Beliebige Bilderflut [105]

Ich sehe das anders. Bilder, überall. Selfies, wohin man digital blickt, alle filteroptimiert. Menschen wurden vor der Kamera abgelichtet, die Ergebnisse sind sichtbar auf all den einschlägigen Plattformen im Internet. Präsentation als Sinn und Zweck scheint der Darstellung von Kunst (Fotografie war niemals ausschließlich Kunst) gewichen zu sein. Bilder, nein, Fotos erschaffen eine virtuelle Realität. Ich bin etwas überfordert mit dem Maß der Nutzung der digitalen Virtualität und ich bin schon etwas erfahrener im Leben, heißt, ich habe vieles gelernt, vergessen, erlebt, gelitten, mich an Vielem erfreut und manchen Schwindel und Hype über-lebt. Wenn es für uns Menschen einen Horizont gibt und ich ihn beschreiben würde, so begänne ich am Tellerrand.

Mein Leben hat, wie vielleicht auch Deines, viele Gewässer durchschifft, hat manchen Sturm gemeistert, sonnige Tage erlebt, aber auch den ein oder anderen Schiffbruch erlitten. Bis heute und hier hin aber bin ich am Riff nicht verendet, sondern konnte allein oder mit Hilfe anderer Menschen ein neues Schiff bauen und die Reise fortsetzen. Wieder mit sonnenbeschienenen Stränden und schweren Unwettern, Flauten und Stürmen, in voller Gleitfahrt und vor sich hin dümpeln. Mal sogar zurück treibend. Bis heute habe ich damit einen Fundus errichtet, der mir aus heutiger Sicht eine schier unendliche Vielfalt an Erinnerungen darbietet, Erinnerungen, die sicher in ihrer Gänze total eingefärbt mit Gefühlen in einem zumindest rosigen, bisweilen aber auch dunklen Licht auftauchen.

Sitze ich gedanklich auf der Luv-Seite in der Sonne, blicke zum Horizont, den warmen Wind auf meiner Haut, die Geräusche des Bootes, das mit nur dem Wind durch die sanften Wellen des Meeres schneidet, so verliere ich mich gerne immer wieder in den vergangenen Welten von einst. Aus dem eigenen Repertoire tauchen Gedankenkonstrukte auf, immer gefühlvoll begleitet von Gerüchen, ich rechtfertige und erkläre, genieße, ich lebe nach und fühle. Von Zeit zu Zeit entführt mich eine Welle oder Boe in die nähere Dimension, blicke auf die Segel, korrigiere behutsam den Kurs, um gleich wieder in die entfernten Welten der Erinnerungen zu gleiten.

Doch ich war beim Foto. In jeder erdenklichen Situation werden Fotos geschossen. Was viel entscheidender ist, sie werden alle gepostet! Alle paar Minuten, Stunden. Tage eher nicht, denn das ist zu viel, das verzeihen die Follower nicht und entfolgen. Die älteren Fotos, mit einem Alter von vielleicht 4 Stunden sind schnell wertlos und verschwinden im Nirvana des www. Was bezwecken wir Menschen mit dieser Lebensweise, diesem Handeln und Posten von Essen und Haustieren, von Looks und Schmuck, von Nahrungsergänzungsmitteln und Proteindrinks und besondes Urlaubsdestinations? Als öffentliches Tagebuch zur eigenen Doku könnte man es möglicherweise verstehen, doch was gezeigt wird, ist häufiger das, was sein sollte, anstatt dem, was tatsächlich ist. Der Sinn und Zweck erschließt sich mir immer weniger. Wie geht es Dir damit? Was erwirkt diese Überflutung von Medien in Dir? Welchen Stellenwert hat ein Foto für Dich? Wie viele Fotos lagern in Deinem RAM? Oder Videos? Wie siehst Du den (hauptsächlich) deutschen Widerspruch von abnehmenden Zahlen der Abbildungen von Menschen in der Streetfotografie bei gleichzeitiger Flut von Selfies oder Buddies in den sozialen Netzwerken? Fragen über Fragen, und hier sitze ich und staune! Naja, nicht wirklich, gleich fängt Djungelcamp an. 😂

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10 Gedanken zu “Beliebige Bilderflut [105]

  1. Lieber Olaf,

    ich persönlich hasse Selfies und von allem sofort ein Foto zu machen. Alles was man nur fotografiert, bleibt auf lange Sicht nicht im Gedächtnis. Man muss sich Dinge bewusst anschauen und nicht einfach nur vorbeigehen und schnell auf den Auslöser drücken.
    Ich habe Fotos zur Erinnerung, aber muss nicht pro Ereignis 500 Stück haben. Zusätzlich mache ich dann aus den Fotos und vielleicht auch mal kleinen Videosequenzen von unserer Clique jedes Jahr im Januar einen Jahresrückblick. Einen Film, bei dem ich alles immer lustig kommentiere.
    Aber diese Bilderflut im Internet finde ich auch zu viel, zu überbordend, oft auch zu privat.
    Ein schöner Artikel.
    Liebe Grüße vom Niederrhein
    Nella

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    • Guten Morgen Nella,
      Jahresbücher sind auch unsere Idee, man nimmt sich oftmals ein Buch, blättert, und dabei kommen wir ganz oft zur Erkenntnis: WANN WAR DAS??? ECHT JETZT??? 😨
      😂 Mit den Erinnerungen und der zeitlichen Zuordnung haben wir es meist nicht. ☺
      Und sehen und fotografiert haben sind auch für mich zwei verschiedene Dinge. Fotografiertes landet oft in einem sehr unsicheren Zwischenspeicher. 😊

      liebe Grüße Olaf

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  2. Wege sind ja bekanntlich lang, und da ich nun verschlüsselt rede, erreichen mich manche Dinge erst zwangsläufig im Mai… aber ich habe noch eine lustige Idee Dir etwas mitzuteilen…. warte….. 😊

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  3. Guten Morgen, ich für meinen Teil, kann mit dieser Flut kaum umgehen. Es ist zu viel, zu bunt, zu falsch. Menschen, die sich mit Apps verändern, aussehen, als kämen sie aus einem Anime, Darstellungen, die nichts mit der Realität zu tun haben, die nur für den Effekt hochgeladen werden. Möglicherweise bin ich zu alt, Fotografien sind für mich Erinnerungen, die Kurzlebigkeit erschreckt mich. Vielleicht möchte diese Generation Momente festhalten, optimiert und geschönt, und kapiert nicht, dass sie die Geschwindigkeit mit jedem Foto vergrößert. Die Pinnwand füllt sich auch ohne ihr Zutun, ihre geposteten Gedanken rutschen nach unten, werden vergessen. Deshalb kommen immer neue dazu, seht mich! Das ist traurig und verrückt. Auch ich habe mich bei solchen Aktionen ertappt, Likes sind verführerisch. Das ist einer der Gründe, warum ich zunehmend analog fotografiere. Ich werde automatisch langsamer, die Bilder bekommen eine physische Realität.
    Die Plattformen, auch diese hier, sind vergesslich. Wer liest noch deine Texte, die du vor einem oder zwei Jahren mit Herzblut schriebst? Auch das nagt an mir, wenn ich auch kein Kästner oder Hesse bin, so mag ich sie auch nicht im Archiv verschwinden sehen. Vielleicht greife ich mal wieder zu Papier und Füller, oder Briefpapier? Das dauert länger und in der Zeit kann das Dschungelcamp ruhig im Hintergrund laufen. Lieben Gruß, Alice

    Gefällt 3 Personen

    • Danke Dir liebe Alice für Deinen ausführlichen Kommentar. Damit triffst Du auch meine Gedanken. Als Fazit dieser Fragen und Verführungen, dieser Tatsachen und leeren Versprechungen treffe ich gerne Konsequenzen, die hin und wieder in meinen Beiträgen stehen. Viel mehr noch holen sie mich aber wieder auf den Boden zurück, erinnern mich an das Leben. Ich bin kein digitaler Mensch, werte diese Blase nicht allzu hoch, aber es gibt Übergänge in das reale Leben, und die sind dann das, was etwas wert. ist, was das Leben erweitert. Ein Brief ist eine Tatsache, geschriebenes Wort bleibt, wie Du bestimmt weißt. Und obwohl das Netz angeblich nichts vergisst, es alles irgendwo beständig speichert, so ahnt man doch, dass es sich in der Flut von Informationen ganz gut verstecken oder vergessen lässt. Mehr noch aber sind aber aus den digitalen Welten entstandene persönliche Kontakte. Auch hier kommt es zwar zu vielen Versprechen und manche davon sind nicht die Bits und Bites wert, für die ein Atomkraftwerk seine Energie erzeugen musste, weil es nur Luftnummern waren, aber es gab schon einige Kontakte, aus denen mehr entstand, nicht unbedingt langjährige Freundschaften, (wobei man nicht weiß ob es noch was wird damit) aber durchaus sehr offene und wahrhaftige Bekanntschaften. Das ist dann das, was manche als Katalysator bezeichnen, das Netz als Ort, in dem man Menschen tatsächlich kennenlernen kann, die sich in ihrem Leben tatsächlich und real bereichern.
      Liebe Grüße aus „Ich musste da einfach noch mal hin und Du weißt schon wo, aber dazu später mehr…deshalb die verspätete Antwort) 😊 Olaf

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  4. die Bilderflut der sozialen Medien setzt einerseits fort was früher das Taschenmesser, die Spraydose oder der Edding alleine war … ich bin hier … ich will wahrgenommen werden … angefangen haben damit wenige … und um cool zu sein (ich glaube heutzutage sagt man eher hip – oder ist das auch schon überholt?) wird mitgezogen … der Mensch ist ein soziales Wesen und identifiziert sich über die Gruppe der er angehört … und um aufzusteigen bzw zu verhindern dass man absteigt hat er/sie schon immer abstruse Dinge gemacht …
    beruhigend für mich ist, dass alles früher oder später vorbei ist, das Partyvolk zieht weiter und übrig bleiben die, die wegen der Musik da waren … nur hoffentlich spielt sie dann auch noch … 🤔

    Gefällt 2 Personen

    • Sehr schön gesagt, Robert, „… die wegen der Musik da waren.“ Das kenne ich nur zu gut. Danke für Deinen Kommentar und ich denke da ganz ähnlich und stelle mir manchmal die Frage, was passiert mit all unserem digitalen Wirken, all dem, was online so im Netz geschaffen wurde, egal, ob wertvolles oder nur der schöne Schein, was passiert, wenn entweder menschengemacht oder aus der Natur, vielleicht aus astronomischer Herkunft, eine Art induktiver Bombe (heißt das so) zündet, und alles elektrische und elektronische der Menschheit einfach gelöscht ist? Dauerhaft und unwiederbringlich. Was dann? 😨😇👻

      Gefällt 1 Person

      • auch dann geht es weiter … schwieriger, brutaler, um die Existenz kämpfend, aber es geht weiter …. das was uns als Menschen „ganz“ macht – das Kreative, die Phantasie und das Vorstellungsvermögen, die Schaffenskraft und die Neugier …. das wird es immer noch geben … anfangs nur ein zartes Pflänzchen, aber stetig wachsend, bis wir wieder an dem Punkt sind millionenfache Kunst zu kreieren, von der nur ganz wenige, einzigartige im kollektiven Gedächtnis bleiben werden, wie die Mona Lisa und viele vor und nach ihr ….

        meiner Kunst wird das passieren, was so vielen vor mir und nach mir passiert … es verblasst, wird gelöscht aus dem Gedächtnis und gerät in Vergessenheit … doch bleiben wird mir, dass ich manchen Menschen eine Freude und ein Gefühl von Schönheit schenken durfte und vielleicht – aber nur vielleicht – überdauert manches meiner Bildnisse die nächsten Monate, Jahre oder gar meinen Tod …. liebe Grüße … Robert

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