Wahrnehmung und Sichtweise (223)

Was du siehst und was du wahrnimmst, sind oft ganz verschiedene Dinge. Was du siehst und was andere sehen, sind oft sehr unterschiedliche Dinge. Was du aus einem visuellen Objekt machst, und was andere damit verbinden, können immer wieder vollkommen andere Dinge sein.


Einhundert Menschen könnten etwas sehen. Nehmen wir diese Möglichkeit einmal an. Einige davon sehen es tatsächlich, andere nicht. Nehmen wir an, es seien 60 Menschen, die es sehen, der Rest von 40 sieht es nicht. Von den 60 Menschen könnten es alle wahrnehmen. Doch dem ist natürlich nicht so, denn selbst dann, wenn wir etwas sehen, nehmen wir es nicht unbedingt wahr. Es fällt durch unser Aufmerksamkeitsraster. (Ein spannendes Wort, wäre eine besondere Betrachtung wert) 

Sagen wir, von den 60 Menschen nehmen es 40 wahr. Ein hoher Wert, meine ich, buhlen doch um unsere Aufmerksamkeit sekündlich unendlich viele Reize. Doch belassen wir es bei den 40 Personen.Von diesen 40 Betrachtern verwerfen das Bild wenigstens die Hälfte, nachdem es im Gehirn kurzfristig abgeglichen wurde mit bereits bekannten, gängigen Formaten. Hier hängt es wesentlich davon ab, wie sehr etwas bekannt ist, wie außergewöhnlich eine Sache ist, die in unser Gehirn vordringt oder wie ungewöhnlich die Umstände der Wahrnehmung sind.(Ganz außerordentlich subjektiv!) Finden wir keine Verbindung, wird es interessanter. Wir sehen länger hin, um vielleicht doch noch eine Verknüpfung zu finden. Je nach Bild entscheiden wir in nur Bruchteilen von Sekunden darüber, ob sich eine weitere Beschäftigung mit der Sache momentan anbietet, oder ob es aus irgend einem Grund momentan nicht möglich ist. (Zeit, Verfügbarkeit, Wichtigkeit)

Bleiben also vorerst 20 Personen übrig. Diese 20 haben entweder eine Verknüpfung mit bereits vorhandenen Mustern gefunden, oder sie haben eine neue Idee entwickelt. 20 Möglichkeiten der Wahrnehmung, Deutung, 20 mögliche Reaktionen, wenn auf ein Bild eine Reaktion erfolgen kann. 

Zurück zur Frage der Betrachtung. Welche Bilder ermöglichen überhaupt eine Reaktion? Welche eine Besprechung, oder welche erzeugen eine Beschäftigung damit. Kurzfristig, in der Realität erblickte Situationen benötigen mindestens eine Beschreibung, wenn mehr als der Betrachter eine Beschäftigung mit dem Bilde erwägt. Eine Dokumentation in irgendeiner Art und Weise, mündlich, schriftlich oder sonst wie, wenn nicht mindestens 2 Personen die identische Szene wahrgenommen haben. Selbst dann jedoch verwischen sich die Eindrücke in Windeseile. Gesehenes vermischt sich mit Erinnerungen, Realität und Fiktion driften aufeinander zu. (Man erinnere sich an die unzähligen Versuche über Täterbeschreibungen, und wie weit diese tatsächlich auseinander lagen.)

Findet eine Beschäftigung mit einem Bilde statt, die einer Kommunikation zwischen Ersteller und Empfänger entspricht, wenn auch zeitlich und räumlich meist getrennt, so meist nur in eine Richtung, wenn es nicht gerade „live“ geschieht. Schon haben wir zwei unterschiedliche Pole, die all ihre Vorbildung (jedes mal) in die Waagschale werfen, der Absender wie auch der Adressat. Noch spannender würde es, wenn zwei Adressaten existierten, die zeitlich und räumlich zusammenträfen. So wäre ein interessanter Austausch möglich.

Anders bei einer Dokumentation? Schon bei einer Niederschrift nehmen Worte den Platz der Bilder ein. Diese erzeugen im Gedächtnis des Empfängers ein Bild aus ihrer selbst. Doch wie ist es beim stehenden oder bewegtem Bilde? Auch hier, je nach Blickwinkel und Vollständigkeit der Dokumentation entsteht willkürlich Zensur, so dass nicht mehr über die vermeintliche Situation, sondern bloß noch über das Abbild entschieden werden kann. Nichts anderes, als ein Gemälde, dessen Wirkung und Auswirkung, dessen hervorgebrachte Reaktionen und Aktionen zu einem neuen Bild heranwachsen werden. Alles eine Frage der Kommunikation, oder?

Von der Wichtigkeit einer Sache könnten einige von Hundert erzählen. Da wir jedoch in unserer Kommunikation mehr und mehr eingeschränkt werden, bzw. diesen Vorgang mutwillig selbst vollziehen, sind es am Ende nur wenige unter 10.000, die einem Bildnis gewahr werden und wie verschwindend klein ist die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Beschäftigung? Sehen wir mal (hin).

Die Frau macht den ersten Schritt! (117)

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Mies-Vandenbergh-Fotografie

 

In diesem Artikel möchte ich über die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau während der Anbahnung eines Flirts und den damit verbundenen Handlungsmustern mutmaßen.

Mit der Schönheit fängt alles an. Eine Frau betritt die Bühne. Männer nehmen sie wahr. Frauen bemerken sie vielleicht noch etwas eher. Die Männer sehen sie an. Was sie zu sehen bekommen, bestimmt allein die Frau. Die Männer sehen, was ihnen gefällt.

Beim Einen ist es der Mund. Die Lippen sind evtl. mit Lipp-Gloss oder Lippenstift hervorgehoben, seine Kontur wurde vielleicht umrandet. Die Lippen wirken bestimmt größer. Er sieht ein bisschen wie ein Schmollmund. Mann kann nur hoffen, dass er nicht aufgespritzt wurde. Wirklich? Für wen tun die Frauen so etwas? Nicht auch für die Männer?

Beim Nächsten ist es der Busen. Ein BH gibt dem Busen die „richtige“ Form. Es könnte ein Push-Up sein. Die Bluse oder das Shirt hat exakt den Ausschnitt, den die Dame zur Ansicht freigegeben hat. Selbst der Busen wurde vielleicht in seiner Größe „angepasst“.

Die Haare haben es dem Dritten angetan. Auch sie werden ungestylt niemandem zur Schau gestellt. Geschnitten, geföhnt, gefärbt, verlängert, mit Strähnchen versehen, durch Spülungen auf Hochglanz gebracht werden sie drapiert. Manchmal auf Welle und Locke, oder im Gegensatz geglättet mit Eisen, gebändigt im Zopf bishin zum Dutt auf dem Kopf. Ob mit Pony oder streng nach hinten gekämmt sind sie eine durch und geplante und immer wieder überprüfte Zier. Selbst dann, wenn sie wie wild durcheinander gewirbelt aussehen, so ist das noch lange nicht ohne eine langwierige, aufwändige Prozedur dazu gekommen.

Kajal und angeklebte Wimpern unterstreichen vielleicht die Augen der weiblichen Schönheit, denen ein Vierter erlegen ist. Hervorgehoben durch Lidschatten und Eyeliner, Glitzer und Schatten erscheinen sie viel intensiver und größer, als sie es in ungeschminktem Zustand wären. Kontrastreiche Farben zaubern ein Glitzern und Leuchten in sie.

Das Gesicht bildet den vermeintlich stärksten optischen Reiz. Ein Reiz, dem wohl alle Männer erliegen. Ganz besonders aber Mann Nummer fünf, der nichts davon ahnt, dass seine Angebetete vielleicht die Haut ihres Gesichts mit vielfältigen Pudern und Cremes bedeckt hat. Von Farbe zu Glanz oder wichtiger noch Mattierungen der Haut sind da nur der Standard. Unter Zuhilfenahme von Schattierungen kann sogar die Form des Gesichts scheinbar modelliert werden. Etliche Masken und Tinkturen später kommt noch das Entspannungspeeling dazu. Manchmal wird auch zum äußersten gegriffen, und die Spritze mit Botox soll dauerhaft gegen Falten wirken.

Der sechste Mann ist fasziniert von ihren grazilen Bewegungen. Frau lernt schon sehr früh im Leben, wie sie sich zu bewegen hat. Von Kindesalter bis zum Oldie lernt die Frau von heute ihre Bewegungen zu kontrollieren. Schon die Anweisungen der Mutter oder Großmutter besagen, dass es sich nicht schickt, mit festem Schritt zu stampfen, sondern nur elfengleich zu schweben, oder bestenfalls zu trippeln. Einen Fuß vor den anderen und bloß nicht breitbeinig zu schreiten, dass ist das erklärte Ziel der Übungen. Und der Mann? Der ist wirklich fasziniert von der katzengleichen Kür, die ihm die Weiblichkeit mit diesem Bilde offeriert.

Nummer sieben lebt die Hände. Er mag gerade Finger und ebenmäßige Handflächen. Nichtsahnend, was die Frau vor ihm mit ihren Fingern während der Maniküre hat anstellen lassen. Nagelbett-Behandlung, gefolgt von Glätten der Nageloberfläche, schneiden und feilen der Fingernägel, lackieren derselben, zupfen von Häärchen, falls vorhanden, abschleifen evtl. Hornhaut an den Innenseiten der Fingerkuppen sind nur wenige Schritte.

Rückansichten sind das Faible Nummer Achtens. Er liebt die Rundungen des Po. Wieviel Stunden „Bauch-Beine-Po-Training pro Woche zur Erhaltung seiner Form für die Frau nötig sind, das kann der Mann nur erahnen. Höchstwahrscheinlich liegt er daneben. Dem neuesten Schrei folgend könnte die Schöne auch eine Push-Up-Jeans tragen. Er würde es nicht bemerken. Hochhackige Schuhe sehrwohl. Sie geben dem Hinter immer eine straffere, und damit jüngere Erscheinungsform. Unterstützung erhält die Form durch den entsprechenden Gang der Lady. Dadurch ist der Mann mit allergrößter Wahrscheinlichkeit hin und weg.

Kein schöner Po ohne schöne Beine.Auf die Beine legt Nummer neun größten Wert. Wieviel Kilometer Jogging die Frau jeden Morgen für den Erhalt der schlanken Beine zurücklegt, davon erfährt der Mann höchstens dann, wenn er mit ihr eine Wohnung teilt. Die vielen Besuche in diversen Fitnessstudios mit Kursen in Pilates, Aerobic, Stretching oder BBP-Training sind die Voraussetzung für die schönen, schlanken Beine.

Nimmt man die Summe der Aufwendungen, die die Frau aufbringt, um zu gefallen, so könnte man zu dem Schluss gelangen, dass die Frau einen Großteil ihrer Zeit, ihrer Energie und ihres Kapitals aufbringt, um einem Schönheitsideal näher zu kommen. Dies macht sie nicht mal in erster Linie der Männern wegen, sondern für sich selbst. Und in der Tat investiert die Frau sehr viel Lebensenergie in ihr Aussehen. Warum es so ist, das soll Thema eines der nächsten Artikel sein. Der durchschnittliche Mann weiß sehr wenig davon. Er betrachtet gerne das gelungene Ergebnis. Er freut sich über die Schönheit der Weibsbilder, die es in großer Mehrheit genießen, wenn sie gefallen. Schließlich ist es eine Bestätigung für ihre vielen Mühen, die sie Tag ein, Tag aus auf sich nehmen. Sie tun dies nicht zuletzt, weil die Wertevorstellung in der heutigen Zeit, der westlich orientierten Welt genau in diese Richtung unterwegs ist. Attraktivität, Aussehen und der schöne Schein ist ein entscheidender Faktor, gesellschaftlich und ökonomisch gleichermaßen.

Als Fazit:
Der Mensch ist scheinbar zu sehr optisches Wesen, ist doch die Sehkraft des Menschen stärkster Rezeptor. Damit kann die Frau, wenn sie es gelernt hat, das Verhalten der Männer sehr bewusst lenken. Die Männer lassen sich vorzüglich lenken. Zumindest dann, wenn es um Belange der Optik und des damit verknüpften Verhaltens, sowie die Erwartungen der Männer geht. Und Männer setzen Himmel und Hölle in Bewegung, wenn es ihnen um die Schönheit der Frauen geht. Fast immer.

Schönheiten, soweit das Auge reicht. Wie weit reicht es denn? (115)

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In diesem Artikel möchte ich der Frage nachgehen, warum dem einen Menschen die schöne Frau oder der interessante Mann auffällt und einem anderen Menschen das Aussehen der Personen in seinem Umfeld einerlei zu sein scheint.

Tausend schöne Menschen um ihn herum, und er sieht sie nicht! Der Superstar neben ihm in der Warteschlange am Flughafen, und er bemerkt ihn nicht! Die schöne Frau sitzt ihm gegenüber im Abteil, und er sieht sie nicht! Der gutaussehende, charismatisch-interessante Gentleman sitzt neben ihr im Bistro, und sie nimmt ihn nicht wahr! Situationen aus dem Alltag.

Warum könnte es so sein? Weil er und sie mit anderen Dingen beschäftigt sind? Weil ihre Wahrnehmung auf andere Dinge gerichtet ist oder weil die Wahrnehmung nach innen gerichtet ist?

Auf der anderen Seite gehen Personen durch die Stadt, denen die schönen Menschen, die ihnen begegnen, nicht entgehen. Sie sehen sie alle, nehmen sie wahr, erfassen sie mit ihrem Blick, kontaktieren sie mit ihren Augen, manchmal mit einem Lächeln in den Augen, einer Sympathiebekundung ähnlich. Sie betreten das Café, sehen die Menschen an, die dort ebenfalls zu Gast sind und werden der Attraktivität der Personen sofort gewahr.

Was unterscheidet diese Personengruppen im Hinblick auf die Wahrnehmung von Schönheit und Attraktivität voneinander? Die Reaktion auf das Äußere der Menschen könnte unterschiedlicher nicht sein. Woraus resultiert diese Differenz?

Menschen nehmen ihr Umfeld in unterschiedlicher Weise wahr. Von sehr introvertiert daher kommenden, ja fast abwesend wirkenden Menschen reicht die Spannbreite bishin zu äußerst offenen, aufmerksamen Personen, die hellwach wirken. Doch nicht nur innerhalb dieser Grenzen bewegt sich die Wahrnehmung von Schönheit und Attraktivität. Ein zweiter Aspekt ist die Unterscheidung der Menschen im Hinblick auf ihr soziales Umfeld. Damit meine ich zuerst die Quantität der informellen und formellen Kontakte des Einzelnen. Als zweites kann ich die Unterschiede in der Qualität beschreiben.

Zunächst einmal zur Quantität. Wie wirkt es sich aus, wenn eine Person in regem Kontakt mit einer großen Anzahl von Menschen steht?

Dabei kann es die Masse der Großstadt sein. Entweder der Ort, an dem man wohnt oder an dem man arbeitet. Es kann gleichwohl der Arbeitsplatz sein, an dem man -dem Berufsbild entsprechend- in ständigem Kontakt zu vielen z.B. Kunden, Gästen oder Patienten steht. Erwartungsgemäß könnte eine solch hohe Frequenz der zwischenmenschlichen Kontakte zu anderen Reaktionen auf das Aussehen der Menschen führen, als bei einer Person, die in suburbanen oder dörflich geprägten Gegenden lebt. Dort begegnen einem nur sporadisch Menschen, häufig bekannte Gesichter, selten Fremde.

Erneut der Vergleich im Bereich des Broterwerbs, der Zeitspanne, der wir einen Großteil unserer iLebenszeit opfern. Der Mensch trifft während dieser Arbeitszeit -wiederum dem Berufsbild entsprechend- auf nur wenige oder gar kein Publikum, wie vielleicht im Beruf des Laboranten, Baggerfahrers oder Lageristen.

An dieser Stelle noch eine Zwischenbemerkung. Gerade im weniger frequentierten Lebensraum, aber auch in Ballungszentren findet meiner Ansicht nach eine schleichende Ent-Sozialisierung statt. Als Ursache führe ich die zunehmende Nutzung aller verfügbaren Medien an. Ein Beispiel aus dem Umfeld meiner Eltern ist das folgende: am Nachmittag finden sich die Senioren nicht mehr zum Kaffeeklatsch ein, sondern sie verpassen kaum eine Folge ihrer Sendung „Kaffee oder Tee“ im Fernsehen. Die Berührungspunkte zu fremden oder auch bekannten Gesichtern spielen sich im Supermarkt, in der Arztpraxis oder beim Bäcker ab.

Als zweites werfe ich einen kurzen Blick auf die Qualität unserer sozialen Kontakte . Sie könnte sich auf unsere Wahrnehmung in Sachen Attraktivität dann auswirken, wenn wir einen nach unserer Vorstellung attraktiven Partner haben. Durch seine Anwesenheit erfahren wir wahrscheinlich eine Art Sättigung an Schönheit, die eine größere Gelassenheit dem anderen (oder gleichen) Geschlecht gegenüber zur Folge hat. Als Einwand könnte man hier einbringen, dass alle Menschen tendenziell immer nach Neuem streben. Das hätte in letzter Konsequenz die Tatsache zur Folge, dass uns nichts und niemand auf Dauer „reichen“ könnte. Umtriebig wären wir irgendwann doch wieder auf der Suche nach anderer, neuer Schönheit.

Neben diesen Faktoren spielen natürlich die Vorlieben jedes Einzelnen die Hauptrolle. Als Ästhet betrachtet der Mensch vielleicht viel häufiger die Formen und Farben der Umgebung. Dabei beschränkt er sich nicht auf die Körperformen des Menschen. Gleichfalls sind es die Formen von Pflanzen, Tieren, Landschaften genau so gut, wie die von Menschenhand erschaffenen Formen, derer ein Ästhet sofort gewahr wird. Dabei kann es sich um ein Kunstobjekt in Form einer Plastik oder eines Gemäldes, wie auch der Form eines Segelbootrumpfes oder Autokarosserie handeln. Für den Liebhaber dieser Formen geht es dabei ganz und gar nicht darum, diese Kunst zu besitzen. Allein die erkennende Betrachtung führt zur Freude über die Schönheit der Welt.

Neben den ästhetischen Gesichtspunkten bei der Betrachtung des wohlgeformten Menschen finden wir bei uns Menschen weitere Vorlieben des Einzelnen. Ein wesentlicher, wenn auch bei vordergründiger Beachtung nicht sehr vorteilhafter, Beweggrund ist die Sensationslust. Gemeint ist die Gafferin und der Gaffer.
Dabei ist es nicht mit dem Hintergrund der sexuellen Begierde abgetan. Dieser ist zwar ursächlich in der Mehrzahl der Fälle als archaischer Trieb latent in uns vorhanden, doch ins offene Bewusstsein dringt er so nicht vor. Es spielt sich viel mehr auf der Ebene der Verbundenheit zwischen Menschen ab. Grundsätzlich mögen sich Menschen, wenn nicht etwas Destruktives dieses Urgefühl getrübt hat. Dieses Gefühl der Verbundenheit kann sich in vielen Facetten im Verhalten des Einzelnen manifestieren. Eine davon ist gerade das Ansehen von Menschen, die einen in irgend einer Weise ansprechen. Das ist nicht nur „live“ möglich, auch in Form von Fotografien und bewegten Bildern. Dieses kann er sogar unbeobachtet tun.

Was kann ich als erstes Fazit bekunden? Wir alle sehen gerne schöne Menschen, nur sind wir dazu nicht jederzeit gleichsam aufnahmefähig. Es liegt bei jedem selbst zu hinterfragen, warum einem manchmal viel mehr schöne Menschen begegnen. Es liegt im Betrachter.

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U-Bahn Blicke (111)

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Der Blick auf sein Gegenüber in der Straßenbahn gleitet wie beiläufig am Antlitz vorrüber. Die Augen sehen fast durch den Menschen hindurch. Kreuzen sich einmal die Blicke, so folgt ein hastiges Wegsehen. Was bleibt, ist ein kurzer Eindruck des Menschen gegenüber und ein Gefühl der Unnatürlichkeit einer Reaktion auf eine Situation, die lieber peinlichst vermieden wird. Es ist nicht vorgesehen, in der Berliner U-Bahn Sichtkontakt mit einem Mitreisenden aufzunehmen. Die Anonymität der informellen Zusammenkunft ist einzuhalten. Man sieht ins Nichts oder auf einen der eigens deswegen angebrachten, tonlosen Bildschirme, über die die neuen Nachrichten in Schlagzeilen flimmern.

Sehr interessant ist der Moment, wenn die U-Bahn ihrem Namen die verdiente Ehre erweist und plötzlich in den Untergrund abtaucht. Die Seitenscheiben der Waggons werden unvermittelt zu riesigen Spiegeln, in die die Reisenden schauen könnten und es auch tun. Und dann geschieht es. Gänzlich ungestraft die Spiegelbilder der vor ihnen sitzenden Menschen ansehen zu können, diese niemals festgeschriebene, stillschweigend hingenommene Übereinkunft zwischen den betrachtenden und betrachteten U-Bahn-Reisenden in Berlin, wie auch in London und vermutlich überall anderswo in der Welt, gestattet den Schauenden die Menschen dann doch anzusehen. Seine Mitmenschen ansehen, Blicke, die sogar für einen Augenblick oder zwei verweilen dürfen, währenddessen sich die Blicke sogar treffen und erwidert werden können.

Wir können für uns selbst ergründen, warum uns das Gesicht unseres Nachbarn auf der Bank gegenüber eine solche Anziehungskraft und Ausdrucksstärke entgegenwirft.

In der U-Bahn sitzend, wohlwissend, dass die Fahrt nur eine sehr begrenzte Dauer einnimmt, bleibt uns nur diese Zeit, auf unseren Sitznachbarn zu reagieren. Die Schnittmenge der gemeinsamen Fahrtzeit in der Bahn ist oft noch kleiner. Während der gemeinsamen Reise können wir versuchen die Erkenntnis über die Emotionen zu gewinnen, die das Gesicht des Gegenüber in uns hervorruft. Diese Spanne ist schon so viel mehr, als die Zeit, die uns beispielsweise bei der Begegnung von hastenden Menschen in der durchwühlten Fußgängerzone der Altstadt bleibt.

Wir sitzen oder stehen in der Bahn, bewegen uns trotz totalem Stillstand des eigenen Körpers mit enormer Geschwindigkeit vorwärts, meist gerichtet in die „richtige“ Richtung. Dabei haben wir Zeit. ÜBRIG!

Wir haben die Zeit zu Schauen; neben der Zeit zum Lesen, zum Schlafen zum Dösen, zum Träumen. Und zum – ja doch- Bedienen unseres Smartphones. Das kostet Zeit. Das bringt uns schnell ins Soll unseres Zeitkontos, denn dafür ist die Fahrt mit der Bahn stets zu kurz. Das Abarbeiten der Punkte unserer ToDoList auf dem Phone nähme viel mehr Zeit in Anspruch, als die Fahrt dauert. Wir schicken SMS, eMails, MMS, posten, twittern, spielen, was das Zeug hält. Die Umgebung, wie verwandelt, auch „fremde Welt da draußen“ genannt, müssen wir in der U-Bahn aushalten. Scheinbar wird sie zunehmend fremder. Wir trennen uns dann gerne davon, wenn wir ein Smartphone hervor nehmen, und durch Starren und Wischen der Wirklichkeit entgleiten können.

Wenn wir aber das Phone am Abend nicht in die Ladeschale gestellt haben, nicht unseren Ersatzakku dabei haben und auch dummerweise den Reserveakku des Ersatzakkus in der anderen Jacke haben, dann wird es wieder verzweifelter Ernst. Wir haben wieder Zeit.

Vielleicht schauen wir dann doch mal wieder hin. Zu den Dingen und Menschen, zu den Häusern und Bäumen, zu den Autos und der Reklame. Auf den Bildern der Reklame sehen wir andere Menschen. Menschen, die so ganz anders aussehen, als jene vor uns auf der anderen Seite der Sitzreihe der U-Bahn. Diese auf dem Plakat lächeln beständig. Jene eher selten bis gar nicht. Bei Diesen liegt es natürlich am Produkt, mit dem sie auf dem Foto sein dürfen, welches uns alle Träume erfüllt, das suggeriert uns diese Werbung. Besonders Träume, von denen wir selber noch nicht gewußt haben, dass sie überhaupt existieren. Bei Jenen in der Bahn liegt es vielleicht am bevorstehenden Arbeitstag, an der bevorstehenden Aufgabe, an der alltäglichen Sorge des Lebens. Oder es ist schlichtweg der entspannte Moment der Fahrt von A nach B über C.

 

Ursprünglich veröffentlicht am 25.Oktober 2013

Die Gunst der Stunde ( 12 )

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Mies-Vandenbergh-Fotografie

Bei der Fotografie von Menschen  kommt mir folgende Tatsache oft zu Gute. Wenn ich durch die Straßen der Stadt flaniere, bei einer der vielen Städtetouren, und wenn ich dabei hin und wieder einer Frau auf den Po sehe, und denke: „Sie hat aber schon einen schönen Hintern“, dann denke ich beim ein oder anderen Male weiter – an ein Foto davon. Manchmal frage ich nach.

 

   Manchmal aber auch nicht, denn bei einigen Gelegenheiten kommt mir im Straßenbild immer häufiger die auffallende „Handymanie“ zu Gute. „Sie“ steht oder sitzt auf der einen Straßenseite, an der Kreuzung, der Ampel, vertieft in das Schreiben einer SMS oder Mail, oder nutzt eine der zahlreichen Apps. Die Umwelt um sich herum vergessend, versunken, trotz gelegentlicher Blicke nach oben, dennoch fast abwesend, konzentriert auf Text und Bild, fast ohne jede Aufmerksamkeit und Bedachtheit auf die Körperhaltung.

   So gesehen finde ich einen Menschen vor – jenseits von jeder gekünstelten Pose. Daraus ergeben sich manchmal sehr schöne Bilder entspannter Menschen, ganz anders, als würde ich fragen, und die Dame nach der Einwilligung keine rechte Pose für sich finden kann. Für diesen Moment ist ein Handy und dessen intensive Nutzung eine sehr hilfreiche „technische“ Entwicklung, die der Geschwindigkeit der Großstadt einen Hauch von Langsamkeit verschreibt.

   Manches Mal hilft für die natürlich wirkende Abbildung des menschlichen Körpers auch ein Schaufenster oder eine Begegnung mit einem bekannten Menschen. In der Auslage vertieft oder beim Austausch der Neuigkeiten stehen die Menschen meistens sehr ungezwungen und locker da. Daraus ergaben sich fast immer eine Reihe gelungener Aufnahmen.

Weitere Gelegenheiten für die unbeschwerte Menschenfotografie ergeben sich auf Marktplätzen, in Fußgängerzonen und bei Events jedweder Art. Es kommt auf eine entspannte Atmosphäre bei der Fotografie an. Dann entstehen meiner Ansicht nach die natürlichsten Aufnahmen von Menschen. Anders, wenn darüber nachgedacht wird: Stehe ich richtig? Liegt mein Haar gut? Wohin mit meinen Händen? Wie stelle ich meine Beine zum Vorteil meiner Figur? Wie wirke ich überhaupt? … Die gedanklichen Fragen könnte ich unendlich fortsetzen, und ist eine Frage ansatzweise beantwortet, folgt die nächste, und spätestens nach Frage 6 meldet sich wieder die erste….wenn man nicht zufällig professionelles Model ist.

Unbeachtet der oben beschriebenen Situationen finde ich oft Menschen, die auf sehr natürliche Weise posieren, wie beiläufig ein Lächeln spenden und meiner Kamera gelassen offen gegenüber treten. Das sind sehr erbauende Augenblicke, machen Spaß und Lust auf mehr. Sie sind zu finden vermehrt in größeren Städten und Großstädten, so meine Erfahrungen.