Jugendwahn Teil 3 (187)

image

In diesem 3. und letzten Teil von Jugendwahn befasse ich mich mit den Auswirkungen des Jugendkultes auf unser Verhalten und unserem Verständnis von Aussehen als Folge davon.

„Nur wer jugendlich erscheint, ist dynamisch.“ Einerlei, ob Mann oder Frau, in der Gesellschaft zählt derjenige besonders viel, der sein Aussehen einer einzigen Direktive unterzieht: Sehe frisch aus, wirke agil, unverbraucht und möglichst makellos. Makel sind Fehler. Fehler bedeuten Unvollkommenheit. So möchte keiner wirken. Sei gutaussehend. Dann sieht man dir deine Fähigkeiten an, die Kraft zu haben, etwas zu bewegen, zu erschaffen.

Anders ist es, wenn man dir ansieht, dass du nicht mehr ganz jung bist. Dann hast du die beste Zeit deines Lebens schon hinter dir. Du hast nicht mehr die Kraft und Energie, das zu leisten, was die Leistungsgesellschaft von jedem erwartet. Sicher gibt es noch etwas für dich zu tun, aber die wichtigen, großen und bedeutenden Dinge werden durch frische Kräfte viel effizienter abgearbeitet.

Das sollte jedem Menschen bewusst sein. Wem es nicht bewusst ist, dem wird es in jeder erdenklichen Situation vermittelt. Ob durch die Volksdroge Fernsehen, oder durch andere Kommunikationsmedien wird jugendliche Frische propagiert. Eine milliardenschwere Industrie beispielsweise bombardiert uns mit der scheinbaren Notwendigkeit der permanenten Aufhübschung. Sie nutzt die im Menschen programmierten Urinstinkte und genetisch bedingten Abläufe für ihre Zwecke.

Und der Mensch? Der fällt darauf rein. Der läuft hinterher. Der verliert zunehmend die Fähigkeit zu agieren. Der reagiert nur noch. Menschen jenseits des jugendlichen Alters setzen alles daran, diese Phase des Lebens zu verlängern. Dass sie bei diesem Unterfangen wesentliche Inhalte ihres aktuellen Daseins unwiederbringlich zerstören, entzieht sich ihrem Bewusstsein. Lebensgüte entsprechend des Alters erleidet unter dem schier alles entscheidenden Einfluss des Äußeren immer wieder Schiffbruch. Kleine, knapp unter der Wasseroberfläche liegende Felsenriffe lassen uns genau so kentern, wie weit offensichtliche Klippen, an denen der Mensch nicht in der Lage ist, vorüber zu fahren.

Wie sehen diese Hindernisse aus? Die Klippen sind die permanent sichtbaren, relativ künstlichen Vorbilder, Lieblinge aller Medien. Der Mensch neigt dazu, sich beständig zu verbessern, in allen Belangen. Im Grunde genommen ist es nicht falsch, folgend dem Sinne der Evolution. Sonst gäbe es Stillstand. (Was in manchen Belangen durchaus wünschenswert wäre, das gehört jetzt aber nicht hierhin.) Jedoch zu Stillstand ist der Mensch nicht programmiert. Anstatt aber seine Energie in andere Bahnen zu leiten, als der der Optimierung der Äußerlichkeiten einträchtig zu folgen, verfällt der Mensch allzu bereitwillig immerzu dieser Richtung. Er steckt bekanntermaßen unendlich viel Energie und Substanz in diesen Bereich.

Weitere Hindernisse auf dem Kurs des Menschen -in Form von Felsen unter der Wasseroberfläche- sind die eigenen Wertvorstellungen. Diese schuf sich der Mensch im Laufe seiner Entwicklung selbst. Gedanken kreisten seit je her um das eigene Wesen. Sie stellten damals wie heute Parallelen auf von der eigenen Interaktion bis zu der anderer Individuen. Ob das in aktiver oder passiver Form geschieht, ist einerlei und ist in jeder Hinsicht ambivalent. Aktiv ist der Mensch, indem er kommuniziert, passiv, indem er als (optisches) Wesen einfach anwesend ist. Und zwar genau so, wie er erscheint. Manipulieren und bestimmen kann er weitestgehend beides, das Aussehen sowie seine Handlungen. Solange es darum geht, Werte zu erschaffen, einem Wachstumskurs zu folgen, wird der Mensch immer BEWERTET werden. Wie hoch ist sein Beitrag zum allgemeinen Wachstum?

Und genau darin liegt die Crux. Leistet ein Mensch weniger, als von allen erwartet, ist er weniger wert. Spätestens da beißt sich die Katze in den Schwanz. Schönen Menschen billigen wir alle viel mehr positive Werte und Eigenschaften zu, als weniger schönen Menschen. Das wurde zur genüge nachgewiesen. Um diesem Urteil nicht tatenlos ausgesetzt zu sein, reagiert der Mensch. Er manipuliert sein Aussehen unter der Vorgabe, möglichst „wertvoll“ gesehen zu werden. Denn, sieht er „besser“ aus, ist er wertvoller. Zumindest vom Äußeren her und zu Beginn, mit dem Doping der Attraktivität. Nicht nur Fehler werden attraktiveren Menschen eher verziehen, selbst gleiche Leistungen werden erwiesenermaßen höher bewertet. Das beginnt schon in der Schule oder früher.

Damit bleibt als Fazit das Verständnis von Wertigkeiten in unserer Gemeinschaft in Frage zu stellen. Ist das Nonplusultra die Jugendlichkeit mit ihrer Erscheinung und ihren Attributen. Bemisst sich der Wert eines Menschen an der Ausbildung jugendlicher Merkmale, respektive jugendlichem Aussehens in jedem Alter? Diese Frage kann sich jeder stellen, ob er sie aber beantworten möchte, und ob er die Antwort kund tut, sich sogar nach seiner Erkenntnis richtet, das zeigt sich im Wandel der Werte in unserer Gemeinschaft.

Bilder junger Menschen (123)

pari jeans hintern mies-vandenbergh-fotografie

mies-vandenbergh-fotografie

Eine neue Idee oder eine altbekannte Diskussion? In der Wochenzeitung „Die Zeit“ vom 05.12.2013 wurde ein interessanter Artikel mit der Überschrift „Die Bilder des Begehrens“ vom Autor Hanno Rauterberg veröffentlicht, der einen Fund von Polaroid-Bildern des berühmten Malers Balthus (eigentl. Balthasar Klossowski de Rola) zum Anlass nimmt, um die Frage nach der Zulässigkeit von Bildern junger Menschen in der Kunst zu erörtern, Stichwort „Pädophiliedebatte“.

Der Maler hatte angesichts seines hohen Alters auf die Skizzierung besonders eines seiner Modelle, Anna Wahli, verzichtet und stattdessen Polaroid-Fotos angefertigt. Derer wurden es mehr als 2400, was den Autor die Frage aufgreifen lässt, ob es sich angesichts der Menge der Fotos tatsächlich um skizzenhafte Vorarbeiten handelt oder um klassischen Voyeurismus. Abgesehen von dieser Debatte, die in der Kunstszene wieder mal auf die Tagesordnung geraten zu sein scheint, werden Teile dieser Sammlung sowohl durch die Galerie Gagosian für 20.000.- Dollar pro Stück verkauft, als auch ein Teil der Sammlung im Frühjahr 2014 im Essener Folkwang-Museum ausgestellt werden.

Im weiteren Verlauf des Artikels zählt der Autor weitere Künstler auf, die ihrerseits bei näherer Betrachtung in die Reichweite der Debatte um die Pädophilie gelangen könnten. Beispielsweise Lewis Carrol wird genannt, der junge Mädchen mit der Kamera abgelichtet haben soll, wodurch „Alice im Wunderland“ in ein etwas anderes Licht gerückt werden könne. Sittenwächter aller Länder und Coleur haben sich wieder einmal aufgemacht, Kunst zu durchleuchten, um sie anschließend in der Gesellschaft einer Diskussion zu unterziehen, oder sie stellen gleich die Forderung, diese Bilder wegzuschließen.

Im letzten Teil des Artikels wagt der Autor eine vorsichtige Bewertung dieser Debatte, in der er vor der Kriminalisierung jeglicher Kunst mit nach heutigem Verständnis pädophil anrüchiger Kunstwerke warnt. Zugleich stellt er jedoch die Legitimität der Veröffentlichung von derlei Bildmaterial zumindest in Frage. Ein leichtes Hin und Her in seinem Artikel über das Recht und die moralisch-ethische Verantwortung bei der Publikation der Balthus-Polaroids weist auf die Schwierigkeiten bei dieser Bewertung hin, zumal in dieser Wochenzeitung. Zum Schluss des Artikels gibt der Autor dem Leser noch eine Aufgabe mit auf den Weg. Die Frage nach der Veröffentlichung der Polaroids legt er in die Hände, in die Gedanken und Meinung der Betrachter von Kunst. Ob diese Ausstellung im Museum Folkwang ein Erfolg wird, das wird einzig und allein von Besucher abhängen. Ob es einen Wunsch nach Profit durch Voyeurismus beim Verleger des Kataloges zur Ausstellung gibt kann dahin gestellt werden, denn der Besucher oder der Fernbleibende werden es belegen.

Was kann ich als Fazit aus diesem Artikel für das Thema dieses Blogs herausstellen? Der Bezug ist auf der Ebene der Bilder klar erkennbar; meine Fotografien würden, einer breiten Öffentlichkeit dargeboten, sicher zu einer ähnlichen Debatte führen können, wie die um die Fotos von David Hamilton entstand, wenngleich ich mich nicht in die Nähe dieses Künstlers rücken kann und möchte. Wenn ich bei Wikipedia den Begriff des Voyeurs nach schlage, so hat ein Autor u.a. folgenden Abschnitt verfasst:

„Seit der Einführung der Digitalkameras nimmt die Straßen-Voyeur-Fotografie einen wesentlichen Stellenwert ein. Fast ausschließliches Motiv dabei sind Rückansichten (mit Ausnahme des Cameltoe) von jungen Frauen und Mädchen in bevorzugt engen Hosen (Jeans, Leder, Leggins) oder es wird unter den Rock fotografiert. Die Opfer werden in Fußgängerzonen, am Strand, beim Shoppen oder öffentlichen Veranstaltungen ohne ihr Wissen abgelichtet oder gefilmt. Der Voyeur legt dabei meist keinen gesteigerten Wert auf Gesichtsaufnahmen bzw. vermeidet diese absichtlich, um sein moralisches Schuldbewusstsein zu unterdrücken.“

Schon dieser Ausschnitt zeigt deutlich, welche Betrachtungsweise und Meinung in der Debatte um das Motiv „Schönheit“ in der „Kunst“ eingenommen werden kann. Der Autor oder die Autorin dieser Worte schreibt von moralischem Schuldbewusstsein und von Opfern. Diese Art der Straßenfotografie wird damit eindeutig in einen voyeuristischen, vielleicht krankhaften, in jedem Falle aber gesetzlich-moralisch zweifelhaften Kontext gestellt. Dabei werden die Grenzen zwischen „normalem Schauen und genauen Hinsehen“ moralisch bewertet, zumal der Begriff Voyeurismus durch unsere Sittenwächter eindeutig negativ belegt ist. Auch meine Bilder passen teilweise in die oben genannten Beispiele von Rückansichten. Teilweise, weil ich eine Vielzahl der Fotos erfragt habe und ebenso Profilansichten und Frontalfotofrafien anfertige. Die Frage aber, die ich daran anschließen möchte, ist die gleiche, die ich bereits in meinem Artikel „Moralia“ stellte: Ich fotografiere, was ich sehe, was mir gezeigt wird, was ich schön finde, was etwas natürliches ist und auch die Masse der Menschheit gerne betrachtet.

Fast alle Menschen sehen Menschen gerne an, ob im Gesamten oder auch einzelne Körperpartien. Und die Frage? Wie wollen wir in unserer Gesellschaft leben, welche Übereinkünfte und Grundlagen wollen wir treffen und schaffen, die den Umgang mit unserem ureigensten Verlangen bestimmen, dem Wunsch nach Erhaltung der Art, in all seinen Teilbereichen, wozu auch der Wunsch nach der Schönheit der Menschen gehört, und dies nicht nur beim Gegenüber, sondern auch bei sich selbst. Stellen wir es, wie in o.g. Abschnitt als „Straßen-Voyeur-Fotografie“ unnatürlich dar, wo es Täter und Opfer gibt, oder können wir es als Abbildung von schönen Körpern sehen, die gerne betrachtet werden? Und wenn ja, wo ist die Grenze zu ziehen? Gibt es eine Grenze, und wann ist sie überschritten. Haben wir eine gesunde Urteilskraft, wenn es um die Bewertung eines Fotos von einem schönen Mund mit wunderschönen Lippen geht, oder einer Nahaufnahme einer Vagina mit wunderschönen Schamlippen, oder um die Großaufnahme eines erigierten, rasierten Penis? Manche Körperteile sind mit Tabus belegt worden, scheinbar willkürlich, doch im allgemeinen Verständnis verankert. Wo ziehen wir die Grenze? Beim entblößten Busen einer 87-jährigen oder bei einer Polaroidaufnahme eines „Busens“ einer 12-jährigen? Wo überschreiten wir eine fiktive Grenze, wenn wir jemanden fragen oder bezahlen für ein Foto seines Hinterns oder wenn wir es einfach so auf offener Straße ungefragt machen?

Beantworten diese Fragen auch die Betrachter, die auch bekannt sind unter den Bezeichnungen Gaffer-in, Voyeur-in, Spanner-in, Frauennachgucker, Gast im Cafe mit der attraktiven Bedienung, Besucher-in der Show der Chippendales, Besucher-in von Striptease-Bars, Fans der Sendungen wie Dark Angel (Jessica Alba) oder Knightrider (David Hasselhof), Besucher-innen von Konzerten des Justin Biber, Ballettbesucher, und und und ?

Die Besucher einer Ausstellung oder die Besucher von entsprechenden Seiten im Netz, deren Besucherzahlen die eindeutigste Sprache der Welt sprechen: 0=ja, 1=nein. KLICK!

.

Finden wir im Alter (mehr) Menschen attraktiver? (105)

fima jeans hintern   mies-vandenbergh-fotografie

mies-vandenbergh-fotografie

Beachten wir die anderen Menschen um uns herum mit zunehmendem Alter in unterschiedlicher Weise? Ist es so, dass wir in jüngeren Jahren die Attraktivität der Anderen kritischer sehen, als in fortgeschrittenem Alter?

Bei mir und meinen Freunden und Freundinnen, die wir definitiv nicht mehr zu der jüngeren Generation zählen, weil wir allesamt in den 40ern sind, und die 13-14-jährigen sagen: „Wow, soo alt seid ihr schon, waaahnsinn…!“, kam es vor kurzem zu dieser Debatte. Es wurde in den Raum geworfen, dass einem in der heutigen Zeit die Menschen doch attraktiver vorkommen, als in den Jahrzehnten zuvor. Nach der überraschenden Feststellung, dass es mehreren von uns so vorkam, versuchen wir sogleich zu ergründen, was uns zu dieser Annahme führte.

· Sind die Menschen wirklich attraktiver?
· Ist es deswegen, weil wir älter geworden sind, und es relativ mehr jüngere Menschen gibt, deren Jugendlichkeit vermeintlich als Attraktivitätsbonus gilt?
· Liegt es an der Kleidung, die durch ihre deutliche Körperbetonung die Attraktivität steigert?
· Tragen die gerade Jüngeren durch ihre hohe Identifikation über das Äußerliche zu diesem Eindruck bei?
· Führte die gestiegene Aufgeschlossenheit und Offenheit anderen Menschen gegenüber, die eine scheinbar größere soziale Nähe suggeriert, zu dieser Wahrnehmung?

Diese und andere Fragestellungen erörterten wir gemeinsam. Verständlicherweise kamen wir an diesem Tag nicht zu einem abschließenden Ergebnis, dafür waren die Variablen einfach zu vielfältig. Doch ich selbst beschäftige mich weiter mit diesem Thema, und ich fand zumindest einen Hinweis, der die Erkenntnis unterstützt, dass uns in fortgeschrittenem Alter relativ mehr Menschen attraktiv erscheinen:

„… , dass die älteren Versuchspersonen die Stimuluspersonen insgesamt attraktiver fanden als die jüngeren Urteiler… , wobei auch hier die Älteren die positiveren Bewertungen abgaben. …Insgesamt lässt sich feststellen, dass die älteren Versuchspersonen generell positivere Attraktivitätseinschätzungen abgaben als die jüngeren. Wenn man aber bedenkt, dass die Skalenmittel bei 5 liegt, dann sollte man vielleicht besser sagen: Junge Urteiler finden ältere Stimuluspersonen ziemlich unattraktiv – und dies umso mehr, je älter diese sind.“ aus Ronald Henss, Spieglein Spieglein an der Wand, Beltz Verlag, 1992

Hier finden sich also empirische Untersuchungen, die belegen, dass die Attraktivität von jüngeren Menschen differenzierter gesehen wird. Warum es so ist, dazu werde ich noch weiter suchen.

Im Freundeskreis spekulierten wir heißblütig. Wir kamen unter anderen zu der Meinung, dass das Aussehen im Laufe der Jahre an Bedeutung verliert, weil die Menschen im Laufe der Jahre erfahren, wie sich die Schönheit verändern kann, ja wie flüchtig sie letztenendes wirklich ist. Weiterhin hat sich unserer Auffassung nach die Anzahl der Jüngeren in Relation zu unserem eigenen Alter im Laufe der Zeit drastisch erhöht. Gegensätzlich nahmen wir auch an, dass die Erfahrung im Leben uns zu einer anderen Einstellung zur Attraktivität schlechthin gebracht.

Damit meine ich, dass in unserem zarten Alter zwischen 40 und 50 auch jene Menschen attraktiv werden, deren ein oder andere Falte im Gesicht erst einen Charakter entstanden ließ. Ein Mensch steht damit vor uns, der durch die unterstellte Lebensweisheit nicht nur körperlich attraktiv anmutet, sondern zudem diese geistig-emotionale Intelligenz ins Feld führt und damit so manche babyhaft behautete Schönheit in den Schatten stellt.

Wie dem auch sei, es findet sich bei jedem Menschen in jeder Altersgruppe sowohl in der eigenen Auffassung wie auch in der eigenen Aussenwirkung bestimmte Vorzüge und Vorlieben. Wenn auch jeder Einzelne seine persönlichen Eigenheiten weitestgehend lebt, so kann man aus der Summe der Bekundungen doch Tendenzen resümieren. Dazu ein Beispiel: Bei den Männern finden sich im Laufe des Alters Steigerungen der Attraktivität, während bei den Frauen dieser Prozess nicht ermittelt werden konnte. Dazu jedoch in einem der nächsten Beiträge mehr.

Spiegelbilder (58)

grass jeans hintern Mies Vandenbergh Fotografie

Mies-Vandenbergh-Fotografie

  Aufbrechen zum Fotografieren, nicht ein bestimmtes Ziel vor Augen, aber eine Idee. Die Kamera im Gepäck, ein, zwei Wechselobjektive, Ersatzakkus und Speicherkarten. Urbane Gegend, etwas dörflichen Charakter ausstrahlend, Menschen wuseln beschäftigt wirkend über die Gehsteige. Wenige, ordentlich gekleidete Personen stehen an einer Haltestelle, sehen nachdenklich aus, haben scheinbar Zeit, einige unterhalten sich, die Mehrheit tippt wild auf einem kleinen Bildschirm herum. Eine junge Frau eilt hinter einem Kinderwagen her, blickt nervös nach links und rechts, erst spät erkenne ich ein Handy an ihrem Ohr. Ein Dreiergrüppchen Rentner steht an einer Einmündung, eine Dame um die vermutlich 75 Jahre alt lamentiert wild gestikulierend in Richtung der anderen Gesprächsteilnehmer. Sie ist sehr stark geschminkt. Das interessante, mit tiefen Falten durchzogene Gesicht ist deutlich gebräunt.

   In der alten Bäckerei etwas weiter stehen mehrere Menschen schlange. Durch die Scheibe sehe ich eine Frau in Jeans, deren Figur mir gut gefällt. Ich fotografiere drei, vier Bilder in der Totalen, das saubere Glas spiegelt etwas, es stört nicht sehr. Zusehende, neugierige Passanten suchen nach dem scheinbar nicht vorhandenem Motiv, sehen dort hin, zu mir, länger in Richtung des Objektives, geben jedoch ohne Erkenntnis auf und senden mir noch einen fragenden Blick mit Unverständnis vermischt zum Abschied. Die von mir fotografierte Frau kommt mit einer großen Tüte aus der vollen Bäckerei, sieht mich freundlich an, ich lächle freundlich zurück und sie lächelt ebenfalls.

   Ich gehe weiter. Menschen schlendern über die wenig befahrene Straße. Ich erreiche den Bereich der Geschäfte, der Verkehr nimmt etwas zu. Eine junge Handwerkerin in schwarzer Cordhose einen Zollstock in der dafür vorgesehenen schmalen Tasche tragend kommt mir entgegen, ich sehe ihr freundlich offenes Gesicht an und sie sieht meine Kamera an, lächelt mich danach freundlich an, fast ein leichtes Lachen könnte ich beschreiben. Sie schaut sogar an mir vorbeigegangen noch einmal lächelnd zurück. Im Weitergehen denke ich zwei Sekunden nach, drehe mich nochmals herum und sehe sie an einer nahen Haltestelle stehen. Ich gehe daraufhin nochmal zu ihr zurück, spreche sie an, und frage sie freundlich aber offen nach einem Foto. Sie fragt mich nach dem Grund und ich sage ihn ihr. Sie lacht und sagt zu, ich solle nur ihr Gesicht nicht veröffentlichen. Ich gab ihr meine Karte, wenn sie einen Abzug haben wolle, könne sie mich gerne Anrufen. Sie lächelte und ich verabschiedete mich nach drei Bildern ebenfalls mit einem Lächeln.

   Angekommen in einem Straßencafé bestelle ich mir einen doppelten Espresso. Trotz niedriger Temperaturen sind die Tische im Außenbereich dank der Märzensonne nicht mal durch einen kalten Nordwind frei geblieben. Ich setze mich dazu, ein Pärchen freundlicher Endsechziger räumen demonstrativ einen durch ihre Mäntel belegten Sessel. Offen beteilige ich mich nach einer freundlichen Einladung an ihrem Gespräch über Habgier und Geltungssucht. Eine halbe Stunde vergeht wie im Fluge. Irgendwann kommt unser lockeres Gespräch auf das Thema Fotografie verursacht durch meine Kamera. Ich berichtete wahrheitsgemäß von meiner „Art“ Streetfotografie, deutete ungefähr an, was der Sinn des ganzen ist, was ich bis jetzt selber darunter verstehe. So richtig geheuer war es ihnen anfangs nicht. Viele Fragen und noch mehr Antworten später lichtete sich das Dunkel und sie waren von sich aus beim Thema Aussehen angekommen, welches immer sehr viel Gesprächsstoff bietet. Wieder eine halbe Stunde später verabschiedeten sie sich sehr höflich.

   Ich selbst ging noch etwas durch die Stadt, es trug mich an den Fluss und langsam zurück zum Wagen. Auf dem Wege konnte ich noch sieben bis acht Fotos machen, deren Inhalt von einem Pärchen in lauter Diskussion über einen tollen Eingangsbereich bis hin zu zwei sehr schönen Bildern von Hintern in Jeans.

   Diese Frauen konnte ich von einer Bank aus am Flußufer ablichten, als sie mit ihrem Mobiltelefon in einer anderen Welt zu sein schienen. Abgelenkt durch diese entzückende Erscheinung von den Wasserspiegelungen des Flusses sah ich ihnen nach. Eine von ihnen bemerkte mich und meine Kamera nach ihrem Kommunikationsausflug, sah mich an, während ich sie durch den Sucher anblickte. Sie war sich wohl nicht ganz sicher, was ich da zu tun gedachte, blickte erstaunt und angespannt in meine Linse. Ich nahm die Kamera herunter, ohne auszulösen, und lächelte sie einfach an. Sie blicke eine gefühlte Ewigkeit herüber, drehte sich danach herum und verließ das Ufer. So verging ein weiterer Fototag, der eine schöne Pforte und ein Foto einer tollen Figur einer hübschen Frau erbrachte.