Von der Handlung im Foto, Teil 1 [38]

Sollte ein fotografisches Bildnis eines Menschen stets eine Handlung des Portraitierten darstellen? Auch, wenn ein Bild inszeniert ist, was es fast immer ist außer in der dokumentarischen oder Streetfotografie, sollte es trotz dieses gestellten Szenarios vermitteln, als handle der Mensch auf dem Bild in irgend einer Art und Weise?

Die Darstellung auf einem Foto könnte von einer expliziten Handlung ausgehen. Oder sie kann eine intuitive Reaktion zeigen, die das Bild suggeriert. Die anschließende Grenze zur Nicht-Handlung ist zwar nicht undurchlässig, jedoch beginnt sie häufig deutlich an der Stelle, wo der fotografierte Mensch in scheinbaren Kontakt mit dem Betrachter tritt, indem er in die Kamera blickt.

Ein Portrait kann auf die eine oder andere Weise wirken. Über die Güte sagt es vorerst noch nichts aus. Es hängt zum Beispiel davon ab, welche Mimik der Portraitierte zeigt, welcher Kontext existiert und letztlich sogar, in welchem Rahmen ein Bild präsentiert wird. Wird eine Handlung im Bilde erkannt, erfasst der Betrachter den Inhalt dadurch schneller? Wird durch diese Erkenntnis diesem Bild schneller eine Sinnhaftigkeit attestiert? Hat es zur Folge, dass eine Fotografie dem Betrachter einen schnelleren und einfacheren Zugang gewährt?

Eine Person auf einem Foto vollzieht zum Beispiel eine alltägliche Handlung. Sie geht einige Schritte, sie bewegt sich im Stand, oder sitzt und zeigt so eine Bewegung, die sich dem Betrachter des Bildes leicht erschließt, weil er sie kennt, sie ihm vertraut ist. Vielleicht liegt die portraitierte Person an einem beliebigen Platz, oder lehnt stehend an einer Wand, seitlich oder mit dem Rücken, möglicherweise an einem bestimmten Objekt.

Was tut die Person dort? Warum wurde sie fotografiert? Vielleicht harrt sie auch nur, in sich gekehrt, an einem bestimmten Ort, einem Platz, der -vielleicht erkennbar- in einer Beziehung zur fotografierten Person steht, eine optische Verbindung beschreibt, durch die Haltung und Mimik unterstützt? Ein Sinn scheint vorhanden. Das Bild scheint logisch zu sein, erst einmal nichts verstörendes erschreckt den Blick. (Zu den Möglichkeiten des Skurrilen und Phantastischen als Reiz des Besonderen komme ich später zu sprechen)

Wird eine Handlung nicht direkt erkennbar, so kommt es auf die Mimik des Portraitierten an. Strahlt die Person auf dem Bild möglicherweise eine innere Ruhe aus, Kontemplation oder auch Melancholie, wird auch der Blick des Portraitierten dies bestätigen, so findet der Betrachter wiederum einen Sinn im Bilde. Es geht danach explizit um die Stimmung, ein Gefühl, welches im Bild besteht, das aus ihm heraus quillt und den hinblickenden Menschen erfassen kann.

Dabei wird erstmals eine Grenze erreicht, an der der Portraitierte und der Betrachtende sich im Bilde fiktiv begegnen. Es werden Gefühle erzeugt, Stimmungen ausgelöst. Der Sinn, die Aussage eines Bildes verschiebt sich von einer Handlung zu einer Stimmung. Genau an dieser Stelle besteht die große Gefahr, an der Belanglosigkeit zu scheitern, der Redundanz zu verfallen, und sein Bild damit einer Beliebigkeit zu opfern.

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