ich noch heute. Als Kernaussage formulierte ich darin, die Moral grundsätzlich erst einmal in Frage zu stellen um sie wieder neu herzuleiten. Zweifelhaft schien der gebetsmühlenartig herunter geleierte Satz der Erziehungsberechtigten, der da beginnt mit der Einleitung :“Man tut das nicht…“.

Sicher war uns bewusst, dass wir Menschen in einer Gemeinschaft leben. Daher sind ethische Übereinkünfte unabdingbar. Doch die Anzahl dieser Regeln, sowie die Art und Weise der „Doktrin“ sind in unseren Augen mindestens überzogen gewesen, aber nicht nur das: in sich widersprüchlich, sowie zum Verhalten der Verfasser widersprüchlich stellten sie ein marodes Gerüst dar. Keiner von uns stellt sich außerhalb der Gesellschaft auf, identifizieren wir uns doch alle ausschließlich über die Wechselbeziehungen zum Mitmenschen. Ein Blick über den europäischen Tellerrand bestätigt schon die Divergenz der Moral in den Gesellschaften.

(Wenn nicht schon die auseinanderdriftenden Vorstellungen von Moral zum Nachbarhaus hin eklatant sein können.)

   „Angepasst sein“, „mit dem Strom schwimmen“, „sich wie ein Fähnchen im Wind drehen“ beschreiben Verhaltensweisen, die die wenigsten Menschen für sich bestätigen mögen. Nahezu jeder wähnt sich anders zu sein. Auch ich halte mich nicht für konform, mein Verhalten nicht für stets angepasst. Die entscheidende Art und Weise des Verhaltens finde ich nur in der Stärke der Auslegung. Wer mag bestimmen, wo Grenzen sind, wer mag festlegen, was noch vertretbar ist oder was schon zu weit(für wen) geht? Da, wo ich einen anderen Menschen einschränke könnte eine Grenze gezogen werden. Diese vage Definition allein lässt viel Spielraum.

Um mich richtig zu verstehen, ich halte hier beileibe kein Plädoyer zur Niederschlagung aller Normen. Ich ermuntere nur jeden Einzelnen seine eigene Moral, sein Erwachsenen-Ich zu überdenken. Denn auch wenn sich herausstellt, die Werte der Gesellschaft stimmen in weiten Teilen mit meinen überarbeiteten Ideen überein, so habe ich durch diesen Prozess doch ein Stück weit Charakterentwicklung betrieben.

   Was ich ausdrücken möchte ist die Aufforderung zur Wahrhaftigkeit, auch dann, wenn einige Reparaturen oder Restaurierungsmaßnahmen vonnöten sind. Auf einem gesunden Fundament kann ein authentischer Mensch entstehen. Und Freunde und Freundinnen können dabei helfen und natürlich partizipieren.

So werde ich in den folgenden Beiträgen der „Moralia – Reihe“ darüber schreiben, welche Instanzen uns welche Moral auferlegt hat, welcher Sinn sich dahinter verbirgt, wo Scheinheiligkeit wütet, wo wir selbst in Eigenverantwortung zum Handeln aufgerufen sind und wie wir zum kritischen Individuum werden können. Große Versprechungen? Ein wenig, zum Selbstansporn und als Aufforderung: Ließ selber nach, wo auch immer 😉