Next Generation [80]

Fotoshooting, Koblenz, Portrait, tfp, Fotograf, Model,

mies-vandenbergh-fotografie.de

New Kids on the block, so nannte sich einst eine Pop-Band in den 80er Jahren. Nicht, dass es mir hier um die Musik der Combo oder eine Bewertung derselben gehen würde, das überlasse ich lieber den Kritikern. Nur der Name kam mir gestern in den Sinn, als mich wieder einmal eine 17-jährige junge Dame zwecks Erstellung fotografischer Aufnahmen kontaktierte.

Dabei ertappte ich mich bei einem amüsanten Gedanken: Als ich mit der Fotografie vor über dreißig Jahren begann, waren es noch die Mütter jener jungen Menschen, die vor meiner Kamera standen. Vor ein paar Jahren waren die jungen Erwachsenen noch kleine Kinder, ganz gleich, ob jene aus dem Familienkreis, Freundeskreis, Bekanntenkreis kamen (eher selten) oder es Fremde waren (meistens). Heute sind es Erwachsene, die zum Teil noch ihren Schulabschluss vor sich haben, studieren, eine Ausbildung machen oder schon beruflich Fuß gefasst haben. Meist Menschen, die noch nicht auf einen großen Erfahrungsschatz in Sachen Leben zurückgreifen können, die aber gerade ihr Äußeres entdecken und daraus Vorstellungen und Ideen entwickeln, sich vor der Kamera ausprobieren möchten.

Immer neue Generationen wachsen heran. Manchmal schweifen meine Gedanken in der Vergangenheit umher, ich denke an Brigitte Bardot und Sophie Marceau, an Marilyn Monroe und Claudia Schiffer, um nur mal ein paar Namen der Menschen zu nennen, die einst als schön bezeichnet wurden (und noch werden), von denen es unzählige Fotos gibt, in Büchern, im Netz oder Zeitschriften. Anschließend sehe dann Bilder jüngerer Menschen, die heute als schön empfunden werden. Da wären zum Beispiel Lauren de Graaf, Kristina Pimenova und wie sie heißen mögen, deren Stern noch nicht aufgegangen ist …

Ob ein junges Mädchen jemals ein Supermodel oder überhaupt den Weg zu einem Model-Dasein finden wird, diese Frage steht manches Mal im Raum, wenn ein junger Mensch ein Shooting erfragt. Auch die bekannten Supermodels haben einst nicht anders begonnen. Einmal angesprochen, vielleicht auf der Straße, im Café oder am Arbeitsplatz, oder durch eine Bewerbung kann daraus entstehen, was als Model-Karriere bezeichnet wird. Die Wege sind vielfältig, auch ein passender Web-Auftritt kann zu einer Entdeckung führen, wenn er entsprechend gut gemacht ist. Scouts durchforsten regelmäßig die einschlägigen Social Media Plattformen.

Ein Shooting oder ein Beginn mit Shootings muss jedoch nicht zwangsläufig dazu führen, Fotomodel oder sogar Mannequin zu werden. Es kann auch ein Hobby bleiben, bei dem man sich der Kunst der Darstellung hingibt und immer wieder besondere Bilder mit unterschiedlichen Fotografen kreiert.

Doch es kann, wie immer, wenn man es nur ernsthaft versucht, man Zeit investiert, dazu führen, dass man eine Zeit lang beruflich modelt, den Einstieg wagt in die Welt der Modedarstellung, dass man mehr oder weniger oft gebucht wird für die Erstellung von Modeaufnahmen einschlägiger Marken und Designer. Model für einen Katalog beliebter Marken oder auch Auftritte als Laufsteg-Model sind möglich und häufig ein Ziel junger Menschen. Ob es funktioniert oder nicht, das ergibt sich nach ersten Schritten und ob es letztlich den eigenen Vorstellungen entspricht oder ganz anders empfunden wird, zeigt sich recht bald. Innerhalb von sieben Stunden in sechzehn Outfits zu springen und jedes Mal ein anderes Outfit und eine andere Visagistik zu erhalten kann sehr anstrengend sein, von den unterschiedlichen Posen und deren Beherrschung ganz zu schweigen. Harte Arbeit ist es allemal, das sollte man nicht verkennen.

Auch ist es nicht nur die Arbeit bei einer Buchung, auch im Leben sonst sind einige Maßgaben nicht ohne Bedeutung: Wie ernähre ich mich (seltenst Fastfood, wenige Softdrinks, viel Wasser,…), wie halte ich mich fit und wie trainiere ich meinen Körper! Das sind nur zwei Aspekte von mehreren. Wer sich interessiert kann gerne in entsprechender Literatur weiterlesen.

Aber hat man sich erst dazu entschlossen, diesen Weg zu versuchen, dann sollte man es mit ganzem Herzen tun. Wenn, dann richtig. Man sollte den Willen haben, es zu versuchen und ich habe Menschen kennengelernt, die es wollen und solche, die zwar den Wunsch verspüren, jedoch sich nicht entscheiden können, es tatsächlich zu wagen. Damit gebe ich keine Wertung ab, denn es bleibt nicht für jeden Menschen, der es versucht, ein Ziel, es kann auch das Gegenteil als Erkenntnis herauskommen. Das finde ich genau so richtig! Und man hat es versucht.

Im Moment darf ich zwei junge Menschen dahin begleiten, die es wollen. Sie planen, setzen sich ein, investieren in sich, stellen viele Fragen und entwickeln Ideen. Unterstützung gebe ich sehr gerne, wenn solch eine Initiative zu erkennen ist, es macht mir viel Spaß. Auch die Ergebnisse sind so, dass es eine wahre Freude ist die Ergebnisse anzusehen. Das aber nur nebenbei.

Die Frage hinter diesem Beitrag ist eine ganz andere. Wie entwickelt sich die Menschheit in einer Zeitpanne über Generationen hinweg, wenn es um die Darstellung und die Begeisterung von schönen Menschen geht? Ein Gespräch mit einem ehemaligen Model, das nach ihrem Modelberuf einen anderen Weg eingeschlagen hat, erzählte von ihrem Werdegang, der Entwicklung der Modelbranche aus ihrer Sicht und den Umgang mit den Menschen von außen her, sowie untereinander. Sie war kein Supermodel, sie spricht von sich als ein Model mit gutem Einkommen und regelmäßiger Buchung für viele unterschiedliche Bereiche. Ihr hat es unheimlich Spaß gemacht. Eine Sache, die mich im Nachhinein immer wieder mal beschäftigt hat, ist ihre Ansicht über ihren und den Werdegang ihrer Kolleginnen, was das Alter betrifft: Modeln, so sagte sie, kannst Du ab ca. 16 und maximal bis 26 oder 28.

Das wäre ein Zeitfenster von ca. 12 Jahren. Alle 12 Jahre fände demnach ein Wechsel statt, bei dem junge unbekannte Menschen die Plätze derer übernehmen, die „schon“ 26 Jahre alt sind. Spielt diese Überlegung eine Rolle bei dem Wunsch, für eine Zeit ein Model zu sein? Bisher entstanden auf diese Aussicht hin keine Zweifel bei meinen Models. Im Gegenteil, es war bisher meist so, dass dieses Zeitfenster gerne als Phase des Lebens gesehen wird und die Zukunft zeigen würde, was weiter geschieht. Im Vordergrund steht der Wunsch, sich auszuprobieren. Kann ich das erreichen? Wie weit komme ich? Ist ein Traum meiner Kindheit eine Option für mich oder eine vollkommen andere Realität? Auch der monetäre Aspekt spielt eine Rolle, steht zwar nicht im Vordergrund, aber schwingt oft mit. Was daraus wird, steht ganz und gar im Ungewissen, denn man kann dazu nur das Verhältnis betrachten von Models und (den relativ wenigen) Supermodels. Wie eingangs erwähnt, auch die sogenannten Supermodels haben einst (meistens) ganz unten begonnen.

Soviel zu diesem Gedanken. Als Fazit lässt sich für mich erkennen, dass in jeder Generation immer wieder viele sehr hübsche, fotogene Menschen heranwachsen, von denen nicht jeder in dieses Business hinein schnuppern wird und will, dass es jedoch immer wieder atemberaubende Erscheinungen unter den Menschenkindern gibt, die dafür prädestiniert sind und damit ein Bild der Schönheit prägen und verändern, bestätigen oder kreieren können, das Begeisterung hervorruft und wie schon vor Jahrhunderten (vermutlich noch viel länger) eine Muse der Menschheit sein werden.

Nähe und Weite [78]

Fotoshooting, Koblenz, Portrait, tfp, Fotograf, Model,

mies-vandenbergh-fotografie.de

Nähe und Weite. Ein Blick erreicht Dich. Du siehst die Augen. Nähe. – – Du siehst einen Menschen, seine Statur, seine Körperhaltung, seine Proportionen. Keinen Blick, keine Augen. Weite.

Ein wesentlicher Unterschied auf Bildnissen von Menschen kann die Distanz zwischen Model und Fotograf sein. Eine gänzlich andere Bildaussage entsteht durch die unterschiedlichen Entfernungen. Die Distanz stellt sich als ein wesentliches Mittel zur Verfügung, eine Botschaft im Bild zu erschaffen. Wie weit entferne ich mich vom Menschen vor der Kamera, um dem Bild jene Aussage zu verleihen, die in meinem Gefühl entstand? Von einem Körperteil (Bodypart in fotografisch übersetzt 😊) ausgehend, mit Blick oder vollkommen anonym beginnt das Bild zu erzählen, findet immer andere Gedanken und Gefühle je nach Veränderung der Entfernung, dies alles geschieht immer im Pendel über Gesichtsausdruck und Anonymität. Schon die wilden Haare im Gesicht, die nur einen sehr begrenzten Blick auf den Ausdruck gewähren, verändern eine Botschaft mit Nachdruck. Unter Umständen erkennt man die Person auf dem Bilde nicht mehr, sollte ein wesentlicher Teil des Gesichts verdeckt sein.

Nicht aber um Blick oder nicht Blick soll es hier gehen, das habe ich bereits in einem Artikel vorher beschrieben. Es soll um die Wirkung von Distanz gehen. Was bewirkt eine zunehmende Distanz? Sie geht immer einher mit einer Addition von Bildelementen. Je weiter ich mich vom Motiv entferne, desto mehr „Drumherum“ kommt in den Bildausschnitt. (Ich spreche jetzt nicht vom gleichzeitigen Wechsel der Optik zum Tele hin.) Eine Zunahme an Bildinhalten kann bis hin zu einer totalen Überfrachtung führen. Es entstehen folglich Fragen nach der Sinnhaftigkeit bestimmter Bestandteile einer Aufnahme. Warum musste dies oder jenes auf der Aufnahme sein? Wäre sie nicht viel besser geworden, hätte man das ein oder andere ausgespart und wäre näher ans Motiv heran gegangen? Schließlich handelt es sich dabei um einen DER populärtrivialen Leitsätze der Fotografie: „Ist Dein Bild nicht gut genug, warst Du nicht nah genug dran!“

Was aber verändert sich mit zunehmender Distanz zum Menschen, meinem Motiv? Immer mehr des Körpers wird sichtbar. Ein Arm, ein Bein, Teile des Torsos, bis schließlich der ganze Mensch sichtbar ist. Anschließend erscheinen immer mehr Bestandteile der Location im Bild, wenn nichts gerade unendliche Weite den Hintergrund beherrscht.

Was erscheint auf meinem Bild? Eine Brücke, eine Wand, ein Haus, eine Skyline? Ein Baum, eine Pflanze, ein Bergrücken? Ein Schloss, ein Abgrund, ein Wasserfall? Ein Eisberg, eine Düne, eine Wurzel? Oder das, was Dir noch in den Sinn kommt. Bleibt der Mensch bis zu einem gewissen Punkt noch das Hauptmotiv, so wechselt das irgendwann, und ein Mensch scheint nur noch Beiwerk zu werden. Kommt es zu Beginn, einer kleinen Distanz, noch auf Hautreinheit (⚠ Achtung: hat für mich definitiv nichts mit dem Alter des Menschen vor der Kamera zu tun! ⚠) an, gerät zunehmend mehr der Fokus des Betrachters auf Proportionen und Perspektive. Weiter entfernend wechselt die Aufmerksamkeit immer mehr in Richtung gesamte Erscheinung. Dinge wie etwa Outfit und Accessoires (Ob Kleinteile wie Buch, Schirm, oder Pflanze und größere Objekte wie etwa Auto, Felsen oder Segelboot) buhlen um die Aufmerksamkeit mit dem Menschen. Das geht so lange, bis es das Gleichgewicht vollends kippt und der Mensch in der Bedeutungslosigkeit verschwindet. Worauf kommt es also an?

Wie immer kommt es in erster Linie und letztlich auf die Bildaussage an. Was möchte ich mit meinem Werk ausdrücken? Welche Botschaft soll es beinhalten? Welchem Gefühl will ich Ausdruck verleihen? Daraufhin folgt die Überlegung, ab welcher Distanz es unmöglich wird, gewisse Gefühle zu vermitteln, weil zu viel des Guten gewollt war? Inwieweit kann ich ein Gefühl mit einer Pose und einem Blick oder einem abgewandten solchen erzeugen? Es gibt kein Patentrezept dafür, zumindest ist mir keines bekannt. Ich kenne eine Reihe von Bildern bekannter Fotografen und einiger Geheimtipps, die keinem Muster für Entfernung zwischen Fotograf und Model entsprechen. Gut so. Meine ich. Denn jeder dieser Highlights (damit sind jene meiner ganz persönlichen Ansicht nach gemeint!) birgt eine andere Distanz zwischen Fotograf und Mensch. Was diese Bilder ausmacht, ist ein Gefühl der Begeisterung, das sie in mir auslösen. Sind manche Menschen weiter entfernt, manche näher, so kommt es vermutlich auf genau dieses Gefühl an, das sich auch am Set jeweils durchsetzt, denn ich stehe nicht da und denke vor einer Aufnahme über die Entfernung nach, sondern folge einer Intuition. Als ich vor über 30 Jahren mit der Fotografie begann, war es vermutlich manchmal anders, wie ich auch heute noch bewusst gewisse Parameter rein vom technischen Standpunkt her variiere, doch die intuitive Arbeit bleibt jene mit den gefühlvollsten Ergebnissen. Diese folgt manchmal auf die bewussten technischen Veränderungen, klar, aber letzten Endes gibt der Sucher das Preis, was ich fühle! Klick! 😊

Intermezzo: Ein Baum ist ein Baum, oder vielleicht doch nicht? [77]

Was sehe ich – Was ist da?

Vorhanden ist Subjektivität. Jeder persönlich hat seinen eigenen Standpunkt. Jede unterschiedliche Person, wie auch jede einzelne Instanz. Zunächst ganz ohne „RICHTIG“, ohne „FALSCH“. Es ist das, was es ist! Doch was ist es? Ist es das, was Du erkennst oder das, was Du erkennen willst, solltest, darfst, musst?

Ein Baum ist ein Baum. Ein Baum besitzt Attribute. Ein Baum kann klein sein. Er kann groß sein. Bereits ab diesem Adjektiv beginnt es: Was bedeutet für Dich klein? Was bedeutet für Dich groß? Der Baum ist, wie er ist, er weiß nichts von Größe. Du kannst es ihm sagen, er versteht Dich nicht. Ein Baum kann belaubt sein oder sein Winterkleid tragen. Er kann das Licht der Sonnenstrahlen durchlassen oder Schatten spenden. Was ist für Dich gerade das Richtige?

Ist es ein heißer Sommertag, die Luft scheint zu glühen, kein Lüftchen bewegt sich? Keine Wolke ist am weiten, blauen Himmel zu sehen. Du stehst in der Nähe eines riesigen Baumes. Was denkst Du?

Es ist Winter, eine klirrende Kälte macht sich breit, Deine Kleidung wärmt Dich ob der tiefen Temperaturen nur mäßig. Der Himmel ist blau, soweit das Auge reicht. Du stehst im Windschatten nahe eines Baumes. Keine Blätter zieren ihn. Was denkst Du?

Es ist Sommer. Du liebst Dein Haus am Hang mit Blick auf die historische Altstadt. Deshalb hast Du schließlich dieses Grundstück gewählt. Deine Nachbarn unterhalb lieben die Natur, sie leben in einer tiefen Verbundenheit zur Botanik, bepflanzten vor Jahrzehnten schon ihren Garten mit seltenen, wunderschön blühenden Bäumen. Diese sind mittlerweile so groß geworden, dass Du Deine Blicke auf das Leben und Treiben in der historischen Altstadt nur noch sehr eingeschränkt schweifen lassen kannst. Was denkst Du?

Ein Baum ist ein Baum. Er weiß nichts von Beziehungen zu anderen Wesen.

Du hast ein tolles neues Auto gekauft. Hast lange dafür gearbeitet, gespart, gesucht, bis Du es schließlich geschafft hast. Es ist nun Dein Wagen. In der Stadt nahe Deiner Eigentumswohnung sind die Parkplätze sehr rar, es gibt Parkausweise für bestimmte Bereiche. Davon besitzt Du schon längst einen. Eines Morgens im Spätsommer kommst Du zu Deinem Auto. Es ist überzogen mit einer dünnen, aber sehr klebrigen Schicht, die sich kaum ablösen lässt. Du bist erst erschrocken, auch erstaunt, zunächst ratlos, dann gehen Deine Blicke nach oben.

300 Jahre zuvor. Es regnet. Die Bewohner der Stadt, die damals noch Dorf war, sitzen zusammen, überlegen, was sie machen wollen, denn jedes Mal, wenn sie zum Bäcker am Ende der Straße gehen wollen und das Wetter es nicht gut mit Ihnen meint, sind sie nass und beginnen zu frieren. Das könnte man doch ändern. Sie überlegen gemeinsam und kommen zu einer einfachen und kostenlosen Lösung: Sie gehen in den Wald, suchen sich einige Lindensämlinge und pflanzen sie voller Stolz auf ihre Straße. Einige Jahre später ist ihre Aktion von Erfolg gekrönt. Ein Weg, nahezu trocken zum Bäcker und zurück.

Ein Baum ist ein Baum. Sonst nichts. Für Dich kann er mit vielen Attributen belegt werden, er kann für Dich individuelle Eigenschaften besitzen. Er kann Schutz bieten oder ein Ärgernis sein, er selbst jedoch weiß davon nichts. Du zunächst vielleicht auch nichts. Bis man Dir sagt, was es sein könnte. Was darf, was soll, was kann. Und Du? Was reflektierst Du?

Was ist ein Baum für Dich?

Oder ein Mensch?

Oder ein Bild?

Oder eine Idee?

Warum ein Bild mehr kann [76]

Der Wille, Kunst zu erschaffen, das Vorhaben, auf einer Fotografie jene Gefühle eines Menschen sichtbar zu machen, die das Wesen ausmachen, dies ist ein Unterfangen, welches, mit Hingabe gestaltet, sich in eindrucksvoller Weise manifestiert.

Welcher Mittel bedarf es, dieses Gefühl in ein Bild zu transferieren? In meinen vorherigen Artikeln habe ich bereits dieses Thema angeschnitten. Dort ging es zunächst um die Bedeutung der Bildinhalte sowie der Bedingungen und Voraussetzungen bei der Erstellung eines Bildes. Ich fragte danach, was notwendig ist, um einem Bild eine Bedeutung zu verleihen, vielleicht eine Geschichte zu implementieren. Ist neben Model und Fotograf eine ganze Mannschaft aus Stylisten, Makeup-Artisten, Co-Fotografen und Assistenten notwendig oder reichen Fotograf und Model? Ist eine Kamera genug oder ist umfangreiches Equipment gefragt? Ist eine besondere Location eine unbedingte Voraussetzung oder ist diese untergeordnet? Sind das Outfit und Accessoires erst die Zutaten, die eine Bildaussage erzeugen oder sind sie obsolet? Hier im heutigen Artikel gehe ich einem weiteren, anderen Aspekt nach, nämlich der Bedeutung der Einstellung der Beteiligten. Was hat welche Auswirkungen? Welche Einstellung spiegelt sich in der Aufnahme wider, gezielt oder unwillkürlich, unweigerlich?

Vieles wurde bereits über die Wirkung berühmter Fotografien beschrieben. Einerseits waren es Kritiker und Journalisten, Künstler und Biografen, Kollegen oder Fotografen selbst, die ein Bild erläuterten, die Entstehung erklärten, die sinnierten über Wirkungsweisen auf die verschiedensten Betrachter. Auf der anderen Seite erfassen Menschen eine Bildaussage unter dem Einfluss ihres Erfahrungsschatzes sowie ihrer momentanen Stimmungslage. Dafür jedoch erschaffen die Künstler das Bild eigentlich und in erster Linie nicht, auch wenn eine Botschaft immer enthalten ist.

Wie könnte die Erstellung eines Kunstwerks, einer Fotografie, die den Anspruch hat, mehr als nur ein Foto zu sein, ablaufen? Zunächst wird ein Bild in der Vorstellung erdacht oder empfunden. Jemand erhält durch einen ganz beliebigen Reiz eine Inspiration. Das kann unter anderem ein Bild sein oder vielleicht eine Begebenheit. Eine Szene aus der Schönheit der Natur kann derart inspirieren, dass diese Empfindung einen wahren Pool an Ideen zur Bildgestaltung ergibt. Ein einziger Blick eines Menschen kann eine solche Tiefe erzeugen, dass das Gefühl darüber in schier unendlichen Facetten einen Widerhall erfährt, der die Grundlage ganzer fotografischer Reihen ergibt. Man begibt sich sozusagen auf die Suche nach dem Gral. 😊 [Das Gefühl beschleicht mich manchmal tatsächlich.]

Jenes daraufhin entstandene Gefühl will nun mit dem Ausdrucksmittel der Fotografie umgesetzt werden. Kommt bei einem Fotografen oder Model diese Idee auf, so wird für die Umsetzung der jeweils andere benötigt. Zu diesem Zeitpunkt entstehen unter anderem zwei essenzielle Zielsetzungen:

  1. Einen passenden Menschen für das Vorhaben zu finden ist nicht immer ganz leicht. Ein Partner wäre wünschenswert, der die notwendigen (Soft) Skills besitzt. Dabei geht es weniger um technische Fragen oder die Beherrschung derselben. Es geht mehr darum, eine Person zu finden, welcher die Idee und das Gefühl für die Umsetzung der Idee adäquat vorschwebt. Ein Partner, der sich in eine Idee hineinversetzen kann. Idee und Wesen der Protagonisten sollten möglichst gut zueinander passen, je besser wird das Werk.
  2. Die Menschen sollten während der Zusammenarbeit in der Lage sein, dieses Gefühl abrufen zu können, erkennen zu können. Aber nicht nur. Zu wissen, wie bestimmte Stimmungen erzeugt, unterstützt, verstärkt oder abgeschwächt werden können ist absolut hilfreich. Sicher ist gleichsam mit technischen Mitteln, wie etwa der Lichtsetzung oder der Perspektive eine Stimmung zu beeinflussen, doch das Hauptmerkmal liegt für mich in der Empfindung und Wiedergabe einer Stimmung, das Spiel von Mimik und Ausdruck, Blick oder Körperhaltung, gerade auch die Erkennung derselben, um anzuleiten, das macht eine effektive Zusammenarbeit aus. Sie entsteht unter anderem aus einer guten Kommunikation zwischen den Ausführenden.

Accessoires und Kleidung, ich nannte sie oben bereits, bleiben Stilmittel von entscheidendem Einfluss, das vermittelte Gefühl aber entscheidet für mich über Gedeih und Verderb. Es nutzen die ausgefallensten Klamotten nichts, wenn ein Gesichtsausdruck eine andere Geschichte erzählt. Die dramatischste Lichtsetzung hilft nichts bei der Suche nach einem Gefühl, wenn die Augen des Models auf eine andere Stelle der Story blicken und natürlich umgekehrt. Die falsche Perspektive der Kamera beschneidet einer exklusiven Mimik ihre Aussage um ihre vielleicht entscheidende Kraft. Wie man es auch dreht und wendet, es kommt auf eine gemeinsame Ebene an, auf der eine Zusammenarbeit fußt.

Wie erreiche ich eine solche gemeinsame Basis? Ab welcher Art von Bildern ist sie überhaupt notwendig? Wie so oft läuft ein Shooting nach dem immer gleichen Prinzip ab, dass gewiss jeder schon erlebt hat: es finden sich mindestens zwei Partner, die sich vorgenommen haben, Bilder zu erstellen, man spricht über Ideen und Vorstellungen, jeder bringt Vorschläge ein, und es wird fotografiert. Es entstehen mehr oder weniger gefällige Aufnahmen, die durch die Bildbearbeitung weiter behandelt werden, wodurch manch einer denkt, dass sie ein gewisses Niveau erreichen. Sie werden in einem der sozialen Netzwerke veröffentlicht, erhalten Likes und Kommentare, bis sie anschließend im Nirvana des www untergehen.

Sollte dies mit künstlerischen Bildern anders sein? Haben Aktbilder im www und anderen Kanälen eine deutlich höhere Halbwertszeit? Werden Bilder berühmter Künstler unterschiedlich wahrgenommen? Wie sieht es mit Deinen Werken aus? Sind 50 Likes, 500 Likes oder 5000 Likes Deine Währung? Oder reicht ein einziges Like von der „richtigen“ Instanz? Im vorherigen Abschnitt schrieb ich, dass ein Künstler in erster Linie die Bilder nicht erschafft, um Likes oder Berühmtheit zu erlangen. Sollte es zuerst ein Ausdrucksmittel sein, ein Ausdrucksmittel zur Vermittlung einer Idee, eines Gefühls, einer Botschaft? Ist Kunst ein Weg, dieses zu verwirklichen? Für mich ist es so!

Zurück zur Ausgangsüberlegung: Welche Voraussetzungen sind notwendig zur Erstellung einer künstlerischen Fotografie? Abseits der üblichen vielerorts verbreiteten Bilder von Menschen sind vielleicht eine stärkere Vorbereitung, eine tiefere Absprache, eine genauere Beschreibung der Ideen notwendig, vielleicht auch eine verständigere Harmonie unter den Beteiligten. Wohin der Weg und wie er verläuft, diese Leitfragen sollten ein gemeinsames Ziel darstellen, dann ergibt sich eine großartige Synergie. Das zu finden ist in Zeiten einer scheinbar immer schwieriger werdenden Kommunikationsfähigkeit nicht einfach! Aber möglich. Meine ich.