Nähe und Weite [78]

Fotoshooting, Koblenz, Portrait, tfp, Fotograf, Model,

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Nähe und Weite. Ein Blick erreicht Dich. Du siehst die Augen. Nähe. – – Du siehst einen Menschen, seine Statur, seine Körperhaltung, seine Proportionen. Keinen Blick, keine Augen. Weite.

Ein wesentlicher Unterschied auf Bildnissen von Menschen kann die Distanz zwischen Model und Fotograf sein. Eine gänzlich andere Bildaussage entsteht durch die unterschiedlichen Entfernungen. Die Distanz stellt sich als ein wesentliches Mittel zur Verfügung, eine Botschaft im Bild zu erschaffen. Wie weit entferne ich mich vom Menschen vor der Kamera, um dem Bild jene Aussage zu verleihen, die in meinem Gefühl entstand? Von einem Körperteil (Bodypart in fotografisch übersetzt 😊) ausgehend, mit Blick oder vollkommen anonym beginnt das Bild zu erzählen, findet immer andere Gedanken und Gefühle je nach Veränderung der Entfernung, dies alles geschieht immer im Pendel über Gesichtsausdruck und Anonymität. Schon die wilden Haare im Gesicht, die nur einen sehr begrenzten Blick auf den Ausdruck gewähren, verändern eine Botschaft mit Nachdruck. Unter Umständen erkennt man die Person auf dem Bilde nicht mehr, sollte ein wesentlicher Teil des Gesichts verdeckt sein.

Nicht aber um Blick oder nicht Blick soll es hier gehen, das habe ich bereits in einem Artikel vorher beschrieben. Es soll um die Wirkung von Distanz gehen. Was bewirkt eine zunehmende Distanz? Sie geht immer einher mit einer Addition von Bildelementen. Je weiter ich mich vom Motiv entferne, desto mehr „Drumherum“ kommt in den Bildausschnitt. (Ich spreche jetzt nicht vom gleichzeitigen Wechsel der Optik zum Tele hin.) Eine Zunahme an Bildinhalten kann bis hin zu einer totalen Überfrachtung führen. Es entstehen folglich Fragen nach der Sinnhaftigkeit bestimmter Bestandteile einer Aufnahme. Warum musste dies oder jenes auf der Aufnahme sein? Wäre sie nicht viel besser geworden, hätte man das ein oder andere ausgespart und wäre näher ans Motiv heran gegangen? Schließlich handelt es sich dabei um einen DER populärtrivialen Leitsätze der Fotografie: „Ist Dein Bild nicht gut genug, warst Du nicht nah genug dran!“

Was aber verändert sich mit zunehmender Distanz zum Menschen, meinem Motiv? Immer mehr des Körpers wird sichtbar. Ein Arm, ein Bein, Teile des Torsos, bis schließlich der ganze Mensch sichtbar ist. Anschließend erscheinen immer mehr Bestandteile der Location im Bild, wenn nichts gerade unendliche Weite den Hintergrund beherrscht.

Was erscheint auf meinem Bild? Eine Brücke, eine Wand, ein Haus, eine Skyline? Ein Baum, eine Pflanze, ein Bergrücken? Ein Schloss, ein Abgrund, ein Wasserfall? Ein Eisberg, eine Düne, eine Wurzel? Oder das, was Dir noch in den Sinn kommt. Bleibt der Mensch bis zu einem gewissen Punkt noch das Hauptmotiv, so wechselt das irgendwann, und ein Mensch scheint nur noch Beiwerk zu werden. Kommt es zu Beginn, einer kleinen Distanz, noch auf Hautreinheit (⚠ Achtung: hat für mich definitiv nichts mit dem Alter des Menschen vor der Kamera zu tun! ⚠) an, gerät zunehmend mehr der Fokus des Betrachters auf Proportionen und Perspektive. Weiter entfernend wechselt die Aufmerksamkeit immer mehr in Richtung gesamte Erscheinung. Dinge wie etwa Outfit und Accessoires (Ob Kleinteile wie Buch, Schirm, oder Pflanze und größere Objekte wie etwa Auto, Felsen oder Segelboot) buhlen um die Aufmerksamkeit mit dem Menschen. Das geht so lange, bis es das Gleichgewicht vollends kippt und der Mensch in der Bedeutungslosigkeit verschwindet. Worauf kommt es also an?

Wie immer kommt es in erster Linie und letztlich auf die Bildaussage an. Was möchte ich mit meinem Werk ausdrücken? Welche Botschaft soll es beinhalten? Welchem Gefühl will ich Ausdruck verleihen? Daraufhin folgt die Überlegung, ab welcher Distanz es unmöglich wird, gewisse Gefühle zu vermitteln, weil zu viel des Guten gewollt war? Inwieweit kann ich ein Gefühl mit einer Pose und einem Blick oder einem abgewandten solchen erzeugen? Es gibt kein Patentrezept dafür, zumindest ist mir keines bekannt. Ich kenne eine Reihe von Bildern bekannter Fotografen und einiger Geheimtipps, die keinem Muster für Entfernung zwischen Fotograf und Model entsprechen. Gut so. Meine ich. Denn jeder dieser Highlights (damit sind jene meiner ganz persönlichen Ansicht nach gemeint!) birgt eine andere Distanz zwischen Fotograf und Mensch. Was diese Bilder ausmacht, ist ein Gefühl der Begeisterung, das sie in mir auslösen. Sind manche Menschen weiter entfernt, manche näher, so kommt es vermutlich auf genau dieses Gefühl an, das sich auch am Set jeweils durchsetzt, denn ich stehe nicht da und denke vor einer Aufnahme über die Entfernung nach, sondern folge einer Intuition. Als ich vor über 30 Jahren mit der Fotografie begann, war es vermutlich manchmal anders, wie ich auch heute noch bewusst gewisse Parameter rein vom technischen Standpunkt her variiere, doch die intuitive Arbeit bleibt jene mit den gefühlvollsten Ergebnissen. Diese folgt manchmal auf die bewussten technischen Veränderungen, klar, aber letzten Endes gibt der Sucher das Preis, was ich fühle! Klick! 😊