Intermezzo: Ein Baum ist ein Baum, oder vielleicht doch nicht? [77]

Was sehe ich – Was ist da?

Vorhanden ist Subjektivität. Jeder persönlich hat seinen eigenen Standpunkt. Jede unterschiedliche Person, wie auch jede einzelne Instanz. Zunächst ganz ohne „RICHTIG“, ohne „FALSCH“. Es ist das, was es ist! Doch was ist es? Ist es das, was Du erkennst oder das, was Du erkennen willst, solltest, darfst, musst?

Ein Baum ist ein Baum. Ein Baum besitzt Attribute. Ein Baum kann klein sein. Er kann groß sein. Bereits ab diesem Adjektiv beginnt es: Was bedeutet für Dich klein? Was bedeutet für Dich groß? Der Baum ist, wie er ist, er weiß nichts von Größe. Du kannst es ihm sagen, er versteht Dich nicht. Ein Baum kann belaubt sein oder sein Winterkleid tragen. Er kann das Licht der Sonnenstrahlen durchlassen oder Schatten spenden. Was ist für Dich gerade das Richtige?

Ist es ein heißer Sommertag, die Luft scheint zu glühen, kein Lüftchen bewegt sich? Keine Wolke ist am weiten, blauen Himmel zu sehen. Du stehst in der Nähe eines riesigen Baumes. Was denkst Du?

Es ist Winter, eine klirrende Kälte macht sich breit, Deine Kleidung wärmt Dich ob der tiefen Temperaturen nur mäßig. Der Himmel ist blau, soweit das Auge reicht. Du stehst im Windschatten nahe eines Baumes. Keine Blätter zieren ihn. Was denkst Du?

Es ist Sommer. Du liebst Dein Haus am Hang mit Blick auf die historische Altstadt. Deshalb hast Du schließlich dieses Grundstück gewählt. Deine Nachbarn unterhalb lieben die Natur, sie leben in einer tiefen Verbundenheit zur Botanik, bepflanzten vor Jahrzehnten schon ihren Garten mit seltenen, wunderschön blühenden Bäumen. Diese sind mittlerweile so groß geworden, dass Du Deine Blicke auf das Leben und Treiben in der historischen Altstadt nur noch sehr eingeschränkt schweifen lassen kannst. Was denkst Du?

Ein Baum ist ein Baum. Er weiß nichts von Beziehungen zu anderen Wesen.

Du hast ein tolles neues Auto gekauft. Hast lange dafür gearbeitet, gespart, gesucht, bis Du es schließlich geschafft hast. Es ist nun Dein Wagen. In der Stadt nahe Deiner Eigentumswohnung sind die Parkplätze sehr rar, es gibt Parkausweise für bestimmte Bereiche. Davon besitzt Du schon längst einen. Eines Morgens im Spätsommer kommst Du zu Deinem Auto. Es ist überzogen mit einer dünnen, aber sehr klebrigen Schicht, die sich kaum ablösen lässt. Du bist erst erschrocken, auch erstaunt, zunächst ratlos, dann gehen Deine Blicke nach oben.

300 Jahre zuvor. Es regnet. Die Bewohner der Stadt, die damals noch Dorf war, sitzen zusammen, überlegen, was sie machen wollen, denn jedes Mal, wenn sie zum Bäcker am Ende der Straße gehen wollen und das Wetter es nicht gut mit Ihnen meint, sind sie nass und beginnen zu frieren. Das könnte man doch ändern. Sie überlegen gemeinsam und kommen zu einer einfachen und kostenlosen Lösung: Sie gehen in den Wald, suchen sich einige Lindensämlinge und pflanzen sie voller Stolz auf ihre Straße. Einige Jahre später ist ihre Aktion von Erfolg gekrönt. Ein Weg, nahezu trocken zum Bäcker und zurück.

Ein Baum ist ein Baum. Sonst nichts. Für Dich kann er mit vielen Attributen belegt werden, er kann für Dich individuelle Eigenschaften besitzen. Er kann Schutz bieten oder ein Ärgernis sein, er selbst jedoch weiß davon nichts. Du zunächst vielleicht auch nichts. Bis man Dir sagt, was es sein könnte. Was darf, was soll, was kann. Und Du? Was reflektierst Du?

Was ist ein Baum für Dich?

Oder ein Mensch?

Oder ein Bild?

Oder eine Idee?