„Eros“, oder Erotik stellt keine Aufforderung dar (202)

GateErotisches entsteht per Definition: Bedeutet Nacktheit an sich schon Erotik? Gibt es Nacktheit nicht an verschiedensten Orten? Ändert sich Nacktheit im Kontext, entsteht folglich zwangsläufig Erotik? Gibt es Abstufungen je nach Mensch, Gegebenheit und Zeit (-alter)? Ein kleiner Ausflug.

Beginne ich mit einer Definition, weil es so schön einfach ist, mit der von Wikipedia:

„Als Erotik – von Eros (Mythologie) – bezeichnet man die sinnliche Anziehung zweier oder mehrerer Menschen. Die Stärke der „erotischen Ausstrahlung“ und der „erotischen Signale“, die andere Menschen „senden“, wird keineswegs nur durch den bloßen Anblick eines möglichst hohen Grads von Nacktheit eines menschlichen Körpers bestimmt, vielmehr können auch bestimmte Kleidungsstücke und Gegenstände (s. Fetisch), die Mimik und Gestik einer Person, Sprachmelodie und -färbung, Körperhaltungen und Handlungen von Menschen oder deren Abbilder Erotik erzeugen.“

“ Als allgemeines Ideal galt und gilt in der Regel die harmonische Verbindung von Liebe, Erotik und Sexualität, also die Vereinigung von emotionaler, geistiger und körperlicher Liebe. Schon die Philosophie im alten Griechenland postulierte die Notwendigkeit einer Einheit von Körper, Geist und Seele, damit der Mensch mit sich selbst im Einklang sei.“

“ Zur Geschichte der erotischen Darstellung gehören Elemente aus Malerei, Bildhauerei, Literatur, Fotografie und Film, die sexuelle Szenen zeigen. Diese wurden von fast allen Zivilisationen, in der Antike wie in der Moderne, angefertigt. Frühe Kulturen hielten den Akt für einen Ausdruck übernatürlicher Einwirkung und verbanden ihre Religion mit solchen Darstellungen. In asiatischen Ländern wie Indien, Nepal, Sri Lanka, Japan oder China hat sexuelle und erotische Kunst besondere spirituelle Bedeutungen innerhalb der einheimischen Religionen des Hinduismus, Buddhismus, Shintō und Daoismus. Die Griechen und Römer produzierten zahlreiche Kunstwerke und Dekorationen erotischer Natur, die vielfach in religiösen Ansichten und kulturelle Praktiken eingebunden waren.“

„Während der Zeitgeist bestimmter Epochen die Erotik mehr oder weniger zu unterdrücken suchte (beispielsweise im viktorianischen Zeitalter), hatte die Erotik zu anderen Zeiten Hochkonjunktur, etwa in der Epoche des Rokoko.“

Damit ist schon einiges Grundsätzliche über Erotik gesagt. Offen bleiben viele Nuancen unter noch mehr Menschen. Irrtümer und Versehen sind im Verständnis ebenso vorprogrammiert, wie absichtlich herbeigeführte Überschreitungen von Regelungen und Übereinkünften.

Nacktheit ist, wie in Wikipedia oben beschrieben, noch nicht erotisch. Das ist nichts neues, wir wissen darüber Bescheid. (Wobei Wissen und Umsetzen zwei sehr unterschiedliche Dinge sein können) Es kommt darauf an, wann Nacktheit beginnt, erotische Züge zu gewinnen. Es kommt auf den Ort an (I), es kommt auf die Epoche an (II) und es kommt auf die Art und Weise der Nacktheit an (III).

I. Der Ort
Es hängt beispielsweise vom Platz des Geschehens ab. Dort entscheidet sich, ob Nacktheit in Richtung erotische Nacktheit verstanden werden könnte. Stelle dir verschiedene Möglichkeiten vor: Beim Arzt, unter der Dusche, im Aufzug, am Strand, in der Striptease-Bar, in der Kirche, …! Du merkst schon anhand dieser wenigen Beispiele, welche Auswirkung wieviel unbedeckte Haut an verschiedenen Plätzen symbolisiert. Im San Marco Dom zu Venedig war mit unbedeckten Armen kein Einlass. Am Rügener FKK-Strand war bedeckt der Einlass verwehrt. Ein bauchfreies Top würde in einer Geschäftsbesprechung unter führenden Wirtschaftsberatern dazu führen, den Gesprächspartner vermutlich nicht ganz ernst zu nehmen.

Alle diese Orte haben eines gemeinsam: Es existiert eine verbindliche Ordnung, eine Regel, die darüber Auskunft gibt, wie sich die Menschen in bestimmten Bereichen zu verhalten haben. Die Toleranzgrenze ist da sehr eingeschränkt. Das funktioniert unter anderem dadurch, dass bei Zuwiderhandlungen Sanktionen erwartet und unter Umständen auch vollzogen werden. Du selbst gucktest bestimmt auch verwirrt, wenn Dir des Nachts um 2 Uhr bei der Heimfahrt aus der Düsseldorfer Altstadt auf der Mecumstraße (eine der am stärksten befahrenen Straßen Deutschlands) in Höhe der Feuerbachstraße bis auf festes Schuhwerk 4 sonst völlig nackte junge Männer erblickt hättest, die so die Straße überquert hätten. (Das hättest du 1982 durchaus erleben können 😉 )

II. Die Epoche
Was heute en Vogue ist, kann morgen zu peinlichen Situationen führen. Wenn Erotik, wie oben zu lesen ist, in einer Epoche verpönt war, etwas später aber als chic galt, wir nur die Zeiten der letzten Jahrzehnte betrachten, so stellen wir fest, dass sich nicht nur die Moral der Gesellschaft verändert hat, sondern auch der Umgang mit ihr durch die Individuen dieser Gemeinschaft. Eine Tendenz zum Werteverfall wird allerorten attestiert, allein die Werte selbst sind dabei nur diffus bestimmt, meine ich. Werte werden nicht unbedingt von der Gemeinschaft festgelegt, die damit lebt, oftmals verselbständigen sich Reglementierungen, um mehr dem System selbst zu dienen, als dem Menschen. Schön ist es, einen Überblick zu erhalten. Man reflektiert, was zu welchen Zeiten möglich, nötig oder bedeutend war, um in diesem Zusammenhang festzustellen, dass man selbst gerade zufällig in dieser bestimmten Epoche zugegen sein darf, welche gerade diese und nicht andere Werte hochhält.

III. Die Art und Weise
Ohne sich ganz eindeutig von den ersten beiden Punkten abzusetzen spielt die Art und Weise der Nacktheit eine entscheidende Rolle bei der Bewertung. Hierbei scheiden sich die Geister, finden die meisten Missverständnisse dort statt. Nacktheit an sich stellt noch keine erotische Situation dar, erst die Gedanken und Gefühle eines Betrachters lässt Erotik entstehen. Von freizügig bis bedeckt kann die Haut des Menschen dargestellt werden, mal mit weniger abzeichnenden Stoff, mal [nahezu] vollkommen verdeckt. Jede Bedeutung in jeder beliebigen Kultur kann abweichend sein, abweichend von deiner Idee von Erotik. Aber nicht nur interkulturell sind Diskrepanzen alltäglich. Schon deine Nachbarin kann ein gänzlich abweichendes Verständnis haben von der Bedeutung der „stoff – freien“ Stelle an ihrem oder auch an deinem Körper. Nicht nur die Vermischung der Kulturen oder die Begegnung der Generationen zeichnet verantwortlich dafür. Je nach Grad der Bildung und Erziehung, der Lebensumstände und Erfahrungen findet ein Abgleich der Werte statt, der dazu noch in ständigem Wandel befindlich ist.

Nun komme ich zum Umgang mit der Erotik. Erotik entsteht demnach nicht zwangsläufig aus Nacktheit. Sicher, manchmal kann sie animieren, doch allzu oft ist es nur plump und obszön. Abgesehen von der allseits ausgelebten Doppelmoral bezüglich aller Erotik, schon das Wort hat öffentlich einen ruchlosen, faden Beigeschmack, und der Tatsache, dass die Erotik eigentlich im Sinne des Betrachters entsteht, findet im öffentlichen Leben kaum erotische Aktionen statt. Fotografien sind eine Ausnahme, auch in entsprechenden Gegenden wie dem Achterburgwall in Amsterdam oder der Reperbahn auf St.Pauli sehen wir hin und wieder deutlich erotisch anmutende Menschen. Der Kleidungsstil mancher Zeitgenossen(-innen) regt bei wenigen Betrachtern auch schon mal erotische Gedanken an, allein der Umgang damit ist eindeutig geregelt: Diese Personen möchten (Auf-)sehen erregen, zwar nicht von jedem, das jedoch liegt bei der Begegnung nicht mehr in deren ermessen. Doch es beschränkt sich auf die Betrachtung. Nichts weiter liegt in der Absicht, von wem auch immer.

Nicht so ist es mit den Gedanken. Sie entstehen immer wieder bei uns Menschen, oft zu den „unmöglichsten“ Zeiten und von beiden Geschlechtern gleichsam. Hierbei gilt: die Gedanken sind frei! und es ist schön, diesen Gedanken einen kleinen freien Raum zu lassen, hier könnte ich nur aus Gesprächen mit vielen Freunden und Freundinnen aus vergangenen Zeiten zitieren, doch als Summe und Fazit möchte ich nur kurz skizzieren: schöne Gedanken bereichern das Leben ungemein. Wir alle sollten weniger verbissen mit unserer eigenen Moral umgehen, was die schönen Seiten des zwischen-menschlichen Lebens angeht. Der Phantasie einen Raum lassen, ihr einen bauen und mit dem Partner Leben einhauchen, versuche es mal.

P.S. (Das Foto ist unbearbeitet und mit der X-T1 und dem 32er Zeiss aufgenommen worden)

Der erotische Hintern (39)

pia jeans hintern Mies-Vandenbergh-Fotografie

Mies-Vandenbergh-Fotografie

   Im Titel dieses Beitrags habe ich bewusst das Wort „Erotisch“ gewählt, um in meiner kleinen Abhandlung über den Hintern auch diese elementare Sichtweise näher zu beleuchten. Dass der Po ein durchaus begehrtes und viel beachtetes Geschlechtsmerkmal ist, dürfte unstrittig sein. Eine erotische Sichtweise ist daher naheliegend, denn in der erotischen Geschichte des menschlichen Körpers finden sich zahllose Hinweise auf die Vorlieben für den Popo. Zu den Zeiten unserer Vorfahren nicht weniger, als heutzutage. Bevor ich dazu ein paar Essays – demnächst in weiteren Beiträgen – verfassen werde, möchte ich hier näher auf den Begriff „Erotisch“ eingehen und dessen Verwendung und Verständnis in der heutigen westlichen Kultur beleuchten.

In Wikipedia ist zu lesen:

„Als Erotik (von altgriechisch ρωτικός ,erōtikós’ ,zur Liebe gehörig’, ,die Liebe betreffend’) bezeichnet man die sinnliche Liebe, die den geistig-seelischen ebenso wie den körperlichen Bereich umfasst, in allen ihren Erscheinungsformen.“

   Gehe ich von der übersetzten Bedeutung des Wortes aus und lege das allgemeine Verständnis dieser Worte zu Grunde, so verliert das Wort „Erotik“ an seiner in unserer Gesellschaft entstandenen Ruchlosigkeit und Obszönität. Um mich nicht in Begriffserklärungen zu verlieren, sondern meiner ursprünglichen Zielsetzung zu folgen, werde ich nur kurz auf die Begriffe eingehen. Eigentlich geht es mir in diesem Beitrag um unser Verständnis von der Beziehung der Erotik unseres Körpers zu unserem Intellekt. Wie steht es mit unserem Gefühl und der Erlaubnis es fühlen zu „dürfen“.

   „Zur Liebe gehörend“ ist ein treffender und wie ich finde schöner Taxus zur Umschreibung des Verständnisses der Bedeutung von Erotik. In unserer vergesellschafteten, verklemmten Beziehung zu Körperlichkeiten und auch zu allem, was mit der Beziehung zum körperlichen Miteinander zu tun hat, ja zu unseren Träumen und Wünschen nach Berührung hat sich ein Missverstehen sonder gleichen aufbauen können, das viele von uns mehr als nur behindert, Körperlichkeiten einen gerichteten Ausdruck zu verleihen.

   Überflutet mit erotischen Signalen aller Art sitzen wir doch weit genug voneinander weg, um nur ja nicht selbst berührt zu werden.
Erotik ist demnach – im übertragenen Sinne – eine hinführende, begleitende Erhöhung der sensorischen Reize, welche – unsere Sinne ansprechend – durch unsere Rezeptoren aufgenommen werden können. Da der Mensch von Natur aus an anderen Menschen interessiert ist, sich dieses Interesse in einem – durch unsere Sinnesorgane erzeugte – Bildnis manifestiert, fungiert die Erotik als Begleiter, als Fokus auf die Reize der Begehrten.

   Dabei zielt Erotik nicht etwa auf die plumpe Darstellung entblößter Körperteile ab. Sie ist viel mehr als das. Allein lange Haare können ein erotisches Signal besonderer Art sein, das, wie die meisten Signale, durch unsere Augen in unser Gehirn transportiert wird, in dem in unserer Vorstellung eine Idee von erhabener Schönheit, unter der naturgegebenen Einwirkung vom elementaren Bedürfnis der zweigeschlechtlichen Fortpflanzung der Menschen, erwächst.

   Daneben sind die Ohren für eine „erotische“ Stimme die Fähren an unser sinnliches Ufer. Die Nase erkennt den Duft, der uns vielleicht an den Geruch unserer ersten Liebe erinnert. Die Haut ist ein besonders feinfühliger Empfänger für zwischenmenschliche Signale. Ohne jetzt auf die unendliche Tiefe einer zärtlichen, fast nicht spürbaren, windhauchähnlichen Berührung einzugehen möchte ich ein anderes Beispiel benennen: Bei einer Umarmung empfindet man sehr deutlich die Gefühle und die Wärme eines Menschen. Erotisch kann dabei beispielsweise die Art und Weise der Umarmung sein, bei der ich entweder nur die Schulter des Umarmten spüre oder aber mehr vom Körper des Gegenüber. Durch solch eine nicht so offensichtliche, aber vorhandene „Erotik“ findet sich in der Gesellschaft eine versteckte Hintertür, durch die eine gewisse Zuneigung gefahrlos signalisiert und erwidert werden darf.

   Wenn Erotik also lediglich fokussierende Wirkung auf bereits sowieso vorhandenen Reize des sich zweigeschlechtlich fortpflanzenden Wesens Mensch hat, so kann beim Hinsehen schon die pure Anwesenheit des anderen- oder gleichen- Geschlechtes, einer Besonderheit des Mitmenschen Erotik sein. Und so ist es! Der Mensch ist noch immer am anderen Menschen interessiert. Das macht uns aus. Deshalb existieren wir, ob wir wollen oder nicht. Da wir am anderen Menschen interessiert sind, verwenden wir unser wichtigstes Sinnesorgan, das Auge, um diesem Interesse nachzugeben, um den Wunsch nach Erfüllung unserer Sehnsüchte nachzureisen. Wir sehen den Menschen an. Was wir erkennen sagt uns – gut sedimentiert – unser Gehirn.

   Sollten wir nun tatsächlich einen für jeden von uns in einzigartiger Weise „hübschen“ Menschen erkannt haben, so werden wir das mit unseren Augen nicht durch den Schleier einer Burka erfasst haben. Wir haben etwas erkannt, das uns gefällt, und je mehr Erotik in diesem Portrait eingeflochten wurde, desto wahrscheinlicher ist das Ziel des Auffallens zu erreichen. Wie gesagt, ich meine mit Erotik nicht die Entblößung, die natürlich auch ihren Reiz haben kann, es kann etwas unbeschreiblich Einfaches sein, wie etwa ein Grübchen in der Wange, das Lid eines Auges oder die Form und Proportion des Hinterns.

    Entscheidend ist einzig und allein der Empfänger. Empfängt er nicht, ist etwas nicht existent. Und es gibt unendlich viele Empfänger mit unendlich vielen Rezeptoren und noch mehr Vorlieben für viele kleine besondere Eigenheiten beim anderen Geschlecht. Erotik ist also entweder ein Verstärker dieser Reize oder nur ein simpler Hinweis auf die Anwesenheit dieses einen, kleinen oder großen, in jedem Falle besonderen Merkmales des Menschen gegenüber.

   Und das ist nur der Anfang, denn nach dem ersten Blick kommen noch so viele andere wichtige „Dinge“ hinzu, wie Gedanken und Worte, Humor und Empathie, Achtung und Verständnis, Forderung und Opferbereitschaft, Lachen und Lieben, um nur einige zu nennen. Bei der gemeinsamen Reise des Kennenlernens eines in den Augen des Betrachters besonderen Menschen können diese „Dinge“ für ein Leben oder länger reichen. Diese zu besingen würde hunderte Bücher und Schallplatten füllen – und – tun sie dies nicht schon längst?