Die universelle Schablone (199)

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Ein Monolog ist nicht existent. Er beginnt sein Dasein erst mit der Wandlung zum Dialog. Oder als Vorläufer zum Dialog, zur Handlung. Wie Du aussiehst, ist unerheblich. Erst dann, wenn Du wahrgenommen wirst, kommt die universelle Schablone der Gesellschaft über Dich!

Noch immer lebst du in (einer) Gesellschaft. Du bist Teil dieser Gesellschaft. Du unterliegst den kulturellen und sozialen Regeln dieser Gesellschaft. Du bist ein Mitglied, dessen Existenz die Gesellschaft ausmacht und ein Teil dieser Gesellschaft, die dich gleichzeitig mit den Normen und Regeln überfängt, die ihre Existenz ausmacht. Dein Platz inmitten deiner Gesellschaft ist ziemlich genau definiert, so, wie auch die Gesellschaft selbst definiert ist. Du hast nahezu immer die Wahl, in welcher Gesellschaft du dich nieder lässt.

Definitionen deiner Gesellschaft ordnen sich ein. Kommunikation ist das Mittel der Regulation. Um etwas zu regulieren muss ich es erst orten. Ich differenziere, um Grenzen festzulegen zu können. Was ist noch zuträglich, richtig im Sinne der Gesellschaft, richtig im Sinne der Übereinkünfte über die Ziele einer Gesellschaft, respektive der Ziele ihrer Teilmengen und die Ziele ihrer Individuen?

Unter dem Wandel der Möglichkeiten der Kommunikation vollzieht sich gleichzeitig ein Wertewandel. Indem ich über fast alles sprechen kann, über fast alles schreiben kann, vor allem aber, indem ich so laut kommunizieren kann, dass es jeder hören könnte, wird der Inhalt aller Diskussionen in immer weiterem Kreise umfasst. Über alles und jeden wird diskutiert. Überall. Wieder und wieder wird entschieden, bestimmt und festgelegt. Erweiterungen erschaffen neue Horizonte, neue Sichtweisen, neue Standorte.

Was vorher nicht definiert war, konnte nicht geregelt sein. Was nützt mir der Monolog? Ein Monolog ist vielleicht ein Gespräch mit mir selbst und schon dann stelle ich vorsichtig die Frage in den Raum, ob ich selbst, ohne schizophren zu sein, nicht doch binär bin. Deshalb, weil ein von mir gesprochener Monolog mich selbst als Subjekt und Objekt erfasst, ich selbst bin Redner und Zuhörer.

Beginne ich also mit dem Dialog. Der Dialog zwischen Gesellschaft und Individuum, der schon deshalb spannend ist, weil es einerseits der Dialog zwischen eben genannten als solcher zwischen Subjekt Gesellschaft und Objekt Individuum ist und andererseits umgekehrt. Du formst, was dich formt. Du baust dir die Grenzen selbst auf, innerhalb derer du dich danach bewegen kannst. Wissen wir alle! Wie die Lämmer, die zur Schlachtbank geführt werden! Was soll’s, solange der Weg dahin schön ist.

Verschwiegen werden all unsere Überschreitungen von sozialen Grenzen, vor anderen natürlich, aber vor allem vor uns selbst. Subtil funktionierende Mechanismen, wie „Kleinreden“, „als Ausnahme abtun“, oder ganz und gar die Schärfe einer Bestimmung in Frage stellen sind Gang und Gäbe. Unser Gewissen, so wir denn eines besitzen, und ferner, falls dieses auch in Betrieb genommen wurde, sowie aktualisiert funktioniert wird allzu gerne hinters Licht geführt. Wir fühlen uns dabei auch noch gut, so konnten es Forscher heraus finden.

Werden unsere Verfehlungen jedoch entdeckt, so wird es manchmal peinlich. Manchmal aber auch ist unser Geist nur so von Trotz erfüllt. Wohlweislich unserer Überschreitungen relativieren wir äußerst gerne. Solange es uns selbst betrifft. Wird es jedoch unübersehbar für alle Beteiligten, folgt die Auseinandersetzung mit der Zuwiderhandlung. Läuft es gut im Sinne von folgerichtig ab, so wird der Verlauf der Grenzen überprüft. „Sind die Bedingungen einer Teilnahme an gesellschaftlichem Leben überhaupt einzuhalten von den Mitgliedern der Gemeinschaft, oder entwickelten sie sich quer?“ Leider findet diese Auseinandersetzung recht selten statt. Schon im engsten Familienkreis blockieren enorme Widerstände Überprüfungen, du kennst es vermutlich. Wie soll es da in größeren Verbänden leichter funktionieren?

So wird abgeglichen, jeden Tag auf’s neue, wer verhält sich wie und wer wie nicht. Das System der sozialen Verflechtungen rastert seine Mitglieder fortwährend ab. Durch uns selbst, beispielsweise mit dem Ausdruck der Gedanken oder Worte: „Wie sieht D A S denn aus?!“ Böse, wer da nicht denkt, es geschehe nur zum Besten der Menschen innerhalb dieses Habitats.

Du bist kontrolliert! (198)

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In der Gemeinschaft, in der wir leben, befinden wir uns fast zu jeder Zeit in einem Verband, der durch Übereinkünfte zu Regeln und Vorschriften kam, die durch seine Mitglieder, also uns selbst, kontrolliert werden, solange wir uns innerhalb dieses Verbands aufhalten.

Du lebst in einem Verband. Dieser kann sein eine Familie, ein Verein, ein Club, eine Klasse, eine Schule, eine Firma, eine Partei, einer Straße oder anderes mehr. Du, das Individuum, befindest dich in Gesellschaft. Im Laufe der Zeit haben sich Verhaltensweisen etabliert, die für diese Gesellschaft für ein funktionierendes Miteinander notwendig erscheinen.

Bevor ein Wesen Mitglied dieser Gesellschaft werden kann, wird es entsprechend konditioniert. Sobald die Gesellschaft davon ausgeht, dass dieses designierte Mitglied alle Regeln weitestgehend verinnerlicht hat, dies durch irgendwie geartete Prüfung bewiesen hat, gilt es als Mitglied.

Von nun an erfährt jedes Mitglied eine tief verwurzelte Überwachung. Ein Kontrollmechanismus funktioniert dergestalt, dass jedem einzelnen Individuum jederzeit die Vorschriften bewusst sind, und jede Zuwiderhandlung unweigerlich als Verstoß erst einmal auffällig wird, um dann, laut vorher festgelegter Mechanismen, in entsprechender Weise sanktioniert zu werden. Das kann von subtil, ja fast unbewusst bishin zu scharf proklamatorisch geschehen. Es kann alles sein zwischen einem Blick oder Wegsehen bishin zur Todesstrafe.

Je nach Auffälligkeit, Andersartigkeit einer Handlung erfolgt eine Reaktion, die dem Verursacher aufzeigen soll: Was Du gerade vollzogen hast, ist so nicht konform der Regeln der Gemeinschaft, in der wir leben. Gleichzeitig ist diese Reaktion zutiefst subjektiv, denn sie erfolgt von einem Menschen, der zwar die weitestgehend selben Regeln erlernt hat, wie der Akteur, aber stets eine eigene Auslegung derer betreibt.

Wenn nicht die Angelegenheit aus einem Dialog besteht, dann erntet der Akteur mehrfach Beachtung. Gleichzeitig erfährt er mehrfache Reaktionen. Diese richten sich wiederum nach der Gepflogenheiten der Gemeinschaft, ein einfaches Unterfangen bei einer eindeutigen Handlung, nicht so jedoch bei einer weniger eindeutigen Handlung.

Bei der Reaktion auf eine zweifelhaft erscheinende Sache bedarf es oftmals eines Vorreiters, der durch seine Reaktion eine Richtung weist. So einfach dies auch erscheinen mag, so willkürlich kann es erfolgen. Wie genau diese Zusammenhänge miteinander in Verbindung stehen ist eine eigene Betrachtung wert und würde hier den Rahmen sprengen. Du erinnerst dich bestimmt an Situationen, in denen dir ein Verhalten eines Menschen im erstem Moment nicht unmittelbar verständlich und vor allem nicht bewertbar erschien, bis eine deiner gültigen Instanzen (Vater, Mutter, Partner, Kollege, Führer, …) ein Urteil fällte, dem dein Geist (zustimmend) folgen konnte.

So funktioniert unsere Gesellschaft vielerorts durch Selbstkontrolle oder Eigenkontrolle, wie durch Überwachung des Habitats durch uns selbst. Jeder sieht jeden an und bewertet unwillkürlich augenblicklich. Und wehe, er ist nicht konform. Dann haben viele Menschen ein Problem. Wo ist meine Grenze von dem, was ich persönlich noch tolerieren kann, ab wann sehe ich meinen Biotop in Aufruhr gebracht und beginne denunzierende Tendenzen in mir aufsteigend zu erkennen oder mache mir Gedanken über Regulation.

Wie funktioniert dein persönlicher Mechanismus? Wann glotzt du? Wann schreitest du ein? Wann bemühst du weitere Instanzen und vor allem, wie sehr entwickeltst du dir deine eigenen Theorien, verschaffst dir einen eigenen Überblick oder übernimmst einfach vorgebrachte Parolen aus vorgedachtem Meinungs-Fastfood?

Jeder von uns hat eine eigene Konditionierung erhalten und baut diese im Laufe seines Lebens weiter um und aus. Jeder von uns formt mit seinem persönlichen Verhalten sein persönliches Umfeld weiter aus. Hier zu unterscheiden, was dem einzelnen Individuum sowie der Gemeinschaft zuträglich ist oder unmerklich latent und sukzessive durch bestimmte Mitglieder unterstützt eine Eigendynamik entwickelt. Gefahr in Verzug ist immer dann gegeben, wenn ein System des Systems willen beginnt zu agieren und nicht mehr der Mitglieder wegen, bzw. nur einzelner weniger wegen. (Dieser spezielle Aspekt ist einen eigenen Beitrag wert.)

Sei also achtsam auf deinem eigenen Geist und auf alle Tendenzen in deiner Gemeinschaft und besonders ist ein Austausch von Gedanken und Gefühlen zu proklamierten: Starte immer, wenn möglich, ein Palaver!

[Anmerkung: Palaver: aus dem indianischen, eine Gesprächsrunde, bei der als Besonderheit gilt: gesprochen wird immer der Reihe nach, niemals werden Worte unterbrochen, jeder hat in etwa die gleiche Redezeit, es werden vorher eine bestimmte Anzahl von Runden festgelegt, zwischen jeder Rede findet eine kleine Pause statt, deren Länge vorher beschlossen wird.]