Erwartungsvoll

Streetphotography, insbesondere Streetportraits zeigen oft eine „Reinform“ der Gesichtszüge des Menschen. Menschen fühlen sich relativ unbeobachtet in der anonymen Öffentlichkeit, hängen häufig ihren Gedanken und Gefühlen nach, sind mit Sehen oder Beobachten beschäftigt oder in einer Konversation verwickelt. Bei einem so fotografierten Bild treten Fotograf und „Motiv“ zunächst nicht in Kontakt, es werden keine Anleitungen und Wünsche für ein Posing gemacht, keine Bildidee besprochen, keine Stimmung erzeugt, das „Model“, der Mensch ist erwartungslos.

Der Fotograf als außenstehender Beobachter nimmt zunächst nur seine Umgebung wahr. Sein „Model“ läuft ihm dabei nur mehr oder weniger zufällig über den Weg. Der fotografierte Mensch bleibt meist ziemlich wahrhaftig, ohne affektiert zu sein. Nur wenige Models sind bei einem arrangierten Shooting in der Lage, diese Abgewandtheit des Akts der Fotografie, der Kamera gegenüber abzurufen. Je weniger Erfahrung ein Mensch vor der Kamera hat, desto wahrscheinlicher verhält es sich derart.

Eine Frage besteht für mich dabei: Kann es für ein Portrait, wie oben beschrieben, überhaupt gewünscht sein, eine Bedingungslosigkeit vorzufinden? Was wäre diese äußere Abkehr im Sinne eines Portraits? Präsentiert sich ein Mensch vor einem Portraitisten so, wie er sich gerne sehen möchte, sich sieht? Welchen Anteil hat die Sicht des Fotografen, die Entscheidung für oder gegen einen Augenblick bei der Auslösung? Was wäre eine vollständige Teilnahmslosigkeit? Gibt es sie in einem inszenierten Shooting überhaupt? Soll sie überhaupt darstellbar sein?

Gedankenversunken sitzt ein Mensch da. Er denkt. Er sitzt, sonst tut er nichts. Welche Gefühle in ihm vorüber ziehen, welche Gesichter er hat, welche Mimiken er zeigt und welche Ausdrücke er an den Tag legt, all das bildet seine Erscheinung. Das genau macht ihn in diesem Augenblick aus, stellt ihn nach außen hin dar. Im nächsten Moment kann es etwas gänzlich anderes sein. Bei einem Foto, bei einem Portrait ist es eine Kunst, das abzubilden, was im Menschen wirkt. Was davon ist gestellt, was vorgespielt, was real und authentisch, was aus seinem Wesen heraus oder nur eine flüchtige Momentaufnahme? Wie viel von der zur Schau gestellten Persönlichkeit für die Gesellschaft ist zu finden und wie viel ist noch übrig vom eigentlichen Wesen des Menschen vor der Kamera? Wie viele Masken besitzt du? Welche davon kannst Du noch abnehmen, welche sind mit dir verwachsen, wie viel des schönen Scheins ist dir zu eigen geworden? Kann unser Bild dahinter blicken?

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Von der Handlung im Foto, Teil 3

Fotoshooting Shooting Fotograf Koblenz tfp

Ein fotografisches Portrait wird aufgenommen. Thema, Location, Outfit und Style, Makeup sowie Lichtset stehen. Mensch hinter der Kamera und Mensch vor der Kamera begegnen sich. Sie sehen sich an. Was nun?

Eine Bildidee wurde in Szene gesetzt, jetzt kommt es auf deren Umsetzung an. In den vorherigen Beiträgen unterschied ich das Portrait mit einer erkennbaren Handlung und ohne dieselbe. Ich gehe nun davon aus, dass eine Handlung des Portraitierten nicht direkt erkennbar ist. So entsteht die Frage, was dieses Bild dem Betrachtenden vermitteln könnte. Der Betrachter blickt auf den Portraitierten und sucht zu erkennen, was dieser aussagt. Ein Blick trifft den anderen. Was sagt der Blick aus? Was bedeutet der Blick? Warum das Bild? Welche Pose sehe ich? Warum und wo befindet sich der Portraitierte? Wie geht es ihm, wie fühlt er sich?

Alles Fragen, die sich in den ersten Millisekunden der Begegnung mit dem Portrait stellen. Springt ein Funke des Interesses über oder nicht? Verlässt der Betrachtende die Szene gleich wieder oder tritt er in Kontakt? Fängt ihn das Bild, lässt es ihn für einen kürzer oder länger dauernden Moment ein? Welche Gefühle werden erzeugt? Kommt ein Drama herüber und löst Bestürzung aus, taucht Sensationsgier auf, oder berät uns unser Ekel, unsere Abscheu das Grauen doch zu erfassen? Lässt unser Beschützerinstinkt eine tiefe Verbundenheit entstehen? Verlockt uns unser Streben nach der Vervollkommnung, dabei eine Schönheit nur so aufsaugend, bis wir volltrunken vom Rausch des Anmuts uns abwenden, weil zu viel Schönes uns markerschütternd auf unsere Unzulänglichkeiten weist? Was macht dieses Bild aus?

Fotograf und Model haben eine Vorstellung in sich und möchten diese in ein Bild aufnehmen, so dass sie erkennbar wiedergegeben wird. Das Bild wird aufgenommen, danach betrachtet. Welche Gefühle entstehen bei beiden oder bei den Beteiligten? Wie wirkt die Komposition aller Zutaten, was ist stimmig, wovon ist zuviel hinzugefügt, wovon fehlt etwas? Was passt nicht dazu und wirkt befremdlich, verstört und konterkariert das Ergebnis? Was wirkt wohlig, scheint schlüssig und im Fluss zu sein, weil es fesselt und begeistert? Wie sind die Verhältnisse zueinander, konkurrieren manche Aspekte oder unterstützen sich sogar? Diese Fragen verweisen auf das Rezept, was es zu bedenken gibt.

Eine Handlung im Bilde ist nicht gleich schlüssig erkennbar. Aber der Gesichtsausdruck des Portraitierten ist erkennbar. Was kann er dem Betrachter vermitteln? Ist es den 26 Gesichtsmuskeln möglich, die Vielfalt der Gefühle auf Zuruf darzustellen? Was soll die Idee des Bildes vermitteln? Welche Gefühle sind es? Wurde die Bildaussage getroffen, wird sie vom Ausdruck im Gesicht überzeugend dargestellt, ist auch die Körperhaltung im Einklang damit, unterstützt sie die Aussage oder bilden Extremitäten einen Widerspruch?

Zum einen möchte ich fragen, welche Gefühle es sind, die darzustellen sind und dazu die Möglichkeit der Umsetzung erfahren. Wenn der Fotograf zum Model herüber blickt, sagt, was er sich vorstellt, was er sich wünscht und was er gerne sehen möchte, dabei seinen eigenen Ausdruck, gewollt oder ungewollt ausstrahlt, ist es oft so, dass eine Erwiderung beim Model desselben entsteht. (Der Hund sieht, ob du Angst vor ihm hast! 😉) Vielleicht hilft die obligatorische Story, die sich der Mensch vor der Kamera vorstellen kann, um die Gefühle, die es zu zeigen gilt, tatsächlich zu erfahren, zu spüren und so wiederzugeben. Wie gut kann es gelingen? Wie weit darf es gehen, wie viel Zufall und Moment darf dabei eine Rolle spielen?

„Welches Gefühl fotografierst Du?“ Das frage ich mich immer wieder. Inwieweit wechselt es? Spielen unterschiedliche Gefühle zusammen, wechseln plötzlich während der Umsetzung, werden ersetzt durch ein willkürlich neu entstandenes oder werden ersetzt durch den Typ Mensch vor der Kamera, der bei der Umsetzung ganz unterschiedliche Facetten zeigen kann, die weit über eine Idee hinaus gehen. Oder passiert das Gegenteil? Kommt es nicht zustande? Welche Bildaussage beschreibt unseren Stand und unsere Fähigkeiten?

Wie weit geht die Darstellungskunst, was ist möglich, was nicht? Gehe ich von der absoluten Faszination des idealen Streetportraits aus, das durch seine vollkommene Übereinstimmung der inneren Gefühlslage mit dem Ausdruck im Gesicht gekennzeichnet ist, so halte ich die Kunst, ein Gefühl, das man darstellen, weil man es in sich erzeugen kann, für höchste Kunst.

Melancholie, Wut, Angst, Teilnahmslosigkeit, Mut, Stärke, Unabhängigkeit, Gelassenheit, Laszivität, Überheblichkeit, Stolz, Empathie, Verletzlichkeit, Selbstbewusstsein, Gedankenverlorenheit, Neugierde, Vergänglichkeit , Unschuld, Obszönität, Ausgelassenheit. Wie einfach ist es darzustellen, wie schwer ist es zu vermitteln?

Kannst Du als Model einen Gesichtsausdruck generieren, der eine Gefühlslage wiedergibt und gleichzeitig eine dazu stimmige Körperhaltung einnehmen?

Amüsiert, aufgeregt, aufgeweckt, aufrichtig, aufmerksam, ausgeglichen, ausgelassen.

Befreit, begeistert, belustigt, bezaubert, dankbar, energetisch, energisch, entschlossen, entspannt, entzückt, erfreut, ergriffen, ergeben, erleichtert, ermutigt, erregt, erstaunt, erwartungsvoll, euphorisch.

fasziniert, frei, freudig, friedlich, fröhlich, fürsorglich, geduldig, gefesselt, gelassen, geliebt, gespannt, glücklich, glückselig, gütig, hoffnungsvoll, intellektuell, interessiert.

Kindlich, kraftvoll, kommunikativ, kühn, lebendig, lebhaft, lebenslustig, leicht, leidenschaftlich, liebevoll, locker, lustig, lustvoll.

Mutig, nachdenklich, neugierig, offen, optimistisch, sanft, satt, schwungvoll, selbstsicher, selig, sensibel, sicher, sorglos, still, stolz, strahlend, süß.

Tapfer, übermütig, überrascht, unbekümmert, unbeschwert, unerschütterlich, ungezwungen, unschuldig

Verblüfft, vergnügt, verliebt, verspielt, verständnisvoll, vertrauensvoll, verwundert, verzaubert, verzückt, wach, warmherzig, wissbegierig.

zärtlich, zufrieden, zugeneigt, zuhörend, zutraulich, zuversichtlich

aggressiv, alarmiert, albern, ambivalent, ängstlich, angreifend, ärgerlich, argwöhnisch, arrogant, aufgebracht, aufgewühlt, beängstigt, bedrängt, bedrückt, befangen, befremdet, bekümmert, beschämt, besorgt, bestürzt, betroffen, betrübt, beunruhigt, bitter, bösartig.

Depressiv, deprimiert, distanziert, durcheinander, eifersüchtig, einsam, empört, entmutigt, entrüstet, entsetzt, enttäuscht, ermüdet, erschöpft, erschrocken, erzürnt.

Feindselig, furchtsam, gehässig, gehemmt, geladen, gelangweilt, gequält, gleichgültig, herabgewürdigt, hilflos, hitzköpfig, hoffnungslos.

Irritiert, jämmerlich, kalt, kraftlos, kritisch lüstern, melancholisch, missmutig, misstrauisch, mürrisch, mutlos, nachdenklich, neidisch, nervös, niedergeschlagen, panisch, peinlich, ratlos, ruhelos.

sauer, scheu, schläfrig, schmollend, schockiert, schuldig, schmerzerfüllt, schüchtern, schwermütig, skeptisch, sorgenvoll, streitlustig, teilnahmslos, traurig, trübselig.

Unbeteiligt, ungeduldig, ungehalten, ungewiss, unglücklich, unnahbar, unruhig, unschlüssig, unsicher, verängstigt, verärgert, verlegen, verletzbar, verletzt, verloren, verrückt.

Verschlafen, verschlossen, verschreckt, verspannt verstört, verunsichert, verwirrt, verzagt, verzweifelt, vorwurfsvoll, wahnsinnig, weinerlich, widerwillig, wolllüstig, wutentbrannt, zerrissen, zögerlich, zornig, zweifelnd.

Vieles mehr könnte man darstellen, könnte zu einer Bildaussage führen, es kommt auf die Idee an. Besonders interessant und spannend dabei ist die Sache mit der Wahrnehmung: Wie stellt der Mensch vor der Kamera das Gefühl dar, wie empfindet der Mensch hinter der Kamera diese Emotion und wie wird der Betrachter das Gefühl im Bild empfinden? Treffen wir uns alle irgendwo?

Im nächsten Teil gehe ich über zum Gegenteil: Ausdruckslosigkeit. 😊

In manchen Träumen handelt Dein Traum …

… von ganz zusammenhanglosen Sequenzen, deren Bedeutung Dir im Nachhinein völlig chaotisch erscheint, weil Du unmöglich darauf kommst, warum Du sie so geträumt hast.

In some of your dreams the content of your dreams is from the quite incoherent sequences whose meaning seems to you in the past absolutely chaotic because you get on impossibly, why you have dreamed them thus.

Mit ohne Sinn [Intermezzo]

Viele Menschen auf vielen Fotos, bei mir, bei dir, bei anderen. Manchen entfällt ein Lächeln aus ihren Augen, andern erbricht sich eine Traurigkeit von ihren Lippen. Gesichter blicken, ohne zu blicken.

Suchend begibt sich ein Betrachter in die Aufnahme, Irrwege machen ihn schwindlig. Ein anderer Betrachter erblindet in dem Moment, als er das Bild erblickt – zumindest für dieses eine Bild. Der letzte gerät, sobald er dem Anblick gewahr wurde, in einen reißenden Strom einer Autobahn, um sich in Bruchteilen von Sekunden jenseits des Bildes zu bewegen.

Bildsprache scheint gestrandet an der Oberflächlichkeit der menschlichen Wahrnehmung.

A D S (Aufmerksamkeits Desinteresse Syndrom) oder wie es noch heißt 😘

Von der Handlung im Foto, Teil 2

Von der Handlung im Portrait.

Die Tatsache, dass ein Bild, ein fotografisches Portrait eine erkennbare Handlung zeigt, sagt noch nichts darüber aus, ob es eine Güte besitzt oder nicht. Eine Handlung kann die Bildaussage unterlegen, verstärken, oder auch ad absurdum führen. Sie ist ein Mittel, welches sehr offensichtlich, manchmal aber auch allzu plakativ eine Aussage trifft. Ist eine Handlung nicht mehr direkt erkennbar, so kommt es umso mehr auf die dargestellte Person und ihre persönliche Kunstfertigkeit in Form von Mimik und Körperhaltung an.

Bei der Erstellung von künstlerischen Fotografien spielen bekanntlich mehrere Faktoren eine richtungsweisende Rolle.

  • Die Umgebung, häufig Location genannt, ist je nach dem, wie viel von ihr auf dem Bild ersichtlich ist, einer der maßgeblichen Punkte.
  • Ferner ist es das Licht. Es kann von dramatisch bis zu diffus eingestellt werden, die Schatten im Bild stellen die eigentliche Kraft in der fotografischen Aufnahme dar.
  • Outfit und Accessoires beschreiben einen weiteren, fundamentalen Aspekt, durch den eine Bildidee erzeugt wird, denn die Bedeutung der Kleidung wurde und wird maßgeblich in der Gesellschaft manifestiert.
  • Accessoires sind nicht nur Dinge, auch Farben (Blutoptik, Teeroptik oder ähnliches) sowie Strukturen gehören dazu.

Dies sind Beispiele für Variablen, die eine Bildaussage mitbestimmen. Ausgehend vom direkten Portrait komme ich zurück zum Ausdruck des Menschen. Sollte durch ihn oder die Gegebenheiten keine erkennbare Handlung im Bild erscheinen, kommt es, wie gesagt, umso mehr auf die Person vor der Kamera an. Wie schwer es für viele Menschen ist, vor der Kamera zu posieren, und ich meine damit kein Posing im fotografischen Sinne, ist auf den unzähligen Werken auf den verbreiteten Plattformen im Netz zu bewundern. Auch in der Kunst des weit verbreiteten Posings für People-Fotografie, worüber es einiges an Literatur und Tipps im Internet gibt, ist die Varianz weit gedehnt.

Während dieser Betrachtung sei einzuwenden, dass nicht allein die Körperhaltung und Mimik für die Qualität einer Aufnahme zeichnet, sondern zugleich der Aufnahmewinkel und der Ausschnitt, und deren Gestaltung liegt ja wohlweislich in der Verantwortung des Fotografen.

Es scheint mir, als läge es, wie so oft, nicht so sehr im Auge des Betrachters, ob ein Bild eine Kunstfertigkeit aufweist oder nicht, sondern an grundlegenden Maßstäben für die Kunst der Portraitfotografie, beziehungsweise der Fotokunst an sich. Mindestens ein oder mehrere Kriterien sollten erfüllt sein, und dies manchmal jenseits allgemeiner Regeln, deren Bruch ein Bild hier und da ausmachen kann. Damit mache ich einen Unterschied zwischen Regeln der Fotografie und Kriterien der Fotokunst, was aber einleuchtend sein dürfte.

Ohne einen gewissen Anspruch zu verlieren kommt die Portraitfotografie unter den millionenfach veröffentlichten Fotos im Internet nicht wirklich ihrem Namen zu ehren. Gefühlt ändern sich die Zeiten und die Ansprüche und folglich ‬die Bedeutung der Fotografie überhaupt. Durch die Möglichkeit der jederzeitigen lückenlosen Dokumentation aller erdenklichen Alltäglichkeiten im Bild und der gleichzeitigen Publikation im Internet bedeutet ein Portrait -nach den Regeln der Kunst erstellt- nicht (mehr) das, was es zuvor zu bedeuten schien.

So, wie in vielen Bereichen unseres von Konsum geprägten Daseins in dieser unserer Gesellschaft, reicht uns vielleicht mehr und mehr der einfache Schnappschuss des Smartphones, (Sicher können auch diese Geräte für eine künstlerische Fotografie verwendet werden), gespeichert in einer der vielen Clouds und geteilt in Social Media Netzwerken als Darstellung des eigenen Ichs. Ein gedrucktes Kunstwerk an der eigenen Wand bekommt definitiv weniger Likes und die Anzahl derer macht unseren Wert aus, nicht wahr?

Soviel zu diesem kleinen Intermezzo.

Steht oder sitzt ein Mensch vor der Kamera, und soll er etwas darstellen, neben sich selbst eine Idee, die einer Geschichte eines Bildes entspricht, so kommt es auf Körperhaltung und Mimik an und dies hat viel vom Charakter des Schauspiels. Wie weit kann der Mensch vor der Kamera ein Gefühl darstellen? Wie glaubwürdig gelingt ihm eine Interpretation einer Stimmung? Schafft er es, die Idee der Protagonisten zu vermitteln? Weit weg von der Devise ’setzt Dich mal hin und lächel‘ wird es umso wichtiger, je weniger einer schlüssigen Situation im Bild erkennbar ist und eine Geschichte im Bilde erzählt werden soll. Nebenbei bemerkt, auch ein Lächeln kann eine Geschichte erzählen, nur ist sie meist etwas begrenzter, als es die schier unendlichen Nuancen „nichtlächelnder“ Gesichter im Stande sind zu erzeugen.

In der nächsten Woche möchte ich im dritten Teil auf die Möglichkeiten eingehen, die sich bei einer Zusammenarbeit zwischen den Künstlern hinter UND vor der Kamera ergeben können. Soll ein Bild eine Geschichte erzählen und soll dies weniger dem Zufall geschuldet sein, als den gemeinsamen Ideen zu entspringen, so gilt es deren Zusammenführung durch beide Protagonisten in einer sehr spannenden Zusammenarbeit zu erwirken.

Von der Tiefe [Intermezzo]

Ich beschäftige mich. Ein Leben lang. Mit den unterschiedlichsten Dingen. [Lass‘ mich das alles zunächst „Dinge“ nennen.]

Manche Dinge begegnen mir früher, andere später. Mit manchen beschäftige ich mich aus freien Stücken, mit manchen nur, um zu überleben. Manche Dinge lasse ich gerne in mein Leben, andere nicht so gerne. Manche davon verweilen eine längere Zeit bei mir, wieder andere nur sehr kurzfristig, einige dieser Dinge aber scheinen mich ein Leben lang zu begleiten. Von gänzlich anderen Dingen höre ich, aber sie scheinen sich mir zu entziehen. Wiederum andere entspringen meiner Vorstellung und ich darf glücklich darüber sein, dass sie nicht teilhaben an meinem Leben.

Wie gehe ich mit all diesen Dingen um? Mein Gefühl ist oft diffus. Der Verstand vielleicht nicht, aber sind wir mal ehrlich: was schon entscheiden wir tatsächlich mit dem Verstand? Wenn dem so wäre, die Wirtschaft bräche sang- und klanglos zusammen. Bildlich ausgedrückt sieht es so aus, als ob ich vieles nur peripher wahrnehmen kann, dass heißt, ich sehe Verschiedenes, auch über einen längeren Zeitraum hinweg, aber ich überfliege es nur, wie der Adler über den Wäldern fliegt, über die Bäume hinweg gleitet, unendlich Kreise um sie zieht, niemals aber auf ihnen landet, geschweige denn von ihren Früchten oder gar Wurzeln nur eine Ahnung erfährt.

Ich sehe Dinge, kann über sie sprechen, weiß, dass sie existieren. Es scheint mir, als könne ich mir ausmalen, wie sie sind, aber nähere mich ihnen nicht wirklich. So, als fasste ich ein Stück Holz an, vielleicht ein Werkzeug, ohne es gebrauchen zu können, obwohl ich genau weiß, wozu es dient, weiß, was damit erschaffen werden könnte. Es ist, als greife ich mit Händen in einen Nebel, um ihm habhaft zu werden.

Manche Dinge berühre ich, ohne sie wirklich zu begreifen. Manche Gedanken denke ich ohne sie wirklich zu begreifen. Von manchen Dingen scheine ich zu wissen ohne eine wirkliche Vorstellung davon zu haben. Tatsächlich berühre ich Dinge ohne sie wirklich zu fassen. In einem Moment sind sie präsent, im nächsten Augenblick scheinbar niemals dagewesen.

In der Meditation kann ich gut aus dem mir eigenen Körper treten, es gelingt mir leicht. Vielleicht, weil ich es seit frühester Jugend praktiziere. Immer öfter aber scheinen mir Dinge, die ich klar vor mir sehe, zu entgleiten, während sie noch da sind. Sie scheinen sich zu entmaterialisieren, während ich sie noch betrachte, wahrnehme, nutze, fühle.

Auch mit Gedanken, Gefühlen, Begegnungen geschieht es immer wieder. Unwirklich beschreibt es, was nachher bleibt. Zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen die Erinnerungen, Grenzen lösen sich auf. Mit aller Macht stemme ich mich gegen diesen Zustand, meist gelingt es, aber ich nehme die Transzendierung deutlich wahr. Auch die tatsächliche Präsenz anderer Menschen empfinde ich in dem Grad, wie sie mir entgegen treten. Da oder nicht da, als ein Spiegelbild meiner eigenen Präsenz?

Wie kann ein Mensch mit mir in Kontakt treten, wenn nur der Körper da zu sein scheint? So frage ich hin und wieder, wenn ich bemerke, dass es in aller Oberflächlichkeit um Belange der Banalität geht, die als notwendiges Übel in unserem Leben uns beschränken. Aber auch diese Dinge sind vorhanden, machen uns als Menschen aus, lassen uns als Wesen wirken. Wir können dabei eine Wirkung nur dann erreichen, wenn wir verändern und gestalten. Kraft unseres Körpers erreichen wir eine Entwicklung der Seele, denn mit ihm denken, fühlen und vor allem handeln wir. Wir bewegen Dinge, indem wir ihren Zustand verändern, ihre Lage verändern oder ihre Existenz in Energie verwandeln. Vielleicht schaffen wir irgendwann den umgekehrten Weg, nämlich aus Energie etwas Materielles zu transferieren.

Wahrhaftigkeit ist ein kostbares Gut bei uns Menschen, und wie mir scheint, ein rares. Was passiert mit uns Menschen, dass es immer weiter zu weichen scheint, Platz macht für den Spaß, das Vergnügen, den Konsum in der vielerorts zunehmenden Wohlstandsgesellschaft der Erde, wo die Gier alle Kreativität und Mitmenschlichkeit ersetzt?

Von der Handlung im Foto, Teil 1

Sollte ein fotografisches Bildnis eines Menschen stets eine Handlung des Portraitierten darstellen? Auch, wenn ein Bild inszeniert ist, was es fast immer ist außer in der dokumentarischen oder Streetfotografie, sollte es trotz dieses gestellten Szenarios vermitteln, als handle der Mensch auf dem Bild in irgend einer Art und Weise?

Die Darstellung auf einem Foto könnte von einer expliziten Handlung ausgehen. Oder sie kann eine intuitive Reaktion zeigen, die das Bild suggeriert. Die anschließende Grenze zur Nicht-Handlung ist zwar nicht undurchlässig, jedoch beginnt sie häufig deutlich an der Stelle, wo der fotografierte Mensch in scheinbaren Kontakt mit dem Betrachter tritt, indem er in die Kamera blickt.

Ein Portrait kann auf die eine oder andere Weise wirken. Über die Güte sagt es vorerst noch nichts aus. Es hängt zum Beispiel davon ab, welche Mimik der Portraitierte zeigt, welcher Kontext existiert und letztlich sogar, in welchem Rahmen ein Bild präsentiert wird. Wird eine Handlung im Bilde erkannt, erfasst der Betrachter den Inhalt dadurch schneller? Wird durch diese Erkenntnis diesem Bild schneller eine Sinnhaftigkeit attestiert? Hat es zur Folge, dass eine Fotografie dem Betrachter einen schnelleren und einfacheren Zugang gewährt?

Eine Person auf einem Foto vollzieht zum Beispiel eine alltägliche Handlung. Sie geht einige Schritte, sie bewegt sich im Stand, oder sitzt und zeigt so eine Bewegung, die sich dem Betrachter des Bildes leicht erschließt, weil er sie kennt, sie ihm vertraut ist. Vielleicht liegt die portraitierte Person an einem beliebigen Platz, oder lehnt stehend an einer Wand, seitlich oder mit dem Rücken, möglicherweise an einem bestimmten Objekt.

Was tut die Person dort? Warum wurde sie fotografiert? Vielleicht harrt sie auch nur, in sich gekehrt, an einem bestimmten Ort, einem Platz, der -vielleicht erkennbar- in einer Beziehung zur fotografierten Person steht, eine optische Verbindung beschreibt, durch die Haltung und Mimik unterstützt? Ein Sinn scheint vorhanden. Das Bild scheint logisch zu sein, erst einmal nichts verstörendes erschreckt den Blick. (Zu den Möglichkeiten des Skurrilen und Phantastischen als Reiz des Besonderen komme ich später zu sprechen)

Wird eine Handlung nicht direkt erkennbar, so kommt es auf die Mimik des Portraitierten an. Strahlt die Person auf dem Bild möglicherweise eine innere Ruhe aus, Kontemplation oder auch Melancholie, wird auch der Blick des Portraitierten dies bestätigen, so findet der Betrachter wiederum einen Sinn im Bilde. Es geht danach explizit um die Stimmung, ein Gefühl, welches im Bild besteht, das aus ihm heraus quillt und den hinblickenden Menschen erfassen kann.

Dabei wird erstmals eine Grenze erreicht, an der der Portraitierte und der Betrachtende sich im Bilde fiktiv begegnen. Es werden Gefühle erzeugt, Stimmungen ausgelöst. Der Sinn, die Aussage eines Bildes verschiebt sich von einer Handlung zu einer Stimmung. Genau an dieser Stelle besteht die große Gefahr, an der Belanglosigkeit zu scheitern, der Redundanz zu verfallen, und sein Bild damit einer Beliebigkeit zu opfern.

Von der Philosophie der Fotografie

Gibt es eine Philosophie der Fotografie? Natürlich, mag man ausrufen! Wenn es eine Philosophie für das Leben gibt und die Fotografie zum Leben zählt, dann wäre es nur folgerichtig.

Wenn du für dein Leben und in Beziehung zur Gesamtheit der Menschen eine eigene Philosophie etabliert hast, so kannst du diese Philosophie sicher auf die Fotografie als einem Teil deines Lebens, so du dich mit ihr beschäftigst, determinieren.

Jenen Teil deines Lebens, den du -auf welcher Ebene und Seite auch immer- in die künstlerische Fotografie investierst, in die Erschaffung von Bildern, vielleicht auf der Suche nach dem einen Bild bist oder dabei bist, dein Werk zu vollbringen, diesem Teil gebührt über die pure Aufmerksamkeit hinaus die Beschäftigung mit dem Sinn dahinter, vielleicht dem Sinn, einen eigenen Weg zu beschreiten, auf dem du das auszudrücken vermagst, was du gerne verkünden möchtest, was in dir ist und dem du eine Gestalt geben kannst, nämlich in Form der künstlerischen fotografischen Aufnahme als ein Teil dessen, was von dir bleibt.

Vom Ausdruck im Portrait

Ein fotografisches Portrait. Der Blick auf dem Bild sagt etwas aus. Deine Augen suchen im Blick auf diesem Bild vielleicht etwas. Einmal suchst du Informationen, ein anderes Mal kommunizierst du mit anderen oder zum letzten erfasst dein Blick etwas. Auf dem Portrait wäre die Kommunikation recht einseitig, vermutlich!

Betrachte ich ein Portrait eines Menschen, auf dem der Blick des Portraitierten in die Kamera gerichtet ist, so begegne ich dem Blick, nehme ihn wahr. Der Blick auf dem Bildnis erzeugt in nur Bruchteilen von Sekunden eine Stimmung in mir, fast immer. Was kann dieser Blick aussagen? Unendlich viele Stimmungen sind es, die er transportieren vermag. Er kann mich führen, anleiten, in eine ganz bestimmte Gefühlslage zu kommen. Zustimmung oder Ablehnung, positive und negative Reaktionen, Interesse oder Desinteresse werden erzeugt. Wieder sind bei der Erstellung eines Portraits die drei Seiten der Kreativität beteiligt, nämlich der Portraitierte, der Fotografierende und der Betrachtende.

Wie gehe ich selbst, als einer der Beteiligten, nämlich als der Fotografierende, an die Erstellung eines Portrait-Projektes heran? Als einen Teil aus der kreativen Idee heraus kann ich mehr oder weniger Raum im Geschehen einnehmen. Ich kann mich zurück halten oder deutlich und oft intervenieren. Ich kann, wie es Richard Avedon in Shootings machte, über eine Stunde lang in einem absoluten Schweigen verbringen, während dieser Stunde die Kamera auf einem Stativ fernausgelöst steuern und immer wieder eine Aufnahme des Portraitierten machen. Kommunikation findet dabei ausschließlich über gelegentliche Blicke statt. Jede noch so kleine Veränderung sehe ich dabei, löse aus und dokumentiere. Kein Mensch konnte und kann während dieser Stunde durchgehend eine Maske aufrecht erhalten, wieder und wieder fällt sie für Augenblicke nieder. Das können die Momente sein, in welchen ein Portrait ungemein an Authentizität gewinnt. Die Ersteller würden sich natürlich beide darauf einlassen.

Oder rege ich als Fotografierender gezielt Stimmungen an, erzeuge durch Geschichten und Erzählungen Gefühle, provoziere durch eigene Mimik beim Gegenüber ähnliche oder konträre Regungen, um diese in die Bildaussage zu transportieren? Was will das Portrait? Worin liegt der Sinn und Zweck der Aufnahme, welche Idee steckt dahinter und möchte kommuniziert werden?

Bei weitem bin ich in meinen Fotografien noch nicht so weit, dass ich es explizit darstellen kann, auch nach 30 Jahren nicht. Vielleicht soll diese Suche auch der Ansporn sein, der Weg, sich seiner eigenen Veränderung der Identität immer wieder zu nähern. Wie lange es geht? Solange die Kreativität lebt und Sehnsucht nach der Verwirklichung, dem Ausdruck eines Lebensgefühls in einer beliebigen Form der Kunst existiert und etwas erschaffen werden möchte, das diesem in irgendeiner Form Ausdruck verleihen kann.

Von Konsum, Produktivität und Bildern

Ich sitze oder stehe da und schaue mir Bilder an. Es sind Bilder, die ich über ein Medium betrachte. Mal handelt es sich bei diesem Medium um ein Buch, dann ist es ein Handy, öfter mal eine Zeitung, viel öfter noch der Monitor; oder ich besuche eine Ausstellung.

Ich schaue die Fotografien an, entscheide dabei, meist in sekundenschnelle, ob mich das Bild berührt oder nicht. Die meisten Bilder sehe ich zwar an, doch die Wahrnehmung ist stets eine differenzierte. Denn sehr viel mehr dieser Bilder werden durch diese meine Wahrnehmung unbewusst ausgeblendet. Zusätzlich beschränkt das Medium durch die ihm eigene Art und Weise der Darstellung diese Wahrnehmung.

Je nach Art der Darstellung haben die Bilder, und mögen sie von noch so hoher Qualität sein, eine stark vom Medium abhängige Wirkung. Dabei spielen Fülle, Größe und Anzeige- beziehungsweise Ansichtsdauer eine in diesem Moment medienabhängige Rolle: Sind es viele Bilder, gehen die einzelnen unter, sind sie klein, werden sie wahrscheinlich in ihrer Aussage beschränkt, werden sie nur kurz angezeigt, haben sie kaum die Chance, eine Aussage zu vermitteln.

Kombiniere ich nun diese Voraussetzungen, ergibt sich eine noch differenziertere Situation: in extremo: viele kleine Bilder werden schnell durchgescrollt! Was, so frage ich mich, kann dabei die Aufmerksamkeit erregen? Immer geübter werden unsere Blicke, filtern in Sekundenschnelle die für uns interessanten Aufnahmen heraus, betrachten sie für einen Moment lang etwas aufmerksamer. Durch die Fülle der präsentierten Lichtbilder bleibt dem medienaffinen Wesen kaum eine andere Herangehensweise, könnte man meinen.

Wird ein Bild in einer Ausstellung gezeigt, so findet es, durch die Verweildauer des Besuchers in der Ausstellung gemeinhin, eine wesentlich höhere Aufmerksamkeit. Davon ausgänglich kann die Bildaussage deutlich stärker kommuniziert werden und auch im Nachgang behält das Bild eine stärkere Bedeutung. Sicher wurde eine gewisse Güte eines Werkes durch die Vorauswahl implementiert, denn allein der Fakt der Anwesenheit in einer Ausstellung oder Galerie impliziert eine besondere Wertigkeit. Ob sie es tatsächlich innehat, steht auf einem anderen Blatt.

In abgeschwächter Form folgt die oben getroffene Aussage ebenso dem Printmedium. Zeitung, Zeitschrift oder Buch, Poster oder Druck im öffentlichen Handel kommt einer solchen Qualitätsaussage nahe, auch, wenn es sich in unserer Gesellschaft mehr um eine durch ökonomische Richtlinien bestimmte Intentionen handelt, als dieser Tatsache einen künstlerischen Gesichtspunkt unterstellen zu können.

Was bleibt, sind die digitalen Medien. Trotz der Tatsache, dass sie allenthalben genutzt werden, ihnen eine schier unendliche Reichweite beschieden werden könnte und ihre Verfügbarkeit -insofern ein Netz vorhanden ist- stets gewährleistet zu sein scheint, ahnen wir, dass Wolken entstehen können, sich jedoch genauso gut sehr schnell wieder auflösen können. Wenige Services bereichern die Kreativität der Nutzer. Da, wo ein Kontakt zwischen Schaffenskraft und Kreativen, zwischen Künstlern und Liebhabern, zwischen Neugierigen und Mutigen, sowie ernsthaft Interessierten und authentischen Menschen entsteht, da ist ein Prozess jenseits von Konsum, Gier, Geltungssucht und Überfluss möglich.

Manche digitale Plattform hat das Zeug dazu, die Kreativität der Nutzer zu fördern, ein Stück weit den Konsum zurück zu führen, und die Menschen wieder näher zusammen zu bringen um dem Sein größeren Raum zu geben, eine Möglichkeit zu bieten, zu produzieren, zu erschaffen, anstatt immer weiter zu konsumieren.

Ob eine Plattform dazu werden kann, entscheidet der Nutzer. Ist für Dich eine solche in Sicht? Siehst Du diesen Prozess in der Gesellschaft?