Wohin Du gehst. (Teil 1) [22]

Fotoshooting Koblenz tfp Portrait Fotograf

Was sehe ich? Was will ich sehen. Warum?

Mit einigen Jahrzehnten Lebenserfahrung hat der Mensch vieles gesehen. Dinge wiederholen sich beständig, Neues wird zunehmend weniger. Unabhängig davon erhalten sich die Menschen mehr oder weniger von ihrer ursprünglichen jugendlichen Begeisterungsfähigkeit. Es ist überall und allgemein die Rede davon, dass sich die Mehrheit der Menschen mit zunehmender Erfahrung und Kenntnis des Lebens immer weniger für ihre Impressionen in der Alltäglichkeit begeistern können, ja dass es gerade die einfache Aufmerksamkeit an sich ist, die eine scheinbar immer höhere Schwelle hat, ab der diese Dinge des Lebens in das Bewusstsein des Beobachters treten.

Was aber geschieht, wenn dies plötzlich bewusst wird? Kann es einerseits nur zum Teil bewusst werden und man setzt diesen Part vollständig in Beziehung zu sich selbst, oder auf der anderen Seite durchschaut man die Situation ganz und gar, und dennoch reagiert man danach nur partiell, mindestens aber in vermindertem Maße darauf und lässt den Rest einfach nur geschehen?

Wie setzen wir diese Sichtweisen in Beziehung zu unserem sozialen Umfeld? Gilt eine Person, die sich an vermeintlich kleinen Dingen des Lebens erfreut als infantil? Orientieren wir uns vorsichtshalber an einem gemeingültigen Usus, um nicht eine Wahrnehmungsstörung bei unseren Mitmenschen auszulösen, die uns folglicherweise ein Stück weit von der Gemeinschaft isolieren könnte? Ist es ein Bild der Gesellschaft, das sich nur deshalb so abzeichnet, weil sich gerade jeder so verhält, wie er meint, dass es erwartet würde und dass wir eine viel offenere Gemeinschaft bilden könnten, würden wir uns mehr so verhalten, wie wir tatsächlich sind? Klar, oder?

Nun zur eingangs gestellten Frage. Was möchte ich sehen? Ich fotografiere. Seit fast 40 Jahren. (Viele meiner Leser sind nicht einmal so alt 😊. Wobei das Alter nur relativ ist, viel wichtiger ist ein Verständnis über eine Sache oder ein Gefühl und dabei kann ein junger Mensch durchaus weiter sein als ein älterer.) Ich kann die Bilder betrachten, die ich einst im Keller noch selbst entwickelt und vergrößert habe und sie neben jene halten, die an meinem 4K Monitor flimmern. Wo ist der motivische Unterschied? Ist da tatsächlich einer vorhanden? Du kannst es nicht sehen, du sitzt nicht hier neben mir und schaust. Dir fehlte natürlich die Erinnerung an die Situation von damals und heute, doch du sähest als Unbefangener die puren Bilder, den Ausdruck der Menschen und den Moment im Bild, du spürst die Wirkung der Aufnahmen auf dich und die Empfindung, die jedes einzelne der Bilder in dir auslöst.

Die gleiche Frage stellte sich vielleicht einst dem Maler, der im hohen Alter noch das Portrait der jungen Herzogin zeichnete und sich an seine Anfänge erinnerte, zu denen er die Großmutter der jungen Herzogin in gleichem Alter zeichnete. Was ist der Unterschied im Motiv, wenngleich seine Technik sich sicher meisterlich entwickelte? Aber das Motiv? Bis heute ein Portrait mit möglichst positiven Eigenschaften?

So ist die spannende Frage nicht zu beantworten und sie verlangt nach einer differenzierteren Fragestellung. Nur so komme ich einer Auflösung näher. Das folgt in Teil ⚁.

Posing 7: Dramatik und Überdrehung [15]

Artistische Haltungen eines Models in der Fotografie können eine spannende Bildwirkung erzielen. Doch was passiert, wenn man die natürlich anmutenden Körperproportionen des Models dadurch bildlich verformt abbildet? Entstünde dann für den Betrachter eine Irritation? Bestünde nicht allzu schnell die Gefahr der Überzeichnung? Die Empfindung des Betrachters wird dadurch also gestört, was sich auf zweierlei Weise auswirken kann: Der Betrachter wendet sich ab oder er erforscht die Ursache.

Wieder steht die Bildaussage im Zentrum. Was möchte ich darstellen?

Ob es einer Bildidee entspricht, einen muskulösen Körper zartbesaitet darzustellen oder einen schlanken, grazilen Body in einem runden, kugelförmig anmutenden Oval wiederzugeben liegt in eben dieser Idee. Es spielt dabei keine Rolle, ob eine Wertung darin integriert sein soll oder nicht, oder ob dabei das Adjektiv „schön“ einen Einfluss behalten darf, die Verletzung einer Proportion bleibt dem menschlichen Auge niemals verborgen, nur das Motiv im Zusammenspiel mit dem Kontext zeichnet für die Unterscheidung von Kunst und Fehldarstellung.

Für mich liegt es in der Natur der Sache, was Variationen in der Darstellung von Proportionen beim menschlichen Körper betrifft. Das Streben nach der perfekten Form, die Darstellung von Proportionen, die den Geist des Betrachters schlichtweg fesseln, ob in einem Ausschnitt oder als ganzes, darin liegt für mich eine wesentliche Grundlage zu einer Bildidee.

Wie das erreicht werden kann, ist eine spannende Sache. Ob dabei der Umweg über Dissonanzen in der Erfahrung einer Körperform führt oder man sich dem kleinen Ausschnitt über die Form des gesamten widmet, es ist eine fantastische Reise mit manchmal atemberaubenden Werken. Der Mensch, sein Körper und die unendlichen Möglichkeiten seines Ausdrucks stellen für mich momentan eine schier unerschöpfliche Quelle von fotografischen Aussagen dar, in denen ich in allen Bereichen der Fotografie den Ausdruck des Lebens, der Schöpfung des Anmuts und der Leichtigkeit im Bild erreichen möchte.

Natürlichkeit als Orientierung dient mir momentan viel mehr zur Entdeckung der vorhandenen Proportionen als eine (künstlerische) Verfremdung. Eine möglichst (für mich) symmetrische Form zu beschreiben, manchmal angelehnt an der klassizistischen Körperwahrnehmung von Schönheit und Anmut führt für mich zu kreativen Bildern. Dabei sind es nicht immer die aktuell gängigen Schönheitsideale, die zu einer solchen Darstellung führen, aber aus einem kurzen Bein wird auch durch fotografische Perspektivenwechsel kein proportional langes Bein. Dass man auch ein proportional langes Bein in einem ungünstigen Winkel unproportional verstört darstellen kann, beweist die Presse und das Internet jeden Tag 😼.

Bei der Umsetzung einer Bildidee lohnt es sich meiner Meinung nach viel zu experimentieren, nicht plan- und ziellos, aber durchaus auch mal gewagt. Bekannte oder gewohnte Praktiken zurück zu stellen, zu erfahren, wie ändert sich die Bildaussage, wenn die Pose so oder anders variiert wird. Welches Adjektiv erzielt welche Aktion des Models und wie wird die Geschichte des Bildes dadurch verändert?

So ergeben sich neue Sichtweisen, die mit einem spannenden Blick des Betrachters auf eine kreative fotografische Arbeit belohnen.

Gratwanderung  [6]

 

tfp fotoshooting

mies-vandenbergh-fotografie.de

„Du warst so schön, allein vergaß ich Dein Gesicht.“  (Zitat, Quelle mir leider unbekannt)

Ein „schönes“ Erscheinungsbild ist ein Beginn, ideelle Maße eine Grundlage für  Gefallen. Aber erst ein gewisser Grad an Abweichung von diesem Ideal führt zu Interesse und erhöhter Aufmerksamkeit. Weicht nur der Grad der Abweichung zunehmend vom zeitgemäßen Ideal der Schönheit ab, so führt die Empfindung vom Ungewöhnlichen über das Auffällige bis hin zum Hässlichen.

A ’nice‘ appearance is a beginning, ideal mass a basis for liking. But only a certain degree in divergence of this ideal leads to interest and raised attention. If only the degree of the divergence deviates increasingly from the contemporary ideal of the beauty, the sensation of the unusual about the remarkable up to the ugly leads.