Warum ein Bild mehr kann [76]

Der Wille, Kunst zu erschaffen, das Vorhaben, auf einer Fotografie jene Gefühle eines Menschen sichtbar zu machen, die das Wesen ausmachen, dies ist ein Unterfangen, welches, mit Hingabe gestaltet, sich in eindrucksvoller Weise manifestiert.

Welcher Mittel bedarf es, dieses Gefühl in ein Bild zu transferieren? In meinen vorherigen Artikeln habe ich bereits dieses Thema angeschnitten. Dort ging es zunächst um die Bedeutung der Bildinhalte sowie der Bedingungen und Voraussetzungen bei der Erstellung eines Bildes. Ich fragte danach, was notwendig ist, um einem Bild eine Bedeutung zu verleihen, vielleicht eine Geschichte zu implementieren. Ist neben Model und Fotograf eine ganze Mannschaft aus Stylisten, Makeup-Artisten, Co-Fotografen und Assistenten notwendig oder reichen Fotograf und Model? Ist eine Kamera genug oder ist umfangreiches Equipment gefragt? Ist eine besondere Location eine unbedingte Voraussetzung oder ist diese untergeordnet? Sind das Outfit und Accessoires erst die Zutaten, die eine Bildaussage erzeugen oder sind sie obsolet? Hier im heutigen Artikel gehe ich einem weiteren, anderen Aspekt nach, nämlich der Bedeutung der Einstellung der Beteiligten. Was hat welche Auswirkungen? Welche Einstellung spiegelt sich in der Aufnahme wider, gezielt oder unwillkürlich, unweigerlich?

Vieles wurde bereits über die Wirkung berühmter Fotografien beschrieben. Einerseits waren es Kritiker und Journalisten, Künstler und Biografen, Kollegen oder Fotografen selbst, die ein Bild erläuterten, die Entstehung erklärten, die sinnierten über Wirkungsweisen auf die verschiedensten Betrachter. Auf der anderen Seite erfassen Menschen eine Bildaussage unter dem Einfluss ihres Erfahrungsschatzes sowie ihrer momentanen Stimmungslage. Dafür jedoch erschaffen die Künstler das Bild eigentlich und in erster Linie nicht, auch wenn eine Botschaft immer enthalten ist.

Wie könnte die Erstellung eines Kunstwerks, einer Fotografie, die den Anspruch hat, mehr als nur ein Foto zu sein, ablaufen? Zunächst wird ein Bild in der Vorstellung erdacht oder empfunden. Jemand erhält durch einen ganz beliebigen Reiz eine Inspiration. Das kann unter anderem ein Bild sein oder vielleicht eine Begebenheit. Eine Szene aus der Schönheit der Natur kann derart inspirieren, dass diese Empfindung einen wahren Pool an Ideen zur Bildgestaltung ergibt. Ein einziger Blick eines Menschen kann eine solche Tiefe erzeugen, dass das Gefühl darüber in schier unendlichen Facetten einen Widerhall erfährt, der die Grundlage ganzer fotografischer Reihen ergibt. Man begibt sich sozusagen auf die Suche nach dem Gral. 😊 [Das Gefühl beschleicht mich manchmal tatsächlich.]

Jenes daraufhin entstandene Gefühl will nun mit dem Ausdrucksmittel der Fotografie umgesetzt werden. Kommt bei einem Fotografen oder Model diese Idee auf, so wird für die Umsetzung der jeweils andere benötigt. Zu diesem Zeitpunkt entstehen unter anderem zwei essenzielle Zielsetzungen:

  1. Einen passenden Menschen für das Vorhaben zu finden ist nicht immer ganz leicht. Ein Partner wäre wünschenswert, der die notwendigen (Soft) Skills besitzt. Dabei geht es weniger um technische Fragen oder die Beherrschung derselben. Es geht mehr darum, eine Person zu finden, welcher die Idee und das Gefühl für die Umsetzung der Idee adäquat vorschwebt. Ein Partner, der sich in eine Idee hineinversetzen kann. Idee und Wesen der Protagonisten sollten möglichst gut zueinander passen, je besser wird das Werk.
  2. Die Menschen sollten während der Zusammenarbeit in der Lage sein, dieses Gefühl abrufen zu können, erkennen zu können. Aber nicht nur. Zu wissen, wie bestimmte Stimmungen erzeugt, unterstützt, verstärkt oder abgeschwächt werden können ist absolut hilfreich. Sicher ist gleichsam mit technischen Mitteln, wie etwa der Lichtsetzung oder der Perspektive eine Stimmung zu beeinflussen, doch das Hauptmerkmal liegt für mich in der Empfindung und Wiedergabe einer Stimmung, das Spiel von Mimik und Ausdruck, Blick oder Körperhaltung, gerade auch die Erkennung derselben, um anzuleiten, das macht eine effektive Zusammenarbeit aus. Sie entsteht unter anderem aus einer guten Kommunikation zwischen den Ausführenden.

Accessoires und Kleidung, ich nannte sie oben bereits, bleiben Stilmittel von entscheidendem Einfluss, das vermittelte Gefühl aber entscheidet für mich über Gedeih und Verderb. Es nutzen die ausgefallensten Klamotten nichts, wenn ein Gesichtsausdruck eine andere Geschichte erzählt. Die dramatischste Lichtsetzung hilft nichts bei der Suche nach einem Gefühl, wenn die Augen des Models auf eine andere Stelle der Story blicken und natürlich umgekehrt. Die falsche Perspektive der Kamera beschneidet einer exklusiven Mimik ihre Aussage um ihre vielleicht entscheidende Kraft. Wie man es auch dreht und wendet, es kommt auf eine gemeinsame Ebene an, auf der eine Zusammenarbeit fußt.

Wie erreiche ich eine solche gemeinsame Basis? Ab welcher Art von Bildern ist sie überhaupt notwendig? Wie so oft läuft ein Shooting nach dem immer gleichen Prinzip ab, dass gewiss jeder schon erlebt hat: es finden sich mindestens zwei Partner, die sich vorgenommen haben, Bilder zu erstellen, man spricht über Ideen und Vorstellungen, jeder bringt Vorschläge ein, und es wird fotografiert. Es entstehen mehr oder weniger gefällige Aufnahmen, die durch die Bildbearbeitung weiter behandelt werden, wodurch manch einer denkt, dass sie ein gewisses Niveau erreichen. Sie werden in einem der sozialen Netzwerke veröffentlicht, erhalten Likes und Kommentare, bis sie anschließend im Nirvana des www untergehen.

Sollte dies mit künstlerischen Bildern anders sein? Haben Aktbilder im www und anderen Kanälen eine deutlich höhere Halbwertszeit? Werden Bilder berühmter Künstler unterschiedlich wahrgenommen? Wie sieht es mit Deinen Werken aus? Sind 50 Likes, 500 Likes oder 5000 Likes Deine Währung? Oder reicht ein einziges Like von der „richtigen“ Instanz? Im vorherigen Abschnitt schrieb ich, dass ein Künstler in erster Linie die Bilder nicht erschafft, um Likes oder Berühmtheit zu erlangen. Sollte es zuerst ein Ausdrucksmittel sein, ein Ausdrucksmittel zur Vermittlung einer Idee, eines Gefühls, einer Botschaft? Ist Kunst ein Weg, dieses zu verwirklichen? Für mich ist es so!

Zurück zur Ausgangsüberlegung: Welche Voraussetzungen sind notwendig zur Erstellung einer künstlerischen Fotografie? Abseits der üblichen vielerorts verbreiteten Bilder von Menschen sind vielleicht eine stärkere Vorbereitung, eine tiefere Absprache, eine genauere Beschreibung der Ideen notwendig, vielleicht auch eine verständigere Harmonie unter den Beteiligten. Wohin der Weg und wie er verläuft, diese Leitfragen sollten ein gemeinsames Ziel darstellen, dann ergibt sich eine großartige Synergie. Das zu finden ist in Zeiten einer scheinbar immer schwieriger werdenden Kommunikationsfähigkeit nicht einfach! Aber möglich. Meine ich.