Assoziationen [71]

Assoziationen zu Bildern, Worten und Gerüchen bilden sich in jedem Menschen innerhalb vom Bruchteil einer Sekunde.

Was ist eine Assoziation? Ist es eine Verbindung von einer Wahrnehmung zu einem bekannten Gefühl? Was nehmen wir Menschen wahr, was erreicht uns zuerst, wenn uns etwas erreicht? Auf welchem Weg, welcher Rezeptor leitet die Reize in unser Wahrnehmungszentrum? Und damit stellt sich die essenzielle Frage: Wo liegt dieses Zentrum? Im Kopf? Im Bauch? Im Herzen? An jedem dieser Orte? Hintereinander oder zugleich? Unterschiedlich intensiv und nachhaltig?

Eine Assoziation bildet sich blitzartig, bleibt mal länger, mal kürzer in uns, sie wird gerne von unserem Verstand kontrolliert und versucht einzuordnen. Welche deiner Assoziationen sind dir bekannt und bewusst? In welchen Bereichen weißt du um deine Verknüpfungen und vielleicht sogar etwas über ihre Herkunft? Wenn du einige Assoziationen mit je einer Erfahrung verbinden kannst, gibt es darunter solche, die du magst, also die ein gutes Gefühl erzeugen und solche die du aufgrund schlechter Gefühle ablehnst? Sind deine dir bekannten Verbindungen aufgrund eines einzigen Erlebnisses entstanden oder waren es derer mehrere?

Gibt es bei dir -ebenso wie bei mir auch- Verbindungen, die Assoziationen zwischen den Wahrnehmungsebenen zulassen? Hast du vielleicht Bauchschmerzen beim Hören ganz bestimmter Musik? Spürst du eine wonnige Wärme beim Riechen bestimmter Düfte?

Schier unerklärlich kommen manche Gefühle in uns auf. Wir spüren vielleicht eine totale Tiefenentspannung, und wir können uns im ersten Moment nicht erklären, woraus und warum dieses Gefühl entstand. Ein ungutes Gefühl ist gleichwohl denkbar und wir ahnen nicht, woher es kommt, möchten es regelmäßig jedoch loslassen, suchen zu ergründen, wie es entstand, um es demnächst zu vermeiden.

Fotografien können Träger stärkster Emotionen sein. Aber Bilder können auch ein Exempel der Belanglosigkeit darstellen. Bei jedem Betrachter wecken sie unterschiedliche Assoziationen, auf Bildern mit Darstellungen von Menschen und ihren Ausdrücken spielen viele Faktoren eine Rolle, als stärkster gilt der Gesichtsausdruck. Wir Menschen haben gelernt, welche Gesichtsausdrücke was verheißen, schließlich sind wir als soziale Wesen auf ihr Funktionieren angewiesen, da wir sonst Isolation erfahren. Das aber möchten wir definitiv vermeiden.

Gilt es also zu ergründen, welche Gesichtsausdrücke welche Assoziationen in uns erzeugen, vielleicht noch einen Schritt weiter zu gehen, und die Entstehungsgeschichte derer zu beleuchten, wenn wir verstehen wollen, warum wir wie empfinden. Fotografie kann ein Weg sein. Meine ich. Was ist es für Dich?

Dein Mund [69]

Ein Bild, eine Fotografie! Ich blicke auf sie.

Das Bild zeigt einen Menschen. Es wurde vielleicht mit einem Handy fotografiert (Kosten des Gerätes: 150 Euro), oder mit einer Mittelformat – Kamera (Kosten des Gerätes: 36.000 Euro). Vielleicht mit einer Abbildungsmaschine, deren Wert irgendwo dazwischen liegt. Das Bild zeigt einen Menschen. Hintergrund ist ebenfalls vorhanden. Je nach Location:

  • das weite Meer und seine wilde Küste vom Deck einer Segelyacht
  • die schroffen Felsen der irischen Steilküste
  • das Blumenmeer in Bodnant-Gardens
  • die duftenden Lavendel-Felder der Provence
  • eine wilde Ritterburg an der sanften Mosel
  • eine Ruine in zerklüfteten Steinfeldern am Mittelrhein
  • zerfallene Dorfhäuser in den grünen Bergen oberhalb des Lago Maggiore
  • das Dach eines Wolkenkratzers mit Skyline

wenn es Outdoor ist.

Indoor ist es natürlich ebenso denkbar:

  • ob vor neutralem Hintergrund
  • einem wunderschön künstlerisch gestalteten Hintergrund von Sarah Olifant
  • eine moderne Hotelsuite
  • ein Bauernhaus in der Normandie
  • ein Tunnel mit Graffiti von Herrn Geigi
  • eine ehrwürdige Bibliothek in Cambridge

Die Aufzählung, so vielfältig sie hier schon ist, so schier unendlich viele Ideen mehr bestehen.

Equipment, das einen Kleintransporter füllen könnte, wurde vielleicht mühsam aufgebaut, gab es am Ort des Geschehens, am Set eine kleine Mannschaft, bestehend aus MUA, Stylisten, Hairstylisten, Helfern für das Lichtsetup, einen oder 2 Personen, die den Squatter richten und nachführen, jemanden für die Bedienung einer Windmaschine, und so weiter? Gab es eine Auswahl an Haute Couture Kleidungsstücken?

Ich betrachte das Bild. Es ist ein Mensch zu sehen. Auf dem Bild ist ein Hintergrund zu erkennen. Ist das Bild vielleicht ein Schnappschuss? Ist es gar ein Streetportrait? Ist es ein Bild, das an keiner bestimmten und besonderen Location geschossen wurde, vielleicht am Ufer eines Flusses am Rande einer Urbanität? Gab es nur das Tageslicht, ohne jede weiteren Hilfsmittel, ohne zusätzliche Beleuchtung? Zeigt es einen Menschen, der überhaupt nicht zurechtgestylt wurde, der vielleicht morgens früh aus dem Bett gehüpft ist, kurz die Haare wuschelig machte und dem Fotografen so begegnet und gegenüber getreten ist? Ein Bild wie aus dem alltäglichen Leben?

Ich betrachte ein Bild. Es ist ein Mensch zu sehen. Es gefällt mir. Ich kann einen Hintergrund erkennen. Ich sehe länger hin, das Bild zieht mich an, ich weiß nicht, warum. Ich sehe noch etwas länger hin und werde, je länger ich hinblicke, immer faszinierter davon. Was ist es, das mich fast magisch anzieht? Ich finde das Licht schön. Es könnte mutmaßlich ein früher Sommermorgen gewesen sein, an dem das Bild entstand. Die Haare umschmeichelt ein leichter Schimmer aus Sonnenlicht von hinten, diffus und weich umschließt das Licht den Kopf. Die Augen blicken – fast unmerklich – den Betrachter an, fast wie von Angesicht zu Angesicht. Ein Bild, welches in meiner Wahrnehmung einen starken Widerhall erfährt.

Ich überlege, versuche dieses Gefühl zu ergründen. Es ist mir zwar nicht wichtig unbedingt zu erfahren, warum es so ist, es ist schon überragend, dass es einfach so ist. Ich freue mich. Ich komme zu keinem Schluss. Es ist immer noch nicht wichtig. Mein Kopf sucht aber findet nicht. Vielleicht war es nur eine Kleinigkeit, die mich fesselte. Die Haare? Der spielende Wind in ihnen? Der Blick, scheu und doch lasziv, nah und fern, offen und ruhig, frei und stark? Die Wangenknochen in ihrer deutlichen Zeichnung und Kontur? Der Mund? … Ja, der könnte es sein… vielleicht … eine klitzekleine Aussage durch die Form der Lippen und die kaum merkbare Öffnung derselben. Ja, es könnte sein. Welch ein Bild!

Und ich sehe nichts von seiner Entstehung. Ich interpretiere. War das Team am Werk oder trafen sich nur Fotograf und Mensch vor der Kamera? Spielte sich das Shooting auf dem Klipper „Sea Cloud II“ vor der Küste der Insel Madeira ab oder auf dem Balkon eines Mietshauses von Düsseldorf – Garrath? Wichtig?

Eine Geschichte um ein Bild – Um ein Gefühl, das entstand.

P.S. Hat übrigens nichts mit dem Bild oben zu tun. 😊