Vom Ausdruck im Portrait [36]

Ein fotografisches Portrait. Der Blick auf dem Bild sagt etwas aus. Deine Augen suchen im Blick auf diesem Bild vielleicht etwas. Einmal suchst du Informationen, ein anderes Mal kommunizierst du mit anderen oder zum letzten erfasst dein Blick etwas. Auf dem Portrait wäre die Kommunikation recht einseitig, vermutlich!

Betrachte ich ein Portrait eines Menschen, auf dem der Blick des Portraitierten in die Kamera gerichtet ist, so begegne ich dem Blick, nehme ihn wahr. Der Blick auf dem Bildnis erzeugt in nur Bruchteilen von Sekunden eine Stimmung in mir, fast immer. Was kann dieser Blick aussagen? Unendlich viele Stimmungen sind es, die er transportieren vermag. Er kann mich führen, anleiten, in eine ganz bestimmte Gefühlslage zu kommen. Zustimmung oder Ablehnung, positive und negative Reaktionen, Interesse oder Desinteresse werden erzeugt. Wieder sind bei der Erstellung eines Portraits die drei Seiten der Kreativität beteiligt, nämlich der Portraitierte, der Fotografierende und der Betrachtende.

Wie gehe ich selbst, als einer der Beteiligten, nämlich als der Fotografierende, an die Erstellung eines Portrait-Projektes heran? Als einen Teil aus der kreativen Idee heraus kann ich mehr oder weniger Raum im Geschehen einnehmen. Ich kann mich zurück halten oder deutlich und oft intervenieren. Ich kann, wie es Richard Avedon in Shootings machte, über eine Stunde lang in einem absoluten Schweigen verbringen, während dieser Stunde die Kamera auf einem Stativ fernausgelöst steuern und immer wieder eine Aufnahme des Portraitierten machen. Kommunikation findet dabei ausschließlich über gelegentliche Blicke statt. Jede noch so kleine Veränderung sehe ich dabei, löse aus und dokumentiere. Kein Mensch konnte und kann während dieser Stunde durchgehend eine Maske aufrecht erhalten, wieder und wieder fällt sie für Augenblicke nieder. Das können die Momente sein, in welchen ein Portrait ungemein an Authentizität gewinnt. Die Ersteller würden sich natürlich beide darauf einlassen.

Oder rege ich als Fotografierender gezielt Stimmungen an, erzeuge durch Geschichten und Erzählungen Gefühle, provoziere durch eigene Mimik beim Gegenüber ähnliche oder konträre Regungen, um diese in die Bildaussage zu transportieren? Was will das Portrait? Worin liegt der Sinn und Zweck der Aufnahme, welche Idee steckt dahinter und möchte kommuniziert werden?

Bei weitem bin ich in meinen Fotografien noch nicht so weit, dass ich es explizit darstellen kann, auch nach 30 Jahren nicht. Vielleicht soll diese Suche auch der Ansporn sein, der Weg, sich seiner eigenen Veränderung der Identität immer wieder zu nähern. Wie lange es geht? Solange die Kreativität lebt und Sehnsucht nach der Verwirklichung, dem Ausdruck eines Lebensgefühls in einer beliebigen Form der Kunst existiert und etwas erschaffen werden möchte, das diesem in irgendeiner Form Ausdruck verleihen kann.

4 Gedanken zu “Vom Ausdruck im Portrait [36]

  1. Ich glaube besser als in den letzten beiden Absätzen von Dir habe ich dafür noch keine genauere Erklärung dazu von wem auch immer erhalten… Genauso sehe ich das auch. Interessant auch wenn man seine eigenen Bilder von Portraits auf die Jahre gesehen vergleicht. Sicher, Der oder die Porträtierten verändern sich im gleichen Maße wie der Fotografierende seine Sichtweisen verändert. Mir geht es jedenfalls so. Und im normalsten Fall denke ich, sind die aktuellsten Bilder von Langzeitmodellen wie ich sie habe immer die besten… 🙂
    Was will das Portrait? Welcher Sinn steckt dahinter… Das ist gut gefragt…
    Wie würde das Modell darauf antworten? 🙂 Werde ich gleich nachher mal ausloten… Wenn ich für den Fotografierenden sprechen sollte: Was will ich eigentlich damit… mit all den ganzen Bildern. Ich nehme seit Jahren nicht mehr an Wettbewerben teil, auch sonst keine Ambitionen etwas daraus zu machen – steht ja auch imer noch der Vertrag mit dem Modell dazwischen. Ja, was will ich eigentlich mit den Portraits…
    Ganz einfach: Ich freue mich einfach tierisch jedes mal bei dem Anblick MEINES Werkes… das will zunächst einmal das Portrait auf meiner Seite. Und ich glaube DER Sinn ist schon richtig gut… 🙂
    Ich komme nachher noch einmal zurück und dann erzähle ich dir, was mein Modell dazu meint – denn die Sicht ist in meinen Augen nicht ganz unerheblich. 🙂

    C.U.

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      • Eigentlich nix Schlimmes… Also nichts geistig hochtrabendes… 🙂 Wir sind da so der gleichen Meinung. Sie macht es gern und findet die Veränderung die die Jahre mit sich bringen spannend zu beoachten. Und in erster Linie des Spaßes wegen – na ja, ich entschärfe das mal – Spaß ist so ein herabwürdigendes Wort finde ich. Und ersetze es mit Freude… kommunizieren über Bilder kann machmal auch zur Zerredung führen… Anschauen und sich daran erfreuen – oder auch nicht… 🙂

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        • Guten Morgen Reinhard,
          also ist es, wie im richtigen Leben von Mensch zu Mensch verschieden und es kommt ausschließlich auf die Intention an. Die Veränderung zu beobachten ist ein Langzeitprojekt. Auch ein spannendes. Spaß oder Freude an einer Sache zu haben, der man sich in seiner freien Zeit widmet, ist vielleicht eine der Voraussetzungen fürs Gelingen. Gelingen kann (für mich) natürlich nur ein Vorhaben, wohinter eine Idee steht. Damit wäre ich wieder bei der Grundsatzfrage. 😊 Aber zerreden möchte ich nicht, obwohl ich mir schon manches Mal solch einen Einwand gefallen lassen musste…
          Damit begebe ich mich mal weiter auf die Suche nach dem perfekten Bild, respektive dem treffend erfassten Lebensgefühl für den Augenblick. FG

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