Lebenswerk [62]

Und wenn du doch dein ganzes Leben einer Sache folgst, sie dir scheinbar ebenso beständig folgt, und du dir immer schon, heimlich vielleicht, und es niemals so ganz vergegenwärtigen wolltest, immer schon ein Stück weit im Ungewissen darüber warst, ob diese Sache ein Teil von dir werden wird, du ihr aber in allen Lebenslagen wieder und wieder begegnetest, was zählt sie, diese Sache, von der du weißt, dass du sie immer wieder in dir spüren kannst, sie vielleicht schon längst ein Teil deiner selbst geworden ist, du es jedoch nicht wahrhaben willst, weil – ja warum eigentlich nicht?

In einer Sache hast du Erfahrungen. Erfahrungen aus dem Leben. Nichts Erlernbares ist es, nichts, was jedermann mit einem Lehrberuf oder einem Studium erlernen könnte. Nein, diese Erfahrungen erlernt man nur durch leben, durch Irrtum und Wahrheit, durch Scheitern oder Obsiegen, durch Sein und Handeln, durch Innehalten oder Verweigern. Reaktionen formen dich, so wie einst die Herdplatte dich lehrte, in eingeschaltetem Zustand nicht die Hand aufzulegen.

Durch wen oder was erfährst du diese Reaktion? Durch ein organisches oder anorganisches Element, ein Lebewesen, eine Sache, eine Instanz, eine Vorstellung oder Idee? Die Größe, die Macht einer Vorstellung, die Wertigkeit einer Idee besteht vor allem in deiner eigenen Vorstellung. Nicht, dass eine Herdplatte in eingeschaltetem Zustand nicht deine Handfläche verbrennen würde, aber die Idee der heißen Platte befindet sich in dir und du kannst dich ihr nähern, bis zu dem Punkt, an dem aus wohliger Wärme eine schmerzhafte Hitze wird.

Was bekommt Ihr angezeigt?

Im Reader finde ich manchmal einen Zeitsprung. Ich habe, wie jeder nachschauen kann, der mag, mehr als diese beiden Blogger abonniert und ich denke nicht, dass unter all den Menschen 13 Stunden lang niemand etwas veröffentlicht hat. 😢😂

Wie sieht es bei Euch aus, auch solche Sprünge im Reader? 😟

Freundliche Grüße und ein schönes Wochenende ab morgen…

Du [61]

Ich sah dich so, wie du nie warst. Ich spürte dich so, wie du dich nie fühltest. Ich hörte Worte, die du nie sagtest. Sprachest du Worte, so verstand ich sie nicht.

Ich sah dich so, wie du nie warst. Ich fühlte dich nie, wenn du mich brauchtest. Ich hörte dich dich nie, wenn du schweigtest. Riefst du mich an, so vernahm ich nur Laute.

Ich sah dich so, wie du nie warst. Ich umarmte dich, wenn du fliegen wolltest. Ich ließ dich schweben, wenn du Halt suchtest. Wenn du dich anlehntest, war ich der Fels.

Ich sah dich so, wie du nie warst. Ich machte dir ein Geschenk, wenn du geben wolltest. Ich baute dir ein Haus, wo du ein Himmelszelt suchtest. Du zeigtest dich bloß, ich suchte für dich Kleider.

Ich sah dich so, wie du nie warst. Wenn ich mein Leben nach mir ausrichtete, so fändest du einen Pol. In uns hätte jenes erblühen können, dessen Same wir in uns trügen. Doch du sahst mich so, wie ich nie war.

(Text 1981, Foto 2018)

Erhaben [60]

Sinne liegen als Schlüssel zur Erfassung unserer Welt bereit. Wir nutzen sie verschiedentlich sehr unregelmäßig, ihrer Bedeutung willen schreien uns manche ins Gesicht, andere flüstern fast unhörbar zu uns.

Der lauteste Sinn unter all deinen Sinnen ist das Sehen. Er scheint allgegenwärtig. Er dominiert uns massivst, während man glauben kann, dass andere Sinne unter seiner Wirkung unterzugehen drohen. Das Gehör, als nächst wichtigster Sinn ist da schon etwas leiser, bedarf es schließlich einer gesteigerten Aufmerksamkeit, um das Gehörte zu seiner Wirksamkeit und seiner Deutung zu geleiten. Die anderen uns geläufigen Sinne, das Riechen und Schmecken, zuletzt der Tastsinn sind solche, die, wenn nicht durch ein Übermaß an Reiz eindringlichst hervorgehoben, einer offenen Art bedürfen, um im Zusammenspiel aller Sinne ihren Beitrag zum Gesamtbild zu ergänzen.

Wie funktionieren wir Menschen, wenn wir etwas wahrnehmen, etwas, das von außen kommend einen Eindruck in uns hinterlassen wird? Welche Wahrnehmung erreicht unser Gehirn, was wird ihm zugetragen, wodurch und in welcher Weise? Ist es unser allbestimmender Sehsinn, der ein erstes Bild transferiert, aufgrund dessen wir ein Vor – Urteil formen, welches nur sehr mühsam durch die Informationen der übrigen Sinne richtig gestellt werden kann? Ist es unser Gehör, das die Worte und Geräusche wahrnimmt und diese Wahrnehmung unserem Gehirn darbietet, wo diese in Reaktionen, in unsere Handlung münden?

Welche Rolle spielen die anderen Sinne. Was bedeutet es, wenn wir einen Menschen nicht riechen können? Welche Bedeutung hat unser Geschmackssinn? Was heißt es, wenn du jemandem einen schlechten Geschmack attestierst? du schmeckst ihn in den seltensten Fällen tatsächlich, oder? ☺ Bleibt noch der Tastsinn. Kennst du das Gefühl, das dich nahezu elektrisiert, dein Herz höher schlagen lässt, wenn Du einen Menschen berührst, für den du eine tiefe Zuneigung empfindest?

Ist es schließlich ein Zusammenspiel all unserer Sinne, deren Signale auf eine Armada aus Erfahrungen und Erlebnissen, von Schlüssen und Mutmaßungen, von Regeln und Sitten, von Vorstellungen und Meinungen, von Ideen und Zielen, von Angewohnheiten und Bedenken, von tiefsten inneren Ängsten und Sehnsüchten trifft?

Unnahbar [59]

(Text 1979 Foto 2018) Du sagst, du liebst mich. Es sei nur so schmerzlich schön. Ich brächte die Saite deiner Liebe zum Klingen, auch wenn Du sie ganz fest mit Deinen Händen umschließt.

Du befürchtest, sie könne reißen, du hältst sie daher beständig fest. In deinen Händen, damit es nicht geschieht, während du ahnst, du verwehrst ihr damit die Chance zu klingen. Du hörtest von der Gefahr, sie könne reißen.

Doch sie zu halten verliert den Klang ihrer selbst, und du wirst vielleicht niemals erkennen, dass unseres Herzens Saite nicht nur aus einem Faden die Klänge der Liebe verschenkt, sondern es derer viele sind, die trotz einiger versehrter Fäden den Klang niemals so ganz verliert, ja vielleicht durch jene Fäden, die einst nicht hielten, was sie versprachen, erst den vollen Klang der Liebe wiederzugeben vermögen.

Niederschrift [58]

Schreiben, auch als eine Konversation mit sich selbst, an andere, für andere Menschen, nicht mit dem Handy oder am Rechner, sondern mit der Hand. „Warum mit der Hand?“, fragst Du Dich? Was ist anders, als mit der Maschine zu schreiben?

Vieles ist für mich anders, wenn ich den Füller ✒ in die Hand nehme. Ich blicke dort hin, wo etwas niedergeschrieben wird. Nicht an einen Monitor oder Bildschirm, nicht auf ein Display. Ich sehe dort hin, wo die Buchstaben und Worte entstehen. Ferner suche ich keine Buchstaben auf einer Tastatur, springe mit meinen Augen nicht kontinuierlich zwischen Bildschirm und Tastatur hin und her, suche nicht Buchstaben, lösche nicht falsch getippte Buchstaben und Worte, verbessere nicht ständig von der Autokorrektur veränderte Worte, sondern die Schrift entspringt meiner Hand.

Im Fluss des Schreibens verfasse ich sowohl Sätze, die schon in meinen Gedanken vollständig erschaffen wurden und nur darauf warten, zu Papier gebracht zu werden, als auch Sinninhalte dergestalt, und das ist für mich besonders, als dass immer wieder Gedanken zwischendurch entstehen, während ich noch an einem Teilsatz schreibe, wodurch ein Inhalt selbst eine zusätzliche Bedeutung erfährt. Diese Gedanken und Ideen entstehen, während ich die Zeit brauche, Worte und Sätze zu notieren, manchmal nach Worten suchen muss, eine Bedeutung überprüfe oder eine Formulierung noch im Satz verändere. Durch die Langsamkeit des handschriftlichen Schreibens verselbständigt sich manchmal der Inhalt und ich dringe in Gedanken und Gefühle vor, die mir zu Beginn des Schreibens nicht präsent waren.

Durch die Schwingungen des Schreibgerätes scheint alles zu fließen, es ist, als tauchte man ab oder hebe sich über den Text hinaus in die Gedankenwelten, wo ich ihnen im Wort und Satz gegenüber treten kann. Während des Schreibens mit der Hand vertieften sich bei mir oftmals die Gedanken, dürfen manchmal sogar kurz abschweifen, während Worte auf dem Papier zu Sätzen werden.

Vermag ein Schreiben mit Schreibschrift durch die Art des Schreibens und der Aufmerksamkeit auf dem Papier an der Spitze des Füllers zu tieferen Gedanken zu führen, als es die mechanische Nutzung der Tasten einer Maschine oder des swypen auf dem Handy kann? Wer schreibt überhaupt noch nach seiner Schulzeit mit der Hand? Briefe, Postkarten oder Grußkarten möglicherweise, und wenn ja, wie oft noch? Kannst Du noch einen längeren Text mit der Hand schreiben? Besitzt Du überhaupt einen Füller oder eine Feder oder maximal einen Kugelschreiber? Bleistift? Fineliner? Glasfeder und Tuschefass? Wann bekamst Du zum letzten Mal einen handschriftlichen Brief? Und wie ist Deine Schrift? Schönschrift oder „Sauklaue“? Sehr spannend, meine ich, im Zeitalter von Mail und App.