Verlorene Seelen? [47]

Wir treffen uns. Begegnung, Begrüßung, Abstimmung über die nächsten Stunden folgen. Wir verabredeten uns zu einem Shooting. Vorerst suchen wir ein Café auf, nehmen dort einen Cappuccino ein und sprechen über alltägliche Dinge. Allmählich kommen wir zum Thema. Wohin gehen wir zunächst? Womit beginnen wir? Welcher Ort ist von Bedeutung?

Unser Thema, Grunge, bedingt keine explizite Location, sie würde lediglich unterstützen. Beim diesem Thema ist, wie auch für andere Arten der Fotografie, der Ausdruck im Gesicht von zentraler Bedeutung. Die Überlegung in uns ist folgende: Was meint hier speziell „Grunge“ überhaupt, welche Gefühle stellt Grunge zur Schau, welche Emotionen gibt es wieder?

In Wiki steht geschrieben:

„Grunge (deutsch ‚Schmuddel‘, ‚Dreck‘) ist ein vor allem in den 1990er-Jahren populärer Musikstil, dessen Ursprünge und Anfänge in der US-amerikanischen Undergroundbewegung lagen. Grunge wurde auch als Seattle-Sound bezeichnet und wird oft als eine Vermischung von Punkrock und Heavy Metal angesehen.“

Eigentlich aus der Musik-Szene entstanden verbinden sich eine ganze Reihe von Beschreibungen mit dem Begriff“ Grunge“:

~ unabhängig

~ unangepasst

~ unkonventionell

~ rauh

~ düster

~ dreckig

~ …

Vom Kleidungstil her zählen wohl Bikerboots, destroyed Jeans, weite Shirts und Lederjacken dazu, alles darf etwas unvollständig wirken. Das Flanellhemd, ein ganz ursprüngliches Kleidungsstück erwählte die Gemeinde der Anhänger des Grunge zunächst als Markenzeichen aus. Frühe Einflüsse aus dem Punk und dem Metal spielen eine Rolle, bevor Grunge als Subkultur eine gewisse Eigenständigkeit entwickelte.

Aus diesem Gefühl heraus wollten wir Bilder entstehen lassen. Ob dazu ein Lost Place geeignet erscheint oder ob diese Art von Location allzu leicht überzogen wirkt, liegt vermutlich in der Ausführung der Fotografien. Wie viel von der Location ist auf dem Bild zu erkennen? Verschwimmt alles im Bokeh der Aufnahme oder sorgt eine kleinere Blende für deutlich sichtbaren Hintergrund?

Immer noch beim Cappuccino im Café sitzend beraten wir uns weiter über die Idee und Botschaft im Bild. Was möchten wir ausdrücken? Wozu machen wir das Bild und warum überhaupt das Thema, die Richtung und diese Art? Einfach mal drauf los war noch nie unser Ding. Geht auch, klar, aber um Ideen umzusetzen taugt es weniger. Für uns zumindest nicht. Also, was soll das Bild aussagen über die Darstellung eines Menschen hinaus?

Das Gefühl einer verlorenen Identität ist es wohl viel weniger als die fehlende Identifikation mit einer verfahren gefühllosen Gesellschaft. Losgelöst vom schönen, aber leeren Schein der Beauty-Gemeinschaft liegt uns in diesem Shooting an einem Zeichen der rauhen aber herzlichen Urkraft der menschlichen Seele. Wie aber würden wir es in ein Bild transportieren, und ist „Grunge“ dazu wirklich das geeignete Mittel? Frech und provokativ darf ruhig unterstützend mit einfließen, lässt es doch eine gewisse Ironie zu und nimmt der Geschichte im Bild die allzugroße Überfrachtung und Schwere.

Wie gehen wir an die Sache heran? Kleidung, Makeup und Ort stehen irgendwann, nun ist Perspektive, Ausdruck und Pose, Licht und Schatten gefragt. Wie entsteht ein Gefühl zwischen Verlorenheit und Widerstand, zwischen Unabhängigkeit und Zugehörigkeit zu einer definierten Gemeinschaft, zwischen eigener Stärke und Empathie? Wie stellen wir diese Idee dar, nachdem wir dieses Ziel ausgemacht haben?

Welchen Anteil haben die Protagonisten an der Umsetzung, gibt es einen Zusammenhang zwischen innerer Einstellung und den Möglichkeiten der Darstellung? Muss man fühlen, was man ausdrücken möchte? Wäre es von Vorteil? Werden die Bilder authentischer, wenn man es nachempfinden kann? Vermutlich. Was immer wieder festzustellen ist die Tatsache, dass „Schönsein“ alleine nichts ist, zumindest in jener Fotografie, die über die Beauty-Fotografie hinaus gehen möchte.

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