Winterwind [88]

Fotoshooting, Koblenz, TfP-Shooting, Portrait, Fotomodel

mies-vandenbergh-fotografie.de

Die Luft war kühl. Du bewegtest dich langsam am Ufer entlang, den Blick immer wieder über den See schweifen ließest du. Ich saß auf einer alten Bank, der der Lauf der Zeit schon einiges zugesetzt hatte. Vom Lack war nicht mehr viel zu sehen, das blanke Holz war entblößt, man konnte die Fasern sehr deutlich spüren, glitten die Finger entlang der Maserung. Ich verpasste dieses Gefühl jedoch, denn ich trug Handschuhe. Im Winter war es zu empfehlen, zumal es in jenem Jahr ein sehr kühler zu werden schien.

Meine Kamera hatte ich dabei, ich wollte die Enten fotografieren, die sich in der kleinen Bucht am Ostende des Sees immer gerne zusammenfanden, da dort die Spaziergänger des öfteren die ein oder andere Brotkrume hintrugen, um sie zu verfüttern. Vornehmlich Kinder waren es, aber auch ältere Menschen kamen fast regelmäßig gerne an diesen Ort.

So saß ich dort auf der Bank. Ich sah dem Treiben auf dem Wasser, das schon hi und da ein paar kleine Eisflächen bildete, zu. Die Enten schienen dieses Eis voller Spielfreude als Landeplatz zu nutzen, rutschten sie doch regelmäßig nach der Landung bäuchlings einige Meter weiter auf dieser glatten Oberfläche. Die Zeit schien still zu stehen. Irgenwann blickte ich auf und erblickte dich in nicht weiter Entfernung. Du standest am Ufer. Das Licht der warmen untergehenden Sonne zauberte eine Silhouette von dir, du zeichnetest dich – grade so – ab vor der Fläche des Wassers, eine in gelbem Laub getauchte Trauerweide rechts von dir gab dir einen wunderbar anmutenden Rahmen. Ich hob die Kamera und bannte diese zeitlose Szene auf Film. Unser erstes Foto war geboren.

Das leise, doch in der Ruhe des Augenblickes deutlich vernehmbare Klicken der Kamera ließ dich aufhorchen. Du blicktest zu mir herüber. Ich konnte dein Gesicht nicht genau erkennen, denn die Silhouette tat zuverlässig ihren Dienst. Scbemenhaft schenkte mir allein deine Körperhaltung vage Hinweise und verriet, dass du einen Moment länger zu mir herüber blicktest. Ich lächelte in deine Richtung, hob die Kamera mit der einen Hand, und die andere Hand wechselte etwas ungestüm hin und her mit der Andeutung von Daumen hoch und Daumen runter. Eine gefühlte Ewigkeit bewegte ich mich so, bis ich ein Lächeln in deine Augen und deinen Ausdruck interpretierte, welches mich sogleich in jenen Bann zog, den ich bis heute, 30 Jahre später, nie wieder verlor.

Behutsam und bedächtig gingst Du zur Trauerweide. Jede Bewegung von dir schien bis ins kleinste Detail hin koordiniert. Anmutig und leicht würde ich es beschreiben, nur taugrn Worte hier nicht viel. Deine Schritte verfolgte ich, noch benommen von deines Blickes Erwiderung. Du gingst um den Baum, fasstest den Stamm, bliebst zum Teil verdeckt stehen und blicktest hinter dem Baum, vom warmen Sonnenstrahlen umschlungen hinter ihm, hervor. Nun konnte ich dein leises, verstecktes, kaum wahrnehmbares, aber warmes und freundliches, freies und ehrliches Lächeln erkennen. Ich nahm die Kamera und lichtete dich erneut ab, machte 3 oder vier Bilder. Das Klicken der Kamera schien die Stille zu durchbrechen, doch dieses Geräusch im Moment des Auslösens erschien mir wie die Vollendung eines Kunstwerkes, wie der letzte Pinselstrich eines Meisterwerks, wie der letzte ausklingende Moll-Ton einer Symphonie.

Nach den drei Bildern kamst du hinter dem Baum hervor, lehntest dich an, blicktest etwas frecher zu mir herüber, Deine Augen schlossen sich ein ganz kleines Bisschen. Der See schickte eine leichte Briese über das Wasser zu uns herüber, und sie spielte mit deinem langen braunen Haar. Ich sah dich an, dachte dabei schon lange nicht mehr, fühlte nur noch und hielt auch dieses Bild fest, bannte es auf Zelluloid. „Klick“, noch einmal „Klick“, du lehntest den Kopf an den Baum, etwas geneigt, ein leises Lächeln folgte, alles schien so, wie es sein sollte, …. „Klick“.

Der Wind ließ nach, die Kühle blieb. Die Enten schnatterten wild umher, ein Schwan sorgte für Aufregung, er stellte fauchend mal klar, wer hier der Chef war. Kurz blickten wir an den Ort des Geschehens, dann kehrten unsere Blicke zu uns zurück. Du löstest dich vom Baum und gingst los, schrittest sehr langsam aber ganz fest und bestimmt auf mich zu. Ich starb. Tausend und mehr Tode. Das Universum hätte in diesem Moment in sich zusammenfallen können. Mein Herz schlug bis zum Hals, mir wurde heiß und kalt, mein Lächeln schien vermutlich vollkommen dem eines im Polarmeer Ertrinkenden zu gleichen, der alles gut fand, so, wie es war, denn das Leben war eh gleich vorüber.

„Hi, mein Name ist Nadine!“ Herz? Ja, ein Herz, das hatte ich mal gehabt. War irgendwo in meiner Brust, bestimmt, doch nun – explodiert. Ich habe niemals so ganz erfahren, was mein Ausdruck in diesem Moment verkündete, nach außen hin war davon wohl nur etwas zu erahnen. „Hallo Nadine, mein Name ist Olaf.“ Mir war es ein Rätsel, wie ich diesen Satz heraus bekommen hatte. Ich hörte ihn deutlich, als stünde ich neben mir. Sie setzte sich neben mich auf die alte Bank . „Ich würde die Bilder sehr gerne sehen?“ „Ja, total gerne. Ich gebe den Film nächste Woche zur Entwicklung, die brauchen so drei bis vier Tage, dann fahre ich zum Fotoladen und kann sie abholen.“ „Super, freut mich. Woher kommst Du?“ „Aus Hassels, ich bin öfters hier am See, im Sommer am Südstrand. Und Du, woher kommst Du?“ „Aus Mörsenbroich, ich bin eher nicht hier, nur ausnahmsweise.“ Ohne darüber nachzudenken versetzten mir diese Worte einen Stich ins schon eigentlich längst nicht mehr existierende, weil explodierte Herz! Ob sie das sah, ich weiß es nicht. Vermutlich, ich zeige normalerweise, was ich fühle. „Dann sehen wir uns ja bald wieder, hier, ich gebe Dir meine Telefonnummer. Ich bin sehr gespannt, wie die Bilder geworden sind. Freue mich!“ Sie holte einen Stift aus ihrer Jackentasche und schrieb mir ihre Telefonnummer auf meinen Arm. Ich zog vorsichtig meine Jacke wieder über den Arm und fragte noch, ob sie meine auch haben wolle, doch sie entgegnete, ich hätte ja die ihrige. Ich blickte wohl wiederum etwas verstört, denn sofort fuhr sie fort: „Du kannst mir aber auch Deine geben, sicher ist sicher!“ Ich schrieb sie ihr auf einen Zettel. „Darf ich noch ein Foto machen, so Portrait, hier so, auf der Bank?“ „Aber nur eines noch, dann gehe ich weiter!“ Sehr bestimmt waren diese Worte, ich freute mich dennoch und machte das Bild. „Klick.“ Sie erhob sich, sagte danach: „Tschöh Olaf“, lächelte in der ganz ihr eigenen Art zu lächeln, ich rief ihr ebenfalls ein Tschüss zu. Sie ging, sich einmal um die eigene Achse drehend, ihre Haare zurückwerfend weiter, blickte sich aber nicht mehr um, wohl ahnend, dass ich dann doch noch eine Aufnahme hätte machen können. Aber um nichts in der Welt hätte ich gehen ihr „Nur noch eines“ verstoßen. Ich blickte ihr nur nach, wie sie so dahin ging, die langen braunen Haare wehten und schwangen herum, ihr Gang erschien mir ein ganz kleines bisschen tappsig. Aber wirklich nur gaaaanz wenig!

Zwei Wochen später waren die Bilder fertig.

Der Winterwind sagt mir auch heute hin und wieder guten Tag. Ich fühle ihn ganz deutlich auf der Haut. Kalt ist er nicht!

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5 Gedanken zu “Winterwind [88]

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