Von der Handlung im Foto, Teil 2 [40]

Von der Handlung im Portrait.

Die Tatsache, dass ein Bild, ein fotografisches Portrait eine erkennbare Handlung zeigt, sagt noch nichts darüber aus, ob es eine Güte besitzt oder nicht. Eine Handlung kann die Bildaussage unterlegen, verstärken, oder auch ad absurdum führen. Sie ist ein Mittel, welches sehr offensichtlich, manchmal aber auch allzu plakativ eine Aussage trifft. Ist eine Handlung nicht mehr direkt erkennbar, so kommt es umso mehr auf die dargestellte Person und ihre persönliche Kunstfertigkeit in Form von Mimik und Körperhaltung an.

Bei der Erstellung von künstlerischen Fotografien spielen bekanntlich mehrere Faktoren eine richtungsweisende Rolle.

  • Die Umgebung, häufig Location genannt, ist je nach dem, wie viel von ihr auf dem Bild ersichtlich ist, einer der maßgeblichen Punkte.
  • Ferner ist es das Licht. Es kann von dramatisch bis zu diffus eingestellt werden, die Schatten im Bild stellen die eigentliche Kraft in der fotografischen Aufnahme dar.
  • Outfit und Accessoires beschreiben einen weiteren, fundamentalen Aspekt, durch den eine Bildidee erzeugt wird, denn die Bedeutung der Kleidung wurde und wird maßgeblich in der Gesellschaft manifestiert.
  • Accessoires sind nicht nur Dinge, auch Farben (Blutoptik, Teeroptik oder ähnliches) sowie Strukturen gehören dazu.

Dies sind Beispiele für Variablen, die eine Bildaussage mitbestimmen. Ausgehend vom direkten Portrait komme ich zurück zum Ausdruck des Menschen. Sollte durch ihn oder die Gegebenheiten keine erkennbare Handlung im Bild erscheinen, kommt es, wie gesagt, umso mehr auf die Person vor der Kamera an. Wie schwer es für viele Menschen ist, vor der Kamera zu posieren, und ich meine damit kein Posing im fotografischen Sinne, ist auf den unzähligen Werken auf den verbreiteten Plattformen im Netz zu bewundern. Auch in der Kunst des weit verbreiteten Posings für People-Fotografie, worüber es einiges an Literatur und Tipps im Internet gibt, ist die Varianz weit gedehnt.

Während dieser Betrachtung sei einzuwenden, dass nicht allein die Körperhaltung und Mimik für die Qualität einer Aufnahme zeichnet, sondern zugleich der Aufnahmewinkel und der Ausschnitt, und deren Gestaltung liegt ja wohlweislich in der Verantwortung des Fotografen.

Es scheint mir, als läge es, wie so oft, nicht so sehr im Auge des Betrachters, ob ein Bild eine Kunstfertigkeit aufweist oder nicht, sondern an grundlegenden Maßstäben für die Kunst der Portraitfotografie, beziehungsweise der Fotokunst an sich. Mindestens ein oder mehrere Kriterien sollten erfüllt sein, und dies manchmal jenseits allgemeiner Regeln, deren Bruch ein Bild hier und da ausmachen kann. Damit mache ich einen Unterschied zwischen Regeln der Fotografie und Kriterien der Fotokunst, was aber einleuchtend sein dürfte.

Ohne einen gewissen Anspruch zu verlieren kommt die Portraitfotografie unter den millionenfach veröffentlichten Fotos im Internet nicht wirklich ihrem Namen zu ehren. Gefühlt ändern sich die Zeiten und die Ansprüche und folglich ‬die Bedeutung der Fotografie überhaupt. Durch die Möglichkeit der jederzeitigen lückenlosen Dokumentation aller erdenklichen Alltäglichkeiten im Bild und der gleichzeitigen Publikation im Internet bedeutet ein Portrait -nach den Regeln der Kunst erstellt- nicht (mehr) das, was es zuvor zu bedeuten schien.

So, wie in vielen Bereichen unseres von Konsum geprägten Daseins in dieser unserer Gesellschaft, reicht uns vielleicht mehr und mehr der einfache Schnappschuss des Smartphones, (Sicher können auch diese Geräte für eine künstlerische Fotografie verwendet werden), gespeichert in einer der vielen Clouds und geteilt in Social Media Netzwerken als Darstellung des eigenen Ichs. Ein gedrucktes Kunstwerk an der eigenen Wand bekommt definitiv weniger Likes und die Anzahl derer macht unseren Wert aus, nicht wahr?

Soviel zu diesem kleinen Intermezzo.

Steht oder sitzt ein Mensch vor der Kamera, und soll er etwas darstellen, neben sich selbst eine Idee, die einer Geschichte eines Bildes entspricht, so kommt es auf Körperhaltung und Mimik an und dies hat viel vom Charakter des Schauspiels. Wie weit kann der Mensch vor der Kamera ein Gefühl darstellen? Wie glaubwürdig gelingt ihm eine Interpretation einer Stimmung? Schafft er es, die Idee der Protagonisten zu vermitteln? Weit weg von der Devise ’setzt Dich mal hin und lächel‘ wird es umso wichtiger, je weniger einer schlüssigen Situation im Bild erkennbar ist und eine Geschichte im Bilde erzählt werden soll. Nebenbei bemerkt, auch ein Lächeln kann eine Geschichte erzählen, nur ist sie meist etwas begrenzter, als es die schier unendlichen Nuancen „nichtlächelnder“ Gesichter im Stande sind zu erzeugen.

In der nächsten Woche möchte ich im dritten Teil auf die Möglichkeiten eingehen, die sich bei einer Zusammenarbeit zwischen den Künstlern hinter UND vor der Kamera ergeben können. Soll ein Bild eine Geschichte erzählen und soll dies weniger dem Zufall geschuldet sein, als den gemeinsamen Ideen zu entspringen, so gilt es deren Zusammenführung durch beide Protagonisten in einer sehr spannenden Zusammenarbeit zu erwirken.