Frauen und Männer, eine unterschiedliche Sichtweise in der Fotografie? [90]

Fotoshooting, Koblenz, Portrait, tfp, Fotograf, Model,

mies-vandenbergh-fotografie.de

Sieht man Unterschiede im Bild, wenn ein Motiv von einem Mann oder einer Frau in Szene gesetzt wurde? Gibt es unterschiedliche Arten der Arbeit je nach Geschlecht? Sind womöglich erkannte Unterschiede vom jeweiligen Motiv abhängig? Eine kurze Überlegung.

Ich bin ein Mann. Keine Frau. Fotografieren kann ich ein männliches Model oder ein weibliches. Wie viele Menschen fotografiere ich aus vielfältigen Gründen lieber Frauen als Männer. Aber auch Männer fotografiere ich gerne. Damit beschränke ich es ersteinmal auf die Geschlechterverteilung, unabhängig von den Fähigkeiten der Models. Es entstehen bei einem Fotoshooting Bilder, die im besten Falle eine Geschichte erzählen. Die Bilder weisen (hoffentlich) eine Spannung auf, erwecken Gefühle, geben wieder, was empfunden wurde und erreichen den Betrachter dort, wo er es tief in sich resoniert.

Mein Weg, diese Gefühle zu erreichen, im Bild eine ganz besondere und definierte Stimmung zu erzeugen, unterscheidet sich sowieso von dem Stil anderer Fotografen, was auch gut und sinnvoll erscheint, möchte ich doch niemanden kopieren. (Wenn ich auch von den guten Fotografen (z.B.Peter Lindbergh) und Fotografinnen (z.B. Lindsay Adler) stets zu lernen begierig bin. Dies ist aber eine andere Story.) Anhand meiner Bilder erkennt man also meine Art der Fotografie und Bearbeitung, die ich natürlich im Kontext der Fotografie allgemein betrachten kann. Dabei vergleiche ich ganz unbewusst und primär ohne Suche die Stile anderer Bilder auf den unterschiedlichsten Plattformen vorzugsweise im Internet, und es zeigt sich wie beim Betrachten der Bücher und Zeitschriften zu analogen Zeiten: Ich meine einen Unterschied zu erkennen zwischen einem männlichen und einem weiblichen Fotografen.

„Klar!“, mag der ein oder andere einräumen, „Unsinn!“ ein Nächster. „Ich lege Dir eine Fotografie, ein Bild vor, und Du kannst mir sagen, ob der Fotograf weiblich oder männlich ist?“ So war die Antwort einer befreundeten Fotografin. Ich konnte es am Rechner nicht zuverlässig erkennen, als wir es durchspielten. Vielleicht ist es mehr intuitiv und es gibt Menschen, die es bestimmt sicherer können. Bei mir ist es ein mehr vages Gefühl. Wodurch aber entsteht dieser Eindruck?

Eine Frau, so sagten mir einige Models, kann bei einer Frau hinter der Kamera mehr sie selbst sein, weil es keine (wenige) sexuell definierten Belange in der Zusammenarbeit gäbe. Das wäre bei einem männlichen Fotografen anders, denn es wäre immer eine Beziehung Mann/Frau, die zwar überhaupt nicht von Handlungen derart geprägt, aber unterschwellig latent vorhanden sei. Damit sei jedoch keine Wertung verbunden, es sei nicht mal schlecht, so die Models, ist doch ein Spiel mit der Koketterie für viele Aufnahmen eine unterstützende Komponente.

Viele Unterschiede bei Arbeiten mit Männern und Frauen als Model könnte ich aus meiner Erfahrung heraus aufzählen, auch Unterschiede bei der Arbeit mit heterosexuellen oder homosexuellen Models, doch es sind stets Einzelfälle und Momentaufnahmen, individuelle Verbindungen, die in einer einzigartigen Atmosphäre stattfand, weil wir alle in diesem Moment so waren, wie wir waren und bei einem nächsten Treffen schon wieder anders uns verhielten. Parallelen bei den Zusammenkünften zu sehen fällt mir nicht schwer, obwohl ich kein Freund von Verallgemeinerungen bin, manche aber drängen sich geradezu auf.

Eine wesentliche Verbindung ist für mich die Liebe zu dem, was ich mache. Das schließt bestenfalls das Model mit ein, denn vielleicht muss ein Fotograf sein Model in einer bestimmten Art und Weise „lieben“, damit er die Empfindungen und Verhaltensweisen des Menschen vor der Kamera erspüren kann und in der Lage ist, dies in eine Aufnahme zu übertragen, damit aus der Aufnahme ein Bild werden wird. Ohne dies funktioniert zwar die technische Seite der Aufnahme, die Ausstrahlung aber bleibt auf der Strecke.

Vor kurzem las ich in einem Online-Beitrag einen Kommentar. Sinngemäß hieß es über jene Fotografen, die nur dann ein Model gut ablichten können, wenn es bei einer Größe von 175 cm eine Kleidergröße von 34 besitzt und möglichst unter 17 Jahre alt sein darf. Im Übrigen würden diese Fotografen nichts zu Stande bringen, so der Autor. Aus vielerlei Sicht finde ich diesen Kommentar zu kurz bedacht, ich möchte aber nur einen Aspekt hier aufgreifen, da er zielführend ist: Ein Fotograf, egal ob Profi oder nicht Profi, ob Anfänger oder erfahrener Amateur oder langjähriger Berufsfotograf, wird kein „gutes“ Bild bewerkstelligen, wenn eine bestimmte Beziehung zum Model nicht gelingt, der fotografierende Mensch keinen Zugang zum Wesen des Portraitierten finden kann, aus welchen Gründen auch immer. In dem Falle wird eine Aufnahme in den allerseltensten Fällen zu einem Bild. Davon quillt das Internet über, ganz extrem bei Instagram zu beobachten, und bei zu starkem Genuss dieser Plattform verdirbt man sich seinen Blick (Notiz an mich selbst: weniger dort schmökern!!😉) Augenscheinig scheint es besonders bei jenen Models zu sein, die zweifelsohne eine Reputation besitzen, die jedoch Aufnahmen in ihrem Profil zeigen, die sie mehr entstellen, als ihnen zum Geleit zu werden. Dabei meine ich nicht die mehr lustigen oder familiären Bildchen, die gerne gezeigt werden, sondern die scheinbar kunstvoll-modischen Aufnahmen, die ihre Proportionen oder Gesichtszüge erheblich verstellen. Ich denke, jeder Interessierte kann das leicht nachvollziehen.

Zurück zu Thema. Für mich hat die Herangehensweise der Fotografinnen an eine Fotografie eine größere „Leichtigkeit“, wenn ich dieses Wort dazu hernehmen kann; Das Spiel mit den Gefühlen im Bild wirkt auf mich harmonischer, die Bilder wirken auf mich tiefer. Dabei kann es durchaus laut und schrill sein (z.B. Ellen von Unwerth) aber auch leise und vertraut (Annie Leibovitz). Vielleicht ist es das Prinzip des Jägers und Sammlers im Manne, der damit eine faktische Art in sich trägt, und es mutet eine mehr vereinende und dennoch losgelöste Idee bei der Arbeit der Frauen zu finden an. Meine Worte finde ich hier nicht so recht, der aufmerksame Leser wird es vielleicht selbst besser nachempfinden können bei der vergleichenden Betrachtung, wenn ihm danach ist.

Gründe in der Art der Kommunikation zu finden ist da wesentlich leichter, reden doch Frau und Mann anders miteinander, als Frau und Frau oder Mann und Mann – immer vorausgesetzt, es geht um konstruktive Zusammenarbeit. Jeder weiß um die Unterschiede, und es soll und kann hier keine Wertung einfließen, denn dazu ist nur die Bewertung einer einzelnen Fotografie geeignet, und diese ist erst einmal neutral. Die Sichtweise scheint zwischen Frau und Mann zu differieren, es ist nicht unbedingt so, dass das durch beispielsweise die Lichtsetzung oder einen bestimmten Blickwinkel oder auch die unterschiedlichen Regieanweisungen beim Posing allein erreicht wird, es ist die daraus und aus noch Anderem resultierende Gesamtkomposition, die wiederum einzelne Elemente hervorbringen, welche mehr feminin anmuten. Was nicht heißen soll, ein Mann könne das nicht oder auch umgekeht, eine Frau könne nicht, was ein Mann kann. Eine spannende Geschlechterfrage aus dem Bereich der künstlerischen Fotografie, meine ich. Siehst Du, was ich meine?

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4 Gedanken zu “Frauen und Männer, eine unterschiedliche Sichtweise in der Fotografie? [90]

  1. Welch treffliche Beschreibung der Ästhetik des Fotografierens. Ich bin absolut begeistert von diesen Sätzen:

    „Sieht man Unterschiede im Bild, wenn ein Motiv von einem Mann oder einer Frau in Szene gesetzt wurde? Gibt es unterschiedliche Arten der Arbeit je nach Geschlecht? Sind womöglich erkannte Unterschiede vom jeweiligen Motiv abhängig? Eine kurze Überlegung. Ich bin ein Mann. Keine Frau. Fotografieren kann ich ein männliches Model oder ein weibliches. “
    Natur ist Modell, Tier ist Modell, Schulter und Rücken sind Modell – seit den Felszeichnungen der Urmenschen- Dieter Weigert Berlin

    Gefällt 1 Person

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