Wohin des Weges? [85]

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Wohin möchtest du gelangen? Heute, demnächst, in deinem Leben? – Und überhaupt?

Wer möchtest du sein? Heute, morgen, in deinem Leben? – Und überhaupt?

Stellten Freunde mir früher diese Fragen, so brauchte ich nie lange überlegen: Ich wollte schon immer ein Individualist sein. Diese Antwort entsprang tief aus einem Bauchgefühl heraus. Ich konnte es sein. Zumindest das, was ich darunter verstand. Um Modeerscheinungen kümmerte ich mich nicht, weder die Schuhe mit den drei Streifen, die damals in schwarzweiß eine Existenzgrundlage zu sein schienen, noch eine bestimmte Jeans – Marke oder eine bestimmte Jacke in rot mit weißen Ärmeln und fettem kursiven Markenschriftzug konnte man an mir sehen. „Bloß nicht sein, wie die Masse!“ Mit meiner Unabhängigkeit scharte sich während der Schulzeit immer ein kleine Gruppe von Freunden um mich, denen es ähnlich ging. „No Mainstream!“ „Never!“

Warum konnte ich mich so entwickeln? In meiner Kindheit und Jugend boten mir meine Eltern (fast) alle Freiheiten. Mir kamen alle Sicherheiten zu teil, dass, wenn ich mal fiele, es immer ein Netz gab, das mich auffing. Auch wenn manche Stürze äußerst schmerzvoll waren, es gab immer jemanden, der eine Hand reichte zum Aufstehen. Eine Ahnung von einer gewissen Abhängigkeit diesbezüglich schwante mir damals überhaupt nicht. Diese kritische Auseinandersetzung folgte erst weit danach. Die Geborgenheit gab innere Ruhe und erzeugte einen großen Fundus an Vertrauen.

Es war ein Luxus, den ich erst später erkannte, ist er doch lange nicht selbstverständlich. Doch zugegeben, es ist tatsächlich so, dass man manche Dinge erst erkennt, wenn man sie nicht mehr hat oder Menschen kennenlernt, denen es nie vergönnt war, dieses Urvertrauen zu bilden. Später im Leben, nach der Jugendzeit, entwickelte sich eine gewisse Individualität bei mir, die jedoch immer im Dialog stand mit der Gemeinschaft, in der ich mich befand, die mich akzeptierte oder auch mal ausschloss, sobald ich Gefahr lief diese Individualität zu übertreiben. (Stichwort „Zen“, komme ich noch zu.)

Nun aber zu meinen Gedanken über eine persönliche Entwicklung im Bezug auf die Individualität. Diese wird bei jedem Menschen auf sehr unterschiedlichen Pfaden erfahren und reflektiert. Es stellt sich hoffentlich und möglichst früh im Leben die Frage: „Wer will ich sein?“ Hoffentlich auch weit davon entfernt zu fragen, wer soll ich sein, und wer darf ich sein!

Daraus folgt eine differenziertere Fragestellung, nämlich wie viel Individualität kann das Ziel unserer Entwicklung sein? Explizit:

  • „Wie weit grenzt sich dein Wesen vom Durchschnitt deiner Gemeinschaft ab?“
  • Wie weit vom Extrem in die eine wie in die andere Richtung, außerhalb oder innerhalb deines eigenen Selbstverständnisses, empfindest du dich?

Stelle dir eine Waage vor. Ein Zeiger kann eine Gewichtung anzeigen. Er kann ausgewogen darstellen oder auch einen Ausschlag in eine beliebige Richtung. Stelle dir diese Waage vor, die zur einen Seite die Individualität beschreibt, zur anderen eine Art Dazugehörigkeitsgefühl. Bist du nun zu individuell, verlierst du den Bezug zur Gemeinschaft. Bist du hingegen zu sehr in der Gemeinschaft verortet, so läufst du Gefahr, dich selbst zu verlieren. Beide Extreme werden dir vermutlich nicht recht sein. In unserer Gesellschaft werden beide Extreme gemeinhin als krankhaft bezeichnet, schizoide Tendenzen sind eine mögliche Ursache für einen extremen Ausschlag in Richtung Individualität.

Behalte beim Bildnis der Waage jedoch immer im Hinterkopf: Ist es tatsächlich eine Waage, die ausschließlich ein „Entweder-Oder“ zulässt oder ist es viel eher möglich oder gar viel wahrscheinlicher, dass beide Richtungen im Menschen bedient werden können? Wenn ja, gibt es dabei einen maximalen Abstand zwischen Individualität und gemeinschaftlicher Einbindung. Widersprechen sich diese Strömungen auch prinzipiell, so finden doch beide ihre Verknüpfung in uns, die beständig während unserer lebenslangen Sozialisierung auf uns einwirken.

Aus der Zoologie kennen wir alle die Verhaltensweise, dass derjenige ausgestoßen wird, der den Regeln der Gemeinschaft zuwider handelt. In menschlichen Gesellschaften und Gruppen ist es oft nicht anders, selbst, wenn es um ein Vielfaches subtiler abläuft. Derjenige, der sich zu sehr in eine Gruppe integriert, läuft Gefahr, sich darin -aus Sicht der Gruppenmitglieder- zu verlieren. Gefragt ist zunächst deine Sicht auf deine eigene Situation. Wo siehst du dich, individualisiert oder angepasst? Oder beides? In welchen Bereichen setzt deine individuelle Handlungsweise ein, wo reagierst oder agierst du aus deinem persönlichen Muster heraus und wo passt du deine Handlungsmuster an? Ist es stets eine Mischung aus beidem?

Inwieweit reichen deine persönlichen Anforderungen an dich selbst, wie weit siehst du dich eingebunden in gesellschaftliche Erwartungen, Forderungen und Übereinkünften? Freiheit kann bedeuten frei zu sein in mehrfacher Hinsicht:

  • frei von Konventionen
  • frei von Zwängen aus Gruppen
  • frei von eigenen Ansprüchen
  • frei von überlieferten Regeln
  • frei von trivialen Zwängen

So frei ist wohl keiner von uns. Denn eine Gemeinschaft funktioniert nur dann, wenn ihre Umgangsformen erhalten bleiben, welche die Gemeinschaft erhält und sie nicht in irgendeiner Form gefährdet. Umschlich ein Säbelzahntiger eine Gruppe von Menschen, führte ein lautes Schreien eines ihrer Mitglieder wohl zur Unterbindung desselben. Ein Leben als Individualist ist demnach möglich bis zu dem Punkt, an dem die Individualität eines Einzelnen der Gemeinschaft schadet. Jede Tendenz einer Gefährdung wird von der Gemeinschaft meist früh erkannt. Dabei führt es nicht selten zu einer für die Individualität gefährlichen Reaktionen, die nur einem Selbstzweck dienen: Dem Selbstschutz. Jede Störung, die eine Gesellschaft zersplittert, zersetzt, manchmal sogar schon in Unruhe versetzt, wird umgehend geahndet. Sicher sind Entwicklungen nur durch Veränderungen zu erreichen, doch die Gemeinschaft als solche versucht sich dabei stets zu erhalten. Revolution ist ein seltenes Phänomen. Ich möchte an dieser Stelle jedoch nicht zu politisch denken.

Auch in mir ist Revolution eher gemäßigt aufgetreten. Bis auf einige wenige Male. Und selbst in diesen Situationen hatte ich Grenzen und nahm immer ein Teil von mir mit. Ein Beispiel möge aus meiner Zeit der Auseinandersetzung mit dem Zen-Buddhismus genannt werden: Ich lebte zu diesem Zeitpunkt als Single, tauchte ein in den Zen, versuchte (allerdings ohne Mentor) diesem ein Stück weit zu folgen, um zu ergründen, ob er meine Seele berührt.

Irgendwann verschenkte ich fast mein ganzes Hab und Gut an meine Freunde, die mich zugegeben etwas seltsam ansahen, mich aber dabei unterstützten. Vieles vernichtete ich. Es gab jedoch Dinge, materialistisches, von dem ich mich nicht getrennt habe, darunter meine Schallplatten-Sammlung. Diese lagerte ich nur ein. Knapp 2000 Stück, die ich alle einzeln bei unzähligen Gelegenheiten überall in Europa (hauptsächlich hier in Deutschland) nach und nach erworben hatte. Sie wollte ich nicht aufgeben, Musik bedeutet mir noch heute sehr viel.

Daraus ergaben sich viele Diskussionen: Ob man tatsächlich alles aufgeben solle und, wenn man auch nur eine Sache behielte, so könne es unter Umständen bedeuten, dass man nichts weg gäbe, es machte keinen Unterschied. Kann man so sehen. Meine Wohnung war sehr leer. Vier Jahre lang. Irgendwann traf ich auf einen Menschen, der sehr viel mehr Erfahrung im Leben gesammelt hatte, als ich. Er war in einigen großen und kleinen Religionen bewandert, hielt sich zu deren Ergründung in den entsprechenden Ursprungsländern auf. Spannende Gespräche führten wir, Fragen noch und nöcher sprudelten so aus mir heraus. Von da an änderte sich einiges an meinem Verständnis dem Wirken und Zielen der Menschen gegenüber. Soweit und soviel dazu und zurück zum Thema.

  • Wie viel Individuum lässt du zu?
  • Wie viel Individuum lässt deine Umgebung zu?
  • Bist du damit in der richtigen Umgebung?
  • Wie viel Gemeinschaft räumst du dir ein?

Veränderungen bedeuten stets Ungewissheit! Ungewissheit und damit verbunden Unsicherheit ist etwas, das Angst erzeugen kann, dieses versucht der Mensch tunlichst zu vermeiden, es gilt als angeboren. Dich es findet Entwicklung statt und wir begeben uns hin und wieder auf unsicheres Terrain, auch das ist angeboren. Wir können denken und fühlen, daher wachsen wir und verändern uns mit der Zeit mehr oder weniger stark. Du bist der Lenker und kannst steuern. Lote aus, was ist und was geht. Ein Weg wird zu einem Weg, indem du ihn gehst. So versuche ich es, begleitet von Irrungen und Wirrungen, von Erkenntnis und Bestätigung. Wir sollten werden, wer wir sind. Ein Individuum.

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