Die Suche nach der Schönheit, Teil IV (214)

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Weiter auf der Suche nach der Schönheit, oder das, was man dafür halten könnte.
 
Du stehst vor etwas Schönem. Wer sagt dir, dass es schön ist? Niemand! Du empfindest es einfach als schön. Ohne jede Wertung entsteht in dir dieses Gefühl, etwas zu erfahren, was in dir eine Sehnsucht erweckt, vielleicht eine Sehnsucht nach etwas Vollkommenem, nach einem Gefühl selbst, in dir etwas zu spüren, dass dich auffängt, dort, wo nichts widersprüchiges dich befremdet.

Wieder kann es sich dabei um ein Objekt handeln, welches (be-)greifbar ist, ein Bild in der Natur, das so gewachsen ist, wie es sich unserem Auge präsentiert. Welches wir so erfahren, wie wir es gelernt haben zu erfahren, denn die Naturschönheit weiß nichts davon, uns zu gefallen, weil sie einfach nur ist. Oder Du hörst ein Musikstück. Dieses Stück versetzt dich in Verzückung. Du bist wie gefangen in den Weiten der eindringlichen Klänge, kannst Dich kaum lösen, nur schwer entziehen, schon allein deshalb, weil du es gar nicht möchtest.

Möglicherweise verweilst du gerade vor einem Kunstwerk, einst von Menschenhand geschaffen aus einer Idee heraus, die der Künstler in seinem Werke verewigt in dir widerklingen lässt, kannst dich der Ausstrahlung nicht entziehen, das Kunstwerk hat dich scheinbar in seinen Bann gezogen und du gibst dich seiner lebendigen Wirkung auf dich hin. Manche Kunstwerke lösen solch eine Faszination in dir immer wieder aus, andere nur manchmal und wieder andere gar nicht. Sollte zum Widerklang dieser einen Schönheit genau diese Saite in dir vorhanden sein müssen, um Anklang zu finden?

Die Frage, ob jedes Kunstwerk „schön“ sein soll, wurde erst seit dem 19. Jahrhunderts intensiver gestellt, zuvor komponierte ein Künstler sein Werk in naher Anlehnung an die Natur, die lange Zeit als Vorbild des Schönen galt. Mit Einzug der Romantik idealisierten die Künstler die Idee der Schönheit, versuchten selbst die Natur zu übertreffen, idealisierten sie, bevor zur Zeit von Friedrich Nietzsche (1870) das Nicht-Schöne zunehmend an Beachtung gewann.(sehr stark vereinfacht gesagt)

Betrachte ich stellvertretend ein beliebiges Kunstwerk, eine Skulptur beispielsweise: Denke dir eine aus! David
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der Denker
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die Venus
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oder ein anderes, welches dich begeistert.

Es wird Menschen geben, die diese Skulptur als schön bezeichnen. Andere würden sie vielleicht als mittelmäßig schön bezeichnen, nicht direkt als hässlich, aber auch nicht als schön. Wahrscheinlicherweise gibt es Menschen, die dieses Werk auch als unansehnlich titulieren würden, denen dieses Werk sogar Unbehagen bereiten könnte. Vielleicht sind es auch nur Teile dieser Skulptur, die Missfallen erregen? Interessant ist dabei die Frage, ob es eine Möglichkeit gäbe, die eine Art Level schlüssig darstellt, welches im Auge des Betrachters erreicht werden kann, um den Anmut einer Darstellung, die Ästhetik einer Skulptur erkennen zu können?

Nehme ich die Extreme: Eine Person hat niemals zuvor im Leben eine Plastik, eine Skulptur gesehen. Was kann in ihm vorgehen? Die Person trifft auf das Kunstwerk! Und nun? Daneben steht eine Person, die schon unzählige Skulpturen gesehen hat, die schon etliche Ausstellungen über Skulpturen veranstaltet und einige Fachbücher über die Bedeutung und Herkunft sowohl der Skulpturen als auch der Künstler verfasst hat. Worin liegen die Unterschiede?

Der Schönheit ist es einerlei, wer vor ihr steht. Zunächst beide Wesen betrachten das Werk. In beiden Wesen löst das Werk die verschiedensten Empfindungen, Gedanken oder Ideen aus. Ordnet der Kenner das Kunstwerk ein, so wird es der jenige ohne Vorerfahrungen nicht einordnen. Doch im Laufe der Betrachtung kommen und gehen in beiden Personen die unterschiedlichsten Regungen, das Werk des Künstlers erweckt eine Reihe von Dimensionen ganz unabhängig vom Stand des Betrachters. Kann es dafür eine Wertung geben. Philosophen aller Epochen versuchten sich an der Beantwortung dieser Frage und kamen zu widersprüchlichsten Thesen.

Was denkst Du? Eine Metapher: ein Kunstwerk lässt eine Saite in dir anklingen. Ist es von Wichtigkeit, wie viele Saiten ein Mensch in sich trägt? Ist es wichtig, wie oft diese Saiten angespielt werden? Ist es von Bedeutung, ob diese Saiten gestimmt wurden? Ist es entscheidend, wie stark diese Saiten angespielt werden? Ist es eine Frage der Zugänglichkeit der Saiten, ob sie erklingen? Was denkst Du?
 

 

 

Die Suche nach der Schönheit, Teil II (211)

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Hier im zweiten Teil von „Die Suche nach der Schönheit“ möchte ich mich der Beantwortung der Fragen aus dem ersten Teil nähern. Eine spannende Reise durch die Sichtweisen auf die Schönheit führt uns dabei zu einem Stück unserer eigenen Wahrnehmung.

Zunächst noch einmal die Fragen aus Teil 1:
1. Gibt es eine universelle Schönheit, deren Wert erst erkannt, begriffen oder erlernt werden kann oder gar muss?
2. Ergibt sich, und das ist eine Frage, die sich sehr nah an der ersten Frage orientiert, eine größere Befähigung, bestimmte Schönheiten erst dann zu erkennen, wenn man sich mit diesen Verhältnissen über einen größeren Zeitraum hinweg auseinandergesetzt hat?
3. Gibt es Parallelen bei der Erkenntnis oder Wahrnehmung unterschiedlicher Formen der Schönheit?
4. Entstehen Irrungen durch bestimmte Einflüsse oder defizitäre Befähigungen, vielleicht schon durch Wahrnehmungsstörungen?

Ohne mich allzu streng an die obige Reihenfolge der Fragen zu halten, soll sie mehr als inhaltliche Orientierung für das Nachfolgende dienen.

Da wäre also ein Subjekt, das vor einem Objekt steht. Das Objekt soll bisweilen noch jeglicher Form entbehren. Es könnte beispielsweise eine Landschaft sein, ein Tier, ein Kunstwerk oder ein Wesen. Wie kommt es dazu, dass in diesem Objekt Schönheit erkannt wird?

Eine fundamentale Annahme: Schönheit sehe ich als befreit von jeglichem Zweck. Etwas als schön zu befinden, weil es nützlich ist, entbehrt dem Sinn der Schönheit, die ihrer selbst willen existiert. Daher klammere ich es zunächst aus, ohne aber zu übersehen, dass im Falle eines schönen Menschen die Sinnhaftigkeit nur schwer auszublenden ist. Aber dazu später mehr. Schönheit wird daher erkannt, indem sie in Form eines Reizes über die Sinne des Menschen Eingang findet in die Vorstellung und die Idee eines jeden, der offen dafür ist. Damit komme ich in den Bereich der ersten Frage:
1. Gibt es eine universelle Schönheit, deren Wert erst erkannt, begriffen oder erlernt werden kann oder gar muss?

Hat ein Mensch die Zeit und die Befähigung die atemberaubende Schönheit eines Sonnenaufgangs vor überbordend bizarrer Kulisse fantastischer Felsformationen in einem weitläufig dramatischen Küstenabschnitt wahrzunehmen, wenn seine letzte Nahrungsaufnahme Tage zurück liegt, wenn er auf der Flucht vor einem Raubtier ist, dessen Nahrungsaufnahme auch wiederum eine längere Zeit zurück liegt oder er in sich eine tiefe Traurigkeit hineingesteigert hat ob dem Verlust eines geliebten Wesens?

Dringt die bezaubernde Schönheit einer tieftraurigen oder leicht-beschwingt heiter-fröhlichen Arie in unsere Wahrnehmung ein, um uns als Subjekt in einen wunderbaren Zustand der Hingerissenheit zu geleiten, wenn wir bisher niemals vorher solcher Töne gewahr wurden, vielleicht immerzu die eindringlichen Schläge der Arbeit eines Hammers in einem Steinbruch auf unser Trommelfell eindröhnten?

Kann die Schönheit eines Menschen von uns wahrgenommen werden, wenn wir nicht vorher in einem langen Prozess auf die kulturellen Merkmale und gesellschaftlichen Ausprägungen von Schönheit darauf konditioniert wurden?

Allesamt diskussionswürdige Fragen, meine ich. Antworten darauf habe ich schon mehrfach in früheren Beiträgen geliefert und belegt, und so erfolgt die daraus resultierende spannende These: Schönheit wahrzunehmen bedarf einer Schulung und unterliegt einer Entwicklung, die jenseits von affektierter Opportunität zu manifestieren ist. Um Schönheit zu erkennen bedarf es absolut einer Freiheit, dies tun zu können.

Freiheit von den Grundbedürfnissen des Menschen ist einer der ersten wesentlichen Aspekte, denn weder ein hungriger Mensch nimmt sie Schönheit einer skurril geformten, farblich tief durchgezeichneten Frucht war, noch ein durchfrorener Mensch ergötzt sich an der Schönheit einer staketenförmig gewachsenen Reihe von überdimensionalen Eiszapfen vor einem gigantischen Wasserfall.

Ferner gilt es, die Freiheit im Geiste zu bewahren, etwas tun zu dürfen und sich nicht Restriktionen gegenüber zu sehen, sobald man der Schönheit gewahr wird. Sogenannte „Entartete“ Kunst diene hier als anschauliches Beispiel für den manipulativen Einfluss vermeintlicher Instanzen. Auch ausreichend Zeit zu haben, Schönheit zu erkennen, ist wesentlich, denn wie schon zu Zeiten der Einführung des Begriffs der entarteten Kunst ist das entwickelte Dogma: „Arbeit macht frei“ nichts anderes als eine willkürlich Beschneidung und Einengung gedanklicher aber auch faktischer Freiheit des Menschen. Wer so viel arbeitet, dass er nach getaner Arbeit erst körperlich, gleichfalls aber damit geistig so erschöpft ist, dass ihm die Kraft und Muße abgeht, sich geistigen Dingen zu widmen, der stellt gleichzeitig keine Gefahr dar, sich Gedanken über etablierte Prozesse zu machen, darüberhinaus scheint auch die Beschäftigung mit den schönen Dingen des Lebens der Überanstrengung zum Opfer zu fallen.

Heute, da der Inhalt der „Arbeit macht frei“-Maxime zunehmend am Einfluss verliert, treten an ihre Stelle viel perfidere Systeme: „Konsum macht frei“ bringt es am ehesten auf dem Punkt. Konsum von Waren, Konsum von Medienangeboten, Konsum von Freizeitaktivitäten. So könnte der auf diese Weise zur Unfreiheit verführte Mensch Gefahr laufen, immer weniger die Schönheiten des Lebens zu erfahren.

Bevor ich im weiteren auf die oben erstellte These von der notwendigen Konditionierung für die Fähigkeit, Schönheit zu erkennen, näher eingehe, möchte ich gleich erwähnen, dass eine Antithese dazu, nämlich eine solche, nach der eine absolute Unbefangenheit gegenüber der Schönheit vielleicht erst dazu führt, die reine Schönheit zu sehen, in eine nicht weniger interessante Richtung führt.

Kann man Schönheit lernen? Muss man Schönheit lernen, bevor man sie versteht? Sind es bestimmte Schönheiten, die man erst dann erkennt, nachdem man sich mit dem Genre ausführlich befasst hat? Max Ernst meint dazu: „Kunst hat mit Geschmack nichts zu tun“

Zu diesen Fragen führt der weitere spannende Weg in dieser Beitragsreihe.

Nach Klärung dieser fundamentalen Prämissen wirken weitere Variablen auf unsere Ideen und unser Erkennen von Schönheit. Damit befasse ich mich in den nächsten Teilen von „Die Suche nach der Schönheit“, und wühle mich dafür schon wieder durch die Literatur und die neuesten Ergebnisse der Attraktivitätsforschung.

Die Suche nach der Schönheit, Teil I (210)

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Wo findet sich Schönheit? Woran wird die Schönheit erkannt? Gibt es einerseits unterschiedliche Grade der Schönheit und gibt es andererseits unterschiedliche Grade der Befähigung diese zu erkennen? Einige Gedanken und Schlüsse daraus.

Schönheit, das Thema über Jahrtausende, wurde wahrscheinlich schon immer hinterfragt, zumindest aber immer wieder seit der Zeit, da es Überlieferungen belegen. Erst als Objekt wurde es untersucht. Es wurde versucht, die Schönheit in eine Formel zu bringen. Es wurde versucht, sie in bestimmter Form und Erscheinungsweise zu manifestieren. Danach wurde die Schönheit vom Objekt gelöst. Nur ein Subjekt sollte in der Lage sein, sie überhaupt zu erkennen, denn ohne Betrachter sollte es keine Schönheit geben. Es gab nur das Sein. Es wurde fortwährend versucht, die Schönheit von jeglicher Zweckgebundenheit zu befreien. Sie sollte ihre Wirkung nur durch sich selbst entfalten, ohne sich durch eine Zweckgerichtetheit legitimieren zu müssen. So sollte die Wahrnehmung verlaufen.

An dieser Stelle möchte ich hier gerne ansetzen und eine Betrachtung wagen. Wurde die Schönheit beispielsweise von David Hume und Edmund Burke vom Objekt losgelöst? Musste ein Subjekt beschrieben werden, dessen Existenz gegeben sein muss, um eine Schönheit überhaupt erst wahrzunehmen? Im Zuge dessen finde ich eine sehr interessante Relevanz wieder:

Wenn ein Subjekt -in unserem Falle ein Mensch, der (in was auch immer) eine Schönheit erkennt- diese Schönheit wahrnimmt, dann stelle ich die Frage: Gibt es dahingehend tatsächlich unterschiedliche Grade der Befähigung, Schönheit zu erkennen? Ferner sei die Frage gestellt, welche Variablen und Bedingungen auftreten könnten, die diese Erkenntnis erstens beeinflussen, zweitens ermöglichen oder drittens verhindern!

Schönheit erkennen wir in vielen Dingen. Eine Pflanze kann einem Menschen schön erscheinen, eine Landschaft, ein Wetterphänomen kann beeindruckend schön erscheinen. Ein Tier oder ein Mensch erweckt den Anschein der Schönheit in uns. Auch ein Gedicht bezeichnen wir mitunter als schön, oder noch mehr ein Musikstück? Gefühle können es sein, die wir als schön empfinden, oder ist es vielleicht auch der Auslöser dieser Gefühle. Selbst Schauder bezeichnen wir hin und wieder gerne als schön, sei es, weil wir auf diese Weise das ursprüngliche Leben in uns spüren, ganz gleich dabei, ob in der Form von Angst und des Erschreckens oder der Gewissheit des Schauspiels und unserer distanzierten Sicherheit dazu.

Bleibe ich zunächst bei dem Subjekt, in dessen Vorstellung -Schönheit ist ja nichts Faktisches, sie ist stets nur angenommen- Schönheit entstanden ist. Sie ist erkannt worden. Es gibt nun theoretisch unendlich viele Subjekte, die sich zum einen im Wesen unterscheiden -es sind einfach unterschiedliche Wesen- und zum anderen solche, die sich in der zeitlichen Phase differenzieren -sie befinden sich an einem bestimmten Punkt ihrer Entwicklung, als Kind, Jugendlicher, Erwachsener oder reifer Mensch. Selbst innerhalb dieser Phasen zählt jeder Augenblick als einzigartige Situation.

Zu jedem Zeitpunkt begegnet Schönheit einem x-beliebigen Subjekt. Ein Subjekt begegnet irgend einer Schönheit. Wahrnehmung findet statt. Wie verhält es sich mit der Erkenntnis? Ganz gleich, was der Mensch als schön erkennt, es gibt bei manchen Dingen eine große Übereinstimmung in der Beurteilung, in manchen aber nicht. Nun greife ich die Fragen von oben auf und frage erneut:

1. Gibt es eine universelle Schönheit, deren Wert erst erkannt, begriffen oder erlernt werden kann oder gar muss?
2. Ergibt sich, und das ist eine Frage, die sich sehr nah an der ersten Frage orientiert, eine größere Befähigung, bestimmte Schönheiten erst dann zu erkennen, wenn man sich mit diesen Verhältnissen über einen größeren Zeitraum hinweg auseinandergesetzt hat?
3. Gibt es Parallelen bei der Erkenntnis oder Wahrnehmung unterschiedlicher Formen der Schönheit?
4. Entstehen Irrungen durch bestimmte Einflüsse oder defizitäre Befähigungen, vielleicht schon durch Wahrnehmungsstörungen?

Stelle sich jeder Interessierte diese Fragen, um zu prüfen, inwiefern sich die Erkenntnis von Schönheit in ihm manifestiert. Weiter mit der Beantwortung der Fragen meinerseits geht es im nächsten Artikel.

Die Gefahr der Schönheit [ 209 ]

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Das Schöne blendet uns und verblendet uns. Immer wähnt uns das Schöne gut zu sein. Nicht erst seit der Antike (Kalokagathia) finden sich synologische Tendenzen schon in der Wortwahl: schön gleich gut! Nie sind die Menschen mit dem Guten zufrieden, sondern suchen fortwährend nach dem Besseren. Dem besseren Foto, dem besseren Kleid, den besseren Schuhen oder der besseren Wohnung.

Stets erzeugt das Schöne eine positive Verknüpfung in uns. Das Schöne muss auch gut sein. Das Schöne kann es besser. Das Schöne meint es gut. So, wie das Schöne daher kommt, kann es nichts Böses im Schilde führen. Wie groß ist aber unsere Enttäuschung, wenn wir dieser unserer Täuschung gewahr werden. Wie konnte es nur dazu kommen, man hat es dem Schönen zuvor nicht angesehen.

Und das Schöne weiß um seine Wirkung, in allen Dingen. Nahezu magisch werden wir von ihm angezogen. Wir sortieren Minderwertiges aus, lassen den Hässlichsten von Dreien links liegen und wählen das Schönste. Wie ärgern wir uns, wenn uns einer zuvor kommt und uns das Schönste vor der Nase wegschnappt.

Wieder und wieder gehen wir dem Schönen auf den Leim. Aufgeklärt möchten wir sein, wissen, woran wir sind, gewappnet sein für alle möglichen Eventualitäten, denn wie lieben es nicht sehr, unvorbereitet überrascht zu werden. Doch mit all dem Wissen ist es nicht weit her, denn allzu gern lassen wir uns verführen: Das Schöne erweckt Versprechungen, die nur durch unser Zutun entstehen konnten, denn diese Versprechungen sind -fiktiv- in uns entstanden, ohne dass sie je vom Schönen ausgesprochen worden wären.

Wir suchen das Schöne. Immerzu. Wir suchen das, von dem wir persönlich meinen, dass es das Schönste sei: Die Kleidung, die uns am schönsten macht, die Wohnung, die wie am schönsten finden, das Auto, welches wir für das schönste halten. Es werden bevorzugt Zwecke konstruiert, um das Schöne zu rechtfertigen. In uns fiel das Urteil längst, bevor es in unser Bewusstsein kommt, dorthin gelangt es erst viel später hernach. Uns da ist es meist schon zu spät.

Wie oft fielen wir schon herein, auf das Schönere, das Bessere, das Wertvollere? Wie oft hat sich im Nachhinein gezeigt, dass im Schönen so viel Ungutes versteckt war, oder offensichtlich eigentlich – nur waren wir zu benebelt es zu erkennen, weil unsere Sinne vom Schönen geblendet waren. Verzaubert schien uns manche Schönheit, bis sie uns zu eigen wurde und uns im täglichen Angesicht zur Selbstverständlichkeit degradierte. Finden wir noch in den Sammelsurien der Schönheiten die Individualitäten oder finden wir sie bereits wieder als ein Ausstellungsstück im Kabinett der Belanglosigkeiten? Was einst so schön uns anmutete, sollte es untergegangen sein in einer Sammlung? Einer Sammlung an Eindrücken, Sichtweisen, Gefühlen oder Briefmarken? Um nur hin und wieder ganz kurz aufzublitzen? Doch, letztendlich, verloren in der Sammlung der Schönen …

Die universelle Schablone (199)

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Ein Monolog ist nicht existent. Er beginnt sein Dasein erst mit der Wandlung zum Dialog. Oder als Vorläufer zum Dialog, zur Handlung. Wie Du aussiehst, ist unerheblich. Erst dann, wenn Du wahrgenommen wirst, kommt die universelle Schablone der Gesellschaft über Dich!

Noch immer lebst du in (einer) Gesellschaft. Du bist Teil dieser Gesellschaft. Du unterliegst den kulturellen und sozialen Regeln dieser Gesellschaft. Du bist ein Mitglied, dessen Existenz die Gesellschaft ausmacht und ein Teil dieser Gesellschaft, die dich gleichzeitig mit den Normen und Regeln überfängt, die ihre Existenz ausmacht. Dein Platz inmitten deiner Gesellschaft ist ziemlich genau definiert, so, wie auch die Gesellschaft selbst definiert ist. Du hast nahezu immer die Wahl, in welcher Gesellschaft du dich nieder lässt.

Definitionen deiner Gesellschaft ordnen sich ein. Kommunikation ist das Mittel der Regulation. Um etwas zu regulieren muss ich es erst orten. Ich differenziere, um Grenzen festzulegen zu können. Was ist noch zuträglich, richtig im Sinne der Gesellschaft, richtig im Sinne der Übereinkünfte über die Ziele einer Gesellschaft, respektive der Ziele ihrer Teilmengen und die Ziele ihrer Individuen?

Unter dem Wandel der Möglichkeiten der Kommunikation vollzieht sich gleichzeitig ein Wertewandel. Indem ich über fast alles sprechen kann, über fast alles schreiben kann, vor allem aber, indem ich so laut kommunizieren kann, dass es jeder hören könnte, wird der Inhalt aller Diskussionen in immer weiterem Kreise umfasst. Über alles und jeden wird diskutiert. Überall. Wieder und wieder wird entschieden, bestimmt und festgelegt. Erweiterungen erschaffen neue Horizonte, neue Sichtweisen, neue Standorte.

Was vorher nicht definiert war, konnte nicht geregelt sein. Was nützt mir der Monolog? Ein Monolog ist vielleicht ein Gespräch mit mir selbst und schon dann stelle ich vorsichtig die Frage in den Raum, ob ich selbst, ohne schizophren zu sein, nicht doch binär bin. Deshalb, weil ein von mir gesprochener Monolog mich selbst als Subjekt und Objekt erfasst, ich selbst bin Redner und Zuhörer.

Beginne ich also mit dem Dialog. Der Dialog zwischen Gesellschaft und Individuum, der schon deshalb spannend ist, weil es einerseits der Dialog zwischen eben genannten als solcher zwischen Subjekt Gesellschaft und Objekt Individuum ist und andererseits umgekehrt. Du formst, was dich formt. Du baust dir die Grenzen selbst auf, innerhalb derer du dich danach bewegen kannst. Wissen wir alle! Wie die Lämmer, die zur Schlachtbank geführt werden! Was soll’s, solange der Weg dahin schön ist.

Verschwiegen werden all unsere Überschreitungen von sozialen Grenzen, vor anderen natürlich, aber vor allem vor uns selbst. Subtil funktionierende Mechanismen, wie „Kleinreden“, „als Ausnahme abtun“, oder ganz und gar die Schärfe einer Bestimmung in Frage stellen sind Gang und Gäbe. Unser Gewissen, so wir denn eines besitzen, und ferner, falls dieses auch in Betrieb genommen wurde, sowie aktualisiert funktioniert wird allzu gerne hinters Licht geführt. Wir fühlen uns dabei auch noch gut, so konnten es Forscher heraus finden.

Werden unsere Verfehlungen jedoch entdeckt, so wird es manchmal peinlich. Manchmal aber auch ist unser Geist nur so von Trotz erfüllt. Wohlweislich unserer Überschreitungen relativieren wir äußerst gerne. Solange es uns selbst betrifft. Wird es jedoch unübersehbar für alle Beteiligten, folgt die Auseinandersetzung mit der Zuwiderhandlung. Läuft es gut im Sinne von folgerichtig ab, so wird der Verlauf der Grenzen überprüft. „Sind die Bedingungen einer Teilnahme an gesellschaftlichem Leben überhaupt einzuhalten von den Mitgliedern der Gemeinschaft, oder entwickelten sie sich quer?“ Leider findet diese Auseinandersetzung recht selten statt. Schon im engsten Familienkreis blockieren enorme Widerstände Überprüfungen, du kennst es vermutlich. Wie soll es da in größeren Verbänden leichter funktionieren?

So wird abgeglichen, jeden Tag auf’s neue, wer verhält sich wie und wer wie nicht. Das System der sozialen Verflechtungen rastert seine Mitglieder fortwährend ab. Durch uns selbst, beispielsweise mit dem Ausdruck der Gedanken oder Worte: „Wie sieht D A S denn aus?!“ Böse, wer da nicht denkt, es geschehe nur zum Besten der Menschen innerhalb dieses Habitats.

Zensur des schönen Hässlichen, Teil 2 (195)

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Hier im zweiten Teil von „Zensur des schönen Hässlichen“ gehe ich weiterhin der Frage nach dem Umgang mit physischen Erscheinungen nach. Was sehen wir (an), wie bewerten wir das gesehene und warum?

Zunächst ein inhaltlicher Auszug aus Plutarchs (ca. 46-120 n.Chr.) Dichtungen über die Spartaner:
„Lykurg hat auch die Lebensführung der Frauen sorgfältig geregelt. Er sorgte dafür, dass die Körper der Mädchen durch Laufen, Ringen und Speerwerfen gekräftigt wurden. Denn er sagte sich, dass Frauen mit kräftigen Körpern auch kräftige Kinder gebären würden. Und auch bei der Geburt selbst hätten sie keine Schwierigkeiten. Weichlichkeit, Verzärtelung und alles, was er abfällig „weibisch“ nannte, verbannte er. Er gewöhnte die Mädchen daran, wie die Knaben nackt ihre Aufzüge zu halten und bei bestimmten Festen zu tanzen und zu singen und das vor dem Augen der jungen Männer. Dass die Mädchen sich entblößten, hatte übrigens nichts peinliches an sich. Denn es war Scham dabei und keine ungehörige Schaulust. So gewöhnten sie sich an Einfachheit und strebten nach wohl gestalteter Körperbeschaffenheit. Auch gab das der Frau Sinn und Geschmack für das stolze Selbstgefühl, dass auch sie nicht weniger als der Mann Anteil haben sollte am Streben nach Tapferkeit und Ruhm. …“

Auch wenn schriftliche Überlieferungen aus der Zeit Spartas meist nicht von Spartanern selbst verfasst und überliefert wurden, diese stammen nämlich mehr von ihren Feinden oder von Nachfahren, und dadurch deren Integrität grundsätzlich bezweifelt werden darf, so lässt sich aus pragmatischer Vorstellung heraus doch ein wahrer Kern annehmen, zumal ausreichend andere Kulturen existieren, die einen vergleichbaren Umgang mit der Körperkultur pflegen. Anhand des obigen Beispiels sieht man, wie sich die damals aktuellen Richtlinien und vorgegebenen Verhaltensweisen im Punkto Körperlichkeit über die Zeiten hinweg verändern. Die Sozialisation körperlicher Belange mündete in der modernen westlich-geprägten Gesellschaft gemeinhin in eine Tabuisierung, was unter anderem an der Sprache, dem genutzten Wortschatz zu erkennen ist.

Die vermutlich etwas verklärte Sicht Plutarchs auf die Gebräuche der Spartaner soll hier als Gedankenanstoß gelten. Im ersten Teil stellte ich die Frage nach der Bedeutung der sichtbaren Formen aller Dinge im Umfeld des Menschen. Durch welche Überlieferungen bedeuten unserer Gesellschaft bestimmte Dinge mehr als anderes, warum verändert eine optische Abweichung die Bedeutung, wie entsteht die unterschiedliche Wertigkeit?

Nicht nur Formen beeinflussen unser Verständnis der Dinge, auch Oberflächen und Material erwirken seltsame Gebärden. Irgendwann entdeckte der Mensch das Gold. Woher und warum entstand seine Wertigkeit, warum brachten die Conquistadores viele tausend Ureinwohner für das Metall ums Leben? Weil es glänzt? Weil es rein ist? Weil es ein knappes Gut ist? Weil ein relativ hoher (Gegen-) Wert festgelegt worden ist? Warum? Vielleicht ahnen wir es.

Zurück zur eigentlichen Fragestellung. Im Zuge der Sozialisation der Gesellschaft entstanden vielfältige Übereinkünfte, die einer ganz wesentlichen, fundamentale Ambivalenz entsprang: Sie ist von einem Subjekt erschaffen und weiterentwickelt worden, und zwar für ein Objekt, das gleichzeitig Subjekt ist. Dabei ist besonders in unserem Kulturkreis die rationalistische Denkweise bezeichnend für den Umgang mit der Vielfalt der Möglichkeiten. Stark zweckdienliches Denken besitzt den höchsten gesellschaftlichen Stellenwert. Ob die zweckgerichtete Lebensart bei uns Menschen zum Selbstzweck mutiert ist, kann jeder für doch selbst entscheiden, wenn er nur reflektiert.

So ist ein wesentlicher Faktor in diesem Zusammenhang der Akt der Infragestellung von Sinnhaftigkeit jedweder sittlichen, moralischen und emotionalen Übereinkünfte durch jedes Individuum einer Gemeinschaft, um diese Gemeinschaft dem Menschen dienlich zu gestalten und nicht umgekehrt. Perfide Mechaniken wie die versteckt-offene Etablierung einer grenzenlosen Konsumsucht, angefeuert durch den Anschein von fiktiven Innovationen entfremden den Menschen zu einem zunehmend entsozialisiertem und was viel bedeutender ist, entmenschlichtem Wesen.

So lässt sich ein „Ist-Zustand“ beschreiben, wie er vielfach attestiert und auch empfunden wird. Über die Herkunft, die Entstehung sagt es nur wenig aus. Verfolgt man allerdings die Entwicklungsgeschichte von Sitten und Gebräuchen, so wird einem gewahr, dass es in den Kulturen, Epochen und Gesellschaften in ihren unterschiedlichen Umgangsweisen nahezu alle erdenklichen Formen gelebt wurden. Auch ergibt sich daraus, dass unsere aktuelle Lebensart nur einen Ausschnitt aus den Möglichkeiten beschreibt, der in ferner oder naher Zukunft schon nicht mehr gesellschaftsfähig sein kann.

Nichtsdestotrotz sind wir hier und jetzt sozialisiert worden. Umgangsformen beherrschen wir notwendigerweise und da der Mensch an sich ein zutiefst bequemes Wesen ist, Veränderungen im Grunde genommen nicht wirklich anstrebt und mag, ist jede Auseinandersetzung mit Normen anstrengend und wird erst dann in Angriff genommen, wenn diese Normen die menschliche Existenz über einen gewissen Punkt hinaus gefährden.

Dieser Punkt findet sich bei jedem Individuum am anderer Stelle, auch die Auffassungsgabe gegenüber den eigenen Lebensbedingungen gestaltet sich absolut heterogen, und das schon in jedem einzelnen von uns, geschweige denn zwischenmenschlich. Auch dabei kommt uns wieder unsere Bequemlichkeit entgegen, wenn es darum geht, Denkmodelle zu hinterfragen, oder, vollkommen utopisch, selbst solche zu entwerfen.

Gemeinhin wird gerne konsumiert, was schon da ist, was bequem übernommenen werden kann. Es wird ein wenig zurecht gebogen, und gerade so passend gemacht. Querulanten, die unbequeme Fragen aufwerfen, sind nicht gern gesehen. Nur wenn es mehr werden, wenn mehr und mehr Menschen dazu übergehen, Sichtweisen in Frage zu stellen, es sich selbst unbequem zu machen, weil man sich nicht weiter auf sich selbst ausruht, dann ist es möglich, etwas zu verändern. Dazu bedarf es, wie uns die Vergangenheit gelehrt hat, Vorreiter.

Das sind jedoch solche Wesen, die nicht unaufhörlich die zwar bequemen, aber prinzipiell unhaltbaren Zustände nur beschreien. Es braucht Menschen, die folgerichtige Lösungsansätze vorschlagen können, die menengerechte Ideen postulieren. Es braucht Denker und „Empfinder“, die durch Beschreibungen Fakten darlegen UND Wege aus dem unbekannten Dilemma weisen oder aufzeigen, wie diese zu finden sind. Wir brauchen dringend Menschen, die einfach ethische Lebens – Thesen aufstellen. Diese kann man auch durchaus mal an eine Türe nageln.

Körperwahrnehmung, Teil III (192)

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„Aber bitte finde deinen Körper nicht zu gut!“ Erste Restriktionen in Bezug auf dein Verhältnis zu deinem Körper durch gesellschaftliche Prägung erfährst du als Inhalt der Erziehung. Wie lebst du damit?

Nachdem du im Kindesalter viele Regeln auferlegt bekommen hast, dich vermutlich an die meisten hieltest, erfuhrst du in deiner Pubertät viel neues, spannendes über deinen Körper. Hormonumstellungen ließen dich fröhlich und betrübt zugleich sein, du konntest lachen und weinen im gleichen Atemzug und fühltest dich vermutlich ziemlich allein gelassen mit deinem innersten Gefühlen. Spricht man gemeinhin von der Ablösung der Kindheitsgefühle hin zum Erwachsenwerden, gleichwohl Loslösung von den Eltern, und stelltest du zunehmend fest, dass deine Freunde auch nicht oft sehr hilfreich sein konnten, weil sie sich in einem ähnlichen Gefühlsumbruch befanden, so konnte es, wie bei vielen Generationen vor dir, sehr raumumgreifend sein.

Was machst du zu diesem Zeitpunkt mit deinen vielen Fragen? Wunderbar ist es vielleicht, wenn du deine Eltern fragen konntest. Oder lieber doch nicht? Ist es dir lieber gewesen, das mit dir selber auszumachen? Konntest du viele deiner Erfahrungen mit denen deiner Freunde vergleichen, mit ihnen Vermutungen austauschen und Thesen aufstellen, gefolgt von Antithesen und wieder neuen Thesen? Die starken Stimmungsschwankungen machten wahrscheinlich den Umgang mit dir nicht leichter, nicht nur für andere, auch für dich selbst.

Alles entscheidend ist aber die Frage, ob du die Veränderungen deines Körpers, die Umstellungen und neuen Gefühle in dir (er-) leben konntest! Hattest du genug Raum und Zeit, allumfassende Dimensionen – und dies meine ich wortwörtlich – um dich auf deine Empfindungen einzulassen? Dimensionen deshalb, weil es einerseits um das materielle, körperliche Dasein geht, andererseits um das psychisch – geistige Verständnis.

Das körperliche Dasein beschreibt den Umgang mit deinem sich zunehmend stärker veränderndem Körper, in vielen Regionen, noch mehr körperlichen Reaktionen. Mochtest du, was du berühren konntest, gefiel dir, was du sahest, konntest du es annehmen?

Das psychisch-geistige Verständnis bezieht sich auf deinen geistigen Freiraum. Hattest du deinen Kopf frei genug, um dich mit deinen Gefühlen zu beschäftigen. Hattest du die ganz alltägliche Zeit für dich, jenseits von bildungspolitisch vorgesehenen Leistungsvorgaben, jenseits der alltäglichen Erwartungen der Menschen, die dich auf dem Weg der Menschwerdung anleiten?

Doch mit nur „Zeit“ ist die einzige Freiheit nicht maßgeblich benannt. Hattest du überhaupt die moralisch-ethische Freiheit nachzudenken und zu fühlen über deine körperlichen Signale? Konntest du dich ihnen frei von schlechtem Gewissen und Beschränkungen durch Sitte und gesellschaftlicher Verklemmtheit nähern. Warst du in der Lage, sie zu betrachten und unvoreingenommen zu „bewerten“?

Mit bewerten meine ich nicht ein absolutes Urteil abzugeben über gut und böse, sondern einen Grad der Akzeptanz im Hinblick auf empathische, freidenkerische und individuelle Wertschätzung. [Anmerkung: in unserem Bildungssystem halte ich die massive Überbetonung von purem Faktenauswendiglernen humanistisch für mehr als fragwürdig! Eine sehr viel mehr auf ethische Inhalte gerichtete Bildung würde sicher, global gesehen, wieder zu einer menschlicheren Welt führen!]

Nicht viele Menschen hatten und haben überhaupt die Freiheit, sich selbst im Hinblick auf ihren Körper frei zu entfalten! Nicht verwechseln sollte man diesen Entwicklungsspielraum jedoch mit Orientierungslosigkeit, denn die Zeit der Adoleszenz sollte immer wieder Leuchttürme und Häfen bieten, die für jedes Menschenkind unerlässlich sind. Dabei ist es nicht leicht, den Grad zwischen moralisch-ethischen Vorgaben und deren Überschreitung durch allzu körperfeindliche Vermeidungstendenzen zu wahren.

Im nächsten Teil von Körperwahrnehmung mache ich mir Gedanken über die Bedeutung von Berührungen in all ihren Facetten.

Körperwahrnehmung, Teil II (191)

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„Finde Deinen Körper (gut)!“Wie beginnt Deine Körperwahrnehmung?

Hier in Teil 2 von Körperwahrnehmung möchte ich zunächst eine chronologische Herleitung beginnen. Von der Jugend an befasst du dich mit deinem Körper. Anfangs ist es vielleicht nur warm und kalt, laut und leise, hell und dunkel, du hast Hunger und Durst und du fühlst Geborgenheit und Liebe, wenn du Glück hast. Richtig nachdenken über deine Empfindungen kannst du zu diesem Zeitpunkt noch nicht, reagieren sehr wohl. Grundsteine für dein Gefühlsleben, so haben Forscher mittlerweile festgestellt, wurden für dich sogar schon vor deiner Geburt gelegt. Die Gefühle deiner Eltern, ihre Stimmungen, auch ihre Stimmen prägen dich schon im Mutterleib.

Nach deiner Geburt findet Prägung weiter statt. Der Umgang deiner Eltern mit dir ist enorm wichtig, viele deiner fundamentalen Gefühle von Verständnis und Empathie, der Fähigkeit, Liebe zu empfinden und zu geben werden im Idealfall, so die Forscher, in Grundzügen in frühester Jugend gebildet. Dass der Idealfall oft nicht eintritt, ist leider Fakt. Oft selbst nicht ihrer Gefühle gewahr, versäumen es Eltern, diese fundamentalen Weichen zu stellen, meist nicht bewusst, sondern aus eigenem Mangel, aus fehlender Empathie. Verlässliche Zahlen diesbetreffend wurden bisher nicht erhoben, erste Zählungen aus wenigen Forschungsergebnissen nennen vorsichtig Zahlen um die 60% derer Menschen, die in frühester Jugend einen Mangel an Zuwendung erhielten. Damit ist nicht unbedingt nur eine Überforderung der Eltern hinsichtlich der Gabe frühkindlicher Zärtlichkeiten beschrieben, auch der eigene Mangel an solchen Erfahrungen wurde beschrieben. Ein soziologisch spannendes Feld, über das ich, bevor ich weiter darüber schreibe, noch einiges lesen und recherchieren möchte.

Nach der Zeit der frühen Jugend beginnt gemeinhin die Zeit, an die du dich erinnern kannst. Du erlebst Aktion und Reaktion, erfährst einen ersten Eindruck von Ursache und Wirkung, dir werden erste Ver- und Gebote auferlegt. Spätestens dann wird, so die gängigen Theorien aus der Humanforschung, die erste Differenzierung zwischen den Geschlechtern konstruiert. Mädchen und Jungs erfahren unterschiedliche Vorgaben hinsichtlich ihrer Körper, einerseits aus Tradition, andererseits aus unterschiedlichem Dafürhalten.

Aber auch dann findet eine Reflektion noch nicht statt. Diese beginnt meist mit Eintreten der Pubertät. Die dann eintretenden Veränderungen am Körper, einhergehend mit Veränderungen in Psyche und Geist finden ähnlich der Fahrt auf einer Achterbahn statt und überfordern zeitweise den jungen Menschen enorm. Darüber findet man etliche Studien, die ein sehr weitläufiges Bild zeichnen, interessant sind hierbei die Verdichtungen, die Punkte, in denen weitestgehend Konsens besteht.

Was geschieht nun in den Anfängen mit dir, deinem Körper während der Entwicklung hin zu deiner Persönlichkeit? Über deinen Körper erfährst du nach und nach dein Selbst. Du bist dein Körper und du hast dein Körper. Im Prozess der Reifung deines Körpers, deiner zunehmenden Handlungsfähigkeit und Beherrschung deiner Körperfunktionen bildet sich dein Selbstbewusstsein heraus, mit dem du die oben genannte Ambivalenz zu einer Einheit bildest.[Dass diese meist nicht konstant erhalten bleibt, und wieder und wieder erneuert werden kann, ist Teil deiner weiteren Entwicklung.]

Auf dem Weg zu deiner Persönlichkeit begleiten dich mehrere Menschen. Zu Beginn sind es deine Eltern, dabei wird in den meisten sozialwissenschaftlichen Betrachtungen dem gleichgeschlechtlichen Elternteil der größere Einfluss zugesprochen. Zusätzlich spielen die Geschwister, wenn vorhanden, eine große Rolle, denn der Vergleich ist ein wesentliches Element, mittels dem deine Auseinandersetzung mit deinem Körper von statten geht. Wenn keine Geschwister da sind, nehmen Freunde und Spielkameraden diese Rolle ein, hier meist auch die gleichgeschlechtlichen.

Du erfährst deine eigenen Sinneswahrnehmungen und vergleichst diese mit denen der Menschen um dich herum. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob es sich um positive oder negative Erfahrungen handelt. Was tut dir weh oder deinem Schwesterchen, vielleicht ein erster Kniff, du probierst es – auch deine Schwester wird es tun, was du zu spüren bekommst.

In der Zeit des ersten Bewusstwerdens deines eigenen Körpers bildet sich dein Körperbild. Wie schwer diese Wahrnehmung aufgrund der ständigen Veränderungen sein kann, wird Thema in folgenden Beiträgen werden, auch die Tatsache, dass die Veränderungen bei Mädchen und Jungen aufgrund der viel stärkeren und zeitlich ausgedehnteren Veränderungen des weiblichen Körpers sehr unterschiedlich ausfallen.

Schönheit, eine Frage des Wertes Teil III ( 189 )

mies-vandenbergh-fotografie.de
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Im 3. und letzten Teil von „Schönheit, eine Frage des Wertes“ möchte ich über das Aussehen in seiner Verbindung zum sozialwissenschaftlichen Faktor Macht schreiben. Welchen Einfluss übt Schönheit auf die Fülle der Macht aus, die ihrerseits zum Aspekt der Einflussnahme abgegrenzt werden kann? Gibt es eine Äquivalenz und wenn ja, bricht sie an einem bestimmten Grade der Macht ab?

Die Mächtigen sind nicht unbedingt schön. Nicht schön im Sinne eines wie auch immer gearteten Schönheitsideals. Wenige, aber meist unbedeutende Ausnahmen finden sich dennoch. Um eine Verknüpfung von Macht und Schönheit zu entdecken ist es nötig, die Facetten der Macht kurz zu skizzierten. Was bedeutet Macht? Woraus entsteht Macht? Was bewirkt sie und was nicht. Was beobachten wir bei drohendem oder tatsächlichem Verlust von Macht? Und auch: Warum ist Macht nach Reichtum der begehrteste „Zustand“ auf der Liste der Wünsche des Menschen? Warum wird Macht und Reichtum oft eng miteinander verknüpft? Der Leitspruch „Wissen ist Macht“ beschreibt eine weitere, wichtige Verknüpfung, charakterisiert sich die Macht doch auch durch Wissen, respektive dessen Verfügbarkeit.

Macht geht einher mit Einfluß. Um Macht auszuüben braucht der Mächtige hörige Menschen, die ihm huldigen, freiwillig oder unfreiwillig. Somit bedeutet „Macht haben“ nichts losgelöstes, eigenständiges, sondern stets einen Zustand der Dualität. Ohne Volk kein König, ohne Angestellte kein Chef, ohne Wähler kein Politiker! Damit ist die Macht ohne Pendant nicht existent. Macht wird auf etwas oder über etwas unter Zuhilfenahme einer Kraft ausgeübt. Unterschieden wird zwischen positiver und negativer Macht: positive Macht beschreibt einen Zustand, der stets freiwillig und zum Nutzen beider Seiten, der ausübenden und empfangenden Seite eintritt. Negative Macht wird beschrieben als eine für die ausübende durchaus positiv wirkende Kraft, jedoch für die empfangende Seite nicht positive und nur unter Zwang vermittelbare Kraft, die oft mit seelisch-moralischer Erpressung oder Gewalt einher geht. In letzterem Zustand ist eine käufliche Seite gleichsam häufig zu attestieren.

Macht -in all seinen Ausprägungen- versammelt Instrumente der Einflussnahme. Sie kann von einer Einzelperson ausgehen, wie auch von einer mehr oder minder großen Gruppe ausgeübt werden. Sie entsteht nicht aus sich selbst heraus, sondern wird übertragen. So lassen sich Machtverhältnisse zwischen Einzelpersonen untereinander beschreiben, zwischen Einzelpersonen und Gruppen auf der anderen Seite wie auch zwischen zwei oder mehreren Gruppen. Während die Beziehung zweier Einzelpersonen klar definiert wird, spielt bei der Interaktion intra- oder intergruppal die Gruppengröße eine fundamentale Rolle. Beispielsweise innerhalb einer Familie, eines Vereins, einer Partei oder einer Volksgruppe findet differenzierte Einflussnahme statt. Je größer der Verband ist, desto häufiger stuft sich Macht ab, das heißt, Macht wird nicht polarisiert, sondern verteilt sich auf mehrere Stufen.

Ausgehend von der Wertigkeit des Aussehens in unserer Gesellschaft ist gutes Aussehen gleichbedeutend mit Zuwachs an möglicher Einflussnahme. Durch eine erhöhte Wahrnehmung von schönen Menschen, und wir alle wissen, dass schöne Menschen viel eher herausstechen, als durchschnittliche Menschen, stehen sie zunächst deutlicher im Mittelpunkt. Doch bei der Macht kommt ein entscheidender Faktor hinzu: Zeit! Die Zeit entpuppt sich in jeder Hinsicht als Gegner des schönen Scheins, und zwar aus folgendem Grunde:

Der Mensch gewöhnt sich allzu schnell an etwas, das er kennt, das ihm bekannt vorkommt oder an das, wovon er annimmt, das er es kenne. Die Schönheit definiert sich jedoch durch eine Besonderheit: Diese Besonderheit ist nicht zuletzt besonders, weil sie ausnehmend ist, und Ausnahme verliert sie dann, wenn ihre Aussergewöhnlichkeit das „Ausser“ verliert, und Gewöhnung an eine Schönheit diese relativiert. Dann folgt, was bei jeder Beziehung zwischen einem oder mehreren Menschen eintritt: Ja doch du bist schön, das sehe ich, jedoch was kommt jetzt, was ist das Innere deiner „Verpackung“?

An dieser Stelle möchte ich als Fazit folgend meine Meinung darstellen: Schönheit besitzt durchaus Macht. Diese beschränkt sich aber definitiv auf eine kurze Phase, sie funktioniert im Sinne von Einflussnahme nur für einen sehr schnelllebigen Moment. Alles, was Macht im sozialwissenschaftlichen Sinne ausmacht, ist von längerer Dauer, daher sticht Schönheit hier nicht. Nur da, wo es auf den kurzen, vergänglichen Augenblick ankommt, z.B. im Film, der Werbung, im Fernsehen, kurz gesagt, in den uns allumgebenden Medien wirkt Schönheit mit Macht. In allen anderen Bereichen, besonders auch in denen der zwischenmenschlichen Interaktionen kommt es auf das an, was nach der Schönheit kommt: Das Sein!