Zwecklose Schönheit? ( 138 )

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Mies Vandenbergh Fotografie

 

Kürzlich las ich in „Kallias“ von Friedrich Schiller über die Befreiung vom Zweck der Schönheit, damit die Schönheit durch das Fehlen jeglicher Zielgerichtetheit überhaupt erst zum Tragen käme.Das greife ich mit großer Begeisterung auf und führe diesen Gedanken gerne weiter.

Was bedeutet es, wenn Schönheit zielgerichtet ist? Dazu bedarf es einiger Vorüberlegungen. Nehmen wir an, ein Ding, ein Wesen ist existent. Woher auch immer, was auch immer, das soll bei dieser Betrachtung unerheblich sein. Dieses Wesen oder dieses Ding besitzt Schönheit. Zunächst soll es unabhängig nur bestimmt sein, einmal, für wen diese Schönheit existiert, und zum andern, was genau Schönheit beschreibt. Als Adverb könnte genauso hässlich hergenommen werden, oder eine für uns Menschen nicht wertende Beschreibung wie zum Beispiel „groß“ sein. Etwas besäße Größe! Es soll auch nicht näher bestimmt werden, worin sie zu erkennen wäre. Davon gehe ich zunächst als Prämisse aus. Folglich kann Schönheit –oder eine beliebige Eigenschaft– eine Wirkung nur dann haben, wenn ein Empfänger zugegen ist, dem diese Wirkung zu Teil wird. Das Kausalitätsprinzip wirkt entsprechend. Genau zu diesem Zeitpunkt greift die eingangs erwähnte Fragestellung, nur mit dem Unterschied, dass diese Wirkung einem Zweck dienen kann oder eben nicht.

Ich stelle die Frage, ob die angenommene Schönheit einem bestimmten Rezipienten als Schlüsselreiz dient oder ob die Schönheit da ist und keinerlei Wirkung auf den Empfänger ausübt (außer ihrer Erscheinung und Erkenntnis selbst). Angenommen, die Schönheit tut dies nicht, ist in keinster Weise zielgerichtet, wie würde es der Schönheit gerecht werden, und sie überhaupt erkannt werden? Gibt es Schönheit, wo sie nicht wirkt, kein direkter Sinn erkennbar ist? Wer nähme sie wahr, wenn sie doch frei von einem direkten Bezug sind?

Dass es wahr ist, wir in der Tat Schönheit erkennen, obwohl sie nicht direkt mit einem Zweck für unsere Existenz verknüpft ist, das ist jedem Menschen geläufig. In wie weit es dabei zu Parallelen kommt, zu Abläufen, die durch bestimmte Reize -durch unsere Sinne aufgenommen- in unserem Gehirn umgemünzt werden, und bestimmte Belohnungszentren heimlich doch bedient werden, das liegt auf dem Gebiet der Neurowissenschaft. Wir erkennen Schönheit wieder, Muster aus unserem Gedächtnis passen auf das Erkannte, wir erfreuen uns daran. Der entsprechende Bereich unseres Gehirns produziert Hormone, die in uns ein Gefühl erzeugen, das oberflächlich als erhaben, warm oder begeisternd beschrieben werden könnte.

Durch den Menschen erkannte Schönheit, die frei von Zweck ist, hat nach Schiller, wie ich ihn verstanden habe, erst die eigentliche, wahrhafte Bedeutung des Begriffs. Vielmehr ist er eigentlich frei von jeder Begrifflichkeit, denn in dem Moment, in dem ein bestimmter Begriff, der sich stets durch einen Sinn erklärt, zum Tragen kommt, hat das Ding oder Wesen die wahre Schönheit bereits verloren.

Am ehesten lässt sich dieser Zustand mit dem Szenario beschreiben, wenn uns vor Schönheit der Atem stockt, uns die Worte fehlen, wir sprachlos sind. In diesem Moment stellt sich die Frage nach einem Sinn und Zweck des Erkannten nicht. Eine Erläuterung erfolgt frühestens dann, wenn sich der erste Eindruck der Schönheit relativiert hat, unser Geist die sinnlichen Informationen von unseren Gefühlen übernimmt.

Als Beispiel mag eine Sequenz aus der „Carmina Burana“ von Orff oder die „Morgendämmerung“ von Sibelius hergenommen werden, diese Musik, die frei von Zweckdienlichkeiten uns eine Gänsehaut über den Nacken aufkommen lässt. Die Schönheit manifestiert sich in einer Abfolge von Tönen, im Prinzip willkürlich zusammengestellter Instrumente, die willkürlich aus mehr oder weniger natürlichen Materialien zusammen geschustert wurden, Materialien, die in ihrem Rohzustand, wie auch prinzipiell in ihrem vollendeten Zustand im Bezug zur Musik jeder Schönheit entbehren. Nicht dass ein Cello oder eine Oboe nicht auch schön sein könnte, davon soll hier nicht die Rede sein, doch für die Musik ist es erst einmal Faktum. Geht es aber um den Klang, dann ist es von absoluter Bedeutung, nämlich die Schönheit der Töne hervorzubringen, nur darauf kommt es an. Hier sei nur der Vergleich eines orchestralen Werkes zu einem Stück eines Digery Doo gestattet, welches gleichsam in der Lage sein kann, durch den virtuosen Könner bespielt, beseelte Töne von wunderbarer Schönheit hervorzubringen. Und wie viele Menschen aus unserem westlich geprägten Kulturkreis würden ein ausgehöhltes, geschmücktes Stück Eukalyptusholz als schön bezeichnen?In jedem Falle ist der Zuhörer ergriffen von einer Schönheit der Töne, die vordergründig frei von Sinn und Zweck für seine Existenz zu sein scheint.

Ähnliche Gedanken könnte man spinnen, wenn man einem Gemälde von Caspar David Friedrich oder William Turner gegenüber steht. Vielleicht wäre es ein ähnliches Gefühl der überwältigenden Schönheit, stünde man an den Orten, die den Künstlern als Motiv dienten. So erging es mir zumindest, als ich ähnliche Bilder bei meinem Besuch der Insel Rügen vorfand, ohne näher darauf einzugehen, in wie weit Friedrich die Natur idealisierte. Ist diese Schönheit nicht frei von Sinn und Zweck, so wie der Blick auf die Wasserfälle von Iguaçu oder die fallenden Seen von Plitvice?

Wie aber ist die Schönheit zu betrachten bei einem surrealistischen Gemälde von Dali oder (für mich) noch abstrakter bei einem Gemälde von Kandinski oder Klee? Gehe ich noch weiter ins (für mich) ganz Abstruse, zu einem Fettfleck von Joseph Beuys in der Düsseldorfer Kunstsammlung! Für eine Reinigungskraft war sicher keine Schönheit zu erkennen, sonst hätte sie sich sicher nicht an die Beseitigung des „Kunstwerkes“ gemacht. Finden wir darin -sicher befreit von jeglichem Sinn und Zweck- eine Schönheit wieder, die uns in einer bestimmten Form anspricht, erhebt oder erstaunen lässt? Die Antwort liegt in diesem Falle beim  Betrachter.

Die Frage, ob es stimmt, dass die vom Zweck befreite Schönheit als die eigentliche Schönheit angesehen werden sollte, oder ob ein Sinn eines Wesens oder einer Sache seine Schönheit nur vermindern oder gar noch verstärken kann, diese Frage kann jeder für sich selbst beantworten, wenn er sich die Zeit dazu nehmen mag. Ich bin da noch zwiegespalten, sehe ich doch für mich eindeutig eine wunderbare Schönheit im Körper (wie im Geist) eines Menschen, eine Schönheit, welche in keinster Weise frei von Sinn und Zweck (für mich) ist!

 

Kann Fotografie Kunst sein? (101)

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Kann Fotografie Kunst sein?

Ist diese Frage schon gewagt? Höre ich sogleich Aufschreie aus der einen Richtung, deren Tenor aus dem Wort JA zeitgleich eine Reihe von Fotografen aufzählt, deren Bilder für eine immense Summe von Geld den Inhaber wechselten. Und das kann doch nur Kunst sein, was für so viel Geld gehandelt wird, oder?
Aus der anderen Richtung kommt mir ein nicht weniger heftiger Schwall von Worten entgegen, die diese Frage deutlich verneinen, denn schließlich ist es schon etwas anderes, ob ein Künstler gekonnt mit Farben, Pinsel und Leinwand ein Werk erschafft, oder ob jemand nur ein paar Schalter, Rädchen oder Tasten bedient, und nur noch auslösend ein Abbild der schnöden Wirklichkeit in Form eines lapidaren Fotos als sein Werk bezeichnet.

Vertreter beide Seiten, und all derer, die noch unschlüssig sind, bemühen allerlei Definitionen der Kunst, um für ihre Seite Begründungen zu formulieren und Fakten beizubringen, die die Waagschale zu ihren Gunsten verändern sollen. Und all die, denen diese Definitionen und Fakten nicht weiterhelfen gehen von ihrer eigenen Vorstellung aus, von ihren eigenen Gefühlen.

Provokativ möchte ich die Tatsache zur Diskussion stellen, warum ein (bearbeitetes) Foto von Andreas Gurski, „Rhein II“, auf dem Kunstmarkt einen Verkaufswert von über 4,3 Millionen Dollar erzielt hat. Zu sehen ist der Niederrhein, beide Ufer, ein Weg, einige Bäume wurden wohl wegretuschiert. Ein Motiv, dass jeder sehen kann, der sich an den Rhein stellt. Da ich am Rhein aufwuchs, habe auch ich dieses Motiv in abgewandelter Form vielleicht tausendfach wahrgenommen.

Wie jeder fotografierende Mensch, der an einem großen Fluss lebt, habe auch ich viele Aufnahmen von Gevatter Rhein erstellt. Doch keine, wie Andreas Gurski sie erschaffen hat. Reduziert auf das Wesentliche, befreit von schnödem Beiwerk wie Bäume, Sträucher, Menschen oder Schiffe strahlt sein Bild eine Dynamik der Ruhe aus. Der Fluss fließt wie gewohnt seinen Lauf, und doch vermittelt diese Ansicht auch durch die Aufteilung der Horizontalen eine für mich Gefühle Statik. Mann weiß, der Fluss fließt mit nicht langsamer Geschwindigkeit dahin und dennoch gibt dieses Bild mir ein Gefühl von beständiger Ewigkeit und unerschütterlicher Motion.

Doch sei einmal dahingestellt, was dieses Bild für jeden von uns für eine Bildaussage bereit hält, was ist an diesem Bild Kunst? Ist es genau diese Bildaussage, die solch ein Foto zum Kunstwerk macht? Ist es die Kraft, die Wucht, mit der es auf einen jeden von uns aufschlägt? Wie verhält es sich denn mit dem Motiv? Wurde der Rhein nicht schon abermillionen mal abgelichtet? Auch auf Ausstellungen war er schon häufig das Thema. Was haben all die anderen Fotografien des Rheins an Aussagekraft? Worin unterscheiden sich all die Aufnahmen grundlegend? Ich möchte nicht ernsthaft Bilder des Rheins miteinander vergleichen, doch ich möchte getreu der Eingangsfrage weiter danach suchen, welche Indizien und Ursachen ich dafür oder dagegen finde, Fotografie als Kunst zu bezeichnen und deswegen sei sie Frage erlaubt, was macht ein Bild von Rhein zu Kunst!

Ist es vielleicht nur eine Angelegenheit von Angebot und Nachfrage? Auf der einen Seite gibt es den Fotografen, der seine Arbeit, sein Kunstwerk zur Verfügung stellt und auf der anderen Seite ist der Liebhaber des Kunstwerks, gleich dabei, ob es sich um Skulptur, Gemälde, Zeichnung oder auch eine Fotografie handelt. Ist da noch die Schwierigkeit, Künstler und Kunstliebhaber zusammen zu führen. Nicht jeder ist in Lage, sein Foto bei Christie’s unter den Hammer bringen, dazu wären es wohl zu viele Aufnahmen, die auf einen Liebhaber warten, wenn man im Word Wide Web nach Fotos Ausschau hält.

Auf den verschiedenen Plattformen finden sich unzählige Fotos, die darauf warten, entdeckt zu werden. Ebenso stellen viele Fotografen ihre Ergebnisse auf einer Homepage der Öffentlichkeit zur Verfügung. Dieser Pool ist nahezu unerschöpflich aber über dessen Qualität möchte ich mich an dieser Stelle nicht äußern. Die Mischung aus Milliarden von Handyfotos, zufällig geknipsten Bildern der Kompakten über die etwas gezielteren Fotos aus DSLR bis hin zu oft durchdachten Fotografien aus dem Bereich der Mittelformat-Kameras. Auch wenn in dieser Aufzählung eine leichte Wertigkeit impliziert ist, möchte ich die Ergebnisse nicht am Werkzeug messen, im Gegenteil: ein begnadeter Sehender wird das Motiv mit ganz gleich welcher Art von Kamera hervorheben.

Und die Frage nach Kunst? Liegt sie im Auge des Betrachters. Was steuert die Fähigkeit, virtuos mit seinem Werkzeug umgehen zu können, dazu bei, ein fotografisches Kunstwerk zu erschaffen? Habe ich die Fertigkeit, meine Fotos nach zu bearbeiten? Ist es überhaupt notwendig? Wie gut ist mein Werkzeug? Alles Fragen, deren Antworten zu der Frage nach einem Kunstwerk beisteuern. Vielleicht kommt man mit der Prämisse tatsächlich weiter, die da besagt, dass für Kunst ein Markt vorhanden sein muss. Wie viele Maler sind verhungert, deren Bilder heute sehr hoch im Wert stehen? Wieder andere Maler, die sich gutbetuchten Adeligen oder Kaufleuten gegenüber sahen hatten das Problem nicht. Ihr Auftragswerke wurden meist sogleich großzügig entlohnt.

Heutzutage liegt der Fall völlig anders. Neben wenigen, sehr wenigen Fotografen, deren Werke als Kunst bezeichnet werden, deren Broterwerb jedoch in erster Linie in der Durchführung von Auftragsarbeiten verankert ist, gibt es eine unendliche Anzahl von Urhebern, deren Produkte mehr aus Zeitvertreib, Hobby oder Passion in der Öffentlichkeit des WWW verbreitet werden. Kaum einer derer ist auf den Verkauf seiner „Werke“ angewiesen.

Innerhalb dieser überbordenden Masse von Fotos finden sich unbestritten immer wieder besondere Perlen, die er erreichen könnten, bei einer entsprechenden Vermarktung durchaus in den Kreis bemerkenswerter Kunst aufgenommen zu werden. Allein wenigen gelingt es, und manche gehen leider unter in der Masse. Vielleicht sollten dafür die Wege noch deutlicher aufgezeigt werden, wie dies erreicht werden kann, und die Menschen sollten echten Zuspruch erhalten, ermuntert werden, ihre Fotografien an entsprechender Stelle zu etablieren.

So lässt sich die Frage, ob Fotografie nun Kunst sei, nicht pauschal beantworten, denn ob ich eine Fettecke von Herrn Beuys, ein paar Linien von Herrn Kandinski, einen Statue von Frau Claudel, ein Foto von Herrn Salgado oder ein Foto von Frau X als Kunst erkenne liegt bei mir selbst und meiner eigenen Definition von Kunstwerk.

Körperformen in der Kunst(geschichte) (48)

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Syssiphus lässt grüßen

Die Schönheit lässt mich mal wieder zum Stifte greifen. Ja Stifte, denn einen Teil der Texte kann ich mit meinem „Pen“ ins „Note“ eingeben. Geht ganz gut. Doch zum Eigentlichen: Schönheit war in meinen letzten Schriften ein wesentliches Thema. Über den Inhalt der Bücher, die ich darüber gelesen habe und lese, habe ich mit einigen Menschen eine rege Diskussion beginnen können. Deren Verlauf möchte ich hier gerne in Teilen wiedergeben. Der Sinn und Zweck dahinter liegt in meinem grundsätzlichen „Hinterfangen“, die ehrenwerte Gesellschaft heimlich immer wieder in Frage zu stellen und Unruhe in Form von Gedankenspielen zu stiften. Der gesellschaftskritische Leser mag also gespannt weiterlesen, der interessierte Leser kann sich aufrütteln lassen.

„Schönheit ist relativ“. Sagt wer? „Man“! (mit einem „m“) Die Gesellschaft ist „man“. Also wir alle? NEIN! Dazu komme ich gleich. Welche Kräfte sind es denn, die feststellen, dass Schönheit relativ ist? Du? Ich? Die Medien? Die Trendsetter der Zeitschriften und Magazine, die Anbieter der Konsumgüter oder die Kunden der Werbeargenturen, die sich nur nach ihrer Zielgruppe, also uns, richten. Spielen die (nicht mehr ganz so) neuen Medien eine Rolle bei der Festlegung des Schönheitsmaßstabes?

Über den Einfluss der Bilderflut von manipulierten Fotos in allen Medien habe ich schon vorher spekuliert, wie diese uns selber manipulieren ebenfalls. Worum geht es also jetzt? Ich stelle die Frage nach den Trendsettern! Wer genau diktiert zum Beispiel, dass nahe der Magersucht stehende, knapp über 14 Jahre alte Modelle das Ideal der Schönheit verkörpern? Was erzeugt ein Gesicht mit deutlichem Kindchenschema im Betrachter, bei der nach jugendlich-schlanker Schönheit suchenden Masse der visuellen Wesen? Bei Männern als Zielgruppe leuchtet es vielleicht jedem ein. Männer sehen gerne „schöne“ kompatible Wesen vor sich, um dem Sinn der Menschheit Rechnung zu tragen, nämlich deren Erhaltung mit möglichst idealem Erbgut fortzuführen. So trivial mag es einerseits sein, doch ich frage andererseits, warum es temporal (im Laufe der Menschheitsgeschichte), regional (gebietsbezogen) und ethnisch (je nach Glaubensauslegung) bei den vielen Vorlieben der Menschen mal in die eine Richtung (schlank) und mal in die andere Richtung (füllig) schwenkt. Kann es nur eine Modeerscheinung sein? Ist gerade schlank in, und wechselt das, sobald wir uns daran satt gesehen haben? Dazu ist es für mich wichtig zu beleuchten, wie die Entwicklung und Veränderung in der Vergangenheit von statten ging. Um es vorweg zu nehmen, es könnte in der Tat eine Modeerscheinung sein.

Beginnen werde ich mit der Darstellung und Veränderung des Ideals in den Epochen der letzten Jahrhunderte. Ich orientiere mich anhand der bildenden Kunst und der niedergeschriebenen Erkenntnisse verschiedener Autoren. Der Tenor dieser Betrachtung widmet sich erneut dem weiblichen Geschlecht. Die Gründe dafür habe ich im Vorfeld schon hinreichend benannt.

Welche Epochen haben mir auf meiner Reise besonders viele Beispiele für die Beschreibung eines Ideals beschert? Auf das (1.) Altertum konnte ich hier schon eingehen. Dort beginnend folge ich den Epochen mit bedeutenden Malern, von denen ich eine Darstellung des Körpers fand.

313 frühchristliche Kunst

450 750 Merowingische Zeit   Beginn der Buchmalerei

750 950 Karolinger Sakramentar Karls des Kahlen

950 1050 Ottonik Fresken der Kirche St. Georg in Oberzell (Reichenau)

1050 1200  Romanik  Gemälde an Kirchenwänden und Plastiken an 

                     Kirchenfassaden

1140 – 1200 Frühgotik  Glas- und Altarmalerei

1200 – 1300 Hochgotik

1300 – 1400 Gotik, beginnender Naturalismus, Siennensischer Einfluss

( Giotto – Das letzte Gericht)

1400 – 1500 Realismus Spätgotik Bürgertum

 

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(Hubert) Jan van Eyck – Kathedrale St. Bavo (vor 1426-1432)

Retable de l'Agneau mystique

Jan Van Eyck s.o.

GardenED

Hieronymus Bosch – Der Garten der Lüste (zwischen 1480 und 1505)

1400 – 1510 Frührenaissance 

File:Study for the Kneeling Leda.jpg

Leonardo da Vinci – Kniende Leda (1505-1507)

1500 – 1530 Hochrenaissance

Durer Adam and Eve
Dürer – Adam und Eva (1507)
Jan Gossaert 008

Jan Gossaert (1516)

 Galatea Raphael

Raffael – Galatea (1512)

Lucas Cranach d.Ä. - Das Urteil des Paris

Lucas Cranach d.Ä. – Das Urteil des Paris (1528)

1530 – 1550 Manierismus

Hans Baldung - The Seven Ages of Woman - WGA01191

Hans Baldung Grien – Die sieben Lebensalter des Weibes (1544)

Hans Baldung 026

Hans Baldung Grien – Zwei Hexen (1523)

 

1530 – 1560 Subjektivismus

Venus and Adonis by Titian

Tizian – Venus und Adonis (1553)

1520 – 1600 Spätrenaissance

Michelangelo (Buonarroti) – Leda (1530)

 

1520 – 1580 Spätrennaissance Tragik

Tintoretto - Penitent Magdalene - Google Art Project

Tintoretto – Büßende Magdalena (1598 – 1602)

File:Jacopo Tintoretto - Women Playing Music - WGA22668.jpg

Tintoretto – musizierende Frauen (1550-1582)

1580 – 1630 Frühbarock

El Greco 042

El Greco – Hochzeit zu Kana (um1610)

Michelangelo Merisi da Caravaggio, Saint John the Baptist (Youth with a Ram) (c. 1602, Yorck Project)

Michelangelo Merisi da Caravaggio – Hl. Johannes der Täufer (1602)

1630 – 1730 Barock Klassizissmus

Rembrandt Harmensz. van Rijn 151

Rembrandt Harmensz. van Rijn – Susanna (1636)

RokebyVenus

Diego Velázquez – Venus vor dem Spiegel (1647-1651)

The Three Graces, by Peter Paul Rubens, from Prado in Google Earth

Peter Paul Rubens – Die Drei Grazien (um 1635)

1680 – 1720 Barock

Antonio Bellucci - Danaë - WGA1846

Antonio Bellucci – Danaë (1700-1705)

1730 – 1780 Rokkoko

Boucher Diane sortant du bain Louvre 2712

Francoise Bucher – Diana nach dem Bade 1742

1730 – 1820 Spätbarock

Odysseus und Penelope (Tischbein)

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein – Odysseus und Penelope (1802)

1770 – 1850 Romantik (C.D.Friedrich, W.Turner)

Francesco Hayez 004

Francesco Hayez – Badende (1832)

Carl Spitzweg 004

Carl Spitzweg – Badende Nymphe (1855)

1830 – 1880 Realismus (Max Liebermann)

Gustave Courbet - Lot and His Daughters - WGA5455

Gustave Courbet – Lot und seine Töchter (1844)

1850 – 1900 Impressionismus (Monet Kandinski Nolde)

File:Jules LeFebvre - Jeune peintre des masque Grec, 1865.jpg

Jules LeFebvre – Jeune peintre des masque Grec, (1865)

Henri Rousseau 004

Henri Rousseau – Der Krieg (1894)

Renoir Nude c.1872

Pierre-Auguste Renoir – Nackte (1872)

Paul Cézanne - Baigneuses (Metropolitan Museum of Art)

Paul Cézanne – Badende (1875)

1890 – 1910 Jugendstil Pointilismus (Klimt Seurat Van Gogh)

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Georges Seurat – Les Poseuses (1888)

1907 – 1915 Kubismus (Picasso Braque)

1900 – 1930 Expressionismus (Van Goch Gogin Nolde)

1922 – 1930 Surrealismus (Dali Magritte)

1920 – 1940 Art Deco

1920 – 1970 Moderne (Warhol Lichtenstein Hundertwasser)

1950 – 2000 Postmoderne

1990 – 2013 Gegenwart

Anhand der Malereien lässt sich eine Tendenz der jeweiligen Zeit ablesen. Ich habe diese Bilder stellvertretend für mehrere Bilder der Epoche ausgewählt, es lassen sich viele Hundert mehr Bilder finden, die sich als Zeitzeugnis für die Richtung, das Verständnis von Schönheit heranziehen lassen.  Über die Körperform könnte man folgende Entwicklung in einem Diagramm darstellen:

Diagramm Körpervoumen

Wie es weiter geht, das werden unsere Kinder gestalten. Klären wir sie auf!

PS. Alle Bilder von Gemälden sind gemeinfrei!

Hintern im alten Orient ( 8 )

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   Die zugegebenermaßen nach heutigen Maßstäben unförmige Venus von Willendorf zeigt eine Figur, die mit nur annähernd menschlichen Proportionen gefertigt wurde. Dick im Sinne von „unförmig“ sind auch heute noch Menschen mit Stoffwechselstörungen, oder solche mit Essstörungen. Gibt es günstige und ungünstige Proportionen? Wenn ja, in welchem Zusammenhang?

 

   Dass es in der damaligen Epoche auch andere Darstellungen gab, das beweist uns die Höhlenmalerei vom Brandberg in Südwestafrika, genannt die „weiße Dame“. Bei ihr sind die Beine lang und der Hintern ausgeprägt, jedoch nicht übermäßig und ich finde, er geht schon in Richtung wohlgeformt. Unberücksichtigt soll hier vorerst die ethnologische Sicht der Menschen sein, denn in wie weit sich die Körperstatur des Menschen seit der nacheiszeitlichen Zeit veränderten, das möchte ich an anderer Stelle beschreiben. Mir geht es zuvorderst um das Aussehen des Hinterns in dieser Zeit.

   Im Bereich der Ostalpinen Hallstattkultur wurde in einem Grab ein bronzener Kesselwagen gefunden, der eine schlanke Frauengestalt in der Mitte zeigt. Diese Plastik zeigt eine Gruppe durchaus – wie nach heutigen Maßstäben – schlanker Menschen, die zwar nicht als Beweis für die Körperform des Menschen in der Eisenzeit dient, dennoch als idealisierte Darstellung gelten kann. Dies bedeutet, dass das Ideal schon in der Eisenzeit in dieser Region nicht in Richtung rundlich oder dick tendiert haben könnte. Selbst wenn diese Erkenntnis rein spekulativ ist, erkenne ich für mich wiederum genau jene Proportionen wieder, die in der heutigen Zeit idealisiert werden: Groß, schlank, lange Beine. Wenn wir heutzutage die Models betrachten, wären dies die Grundvoraussetzungen der Modeindustrie, um für diese als Model zu arbeiten. Dabei möchte ich das ohne Wertung erwähnen, denn nicht jeder empfindet ein sehr schlankes Model als schön. Auch über dieses Thema folgt eine Beitrag.

   Um wieder auf mein eigentliches Thema zurückzukommen, dem Hintern nämlich, so möchte ich noch ein sehr schönes Beispiel der Darstellung von Hintern in der Zeit des alten Orients benennen und beschreiben. Es handelt sich hier um die Stele des Naramsin. Das Relief zeigt den „Gottkönig“ Naramsin von Mesopotamien, wie er über ein Volk an der Ostgrenze Sumers obsiegt. Im Relief sieht man die Körper der Menschen von der Seite, dies aber in einer dergestalt wohlproportionierten Weise, dass diese Körper in der Gegenwart sicher als attraktiv empfunden werden würden. Die Linienführung der Rücken-Po-Beine Seite ist nach heutigen Maßstäben nahezu ideal. Hierzu könnte man gezielte Berechnungen anstellen, was sicher zu sehr interessanten Ergebnissen führen würde, doch der Blick darauf bestätigt beim Vergleich eines Bildes aus der Gegenwart die Identität.

   Somit zeigt sich, dass in den vergangenen Epochen unterschiedlichste Körperformen in der Kunst dargestellt wurden und sich daher nur schwer eine Tendenz zum epochenübergreifenden Schönheitsideal herausstellen läßt. Dass die Menschen jener Zeit in der Mehrzahl nicht die Proportionen der Venus von Willendorf besaßen, dürfte spätesten dann überzeugen, wenn man ihre Lebensgewohnheiten untersucht. Nomadenleben, harte tägliche Arbeit und Fluchtbereitschaft geben nur einige Hinweise auf die Behinderung wieder, welche diese Dimensionen bei ihrer Anwesenheit erzeugen würden. Entkäme die Venus von Willendorf einem Löwen nicht weniger schnell, als ein Mensch mit einem trainiertem Körper. Ein Feld zu bestellen und Beeren im Unterholz zu sammeln fiele einem ebenso mit einem sportlicherem Körper leichter. Dies alles sind nur vage Indizien und Schlüsse, beweisen in keinster Weise eine Richtigkeit und führen schon gar nicht zu einer Wertung.

Es sind interessante Spekulationen in einer Zeit, in der das Körperliche eine immer größere Bedeutung zu gewinnen, und das Menschliche darunter ziemlich zu leiden scheint. Unter der Prämisse, „Wer die Vergangenheit versteht, kann die Zukunft gestalten.“ bilden für mich derartige Untersuchungen einen Teil eines stabilen Fundaments, auf dem aktuelle Forschungsergebmisse unter verschiedensten Blickwinkeln sehr viel differenzierter betrachtet werden können. Absolut spannend! Meine ich!