Bitte kein Foto [46]

Woher kommt die Einstellung zum eigenen Bildnis, die da lautet: „Ich bin nicht fotogen!“, oder: „Ich sehe auf Bildern nicht gut aus!“. Warum sagen manche Menschen: „Ich finde mich nicht ansehnlich auf einem Foto!“, oder „Ich möchte nicht fotografiert werden, weil ich nie gut gucke?“

Liegt es an den Bemerkungen, die Menschen ihr Leben lang -beginnend von den ersten Kindertagen an- über ihre Fotos hören müssen, und was in der Phase zum Erwachsenwerden noch verstärkt wird? Entsteht es durch die immer wieder willkürlich und zufällig aufgenommenen Schnappschüsse von oft zweifelhafter Qualität, die es wieder und wieder bestätigen? Woher kommt, gerade in unseren Breiten, diese Unsicherheit dem eigenen Bild, respektive eigenen Ego gegenüber? Warum ist es in Italien so anders? Oder in Holland?

Was genau führte zu dieser fehlenden Akzeptanz des eigenen Aussehens? Oder nur des Lichtbildes davon? Hängt es mit der permanenten Unzufriedenheit über unser Äußeres zusammen? Sind es die Zweifel, die uns allseitig und beständig über unser Aussehen eingeimpft zu werden scheinen? Warum ist Lektüre über das Thema „Liebe Dich selbst, akzeptiere Dich selbst!“ seit geraumer Zeit DER Renner in den Buchhandlungen? Woran krankt unsere Gesellschaft? Ist es ein überhöhtes Bild der Schönheit, das in unseren Sinnen eine Glut entfacht hat, die die eigene Idee von unserer eigenen Schönheit verdrängt hat?

Liegt es am Menschenschlag? Gibt es einen ersten Anhaltspunkt? Hängt es damit zusammen, ob ein Mensch introvertiert oder extrovertiert ist? Unabhängig vom Äußeren ist es so oder anders möglich. Ein schöner Mensch ist noch lange nicht extrovertiert und manchmal sogar unsicher. Warum? Hat man ihn Zeitlebens nur auf sein Äußeres reduziert, ist es vielleicht kein Wunder. Für einen Fototermin, ein Shooting ist es von Vorteil mit einem tendenziell extrovertierten Menschen zu arbeiten. So waren meine Erfahrungen bisher. Ausnahmen gibt es auch und wenn ein introvertierter Mensch Vertrauen gefasst hat ist ebenfalls alles möglich.

Aber warum ist es so schwierig mit Menschen, die nicht sofort Feuer und Flamme für eine Möglichkeit sind, besondere, authentische Bilder von sich zu bekommen? Bilder, die so anders sind, als die Partyschnappschüsse und Handybildchen von Freunden, die es wahrscheinlich niemals schaffen werden, in Leinwanddruck von über einem Meter an einer Wand in den eigenen vier Wänden zu hängen. Wenn auch noch lange nicht jeder Fotografierende von einem schönen Menschen gute Bilder fertigen kann, so ist es bei Menschen mit stiller Schönheit noch ganz anders. Darüber aber schrieb ich schon an anderer Stelle. Es geht mir hier viel mehr um die Verneinung von Portraits und explizit um den Entstehungsprozess dieser Verneinung. Denn niemand wurde mit dieser Skepsis geboren, oder?

Warum liegt in den Augen vieler Menschen eine große Befürchtung über die negative Wirkung eines Bildes von sich? War bisher jedes fotografierte Portrait eine Katastrophe? Oder war es so ganz anders, als das Bild, welches man jeden Tag mehrere Male im Spiegel sieht? Ist es nicht eine Eigenart, die mit der Qualität des Selbstbewusstseins zu tun hat? Was gehört dazu, ein Shooting einmal richtig durchzuführen, mit allen Plänen und Vorbereitungen, die für ein Gelingen notwendig, zumindest aber sinnvoll oder ideal wären? Mit einer Person des Vertrauens sollte es eine gute Möglichkeit werden.

Selbstbewusstsein und Offenheit sind für mich gute Gründe und Voraussetzungen für eine gelungene Session. Die innere Freiheit, so sein zu dürfen und zu können, wie man ist, führt zu besonderen Ergebnissen. Fehlen diese Eigenschaften, wird es schwieriger, aber nicht unmöglich. Es bedarf einfach einer gewissen Geduld und Einfühlungsvermögen. Kommt das beim Adressaten an, so kommt die Offenheit und Gelassenheit ganz von selbst. Der Mensch kann sich danach auf die Fotografie einlassen, weil er sich auf sich selbst einlassen kann. Die Kamera ist dabei wie ein stiller Beobachter, die ein wenig vom Wesen des Menschen abbildet und Bilder aufzeichnet, auf denen der Fotografierte auf Reisen gehen kann sich selbst ein Stück weit zu entdecken, zu finden, wiederzufinden. Dabei erlebte ich schon wunderbare Momente und tolle Aufnahmen entstanden dabei.

Es macht mir Spaß, mich auf eine Diskussion über die Portraitfotografie, die Menschenfotografie einzulassen. Wenn an deren Ende bei überzeugender Argumentation einige wunderschöne Bilder entstehen, umso lieber. Ohne viel nachzudenken kommt es manchmal zu schönen Momenten, die sich -ein wenig losgelöst vom üblichen Alltäglichen- abheben, weil sie in einer verspielten Atmosphäre ablaufen, die den Menschen vor der Kamera geradezu animiert, gelassen er selbst sein zu dürfen, ja fast mehr noch das zeigen zu dürfen, was in ihm schlummert. Ich möchte dabei nicht so weit gehen, dass der Begriff von einer therapeutischen Wirkung in diesem Zusammenhang hervorgehoben wird, aber ich habe schon oft festgestellt, dass beim Betrachten der entstandenen Arbeiten ein gewisser Stolz zu spüren war und sich das Selbstbewusstsein, das Selbstvertrauen der portraitierten Person ein Stück weit mehr gewachsen anfühlte.

14 Gedanken zu “Bitte kein Foto [46]

  1. Ich mag es auch nicht, wahrscheinlich stehe ich deswegen hinter der Kamera ;). Man sieht sich selbst immer anders, auch wenn man nur in den Spiegel schaut. Und wenn man sich gerade im eigenen Körper nicht wohl fühlt, möchte man das nicht auf einem Bild verewigen ;). Lg

    Gefällt 1 Person

  2. Interessant, dass du schreibst, dass es in anderen Ländern anders ist. Es scheint also was mit unserer Mentalität zu tun zu haben. Mir fallen da noch andere Beispiele ein, wo sich meiner Meinung nach die Menschen in Deutschland sehr komisch verhalten. Z.b. ihre Überzeugung, dass sie nicht singen können und dies deswegen auch nicht tun. Ist in anderen Ländern auch ganz anders.

    Gefällt 1 Person

  3. Du stellst spannende Fragen! Ich bin selbst jemand, der sofort unter Tischen, in Hecken, Gebüschen, Bäumen und unter dem Mantel zu verschwinden pflegt, wenn ein passionierter Schnappschussjäger mich ablichten will während ich gerade irgend etwas wiederkäue, die Augen fest zukneife, gähne oder gerade schwer abwesend in der Gegend herumstehe wie ein Schaf. Mäh…
    Zahllose Schnappschüsse, beschämt in Fotoalben vergraben, belegen wie fremd ich aussehen kann. Sozusagen bis zur Unkenntlichkeit verschroben und das in einer Momentaufnahme für die Ewigkeit einer Betrachtung. Wer bin ich? Frage ich mein entgeistertes Konterfei, Klapp schnell das Album zu und lese lieber ein Hilfe-Buch: Erkenne Dich selbst, glaube was drin steht…so halb -Bis das nächste Passbild Buchinhalte und Spiegelbilder ad absurdum verzerrt.
    Liebe Sonntagsgrüße und Gedanken von der Fee

    Gefällt 2 Personen

    • Einen wunderschönen Sonntagmorgen liebe Fee, danke Dir für Deinen persönlichen Einblick, freut mich sehr! Du machst es spannend für mich, beschreibst Du doch Deine Situation in manchen Momenten und verleitest mich zur Nachfrage: UUUUUnnndd, woher meinst Du kommt das ganze? Sind es tatsächlich die von Dir beschriebenen Schnappschüsse, die zum Fluchtverhalten verleiten oder worin liegt es? Wenn nicht hier, würde ich mich über eine kurze Mail freuen. Ich hatte schon einige Gespräche über das Thema, und es kommen sehr überraschende Fragen dabei auf. 😊 Und hattest Du schon Shootings? Gab es dabei Bilder, auf die Du stolz sein konntest?
      Liebe Grüße vom Mittelrhein Olaf
      (P.S. Alles unter der Prämisse, dass das Aussehen und damit die Lichtbilder eines Menschen nur Oberfläche sind und das eigentliche Wesen des Menschen sehr viel tiefer liegt!)

      Gefällt 1 Person

      • Der Schnappschuss ist deswegen ein Schnappschuss, weil er schnappt und dem Geschnappten keine Gelegenheit für eine Flucht lässt. Ein Mensch hat eine bewegte Mimik, Gefühlsausdrücke ziehen über sein Gesicht wie Wolkenschatten über Berge ziehen und es verändert sich in jedem Augenblick in winzigen Muskelbewegungen. Wie oft sind wir unbewusst in dem was wir tun? Wenn die Linse draufhält, erstarren viele, ich auch, fühle mich ertappt bei was auch immer.
        Dann hängt viel davon ab wer den Schnappschuss macht und was genau er darin festhalten will: Eine Situation, einen Menschen? Worauf liegt sein Fokus?
        Ein fotografisch geschärftes Auge ist bestrebt, die „Seele“ aller Dinge einzufangen, ihr Wesen, ihr Inneres zutage treten zu lassen. Er begibt sich in den Dienst des zu fotografierenden Objektes und sucht nach dem idealsten Ausdruck. Ein geschultes Auge wird in einem Menschen seine schönen Seiten suchen, bestrebt sein, ihn so abzulichten, dass er vorteilhaft zu einer Wirkung kommt. Ein ungeübtes Auge hingegen sieht eine Situation, ein Objekt und lichtet es ab. Hier ist das Interesse auf den Fotografen gerichtet, der knipst und später stolz das Bild der Tafelrunde der Familie präsentiert – zum Schrecken der Anwesenden, die den Mund voller Kuchenkrümel, nicht gerade vorteilhaft zur Geltung kommen. Die Intention solcher Bilder ist die zu zeigen: Geselligkeit ist prima! Sie legen keinen Wert darauf, das abgelichtete Objekt vorteilhaft, ästhetisch oder in seinem Wesen einzufangen. Ein achtsamer Fotograf würde die Anwesenden an der Kuchentafel darum bitten, zu ihm herzusehen, sich zu entspannen und locker zu sein, vielleicht sogar ein kleines Lächeln für den Piepvogel? So entspannt wie der Fotograf ist und so geschult wie sein Auge ist, wird er eine Serie Bilder schießen und darauf achten, ein Präsentier-Bild auszuwählen, auf dem die Beteiligten sich sichtlich wohl fühlen. Es gibt von mir zwei Schnappschüsse, auf denen ich mich halbwegs aushalten kann und da war ich dreißig Jahre jünger. Ein Shooting hatte ich schon mal, ja. Bei einer Messe in Stuttgart und bei diesem Shooting sind Bilder entstanden, die ich sehr schön finde. Denn dieser Fotograf verstand sein Handwerk und fand meine „vorteilhaften“ Seiten. Er bat mich um Posing, ich fand das ziemlich aufregend. Ansonsten posierte ich nur für Familienbilder und Passfotos. Und das sind alles Katastrophenbilder zum Wegrennen. Ich freue mich, dass es ein paar wenige Bilder von mir gibt, die andere angefertigt haben und dich ich mag. Stolz bin ich jetzt nicht gerade darauf aber ich mag sie und das ist, wie ich finde, schon sehr viel wert. Mein eigentliches Wesen passt in kein Foto, es liegt zu tief in mir.
        Liebe Grüße zu Dir und einen schönen Sonntag!

        Gefällt 1 Person

        • So, jetzt nehme ich mir mal Zeit… 😊
          Schnappschuss trifft die Sache an sich schon gut, wie Du es beschrieben hast. Der Sinn dahinter, für mich in der von Dir beschriebenen Art ist es gerade, vom Menschen ein Bild zu erschaffen, dass ihn zeigt, wie er sein kann. Auch sehr schön von Dir gesagt, mit dem fotografisch geschärften Auge der Erfahrung, zusätzlich verbunden mit der Möglichkeit und der Fähigkeit einen anderen Menschen so fühlen, wie es ist. Dazu ist es von Vorteil, wenn die „Chemie“ stimmt.
          Das funktioniert in der Realität selten, noch seltener beim Schnappschuss, nicht innerhalb einer Familie, wo die Mehrzahl aller Fotografien von Menschen entstehen, noch unter Freunden oder in anderen festlichen Situationen. Daher die vielen unvorteilhaften Bilder der Menschen. (mit Kuchenkrümel😉) Zwar würde ich nicht unbedingt zustimmen, dass ein Mensch unbedingt angesprochen werden sollte für ein vorteilhaftes Bild; wenn es entspannt ist in der jeweiligen Umgebung kann es vielleicht zum Vorteil gereichen. Sicher ist nicht bei jedem Motiv zu behaupten, dass ein authentisches Bild unbedingt ein vorteilhaftes ist, es kommt wieder auf den Einzelfall und die Situation an. Ich finde oft wunderbare Ausdrücke in den Momenten, wenn die Menschen ihre Wolkenschatten der Gefühle im Gesicht vorüber ziehen lassen, ohne einer Kamera gewahr zu sein. Doch Vertrauen sollte in diesem Falle zwischen Fotograf und Mensch vor der Kamera da sein. Dann braucht es vielleicht keinen Ausweg für Flucht, da kein Überfall erfolgt, der einen Diebstahl von Seele zu befürchten ließe. Das Bild ist eine Momentaufnahme, in der man so sein konnte, wie man ist, sich zugesteht, ja, so bin ich auch manchmal. Aber das sagtest Du ja schon,… wer fotografiert, warum, mit welchem Hintergrund. 😊
          Wenn ein Mensch sagt, er mag sein Bild, dann ist es ganz viel wert, meine ich, da pflichte ich Dir absolut bei. Unterschiede in der Wahrnehmung entstehen schon deshalb, weil Fotograf und Mensch vor der Kamera unterschiedliche Ideen, Vorstellungen und Sichtweisen haben. Diese zu verbinden ist eine der Herausforderungen, die gemeinsam sehr schöne Ergebnisse bringen.
          Das eigentliche Wesen ist gut aufgehoben tief in Dir, meine ich, und kommt dort hervor, wo es jenseits von Äußerlichkeiten darauf ankommt. Oder?
          Einen schönen Abend für Dich und nochmals vielen Dank und liebe Grüße!

          Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.