Deine Aufmerksamkeit

Wie unterscheidet sich ein Bild vom anderen Bild? Was macht ein Werk, eine Reihe, ein Portfolio für dich interessant? Was spricht dich daran an? Wie bist du auf das Werk aufmerksam geworden?

Wir alle werden von unzähligen Fotografien geradezu überflutet – hauptsächlich, wenn wir uns im Internet bewegen. Aber auch in anderen Medien begegnen wir Bildern auf Schritt und Tritt, ob in Printmedien oder im Fernsehen, ob als Werbeaufnahmen im öffentlichen Raum oder auf der Produktverpackung.

Ein paar Zahlen: Jeden Tag finden ca. 6 Milliarden Bilder den Weg ins www. In einer Woche werden 1,75 Mrd. Fotos auf Facebook geteilt. Das sind in jeder Sekunde circa 3000 Fotos, oder 259 Millionen Fotos am Tag.

Im Jahr 2013 waren es geschätzt bereits rund 1,2 Milliarden Fotos pro Tag. Nun also nahezu versechsfacht?

Weltweit nutzen mehr als 400 Millionen Menschen Instagram. 9 Millionen davon von Deutschland aus. Aktuell werden täglich bei Instagram weltweit 80 Millionen Fotos eingestellt. Insgesamt sind auf der Plattform mehr als 40 Milliarden Bilder gespeichert, so Internet World im Januar 2016.

Soweit die Zahlen. Wie gehst du an die Sache heran? Schaust du dir Fotografien im Netz an? Suchst du gezielt danach? Kaufst du dir Bildbände von Fotografen oder über Themen der Fotografie? Nutzt du Gruppen in verschiedenen Online-Netzwerken? Folgst du auf Instagram einigen Collector-Sites wie z.B. Portraitfeature, Portraitmood oder PortraitPage? Hast Du Lieblingsseiten von Fotografen oder folgst Du verschiedenen Blogs?

Auf der anderen Seite steht die Frage, wie du deine Fotografien, wenn du sie veröffentlichst? Auf Social Media Kanälen oder deiner Homepage, oder beides und mehr? Fotopräsentationsseiten wie 500px oder Flickr, fc oder Pinterest zeigen in vielfältiger Form unzählige Genres der Fotografie, manche bequem über Suchfunktionen oder auch nach Themen oder Unterthemen geordnet. Die Möglichkeiten erscheinen geradezu unendlich, es ist nur die Frage, wo bewegst du dich, welchen Aufwand betreibst du neben der eigentlichen Aufgabe, deiner Passion für dein Wirken.

Und wie steht es mit der Aufmerksamkeit für deine Präsentationen? Was denkst Du wird bleiben von deinem Schaffen? Was wird transportiert von deiner Idee und deinem Statement in deinem Wirkungskreis? Hast du überhaupt einen Anspruch? Für mich sind dies Gedanken und Fragen, die von großem Interesse und spannend zu beantworten sind. Wie steht es mit dir?

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Bildidee und Zufall

Wie viel Planung und Organisation braucht ein Bild oder eine Bildidee, wie viel Improvisation reicht aus für die besondere Aufnahme?

Manchmal gefällt es mir bei einem Fotoshooting einfach während des Beisammenseins und der dabei stattfindenden Gespräche hin und wieder zu fotografieren. Es sorgt beim Model für eine recht entspannte Stimmung, die von üblichem Posing oft ablenkt. Dadurch entstehen ungestellt wirkende Aufnahmen, die entsprechend der Stimmung viel gelöster erscheinen und viele unterschiedliche Facetten und Mimiken, Ausdrücke und Gefühle zeigen können. Auch die dadurch entfallenden Lichtsets mit einem bis mehreren Blitzen oder Reflektoren tragen zur entspannten Atmosphäre bei.

Es geht natürlich nicht immer, denn gewisse Ideen und Ziele, aber auch Lichtsituationen bedingen einen manchmal komplizierteren Aufbau am Set. Dazu noch eine Stylistin sowie eine MakeUp-ArtistIn, entsprechende Accessoires und das Posing bilden ein Team. Schön sind dabei die Shootingpausen, in denen zwar erschöpfte aber auch tiefenentspannte Gesichter authentische Bilder ergeben.

Meiner Erfahrung nach ist es so, dass erfahrene Models eher in der Lage sind ein größeres Set mit mehr Teilnehmern in den Aufnahmen auszublenden. Ob weniger mehr ist entscheidet sich aber nicht direkt mit den Menschen um das Bild, oft ist es der Zufall, den man mehr oder weniger gezielt herbeiführen kann. Oder er zeigt sich an diesem Tag nicht. Dann wird es an einem anderen Tag sein. Sicher.

Posing 10: Gesicht und Körper

Ab wann ist ein Portrait ein Portrait? Bis zu welcher Darstellungsform gilt ein Menschenbildnis als Portrait?

Auf einem Bild ist ein Mensch zu sehen. Ab wann erkennen wir einen Menschen, wie viel von der Person muss zu sehen sein, damit wir einen Menschen als solchen erkennen können? Spezifische Körperteile sind markant genug, um den richtigen Schluss zu ziehen. Bodyparts und sogenannte CloseUps sind Bilder solcher Ausschnitte des menschlichen Körpers, auf denen nur ein bestimmter, oft kleiner Ausschnitt in Nahaufnahme zu sehen ist. Manchmal befindet sich der Körper im Halbdunkel verborgen oder wird nur angedeutet, weist damit eher vage auf die Situation hin, in der er sich befindet. Vieles ist dabei der Phantasie des Betrachters überlassen, seiner Vorstellungskraft oder etwas trivialer ausgedrückt nennen es manche, obgleich es für mich doch unterschiedlich in der Bedeutung ist, „Kopfkino“.

Auf der anderen Seite dieser Art der Aufnahmen kannst du Ganzkörperaufnahmen betrachten. Du siehst auf einem Bild einen Menschen, seinen gesamten Körper, manchmal sein Gesicht, manchmal bleibt dies aber vor unserem Blick verborgen. Sieht man das Gesicht nicht, sucht der Betrachter nach Hinweisen, die sein Verständnis für diese Aufnahme belegen. Die Umgebung, das, was von der Location noch auf dem Bild zu sehen ist, wird in einen Kontext gesetzt. Wo spielt der Moment? Welches Licht wirkt auf die Szene? Hinzu kommt die Kleidung des Menschen. Was trägt die Person an Kleidung, welche Farbe, welche Form hat sie, ist sie uniformiert und gibt die Kleidung eine Zugehörigkeit der Person zu einer definierten Gruppe der Gesellschaft preis? Auch die Art des Stylings, das Haar und das Makeup begleiten die Bildaussage in ihre Richtung.

Und zu guter letzt möchte ich auf die Pose kommen, um die es hier im Artikel schließlich gehen soll. Wie wir die Körperhaltung wahrnehmen, wie wir sie empfinden, was sie in uns auslöst, was sie uns als Botschaft vermittelt, liegt neben der beabsichtigten Aussage ganz wesentlich in uns selbst.

Wie lässt sich die Situation auf der Aufnahme für uns Betrachter erschließen? Der Mensch versucht etwas zu erklären, er gleicht die Situation der Aufnahme mit seinen eigenen Erfahrungen ab und versucht sie in Deckung bringen.

Mannigfaltige Einflüsse gehen dabei auf uns nieder, bringt doch jeder Mensch sein individuelles Repertoire an Erfahrungen mit sich. Dabei geht das Verständnis von Portrait schon sehr weit auseinander. Für den einen bedeutet Portrait die klassische Gesichtsaufnahme mit vielleicht noch einem kleinen Ausschnitt des Torso. Für andere kann die Abbildung des gesamten Körpers kein Widerspruch zum Genre des Portrait heißen, sobald das Gesicht der abgebildeten Person wie auch ihr Ausdruck zu erkennen ist.

Bedeutet es aber Ablenkung vom Wesentlichen, wenn auf einer Aufnahme mehr zu sehen ist, als das Gesicht als Motiv und sein Ausdruck? Beschränken die zusätzlichen Informationen von Kleidung, Styling, Location und Pose des Körpers die möglichen Interpretationen einer reinen Gesichtsaufnahme, überfrachten sie die Idee des Portrait?

Wieder liegt all das bei jedem Bild und jeder Idee, die dahinter steckt und lässt sich nur persönlich beantworten. Mimik und Ausdruck können unendlich vielfältig sein und werden vielleicht vervielfacht durch mehr Informationen und einen weiteren Bildausschnitt, oder eben überfrachtet. Die Idee und manchmal auch eine Erläuterung durch Beschreibung oder Titel kann hilfreich sein. Beschneiden oder näher herangehen entscheidet sich mit dem, was ich mit einem Bild aussagen möchte.

Posing 9: Der richtige Moment

Gibt es in der Fotografie den richtigen Moment? Gibt es einen besseren Moment als einen anderen? Ist ein anderer Moment, ein Augenblick, ein Bruchteil einer Sekunde später oder früher der richtigere Moment, als ein anderer? Und wenn ja, warum ist es so? Ist es der geringfügig andere Winkel des Kopfes, die Öffnung der Augenlider und der damit verbundene Gesichtsausdruck?

Ist es der Windstoß durch das Haar und durch die Kleidung? Ist es der Moment, in dem die Sonne exakt im richtigen Winkel ihr Licht durch die gelblichen Blätter der Akazie aussendet, um diesen einen Farbton auf der Haut der Wangen abzubilden, der diesen weichen Teint erzeugt?

Ist es der Augenblick, in dem der Blick des Models gerade noch nicht dazu übergegangen ist, etwas von seiner frechen Laszivität zu zeigen, sondern viel mehr von dieser unbeschwerten Leichtigkeit einer verträumten Abwesenheit Ausdruck verleiht.

Was ist in diesem Moment anders, als einen Augenblick später oder zuvor, bildet er doch genau so viel eines Moments aus dem Leben ab. Was unterscheidet die beiden Aufnahmen, warum entscheidest du dich eindeutig für die eine und gegen die andere? Ist es eine Kombination aus vielen Parametern, die somit zueinander passen, keine Widersprüche aufzeigen und dem Bild die Harmonie verleiht, die einen starken Ausdruck erzeugt und vielleicht sogar eine Geschichte erzählt?

Ist es jene Aufnahme, bei der nicht eine bestimmte Pose überzogen wirkt, die Gesichtszüge mit eurer Idee harmonieren, das Licht stimmt und auch die möglichen kleinen Gemeinheiten des technischen Equipment dich nicht hinterlistig besuchen konnten?

Kann es sein einziger Moment am diesem Tage bleiben oder sein, der DAS Foto hervorbringt aus dem DAS Bild wird? Oder gibt es derer viele, aus denen du nur das eine „richtige“ Bild auswählen musst? Eine spannende Fragestellung, die vielleicht für jedes deiner Bilder eine gute Möglichkeit ergibt, das Bild mal genauer zu hinterfragen, und ein Weg, die Güte mit deinem Verständnis zu vergleichen und Pros und Cons dir zu vergegenwärtigen. Nur zu also!

Posing 8: Teilweise körperlich

Wie viel von nackter Haut ist nötig, um eine Bildaussage zu erhalten? Wie viel Erkennbares vom Körper des Menschen vor der Kamera führt zu Interesse und erhöhter Aufmerksamkeit gegenüber einer Aufnahme? Was tragen sogenannte Aufnahmearten wie zum Beispiel Teilakt oder verdeckter Akt, Vollakt oder künstlerischer Akt, Aktportrait oder sinnlicher Akt, „open Legs“ oder Boudoire-Fotografie zur Idee einer Komposition, einer Geschichte im Bilde bei?

„Die Schöpfung erschuf den Körper, der Mensch die Kleidung.“ „Natürlichkeit kann nur durch den Körper dargestellt werden, nicht durch Kleidung.“ Wie sehr beeinflusst uns die Idee hinter diesen Zitaten? Wird Zivilisation durch das Tragen von Kleidung definiert und was genau beschreibt danach Zivilisation?

In wie fern verändert sich eine Pose, wenn einmal mehr, einmal weniger Haut des Models zu erkennen ist? In wie weit verschiebt sich eine Bildaussage, wenn die unterschiedlichen Bereiche des menschlichen Körpers mal mehr, mal weniger mit Kleidung oder von Schatten verdeckt sind?

Sind bestimmte Körperproportionen zwangsläufig erkennbar zu halten, um überhaupt eine bestimmte Aussage treffen, abbilden zu können? Ginge es überhaupt ohne diese Körperdarstellung? Wie viele Tatsachen sind notwendig, wie viel Phantasie kann erwartet werden? Sind Andeutungen ein Mittel, um Ideen zu transportieren oder zählen nur nackte Tatsachen? Sind es die alltäglich offensichtlichen Körperpartien, die schon zur Erfüllung einer Vorgabe ausreichen oder bedarf es einer tieferen Einsicht? Erkennst du die Proportionen anhand eines Beins oder ist ein kleiner Part des Pos als Verlängerung des Beins genau der Blickpunkt, der das Bild vervollständigt? Macht dieser Ausschnitt aus einem durchschnittlich großen Körper einen hochgewachsenen in entsprechender Pose?

Wie unterstützt der Typ Mensch die Bildidee? Ist es möglich, dass ein ernsthafter Typ Mensch mit harten Gesichtszügen ein verträumt-sensibles Romantikportrait darzustellen vermag? Oder das zartbesaitete, grazile junge Mädchen eine verwegene Kämpferin? Letzteres eher?

Die fotografische Umsetzung einer Idee fordert einen passenden Menschen, nicht anders, als einen bestimmten Schauspieler für einen bestimmten Film, der seine Fähigkeiten abrufen kann, um erforderliche Emotionen mimisch und körperlich umsetzen zu können. Und wer kennt sie nicht, die (ersten) Produktionen der Privatsender, die nur allzu gut bezeugen, dass ohne schauspielerische Fähigkeiten eine Aussage im Verborgenen erstickt.

Zurück zum Thema Fotografie: Jede zweihundertfünfzigstel Sekunde der Auslösumg hält den Moment fest, der jede Mimik und Körperhaltung einfriert und danach zur Betrachtung gereicht wird, um zu fragen: Was ist es, dass du siehst und was empfindest du bei diesem Anblick, was erzählt dir dieses Bild – oder bleibt es eine Fotografie? 🙈

Posing 7: Dramatik und Überdrehung

Artistische Haltungen eines Models in der Fotografie können eine spannende Bildwirkung erzielen. Doch was passiert, wenn man die natürlich anmutenden Körperproportionen des Models dadurch bildlich verformt abbildet? Entstünde dann für den Betrachter eine Irritation? Bestünde nicht allzu schnell die Gefahr der Überzeichnung? Die Empfindung des Betrachters wird dadurch also gestört, was sich auf zweierlei Weise auswirken kann: Der Betrachter wendet sich ab oder er erforscht die Ursache.

Wieder steht die Bildaussage im Zentrum. Was möchte ich darstellen?

Ob es einer Bildidee entspricht, einen muskulösen Körper zartbesaitet darzustellen oder einen schlanken, grazilen Body in einem runden, kugelförmig anmutenden Oval wiederzugeben liegt in eben dieser Idee. Es spielt dabei keine Rolle, ob eine Wertung darin integriert sein soll oder nicht, oder ob dabei das Adjektiv „schön“ einen Einfluss behalten darf, die Verletzung einer Proportion bleibt dem menschlichen Auge niemals verborgen, nur das Motiv im Zusammenspiel mit dem Kontext zeichnet für die Unterscheidung von Kunst und Fehldarstellung.

Für mich liegt es in der Natur der Sache, was Variationen in der Darstellung von Proportionen beim menschlichen Körper betrifft. Das Streben nach der perfekten Form, die Darstellung von Proportionen, die den Geist des Betrachters schlichtweg fesseln, ob in einem Ausschnitt oder als ganzes, darin liegt für mich eine wesentliche Grundlage zu einer Bildidee.

Wie das erreicht werden kann, ist eine spannende Sache. Ob dabei der Umweg über Dissonanzen in der Erfahrung einer Körperform führt oder man sich dem kleinen Ausschnitt über die Form des gesamten widmet, es ist eine fantastische Reise mit manchmal atemberaubenden Werken. Der Mensch, sein Körper und die unendlichen Möglichkeiten seines Ausdrucks stellen für mich momentan eine schier unerschöpfliche Quelle von fotografischen Aussagen dar, in denen ich in allen Bereichen der Fotografie den Ausdruck des Lebens, der Schöpfung des Anmuts und der Leichtigkeit im Bild erreichen möchte.

Natürlichkeit als Orientierung dient mir momentan viel mehr zur Entdeckung der vorhandenen Proportionen als eine (künstlerische) Verfremdung. Eine möglichst (für mich) symmetrische Form zu beschreiben, manchmal angelehnt an der klassizistischen Körperwahrnehmung von Schönheit und Anmut führt für mich zu kreativen Bildern. Dabei sind es nicht immer die aktuell gängigen Schönheitsideale, die zu einer solchen Darstellung führen, aber aus einem kurzen Bein wird auch durch fotografische Perspektivenwechsel kein proportional langes Bein. Dass man auch ein proportional langes Bein in einem ungünstigen Winkel unproportional verstört darstellen kann, beweist die Presse und das Internet jeden Tag 😼.

Bei der Umsetzung einer Bildidee lohnt es sich meiner Meinung nach viel zu experimentieren, nicht plan- und ziellos, aber durchaus auch mal gewagt. Bekannte oder gewohnte Praktiken zurück zu stellen, zu erfahren, wie ändert sich die Bildaussage, wenn die Pose so oder anders variiert wird. Welches Adjektiv erzielt welche Aktion des Models und wie wird die Geschichte des Bildes dadurch verändert?

So ergeben sich neue Sichtweisen, die mit einem spannenden Blick des Betrachters auf eine kreative fotografische Arbeit belohnen.

Posing 6: Gefallen

Fotoshooting Eifel Modelscout Portrait

Betrachte jene Bilder einmal genauer, die dir besonders gut gefallen. Was ist es, das deine Aufmerksamkeit erweckt? Warum gefällt dir genau dieses Bild? Was ist an diesem Bild besonders? Was ist diesem Bild anders, als an den vielen Millionen anderen Bildern, die tagtäglich um deine Aufmerksamkeit buhlen?

Wo verweilen deine Augen gerne länger, zu welchen Einzelheiten wenden sie sich, zwischen welchen Merkmalen wandern deine Augen hin und her? Oder ist es der Gesamteindruck, der dieses Bild besonders macht. Erreicht dich eine Art „Wow-Effekt“, der dich sprachlos überzeugt, bevor dir überhaupt klar wird, warum es so ist?

Und im weiteren, wie ist es mit dem Bild im Laufe der Zeit? Bleibt deine positive Bewertung erhalten oder verändert sie sich? Nutzt sich das Bild ab, gewöhnt sich dein Eindruck an das Bild oder kann die Begeisterung, die überzeugende Wirkung bestand halten?

Kannst (oder möchtest) du überhaupt analysieren, warum dir ein Bild gefällt? Da ich in der Reihe „Posing“ von Menschenbildern ausgehe, beginnt die Analyse natürlich mit dem Ausdruck des abgebildeten Menschen. Darauf folgt die Körperhaltung des Menschen.

Der sichtbare Teil des Körpers spielt eine Rolle, aber auch das, was nicht zu sehen ist, ist von entscheidender Wirkung auf den Betrachter. Wie viel siehst du vom Menschen? Denn ganzen Körper? Nur einen Teil des Körpers? Welchen Teil siehst du und ist es ein Teil des Körpers, der gemeinhin nicht üblicherweise zu sehen ist? Ist es eine Gliedmaße, die allgemein nicht öffentlich sichtbar gezeigt wird, deren Sichtbarkeit eine Art wohliger voyeuristischer Empfindung im Betrachter auslöst und eine daher rührende (heimliche) Begeisterung zur Folge hat?

Es kann ferner eine ungewöhnlich spannende Perspektive sein, die eine positive Gefühlsregung mit anschließender Begeisterung für eine Aufnahme hervor rufen. Nur warum ist es so? Was macht diese Aufnahmen so anziehend, für den einzelnen, oder für eine ganze Gemeinschaft von Betrachtern. Ist es ein Bein, ein Arm, die Statur, die Form, die Proportionen oder der Blick, der vielleicht laszive Blick, oder ein stolz-unnahbarer Blick, der dich fesselt? Überlege einmal, während du dir zwei, drei Bilder ansiehst, die dir so gut gefallen!

Posing 5: Idee und Aussage des Bildes

Du bist ein Mensch, der sich gerne alles erklären möchte? Aber nicht nur Du. Jedem Menschen wohnt diese Veranlagung inne, welche beständig nach Bestätigungen für sein Weltbild sucht und diese findet, dabei lieber gerne mal ausblendet, was im Gegensatz zu diesem Bild erscheint. 

Wenige Menschen nur suchen nach Widersprüchen, die dazu dienen könnten, ihr Weltbild zu bereinigen oder manches daraus gar zu widerlegen. 

Was hat das mit Posing zu tun? Das versuche ich mal darzulegen. Bei der Betrachtung einer Aufnahme suchen wir nach den gleichen Mustern, die wir zu Rate ziehen, wenn wir einem Menschen begegnen. Während jedoch bei der Begegnung immer auch eine Handlung entsteht, fehlt diese bei der Betrachtung eines Bildes und unsere Vorstellung ergänzt jenes, was zur Erklärung der dargestellten Handlung fehlt. Genau dann ist es in großem Maße von unserer Erfahrung abhängig, wie das Bild ergänzt wird, welche Interpretation erfolgt. 

Unser Weltbild erzeugt also den (nicht sogleich erkennbaren oder für uns fehlenden) Sinninhalt und die Aussage einer Fotografie einer Person, die während einer definierten Handlung fotografiert wurde oder in einer bestimmten Pose. Diese Pose kann, wie ich schon vorher in Artikel Posing 3 beschrieben habe, gesteuert werden, beziehungsweise die Absicht eine Aussage zu treffen, kann versucht werden. 

Mancher Zusammenarbeit gelingt dies besser, anderen weniger direkt, und der Adressat ist natürlich entscheidend. Für mich ist es momentan eine Frage der Darstellung, eine Frage dessen, warum ich eine Fotografie erstellen möchte, warum ich einen Menschen in dieser oder jener Haltung und Pose ablichten möchte, um eine Geschichte zu diesem Bild zu schreiben, die ich empfinde. 

Um einer Idee Ausdruck zu verleihen gibt es viele Parameter, die man variieren kann. Dabei versteht jeder Mensch gemäß seinen Erfahrungen zum Teil sehr unterschiedliches unter vermeintlich eindeutigen Szenen. Selbst dann, wenn sich Model, MUA und Fotograf untereinander verständigen und während der Zusammenarbeit immer wieder abstimmen, kann es einige Versuche dauern, bis die Vorstellung aller Beteiligten, die ja ein Gemeinschaftswerk sein sollte, die Form einer gelungenen Aufnahme einnimmt. (Oder es sind Varianten mit den zu jeder Idee gehörigen Besonderheiten.)

Es kann natürlich auch vorkommen, dass es nicht zu einem befriedigendem Ergebnis kommt, dann muss man halt neu planen und gegebenenfalls gemeinsam überdenken, wo und warum es haperte. 

Doch meist klappt es, und eine Bildidee kommt zur Umsetzung, die Beteiligten finden ihre Arbeit wieder. Nachdem dies geschah kommt der Betrachter. In der Vielfalt der Möglichkeiten versteht das Bild jeder einzelne Betrachter etwas anders. Wie viel anders liegt häufig an der Komplexität des Werkes. Sind viele Irrwege eingebaut, verläuft sich der Mensch. Ist der Weg zu leicht zu überblicken, verliert der Mensch vielleicht zu schnell das Interesse. Wird der Betrachter aber geführt, erkennt einige spannende Wendungen, so verweilt er vielleicht gerne einen Moment länger über dem Bild. Dazu kann das Posing ungemein hilfreich beitragen. Dazu im nächsten Beitrag mehr.    

Posing 4: Erwartungshaltung

Wenn du einen anderen Menschen erblickst, erkennst du nur zum Teil seine tatsächliche Haltung. Vergleichst du im selben Moment nicht intuitiv das, was deine Augen sehen mit geläufigen Mustern deines persönlichen Erfahrungsschatzes?Schätzt Du den Menschen ein, versuchst zu erfassen, was diese Körperhaltung für dich persönlich zu bedeuten hat?

Du vergleichst und dir fällt dabei zuerst das auf, was du nicht in deinem Repertoire an bekannten Körperhaltungen wiederfindest. Wie in vielen Situationen im Leben sticht zuerst jenes heraus, was dir befremdlich erscheint. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob es ein Ausschlag in die positive oder negative Richtung gibt. Beides lässt dich gleichsam stutzig werden, deine Aufmerksamkeit ist der Sache -oder dem Foto- gewiss. Damit zu spielen ist ein Stil vieler Bildgestalter.  

Wie weit eine Pose von gängigen Mustern abweichen kann liegt bestimmt bei jedem einzelnen Künstler, es hängt im wesentlichen davon ab, welche Rolle der Faktor „Likes“ spielt, d.h. in wie weit ein Bild der Allgemeinheit gefallen soll. Wird es nämlich zu künstlerisch, so geht das Verständnis der meisten betrachtenden Menschen rapide zurück. Es sind oftmals nur Nuancen, die vom visuellen Gleichgewicht abweichen und für positive Überraschungen sorgen

Manchmal kann man aber auch eine Pose so einrichten, dass sie trotz verfremdeter Art eine faszinierende Wirkung auf den Betrachter ausüben kann. Das aber hängt in der Wirkung von viel mehr Faktoren ab, als ausschließlich von der Pose. (Model, Location, Lichtstimmung, Kontext, …) Doch die Pose kann allemal ein sehr interessantes Zuspiel sein, wie auch sehr gefährlich, wenn sie nur unzureichend dargestellt oder erfasst wird…

Du versuchst beim Anblick eines Menschen zu verstehen, zu fühlen, was er fühlt, was in ihm vorgeht, und du versuchst zu erkennen, ob er mit die in Kontakt zu treten bereit ist. Dieser weitere Aspekt von Wahrnehmung einer Körperhaltung beeinflusst die Darstellung des Körpers auf einem Bild und so lässt sich eine Bildaussage steuern, wenn der Mensch vor der Kamera es versteht diese Ausdrucksweisen zu erzeugen. Wieder eine Parallele zum Schauspiel, das im Gegensatz zum Bilde die Emotionen im Fluss hält, während das Bild eine absolute Momentaufnahme wiedergibt. 

Posing 3: Erwartung und Abbild

Eine Körperhaltung auf einem Bild kann dir vertraut sein oder es gibt etwas in der Pose, das deine Erwartung als Betrachters irritiert. 

Es kommt vor, dass beispielsweise die Pose nicht zum Ort passt, oder dass die Pose nicht mit der Mimik des Models zu verbinden ist, oder dass die Pose die Geschichte des Bildes (Vorausgesetzt, es besitzt eine und hat nicht ausschließlich dokumentarischen Charakter) nicht schlüssig wiedergibt. Verschiedene Faktoren beeinflussen das Bild zusätzlich, etwa Kleidung und Makeup, Accessoires und Lichtgebung, denn damit wird letztlich die Bildkomposition gebildet, doch die Körperhaltung ist für den Betrachter ein wesentlicher Schlüsselaspekt. Störungen, ganz gleich welcher Art, ob es auffällige sind oder nur vermeintlich unscheinbare entziehen einem Bild manchmal das gewisse Etwas, etwas, dass es zu einem herausragenden Werk machte. 

Über Hände im sichtbaren Bereich eines Portraits ist schon viel gesagt worden. Es wird die Ansicht vertreten, dass diese nichts im Portrait verloren hätten oder jene, dass sie unbedingt zu sehen sein sollten, um das Portrait vollständig zu machen. Daraus ergibt sich die fortführende Überlegung, ob die Hände derart im Bilde integriert werden sollen, dass ihnen eine vermeintliche Aufgabe suggeriert wurde oder sie nur künstlich/künstlerisch vorhanden sein sollten. 

Gibt es also eine Grenze für ein stimmiges Posing und wenn ja, wo ist sie auszumachen? Existieren dafür allgemeingültige Regeln oder liegt es individuell bei jedem Betrachter? Kann es der Kunst zugeschrieben werden, wenn verstörende Posen in Szene gesetzt werden? Oder bedarf es, wie im Leben und seinem immer waghalsigeren Unternehmungen immer einer Steigerung bis ins Skurrile? Gibt es vielleicht im Gegensatz dazu eine leichte Rückbesinnung auf das Wesentliche und seine Reduzierung auf „weniger ist mehr“? 

Es kommt darauf an, was die Beteiligten mit einer Aufnahme beabsichtigen. Soll der Betrachter in die Aufnahme geführt werden oder ist augenblicklich alles plakativ zu erkennen? Schnell hinsehen, alles sehen, im Stile des Durchwischens alla Instagram? Wo nur Bruchteile von Sekunden gerade im Augenwinkel erspäht ein Bild gerade noch eine kleine Chance hat beachtet zu werden, um dann wieder vergessen zu sein und aberhunderten neuen Bildern im Gedächtnis zu weichen, die ihrerseits nur ein Scheindasein fristen… (Nebenbei nutze ich auch ganz gern Instagram!) 

Weiter in Teil 4 …