Menschsein [87]

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Menschsein. Ein einfaches wie schweres Wort.

„Willst Du mich seh’n, so schließ‘ die Augen.“ sang die Gruppe „Schandmaul“ in einem ihrer Lieder. Inspiriert durch diesen Satz, der mir sehr gefällt, komme ich auf die Frage, was das „Menschsein“ für mich ausmacht.

Einige Blogs hier gehen dieser Frage nach, und die Menschen hinter diesen Blogs stellen dabei in Frage, welches System sich bisher in ihrer Gesellschaft etabliert hat. Insbesondere gehen sie der Frage nach, wie dieses System mit der Bedeutung von „Menschsein“ umgeht. Viele junge Menschen, mutmaßlich um und über zwanzig, entdecken (gerade) die Frage nach dem Sinn ihres Daseins und ihren Platz in der Gesellschaft. Sie sind dabei diesen Platz in der Gesellschaft zu bestimmen, beginnen dabei ganz folgerichtig sich selbst zu finden, denn nur so kann man sich verorten.

Jedoch nicht nur junge Menschen sind es, auch ältere Menschen, die den Mittelpunkt ihres Lebens schon erreicht und überschritten haben, gehen diesem Gedanken nach. Tendenziell kommt das einer Art Fazit gleich. Dabei erscheint eine durchaus gleiche Fragestellung, wie sie bei jüngeren Menschen entwickelt wird, – nur die Perspektive ist eine andere – nämlich, was war der Sinn bisher und welcher soll noch folgen.

Als Mensch der zweiten Kategorie angehörig, als Mensch, der im Prinzip alles Materielle schon erreicht hat, der die Bedeutung – oder besser- relative Unbedeutsamkeit materieller Güter begriffen hat, resümiere ich ganz anders, als vor vielen Jahren noch. Dazu weiter unten mehr. Aktuell lese ich hin und wieder sehr neugierig und doch etwas amüsiert die Worte der jungen Menschen hier, und es fallen mir viele Dinge sehr intensiv auf.

Zunächst freue ich mich unheimlich, dass es immer wieder Exemplare gibt, die weiter denken, als bis zum Tellerrand oder bis zur Dorfgrenze (ganz einerlei, ob ein Dorf in der schwäbischen Alb oder das Dorf an der Düssel), die infragestellen, sich selbst, aber auch die Gesellschaft hinterfragen, in der wir leben, die Dinge beleuchten, die scheinbar unumstritten und geradezu unumstößlich daher kommen, sowie jene Sitten, Bräuche und Regeln, die sich im Wandel befinden. Ich finde in ihren Texten die gleichen Gedankengänge wieder, die mir vor 30 Jahren in den Sinn kamen. Dabei möchte ich ihnen zurufen, dass es richtig ist, Fragen zu stellen, und Antworten kommen mir in den Sinn, die ich herausbrüllen könnte, doch genauso, wie ich es damals nicht hören wollte oder konnte, wäre es heute ebenso vergeblich, dessen bin ich mir bewusst. Denn das Leben ist es, dass es einen lehrt, es nutzen keine Worte, die man hört, es sind die Gefühle, die man fühlen muss.

Wie alt muss man werden, damit der Satz „Was interessiert mich das Geschwätz der Anderen?“ verinnerlicht ist? Es ist beileibe keine Zahl, soviel ist sicher, denn mir begegneten Menschen, die waren (und sind) jung und konnten schon sehr klar unterscheiden zwischen Geschwätz und wertvollen Worten der Kritik und es gibt Menschen scheinbar reich an Jahren, die dieser Sicht entbehren!

Ein Vorteil der Erfahrungen, die man erfährt, wenn man selbstkritisch und reflektiert lebt, ist die Sicht auf die eigene Entwicklung. Erkenntnisse kommen nicht mehr nur noch geistig-theoretisch daher sondern sind erfahrungsgetränkt. Während ich in jungen Jahren beseelt von Ideen und Idealen war, arm an tatsächlichen Erfahrungen aufgrund der noch kurzen Lebenszeit, habe ich nun die Möglichkeit zu vergleichen, denn es existieren viele Texte aus meiner Jugend, Briefe, Essays, Tagebücher, die mich neben einem Schmunzeln und definitiv unglaublich simplen Peinlichkeiten doch recht klar und deutlich hinterfragen lassen, was aus diesen Idealen geworden ist. Dabei entdecke ich Parallelen in heutigen Gedanken und Gefühlen, Bestätigungen, Widersprüche und total Absurdes. Als junger Mensch, so kommt es mir heute vor, dachte ich: „Ah, eine Welle, joh, jetzt kenne ich den Ozean!“ 😂

Doch ja, was soll es?! So soll es sein, und ich meine, wie sonst soll man sich in seinen Einbaum setzen und lospaddeln! Das ist der Weg, bildlich gesprochen. Früher wie auch heute, wie es nun die jungen Menschen in ihren Texten beschreiben, steht man vor einem Berg. Man sieht ein wahres Massiv, das es zu besteigen, zu überwinden gilt, das scheinbar gefährliche Steilhänge aufweist, die unüberwindbar erscheinen, die man am liebsten umgehen würde. Es birgt enge Schluchten in sich, die so tief, wie die menschliche Seele sind, wo weit und breit keine Brücke in Sicht ist, Schluchten, die man entweder hinab und wieder hinauf steigen oder erst eine Brücke über sie schlagen muss. (Wobei zu erörtern wäre, ob ein Abstieg samt Aufstieg für die Erkenntnis nicht wertvoller sei.) Reißende Flüsse gilt es zu durchqueren, an manchen Stellen stärker, an anderen weniger stark sieht die Strömung aus, die Tiefe ist uns gänzlich unbekannt. Doch wie kommen wir hindurch oder herüber, oder gar die Frage ist zu beantworten: Müssen wir überhaupt dort hinüber?

Und heute? Ist der Berg, das Massiv mit seinen Schluchten und Wildwassern zu einer Bodenwelle geworden, die wir mit einem Schritt überschreiten können? Definitiv! Bedeutet das „Leben“? Ja! Ahnt man nun, dass die aktuellen Bergmassive und großen, reißenden Ströme morgen schon ein Hubbel und ein Rinsal sein können? Es hat den Anschein. Als Mensch in höherem Alter später wird es vielleicht zur Gewissheit.

Der eigentliche Fokus aber hier in diesem Texte liegt auf dem Wort „Menschsein“. Dazu möchte ich jetzt die Verknüpfung erstellen. Es geht mir um die Erkenntnis, dass das Wesentliche für die Augen unsichtbar ist. Dies wusste schon der kleine Prinz (Antoine de Saint-Exupéry) und Erich Fromm beschrieb es in seinem Werk sehr einfach und verständlich (Vom Haben zum Sein, Die Kunst des Liebens, u.a.), als Story existierte es gefühlt schon immer, in Romeo und Julia (Shakespeare), Tristan und Isolde (u.a. Gottfried von Straßburg) oder vom Werther (Goethe) bis hin zur West Side Story. Gehen wir noch einen Schritt weiter zurück, so finden wir einen der meistzitierten Verse der Bibel: 1. Korinther 13: Das Hohelied der Liebe!

„1 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. 2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. 3 Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze.
4 Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, 5 sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, 6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; 7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.
8 Die Liebe hört niemals auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. 9 Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. 10 Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören.
11 Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. 12 Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.
13 Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“

Das Leben hat mehr mit Menschsein zu tun, als wir oftmals ahnen. Oder wissentlich unterlassen. Oder uns berauschen lassen. Ich sollte mal aufhören hier am Rechner zu sitzen und zu schreiben……

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Wohin des Weges? [85]

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Wohin möchtest du gelangen? Heute, demnächst, in deinem Leben? – Und überhaupt?

Wer möchtest du sein? Heute, morgen, in deinem Leben? – Und überhaupt?

Stellten Freunde mir früher diese Fragen, so brauchte ich nie lange überlegen: Ich wollte schon immer ein Individualist sein. Diese Antwort entsprang tief aus einem Bauchgefühl heraus. Ich konnte es sein. Zumindest das, was ich darunter verstand. Um Modeerscheinungen kümmerte ich mich nicht, weder die Schuhe mit den drei Streifen, die damals in schwarzweiß eine Existenzgrundlage zu sein schienen, noch eine bestimmte Jeans – Marke oder eine bestimmte Jacke in rot mit weißen Ärmeln und fettem kursiven Markenschriftzug konnte man an mir sehen. „Bloß nicht sein, wie die Masse!“ Mit meiner Unabhängigkeit scharte sich während der Schulzeit immer ein kleine Gruppe von Freunden um mich, denen es ähnlich ging. „No Mainstream!“ „Never!“

Warum konnte ich mich so entwickeln? In meiner Kindheit und Jugend boten mir meine Eltern (fast) alle Freiheiten. Mir kamen alle Sicherheiten zu teil, dass, wenn ich mal fiele, es immer ein Netz gab, das mich auffing. Auch wenn manche Stürze äußerst schmerzvoll waren, es gab immer jemanden, der eine Hand reichte zum Aufstehen. Eine Ahnung von einer gewissen Abhängigkeit diesbezüglich schwante mir damals überhaupt nicht. Diese kritische Auseinandersetzung folgte erst weit danach. Die Geborgenheit gab innere Ruhe und erzeugte einen großen Fundus an Vertrauen.

Es war ein Luxus, den ich erst später erkannte, ist er doch lange nicht selbstverständlich. Doch zugegeben, es ist tatsächlich so, dass man manche Dinge erst erkennt, wenn man sie nicht mehr hat oder Menschen kennenlernt, denen es nie vergönnt war, dieses Urvertrauen zu bilden. Später im Leben, nach der Jugendzeit, entwickelte sich eine gewisse Individualität bei mir, die jedoch immer im Dialog stand mit der Gemeinschaft, in der ich mich befand, die mich akzeptierte oder auch mal ausschloss, sobald ich Gefahr lief diese Individualität zu übertreiben. (Stichwort „Zen“, komme ich noch zu.)

Nun aber zu meinen Gedanken über eine persönliche Entwicklung im Bezug auf die Individualität. Diese wird bei jedem Menschen auf sehr unterschiedlichen Pfaden erfahren und reflektiert. Es stellt sich hoffentlich und möglichst früh im Leben die Frage: „Wer will ich sein?“ Hoffentlich auch weit davon entfernt zu fragen, wer soll ich sein, und wer darf ich sein!

Daraus folgt eine differenziertere Fragestellung, nämlich wie viel Individualität kann das Ziel unserer Entwicklung sein? Explizit:

  • „Wie weit grenzt sich dein Wesen vom Durchschnitt deiner Gemeinschaft ab?“
  • Wie weit vom Extrem in die eine wie in die andere Richtung, außerhalb oder innerhalb deines eigenen Selbstverständnisses, empfindest du dich?

Stelle dir eine Waage vor. Ein Zeiger kann eine Gewichtung anzeigen. Er kann ausgewogen darstellen oder auch einen Ausschlag in eine beliebige Richtung. Stelle dir diese Waage vor, die zur einen Seite die Individualität beschreibt, zur anderen eine Art Dazugehörigkeitsgefühl. Bist du nun zu individuell, verlierst du den Bezug zur Gemeinschaft. Bist du hingegen zu sehr in der Gemeinschaft verortet, so läufst du Gefahr, dich selbst zu verlieren. Beide Extreme werden dir vermutlich nicht recht sein. In unserer Gesellschaft werden beide Extreme gemeinhin als krankhaft bezeichnet, schizoide Tendenzen sind eine mögliche Ursache für einen extremen Ausschlag in Richtung Individualität.

Behalte beim Bildnis der Waage jedoch immer im Hinterkopf: Ist es tatsächlich eine Waage, die ausschließlich ein „Entweder-Oder“ zulässt oder ist es viel eher möglich oder gar viel wahrscheinlicher, dass beide Richtungen im Menschen bedient werden können? Wenn ja, gibt es dabei einen maximalen Abstand zwischen Individualität und gemeinschaftlicher Einbindung. Widersprechen sich diese Strömungen auch prinzipiell, so finden doch beide ihre Verknüpfung in uns, die beständig während unserer lebenslangen Sozialisierung auf uns einwirken.

Aus der Zoologie kennen wir alle die Verhaltensweise, dass derjenige ausgestoßen wird, der den Regeln der Gemeinschaft zuwider handelt. In menschlichen Gesellschaften und Gruppen ist es oft nicht anders, selbst, wenn es um ein Vielfaches subtiler abläuft. Derjenige, der sich zu sehr in eine Gruppe integriert, läuft Gefahr, sich darin -aus Sicht der Gruppenmitglieder- zu verlieren. Gefragt ist zunächst deine Sicht auf deine eigene Situation. Wo siehst du dich, individualisiert oder angepasst? Oder beides? In welchen Bereichen setzt deine individuelle Handlungsweise ein, wo reagierst oder agierst du aus deinem persönlichen Muster heraus und wo passt du deine Handlungsmuster an? Ist es stets eine Mischung aus beidem?

Inwieweit reichen deine persönlichen Anforderungen an dich selbst, wie weit siehst du dich eingebunden in gesellschaftliche Erwartungen, Forderungen und Übereinkünften? Freiheit kann bedeuten frei zu sein in mehrfacher Hinsicht:

  • frei von Konventionen
  • frei von Zwängen aus Gruppen
  • frei von eigenen Ansprüchen
  • frei von überlieferten Regeln
  • frei von trivialen Zwängen

So frei ist wohl keiner von uns. Denn eine Gemeinschaft funktioniert nur dann, wenn ihre Umgangsformen erhalten bleiben, welche die Gemeinschaft erhält und sie nicht in irgendeiner Form gefährdet. Umschlich ein Säbelzahntiger eine Gruppe von Menschen, führte ein lautes Schreien eines ihrer Mitglieder wohl zur Unterbindung desselben. Ein Leben als Individualist ist demnach möglich bis zu dem Punkt, an dem die Individualität eines Einzelnen der Gemeinschaft schadet. Jede Tendenz einer Gefährdung wird von der Gemeinschaft meist früh erkannt. Dabei führt es nicht selten zu einer für die Individualität gefährlichen Reaktionen, die nur einem Selbstzweck dienen: Dem Selbstschutz. Jede Störung, die eine Gesellschaft zersplittert, zersetzt, manchmal sogar schon in Unruhe versetzt, wird umgehend geahndet. Sicher sind Entwicklungen nur durch Veränderungen zu erreichen, doch die Gemeinschaft als solche versucht sich dabei stets zu erhalten. Revolution ist ein seltenes Phänomen. Ich möchte an dieser Stelle jedoch nicht zu politisch denken.

Auch in mir ist Revolution eher gemäßigt aufgetreten. Bis auf einige wenige Male. Und selbst in diesen Situationen hatte ich Grenzen und nahm immer ein Teil von mir mit. Ein Beispiel möge aus meiner Zeit der Auseinandersetzung mit dem Zen-Buddhismus genannt werden: Ich lebte zu diesem Zeitpunkt als Single, tauchte ein in den Zen, versuchte (allerdings ohne Mentor) diesem ein Stück weit zu folgen, um zu ergründen, ob er meine Seele berührt.

Irgendwann verschenkte ich fast mein ganzes Hab und Gut an meine Freunde, die mich zugegeben etwas seltsam ansahen, mich aber dabei unterstützten. Vieles vernichtete ich. Es gab jedoch Dinge, materialistisches, von dem ich mich nicht getrennt habe, darunter meine Schallplatten-Sammlung. Diese lagerte ich nur ein. Knapp 2000 Stück, die ich alle einzeln bei unzähligen Gelegenheiten überall in Europa (hauptsächlich hier in Deutschland) nach und nach erworben hatte. Sie wollte ich nicht aufgeben, Musik bedeutet mir noch heute sehr viel.

Daraus ergaben sich viele Diskussionen: Ob man tatsächlich alles aufgeben solle und, wenn man auch nur eine Sache behielte, so könne es unter Umständen bedeuten, dass man nichts weg gäbe, es machte keinen Unterschied. Kann man so sehen. Meine Wohnung war sehr leer. Vier Jahre lang. Irgendwann traf ich auf einen Menschen, der sehr viel mehr Erfahrung im Leben gesammelt hatte, als ich. Er war in einigen großen und kleinen Religionen bewandert, hielt sich zu deren Ergründung in den entsprechenden Ursprungsländern auf. Spannende Gespräche führten wir, Fragen noch und nöcher sprudelten so aus mir heraus. Von da an änderte sich einiges an meinem Verständnis dem Wirken und Zielen der Menschen gegenüber. Soweit und soviel dazu und zurück zum Thema.

  • Wie viel Individuum lässt du zu?
  • Wie viel Individuum lässt deine Umgebung zu?
  • Bist du damit in der richtigen Umgebung?
  • Wie viel Gemeinschaft räumst du dir ein?

Veränderungen bedeuten stets Ungewissheit! Ungewissheit und damit verbunden Unsicherheit ist etwas, das Angst erzeugen kann, dieses versucht der Mensch tunlichst zu vermeiden, es gilt als angeboren. Dich es findet Entwicklung statt und wir begeben uns hin und wieder auf unsicheres Terrain, auch das ist angeboren. Wir können denken und fühlen, daher wachsen wir und verändern uns mit der Zeit mehr oder weniger stark. Du bist der Lenker und kannst steuern. Lote aus, was ist und was geht. Ein Weg wird zu einem Weg, indem du ihn gehst. So versuche ich es, begleitet von Irrungen und Wirrungen, von Erkenntnis und Bestätigung. Wir sollten werden, wer wir sind. Ein Individuum.

Sehnsucht [83]

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Wenn Forscher nach vielen Erhebungen und Studien übereinstimmend zu dem Ergebnis kommen, dass wir Menschen uns seit Jahrtausenden nach Schönheit, nach Anmut und Vollkommenheit sehnen, so möchte ich in mich gehen und fragen, welche Formen und Ausdrucksweisen ich dafür in mir und anderen Menschen erkennen kann.

Wir sehnen uns nach dem Gefühl, das die Entzückung beim Anblick wahrer Schönheit in sich trägt. Wir Menschen sehnen uns nach jenen Momenten, in denen wir uns überwältigt hingeben konnten in den Anblick einer atemberaubenden Anmutung. Wir sehnen uns nach diesem Bade in der Schönheit, das mit einer wohligen Wärme uns umschlungen und in dem wir loslassen konnten von der durchschnittlichen Belanglosigkeit des schnöden Alltags.

Sehnsucht nach mehr als dem Status Quo, nach mehr als der Gegenwart, geimpft durch die Erlebnisse eines Damals, das uns noch überraschen konnte, findet sich tief in uns. Begeisterung erweckte uns auf, machte uns wohlwollend sprachlos, weil es nicht notwendig war, darauf zu reagieren. Ganz im Gegenteil, die dargebotene Schönheit sprach für sich selbst, und jedes Wort hätte ihr Abbruch getan. Sie konnte nicht mit einem Wort beschrieben sein, weil wir den Atem anhielten, ja er uns gar stockte ob dem Anblick, dem Gehör, ja dem Gefühl dieses bezaubernden Moments. Hingabe war die einzig wahrhaftige Handlung, die eigentlich keine Handlung war, weil es ihrer keine bedurfte, weil eine Handlung wie ein Fremdkörper in einer Vollkommenheit nur ein Zuviel gewesen wäre.

Danach sehnen wir uns, diesem Gefühl in uns, dessen Auslöser in so vielen Dingen zu entdecken ist, ob Natur oder Kunst. Ob einer Einfachheit oder einem komplexen Konstrukt entsprungen spielt keine Rolle, denn es kommt auf das Gefühl in uns an, das wir augenblicklich erkennen werden, weil es all das in sich trägt, was wir an Begeisterung erfuhren, vielleicht als eine Summe aller Augenblicke, in denen wir mit dieser Anmutung nur in Hingabe zusammenflossen.

Ein Gefühl nicht leicht in Worte zu fassen, ein Versuch hier würde nur aufzeigen, dass es nicht möglich ist, ihn zu fangen, und Ausrufe, wie „Wie bezaubernd, wie schön, wie wunderbar deuten an, sind nur ein Abklatsch, vermitteln zwischen Kopf und Herz, bleiben außen vor und versuchen zu teilen, die Erinnerungen an diese Augenblicke zaubern manchmal, ganz selten dieses Gefühl in uns hervor, es haucht uns an, legt dir den Schauer über den Rücken und deine Arme, und flüstert vielleicht so etwas wie: „Alles passt.“