Ausbrechen [51]

Ist ein Fotoshooting manchmal wie ein Urlaub von der alltäglichen Trance, in der wir so vorbildlich vorschriftsmäßig funktionieren?

Schaffen wir während einer Foto – Session eine Loslösung aus unserem betäubten Dasein, der funktionalen Existenz, hinein in unsere innere Unbeschwertheit? Existiert diese Unbefangenheit überhaupt noch? Sind wir möglicherweise nur noch konform? Gelingt uns bei der Reise in eine fotografische Idee mal anders zu sein vor der Kamera, nämlich mal nicht in einhundert prozentiger Kontrolle unseres Daseins zu bleiben, stattdessen im Verlauf des Shootings ein Bild von uns zeigen zu können, dass wir sonst unter unendlich vielen öffentlichen Gesichtern viel lieber möglichst tief verbergen, uns viel lieber verstecken?

Kann es dazu kommen, dass sich, bei einem Vertrauen, das -vielleicht vorerst- nur kurze Zeit hatte sich zu bilden, ein Mensch vor der Kamera mit einem Mensch dahinter auf eine Ebene begeben, auf der tatsächlich mit der Kamera eingefangen werden kann, was man einen freien und offenen Blick in die Seele nennt, wenn die Idee für ein Bild weiter geht als die bloße Ablichtung von Tatsachen und Hüllen? Es kommt wohl wieder auf die Idee und deren Umsetzung an, die überhaupt erst eine Voraussetzung schaffen, damit eine Vertrautheit entstehen kann. Vorstellungen, Bilder im Kopf können anhand einer Idee verglichen und im besten Falle verbunden werden.

Anders betrachtet stellt sich die Frage, ob die Distanz der Fremdheit zuweilen erst die Freiheit lässt, so sein zu können, wie man ist, entbunden von der Verkettung der alltäglichen Bedingungen, sein, wie man sonst nicht sein darf.

Was bleibt ist das Bild als Zeugnis dafür. Es zeigt, wie man sein kann, wie man gesehen werden kann. Es zeigt, was man darstellen kann, was in einem ist und für dieses eine Bild (oder mehrere) so eindrucksvoll hervorgebracht werden konnte.

5 Gedanken zu “Ausbrechen [51]

  1. Schön geschrieben und sehr interessante Fragestellungen. Ich denke, man versucht immer, die beste Seite von sich selbst zu zeigen. Ist man dann jemand anders? Das wahre Gesicht zeigt man.angeblich nur unter Alkoholeinfluss ;). Lg bilere

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    • Danke für Deinen Kommentar, bilere 🙏😊. Wenn man versucht sich selbst von der besten Seite zu zeigen, ist man vermutlich ziemlich künstlich. Kommt ganz auf die Situation an. Und Drogen, ja sie verändern einen Menschen schon, doch wie viel vom Menschen unter voller Kontrolle seines Geistes und welchen Anteil vom Verhalten seiner unkontrollierten inneren Gefühle dabei nach außen treten, wäre eine genauere Betrachtung wert. 50/50, 30/70, 20/80? Und in welcher Situation der Mensch sich gerade befindet spielt auch eine große Rolle. Ein zufriedener Mensch ist unter Drogen vielleicht anders, als einer, denn das Schicksal herade herausfordert. Allemal spannend. 😊
      lg Olaf

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  2. Ich denke schon, dass man während eines Shootings jemand anderes ist, weil man ja meist auch in einer anderen Situation ist als normalerweise (aus Modelperspektive). Außerdem ist man hochkonzentriert, versucht an positive Dinge zu denken, damit der Ausdruck in den Augen stimmt. Nach einem Shooting ist es, als tauche man aus einer anderen Welt wieder auf in die Realität. Ob man allerdings während des Shootings sein wahres Ich zeigt und der Fotograf einem in die Seele guckt … das kommt sicherlich auf den Fotografen an und wie gut er sich darauf versteht, sein Model locker zu machen und auch dessen Vertrauen zu gewinnen.

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    • Vielen Dank „Pepix“ für Deinen Kommentar aus Sicht des Menschen vor der Kamera 😊 Manchmal kommt es mir (und auch dem Model) so vor, dass zwischen den Momenten der Konzentration und Entspannung die Augenblicke der Seele liegen. Wenn dann noch eine Aufnahme erfolgte, ist ein Hauch davon zu sehen. Manchmal. Es stimmt, was Du sagst, das Vertrauen ist eine Grundlage. Und gemeinsames Lachen, wenn man ähnlichen Humor hat, führte zu einem wachsenden Verständnis.
      Einen schönen Sonntag wünsche ich Dir 🌞 Olaf

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