Kann Fotografie Kunst sein? (101)

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Kann Fotografie Kunst sein?

Ist diese Frage schon gewagt? Höre ich sogleich Aufschreie aus der einen Richtung, deren Tenor aus dem Wort JA zeitgleich eine Reihe von Fotografen aufzählt, deren Bilder für eine immense Summe von Geld den Inhaber wechselten. Und das kann doch nur Kunst sein, was für so viel Geld gehandelt wird, oder?
Aus der anderen Richtung kommt mir ein nicht weniger heftiger Schwall von Worten entgegen, die diese Frage deutlich verneinen, denn schließlich ist es schon etwas anderes, ob ein Künstler gekonnt mit Farben, Pinsel und Leinwand ein Werk erschafft, oder ob jemand nur ein paar Schalter, Rädchen oder Tasten bedient, und nur noch auslösend ein Abbild der schnöden Wirklichkeit in Form eines lapidaren Fotos als sein Werk bezeichnet.

Vertreter beide Seiten, und all derer, die noch unschlüssig sind, bemühen allerlei Definitionen der Kunst, um für ihre Seite Begründungen zu formulieren und Fakten beizubringen, die die Waagschale zu ihren Gunsten verändern sollen. Und all die, denen diese Definitionen und Fakten nicht weiterhelfen gehen von ihrer eigenen Vorstellung aus, von ihren eigenen Gefühlen.

Provokativ möchte ich die Tatsache zur Diskussion stellen, warum ein (bearbeitetes) Foto von Andreas Gurski, „Rhein II“, auf dem Kunstmarkt einen Verkaufswert von über 4,3 Millionen Dollar erzielt hat. Zu sehen ist der Niederrhein, beide Ufer, ein Weg, einige Bäume wurden wohl wegretuschiert. Ein Motiv, dass jeder sehen kann, der sich an den Rhein stellt. Da ich am Rhein aufwuchs, habe auch ich dieses Motiv in abgewandelter Form vielleicht tausendfach wahrgenommen.

Wie jeder fotografierende Mensch, der an einem großen Fluss lebt, habe auch ich viele Aufnahmen von Gevatter Rhein erstellt. Doch keine, wie Andreas Gurski sie erschaffen hat. Reduziert auf das Wesentliche, befreit von schnödem Beiwerk wie Bäume, Sträucher, Menschen oder Schiffe strahlt sein Bild eine Dynamik der Ruhe aus. Der Fluss fließt wie gewohnt seinen Lauf, und doch vermittelt diese Ansicht auch durch die Aufteilung der Horizontalen eine für mich Gefühle Statik. Mann weiß, der Fluss fließt mit nicht langsamer Geschwindigkeit dahin und dennoch gibt dieses Bild mir ein Gefühl von beständiger Ewigkeit und unerschütterlicher Motion.

Doch sei einmal dahingestellt, was dieses Bild für jeden von uns für eine Bildaussage bereit hält, was ist an diesem Bild Kunst? Ist es genau diese Bildaussage, die solch ein Foto zum Kunstwerk macht? Ist es die Kraft, die Wucht, mit der es auf einen jeden von uns aufschlägt? Wie verhält es sich denn mit dem Motiv? Wurde der Rhein nicht schon abermillionen mal abgelichtet? Auch auf Ausstellungen war er schon häufig das Thema. Was haben all die anderen Fotografien des Rheins an Aussagekraft? Worin unterscheiden sich all die Aufnahmen grundlegend? Ich möchte nicht ernsthaft Bilder des Rheins miteinander vergleichen, doch ich möchte getreu der Eingangsfrage weiter danach suchen, welche Indizien und Ursachen ich dafür oder dagegen finde, Fotografie als Kunst zu bezeichnen und deswegen sei sie Frage erlaubt, was macht ein Bild von Rhein zu Kunst!

Ist es vielleicht nur eine Angelegenheit von Angebot und Nachfrage? Auf der einen Seite gibt es den Fotografen, der seine Arbeit, sein Kunstwerk zur Verfügung stellt und auf der anderen Seite ist der Liebhaber des Kunstwerks, gleich dabei, ob es sich um Skulptur, Gemälde, Zeichnung oder auch eine Fotografie handelt. Ist da noch die Schwierigkeit, Künstler und Kunstliebhaber zusammen zu führen. Nicht jeder ist in Lage, sein Foto bei Christie’s unter den Hammer bringen, dazu wären es wohl zu viele Aufnahmen, die auf einen Liebhaber warten, wenn man im Word Wide Web nach Fotos Ausschau hält.

Auf den verschiedenen Plattformen finden sich unzählige Fotos, die darauf warten, entdeckt zu werden. Ebenso stellen viele Fotografen ihre Ergebnisse auf einer Homepage der Öffentlichkeit zur Verfügung. Dieser Pool ist nahezu unerschöpflich aber über dessen Qualität möchte ich mich an dieser Stelle nicht äußern. Die Mischung aus Milliarden von Handyfotos, zufällig geknipsten Bildern der Kompakten über die etwas gezielteren Fotos aus DSLR bis hin zu oft durchdachten Fotografien aus dem Bereich der Mittelformat-Kameras. Auch wenn in dieser Aufzählung eine leichte Wertigkeit impliziert ist, möchte ich die Ergebnisse nicht am Werkzeug messen, im Gegenteil: ein begnadeter Sehender wird das Motiv mit ganz gleich welcher Art von Kamera hervorheben.

Und die Frage nach Kunst? Liegt sie im Auge des Betrachters. Was steuert die Fähigkeit, virtuos mit seinem Werkzeug umgehen zu können, dazu bei, ein fotografisches Kunstwerk zu erschaffen? Habe ich die Fertigkeit, meine Fotos nach zu bearbeiten? Ist es überhaupt notwendig? Wie gut ist mein Werkzeug? Alles Fragen, deren Antworten zu der Frage nach einem Kunstwerk beisteuern. Vielleicht kommt man mit der Prämisse tatsächlich weiter, die da besagt, dass für Kunst ein Markt vorhanden sein muss. Wie viele Maler sind verhungert, deren Bilder heute sehr hoch im Wert stehen? Wieder andere Maler, die sich gutbetuchten Adeligen oder Kaufleuten gegenüber sahen hatten das Problem nicht. Ihr Auftragswerke wurden meist sogleich großzügig entlohnt.

Heutzutage liegt der Fall völlig anders. Neben wenigen, sehr wenigen Fotografen, deren Werke als Kunst bezeichnet werden, deren Broterwerb jedoch in erster Linie in der Durchführung von Auftragsarbeiten verankert ist, gibt es eine unendliche Anzahl von Urhebern, deren Produkte mehr aus Zeitvertreib, Hobby oder Passion in der Öffentlichkeit des WWW verbreitet werden. Kaum einer derer ist auf den Verkauf seiner „Werke“ angewiesen.

Innerhalb dieser überbordenden Masse von Fotos finden sich unbestritten immer wieder besondere Perlen, die er erreichen könnten, bei einer entsprechenden Vermarktung durchaus in den Kreis bemerkenswerter Kunst aufgenommen zu werden. Allein wenigen gelingt es, und manche gehen leider unter in der Masse. Vielleicht sollten dafür die Wege noch deutlicher aufgezeigt werden, wie dies erreicht werden kann, und die Menschen sollten echten Zuspruch erhalten, ermuntert werden, ihre Fotografien an entsprechender Stelle zu etablieren.

So lässt sich die Frage, ob Fotografie nun Kunst sei, nicht pauschal beantworten, denn ob ich eine Fettecke von Herrn Beuys, ein paar Linien von Herrn Kandinski, einen Statue von Frau Claudel, ein Foto von Herrn Salgado oder ein Foto von Frau X als Kunst erkenne liegt bei mir selbst und meiner eigenen Definition von Kunstwerk.

Streetfotografie mit Zeit (56)

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Weiter mit der Kamera unterwegs. In einem Straßencafé auf einem Hocker sitzend, die Hände leicht unterkühlt durch den Winterwind in Kombination mit der auslösebereiten Kamera, nun wärmend an der Tasse mit heißem, weißen Kakao sehe ich den vorbei huschenden Gestalten zu. Ich bin in dieser Stadt, weil ich bis zu einem Termin noch 2 Stunden Zeit habe. Meine Kamera habe ich bewusst dabei, relativ lichtstarkes Objektiv, nur das 24-70er. Sonst ist öfters das 50er mit 1.4 dabei. Ich meine, für die Streetfotografie eine geeignete Linse. Im Cafe stehen die Menschen im vorderen Bereich an einer Theke, kaufen Brot und Kuchen, sehen sich hektisch um, kramen nach ihrem Portmonee in ihrer Jacke oder Handtasche. Ich sehe ihnen dabei zu, stelle mir die eine oder andere Frage, was in ihnen wohl vorgeht. Selten nimmt einer die Umgebung wahr, konzentrieren sie sich doch auf die Auslagen des Konditors. Manchmal kann ich einem Menschen für einen Augenblick länger in die Augen blicken, wenn er meiner als Gast gewahr wird.

   Wohlig warm durch den eigentlich viel zu süßen Kakao schlendre ich durch die Stadt, sehe immer wieder Szenen des Alltäglichen, die einer Aufnahme kaum Wert wären. Nur manchmal meine ich etwas Besonderes zu bemerken, dazu nehme ich die Kamera hoch, halte sie erst zeigend empor, und manchmal kommt ein einladendes Lächeln zur Antwort, worauf ich die Situation festhalten kann. Viele der Fotos schlummern als RAW-Datei auf einer definierten Festplattenregion, wo sie ganz vielleicht irgendwann wieder entdeckt werden.

   Bei den Fotos der wohlgeformten Hintern ist es ganz ähnlich. Immer dann, wenn mir einer auffällt, ich die Kamera dabei habe, fotografiere ich die Figur eher beiläufig, wenn es die Situation ergibt. Wie schon erwähnt ist der Aufnahmewinkel von entscheidender Bedeutung, leider ergibt sich des Öfteren keine geeignete Perspektive, sodass es lediglich beim Blick bleibt. Wenn es die Zeit ergibt, und ich eine gewisse Zustimmung zur Zusammenarbeit erkennen kann, frage ich nach einem Bild.

    Während des Schlenderns in der Gelassenheit der übrigen Zeit lässt sich doch sehr gut die Umgebung selbst in kleinsten Teilen beachten. Liegt eine Herausforderung bei der Streetfotografie doch in der Darstellung alltäglicher, nicht jedoch alltäglich wahrgenommener Momente. „Zu sehen“ ist die Königsdisziplin der Fotografie in all seinen Themenbereichen. Dabei ist besonders spannend zu erkennen, dass jeder Mensch durch seine Augen verschieden wahrnimmt, wodurch eine wunderbare Vielfalt von Aufnahmen zu bewundern ist. Auch zu lernen ist durch schiere Betrachtung der Bilder in den Netzwerken eine vielversprechende Möglichkeit. Seine Bildidee umsetzen mit den Eindrücken der meisterlichen Fotos weniger Fotokünstler ist eine schöne Versuchung.

   Posierende Menschen in alltäglicher Verflechtung stellen für mich eine lohnenswerte Aufgabe der Fotografie dar. Selbst eine verbotenerweise Tauben fütternde ältere Dame mit einem futterneidisch blickendem Terrier kann eine gelungene Aufnahme darstellen. Wie gesagt, die Motive sind so weitläufig wie die Menschen vielfältig, es wäre interessant sich für bestimmte Sessions zu finden.

   An einem Brunnen aufgehalten durch die lauten, wilden Kinderrufe erinnere ich mich an die Tage meiner Jugend, wie wir drei von vier Löchern des Tübinger Brunnens zugehalten hatten, um mit dem Vierten doch den ein oder anderen nicht so grimmig schauenden Passanten zu benetzen. Was blieb ist eine Narbe am Schienbein entstanden durch das Abrutschen vom moosigen Rand des Brunnensteines bei gleichzeitigem Halten der Position im Liegestütz, denn ich wollte ja nicht hinein fallen. Tat ich auch nicht.

Ich fotografierte die jungen Menschen am Brunnen, sie lachten darüber – und mich freundlich an. Schöne Bilder, jedoch ohne Release nicht zu veröffentlichen.
An diesem Tag ein Foto einer tollen Figur, eines Menschen wartend auf die Zeit. (siehe oben)