Die Zeit der Bilder [75]

Wir schwelgen in Bildern. Momente des Vergessenen besuchen unseren Geist, beflügeln unsere Erinnerungen, lassen uns unsere Gefühle erspüren.

Der Moment der Entstehung jener Aufnahmen, die wir einst mit Wehmut betrachten werden, unser jetzt, unser hier, die Gegenwart, ist fest eingebunden in einer tiefen Alltäglichkeit. Nichts lässt uns ahnen, welcher Moment, ja sogar welcher Zeitraum einst zur Bedeutung gereichen könnte. Wie auch, da wir hier und jetzt unserem Alltag stets gehorsam Folge leisten. Was für uns heute banale Realität ist, das kann morgen schon den Blick zurück zum herzerwärmenden oder herzzerreißendem Gefühle werden. Die Momente unserer Tage ähneln sich so sehr, dass dieses Funktionieren oftmals einer Trance zu gleichen scheint, die nur hin und wieder durch ein (un-) freudiges Ereignis und gewiss auch uns’ren Urlaub – die Zeit des Nichtstuns für einen Blick in unsere Seele- eine Unterbrechung, erfahren wird.

Manchmal aber, ganz selten, kommt es vor, dass wir uns unserer sehr bewusst sind. Wir werden uns gewahr. Wir begreifen einen einfachen und doch besonderen Moment in seiner Entstehung und verleihen ihm dadurch eine gesteigerte Aufmerksamkeit. Einige wenige dieser Augenblicke dokumentieren wir vielleicht, ganz gleich, welches Darstellungsmedium mit Hilfe welchen Werkzeugen (Kamera) wir uns dabei bedienen. Wir konservieren einen gelebten, erfahrenen Augenblick als Stütze für unser Gedächtnis, der uns dann wieder gewahr wird, in dem Moment, in dem wir das Werk ansehen. Wir erinnern uns. Ganz deutlich.

Was aber geschieht mit jeder unserer Erinnerungen. Vom Verblassen und Idealisieren ist die Rede, sie variieren dort, wo sich Eindrücke aus dem Hier und Jetzt mit dem Erlebten von damals vermischen. Davon erzählt ein Bild nicht. Erfährt so dein Erlebnis eine stetige Angleichung der Gefühle von einst und jetzt? Ganz ohne Wertung möchte ich es fragen, ich bin zeitlebens dieser Beobachtung auf der Spur und frage mich, welchen Einfluss sie auf unser jetziges Ich hat. Ein Bild hat einen dokumentarischen Charakter, es zeigt eine recht eindeutige Situation, zwar nicht das Danach und das Davor, aber den Ausschnitt des Moments.

Was dieses Bild (für mich) immer hervorrufen kann, ist das Gefühl dieses Moments, jene Empfindung, die herrschte, als die Aufnahme entstand. So wie ein Geruch dieses vermag, ein aufgesuchter Ort und noch viel stärker die Musik. Eine Freude oder ein Schmerz wird wach bei der Betrachtung eines Bildes, nicht ganz unabhängig vom Motiv sicherlich, doch die Szene, der Ort erinnert, gewährt den Gefühlen von damals erneut Einzug in mein Empfinden. Ein Stich im Herzen oder ein Zusammenziehen im Bauch, Gänsehaut oder tiefe Wärme kann die Reaktion sein, die mich aufhorchen lässt, die mich auffordert zu fühlen, zu spüren, was war und was ist.

Von alledem weiß die Gegenwart noch nichts. Sie lebt, sie agiert und reagiert, und je jünger ein Mensch ist, desto seltener kommen solche Gedanken darüber auf. Wie sollte es ein jüngerer Mensch auch ahnen, liegt schließlich noch viel mehr Leben vor ihm, als hinter ihm. Nur ganz selten bekommt man eine Ahnung davon. Es sind manchmal die außergewöhnlichen Momente, aber auch scheinbar völlig triviale Szenen. Es kommt darauf an, sich zu hören, nicht nur die lauten Schreie, sondern die leisen Töne, die vielleicht viel tiefer gehen, als ein noch so lauter Schrei.

Ein Foto aus einer Zeit, von damals, von früher, aus einer Zeit, in der die Gefühle so waren, wie…….?

Wie?

Wie jetzt, vielleicht ist jetzt dieser Augenblick, der später einmal dieses Gefühl in Dir sein wird, in ferner Zukunft, bei deiner Betrachtung des Bildes von heute…. Was fühlst Du?

Phantasie, und nicht Kopfkino! [74]

Aktfotografie, Teilakt oder verdeckter Akt? Ein Mensch befindet sich nackig vor einer Kamera. Er befindet sich nackt vor dem Fotografen und im Besonderen nackt vor sich selbst. Ohne Hüllen oder Verkleidung, so wie man ist, nichts ist zunächst versteckt durch Bekleidung oder Accessoires, Schatten oder Blickwinkel.

Der Ort der Bilderschaffung kann ein Studio sein, schön kann auch Outdoor sein, in der freien Natur, dabei abgeschieden oder auch nicht. Diese Aktfotografie kann auf vielerlei Weise erstellt werden, und es gibt nachher unendlich Raum für Interpretationen bei der Betrachtung des Bildes. Für mich selbst ist diese Art der Fotografie weder ein Tabu noch etwas, das ich bevorzuge. Es spielen einige Dinge eine größere Rolle als bei herkömmlichen Shootings, andere sind exakt die gleichen, das Vertrauensverhältnis zwischen Fotograf und Model ist immer etwas Besonderes. So weit habe ich oberflächlich einiges angerissen, jeder Mensch hat seine eigenen Vorstellungen darüber.

Etwas, das mich jedoch in diesem Zusammenhang immer wieder beschäftigt ist eine eher philosophische Frage, bzw. eine Begrifflichkeit, die ich bei einem Shooting vor einiger Zeit mit meinem Model diskutierte. Wir sprachen über das Thema Aktfotografie, sie wünschte sich ein solches Shooting und wir trafen uns dazu in einem Studio. Begonnen haben wir zunächst mit Lifestyle – Bildern. Wir kannten uns bis dahin noch nicht und konnten so erfahren, wie wir zusammen arbeiteten und etwas über unser Verständnis von Posen und Bildwirkung, von Gefühlen und wie sie auf den Fotos wirken. Dann sollte es zu den Akt – Bildern kommen und wir stimmten uns ab, bevor wir einige für uns sehr gelungene Aufnahmen verwirklicht haben. Bei diesem Gespräch kamen wir logischerweise auf unsere Vorstellungen von geschmackvollen Akt – Bildern und beschrieben unsere Ideen und Darstellungswünsche sowie die möglichen Wege diese zu erreichen.

Wir kamen relativ schnell darüber überein, dass ein verdeckter (Teil-) Akt für uns in diesem Moment mehr Raum für Interpretationen, für Fantasie und Kreativität, für Neugierde und Spannung lässt als zunächst klassischer Akt. Dabei erläuterte ich meine Gedanken, nämlich dass eine im Licht oder Schatten versteckte unbekleidete Körperpartie wunderbar und mit Leichtigkeit eine Spannung im Bild erzeugen kann, dass die Vorstellung beim Betrachter unendlich Raum lässt für seine eigenen Gedanken und Gefühle. Die pure Nacktheit kann ebenso ihren Reiz haben, durch bestimmte Posen und Blickwinkel kann man ungemein ästhetische Wirkungen erzielen, und klassischer Akt heißt nicht gleich freizügiger Akt, wo es oftmals nur um die Abbildung rudimentäre Schlüsselreize zu gehen scheint. Durch das, was auf einem Bild sichtbar ist, vereint mit dem, was unsichtbar oder nur angedeutet bleibt, bietet ein Bild für mich eine große Freiheit an Betrachtungsweisen. Es gibt, so beschrieb ich meine Idee bei dieser Art der Darstellung, so viele Nuancen und Optionen, dass es eine ungemeine Bereicherung für ein Bild sein kann. Daraufhin entgegnete sie: „Ja, Kopfkino!“

Das verwirrte mich in diesem Moment. Nicht, dass mir dieser Begriff unbekannt sei, aber ich erfragte, wie sie diesen Begriff meinte, worauf sie meinte, ja eben Kopfkino. Da wir uns in der Sache aber einig waren und neben klassischen Akt – Aufnahmen auch die eben beschriebenen machen wollten, hakte ich nicht weiter nach. Doch es beschäftigte mich auch einige Tage und Wochen später noch immer mal wieder. WARUM?

Geht es nur um die Begrifflichkeit? Ich interpretiere da viel mehr hinein. (Ganz gleich, ob es vielleicht zu viel ist und es der Mehrzahl der Menschen einerlei ist, wie das Kind heißt.) Gestern meinte ein Model zum Thema Akt oder nicht Akt, dass die meisten jungen Männer (18-25 Jahre alt) in ihrem Wirkungskreis ein deutliches Appetenzverhalten an den Tag legten. Die Bedeutung von schön weicht bei überdurchschnittlich vielen dem Gefühl von „geil“ in seiner eigentlichen Bedeutung. Das aber nur am Rande. Für mich liegen Welten zwischen meinem Verständnis von Kopfkino und Phantasie. Dabei siedel ich meine Wertung dieses Begriffes in ästhetisch – moralischer Hinsicht weit unter dem der Phantasie an. (Da ist die Wertung im Geist schon wieder😉) Phantasie hat etwas mit Darstellung und Anmut, mit Zauber der Schönheit und Erhabenheit zu tun, während Kopfkino sich für mich viel mehr aus der Begrifflichkeit „Kino“ erklärt, die immer ein bewegtes Bild meint, eine Aktion suggeriert, die nicht die Passivität in einer Begeisterung und Hingabe an eine Schönheit erlaubt, sondern ein aktives und fortschreitendes Szenario beinhaltet. „Was würde ich machen, wäre ich in der Szene?“

Dies beschreibt den Unterschied ganz gut für mich, denn eine Bewunderung ist nicht gleichzusetzen mit einer Reaktion oder Handlung, meine ich, und genau das suggeriert mir dieser Begriff „Kopfkino“. Wie siehst Du es? Reagiere ich vollkommen überzogen oder gibt es da für Dich eine andere Erläuterung? Was geht in Dir vor, wenn Du Dir solch ein Bild vor Augen führst? Alles viel zu philosophisch? Alles nur Lust? (Sowieso, und Passion natürlich…) Würde mich freuen über Deine Meinung! 😊

P.S. Mein Model auf dem Bild hat nichts mit dem Inhalt der Fragestellung zu tun… ☺

Entwicklung [73]

Schon Jahre, nein, Jahrzehnte lang nehme ich Teil am Spiel der Eitelkeiten, oder auch: am Spiel ‚mit‘ den Eitelkeiten‘. Wie viele Worte über Aussehen und Wirkung, über Schönheit und Ideale, über Unzulänglichkeiten und Makel, über Anerkennung und Unsicherheit wechselte ich mit vielen, vielen Menschen. Und dennoch, es gibt (vielleicht noch) kein Fazit von mir. So wenig, wie es einen Konsens über die Schönheit der Äußerlichkeiten an sich gibt. Narziss lässt grüßen.

Jedem einzelnen dieser schönen Menschen widmete ich einen Teil meiner Zeit und meiner Aufmerksamkeit. Diese Aufmerksamkeit widmete ich ihnen nicht nur während der gemeinsam verbrachten Zeit, sondern auch darüber hinaus. Zeiten, in denen ich über Worte und Taten, über Wünsche und Ängste, über Träume und Ziele und deren Verwirklichung bei diesen Menschen nachdachte, die wir zuvor in unseren Gesprächen zum Thema machten. Auch deshalb beschäftige ich mich gerne mit diesen Eindrücken, um bei unserer nächsten Zusammenkunft vielleicht in der Lage sein zu können, die richtigen Fragen zu stellen.

Interessante Sichtweisen erfuhr ich immer wieder, wurde oftmals überrascht von den tatsächlichen Gefühlen dieser Menschen, die so schier unendlich weite Welten in sich bargen, in ihren Gedanken zwischen Wahrnehmungen und Wirklichkeiten. Und Letzteres steht hier ganz bewusst im Plural. Auch, wenn bei einem ersten Treffen für ein Fotoshooting noch nicht alle Gedanken über Außenwirkung frei geteilt werden, so geschieht doch im Laufe der Stunden durch die ständige Beschäftigung mit dem Aussehen und der Wirkung dessen genau das. Es ist schließlich nicht verwerflich, denn was sonst als die positive und gerichtete Ausstrahlung eines Menschenkindes wird auf einem Foto gezeichnet.

Jede einzelne dieser Begegnungen trug ihren Teil zur Bildung meiner Erfahrungen bei, jede einzelne sorgte beständig für Veränderungen und Revisionen in meinen Ansichten. Andere Treffen erzeugten in mir ein verblüffendes Erstaunen, wieder andere mauerten viel zu schnell ein Dogma, das wir nur langsam durch intensive Begegnungen widerlegen konnten. „Nichts ist, wie es scheint.“ mochte ich wiederholt ausrufen und dennoch zeigte sich mit der Zeit immer deutlicher: Viel mehr ist, wie es scheint, wenn man nur genauer hinsieht.

Es gibt für mich keine Prototypen eines menschlichen Wesens. Vom Verhalten der Menschen her werde ich zwar immer wieder dazu verführt, dies zu glauben, tappe immer wieder in die Falle etwas Bestimmtes zu erkennen, doch erst einen Moment später gelingt mir die Wahrung der nötigen Distanz, um nicht einen Menschen in eine bestimmte Schublade zu manövrieren. Sicher sind wir uns alle ähnlich in unseren Reaktionen und Gedanken, Gefühlen und Ängsten, Wünschen und Neigungen, doch sie sind bei jedem von uns individuell. Auch dann, wenn Eitelkeiten und der Wunsch nach Akzeptanz tief in uns verwurzelt ist, wir so oft so viel häufiger instinktiv reagieren, als uns lieb ist, so sind wir doch denkende Individuen, die wir unser Verhalten kognitiv steuern können, wir durch Vernunft unsere archaischen Gefühle so lenken können, dass wir andere Menschen nicht bedrängen.

Was möchte ich eigentlich mit dieser Einleitung sagen? Es geht mir darum zu beschreiben, dass jeder von uns eine höchst eigene Wahrnehmung seiner Persönlichkeit besitzt, und diese nicht durch Außenstehende einer Reduzierung auf die aktuell geläufigen Schemata und Schablonen beschränkt werden sollten. Auch dann nicht, wenn scheinbar bekannte und immer wieder sich wiederholende Verhaltensweisen ein Muster implizieren. Es steht immer eine dem Menschen eigene Entstehungsgeschichte dahinter. Es bildete sich eine eigene Kombination von Gefühlen und Wahrnehmungen, die vielleicht in ein beliebiges und bekanntes Verhaltensmuster mündet, aber in ihrer Bedeutung nicht dem uns bekannten Inhalt entsprechen muss. Daher gebietet es unsere, meine Art der Betrachtung eines Menschen die eventuell vorhandenen Muster zwar zu erkennen, aber dann zu durchbrechen und sich ohne Vorurteile selbst bekannten Verhaltensweisen zu nähern. Nicht immer leicht, suche ich als menschliches Wesen seit Jahrtausenden doch schon immer und überall nach Mustern, um mir die Welt zu vereinfachen, zu verstehen, mir Sicherheit zu verschaffen.

Das nur zur (zu meiner eigenen) Erinnerung! Sei offen und freigeistig!