Von der Tiefe [Intermezzo] [39]

Ich beschäftige mich. Ein Leben lang. Mit den unterschiedlichsten Dingen. [Lass‘ mich das alles zunächst „Dinge“ nennen.]

Manche Dinge begegnen mir früher, andere später. Mit manchen beschäftige ich mich aus freien Stücken, mit manchen nur, um zu überleben. Manche Dinge lasse ich gerne in mein Leben, andere nicht so gerne. Manche davon verweilen eine längere Zeit bei mir, wieder andere nur sehr kurzfristig, einige dieser Dinge aber scheinen mich ein Leben lang zu begleiten. Von gänzlich anderen Dingen höre ich, aber sie scheinen sich mir zu entziehen. Wiederum andere entspringen meiner Vorstellung und ich darf glücklich darüber sein, dass sie nicht teilhaben an meinem Leben.

Wie gehe ich mit all diesen Dingen um? Mein Gefühl ist oft diffus. Der Verstand vielleicht nicht, aber sind wir mal ehrlich: was schon entscheiden wir tatsächlich mit dem Verstand? Wenn dem so wäre, die Wirtschaft bräche sang- und klanglos zusammen. Bildlich ausgedrückt sieht es so aus, als ob ich vieles nur peripher wahrnehmen kann, dass heißt, ich sehe Verschiedenes, auch über einen längeren Zeitraum hinweg, aber ich überfliege es nur, wie der Adler über den Wäldern fliegt, über die Bäume hinweg gleitet, unendlich Kreise um sie zieht, niemals aber auf ihnen landet, geschweige denn von ihren Früchten oder gar Wurzeln nur eine Ahnung erfährt.

Ich sehe Dinge, kann über sie sprechen, weiß, dass sie existieren. Es scheint mir, als könne ich mir ausmalen, wie sie sind, aber nähere mich ihnen nicht wirklich. So, als fasste ich ein Stück Holz an, vielleicht ein Werkzeug, ohne es gebrauchen zu können, obwohl ich genau weiß, wozu es dient, weiß, was damit erschaffen werden könnte. Es ist, als greife ich mit Händen in einen Nebel, um ihm habhaft zu werden.

Manche Dinge berühre ich, ohne sie wirklich zu begreifen. Manche Gedanken denke ich ohne sie wirklich zu begreifen. Von manchen Dingen scheine ich zu wissen ohne eine wirkliche Vorstellung davon zu haben. Tatsächlich berühre ich Dinge ohne sie wirklich zu fassen. In einem Moment sind sie präsent, im nächsten Augenblick scheinbar niemals dagewesen.

In der Meditation kann ich gut aus dem mir eigenen Körper treten, es gelingt mir leicht. Vielleicht, weil ich es seit frühester Jugend praktiziere. Immer öfter aber scheinen mir Dinge, die ich klar vor mir sehe, zu entgleiten, während sie noch da sind. Sie scheinen sich zu entmaterialisieren, während ich sie noch betrachte, wahrnehme, nutze, fühle.

Auch mit Gedanken, Gefühlen, Begegnungen geschieht es immer wieder. Unwirklich beschreibt es, was nachher bleibt. Zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen die Erinnerungen, Grenzen lösen sich auf. Mit aller Macht stemme ich mich gegen diesen Zustand, meist gelingt es, aber ich nehme die Transzendierung deutlich wahr. Auch die tatsächliche Präsenz anderer Menschen empfinde ich in dem Grad, wie sie mir entgegen treten. Da oder nicht da, als ein Spiegelbild meiner eigenen Präsenz?

Wie kann ein Mensch mit mir in Kontakt treten, wenn nur der Körper da zu sein scheint? So frage ich hin und wieder, wenn ich bemerke, dass es in aller Oberflächlichkeit um Belange der Banalität geht, die als notwendiges Übel in unserem Leben uns beschränken. Aber auch diese Dinge sind vorhanden, machen uns als Menschen aus, lassen uns als Wesen wirken. Wir können dabei eine Wirkung nur dann erreichen, wenn wir verändern und gestalten. Kraft unseres Körpers erreichen wir eine Entwicklung der Seele, denn mit ihm denken, fühlen und vor allem handeln wir. Wir bewegen Dinge, indem wir ihren Zustand verändern, ihre Lage verändern oder ihre Existenz in Energie verwandeln. Vielleicht schaffen wir irgendwann den umgekehrten Weg, nämlich aus Energie etwas Materielles zu transferieren.

Wahrhaftigkeit ist ein kostbares Gut bei uns Menschen, und wie mir scheint, ein rares. Was passiert mit uns Menschen, dass es immer weiter zu weichen scheint, Platz macht für den Spaß, das Vergnügen, den Konsum in der vielerorts zunehmenden Wohlstandsgesellschaft der Erde, wo die Gier alle Kreativität und Mitmenschlichkeit ersetzt?

Von der Handlung im Foto, Teil 1 [38]

Sollte ein fotografisches Bildnis eines Menschen stets eine Handlung des Portraitierten darstellen? Auch, wenn ein Bild inszeniert ist, was es fast immer ist außer in der dokumentarischen oder Streetfotografie, sollte es trotz dieses gestellten Szenarios vermitteln, als handle der Mensch auf dem Bild in irgend einer Art und Weise?

Die Darstellung auf einem Foto könnte von einer expliziten Handlung ausgehen. Oder sie kann eine intuitive Reaktion zeigen, die das Bild suggeriert. Die anschließende Grenze zur Nicht-Handlung ist zwar nicht undurchlässig, jedoch beginnt sie häufig deutlich an der Stelle, wo der fotografierte Mensch in scheinbaren Kontakt mit dem Betrachter tritt, indem er in die Kamera blickt.

Ein Portrait kann auf die eine oder andere Weise wirken. Über die Güte sagt es vorerst noch nichts aus. Es hängt zum Beispiel davon ab, welche Mimik der Portraitierte zeigt, welcher Kontext existiert und letztlich sogar, in welchem Rahmen ein Bild präsentiert wird. Wird eine Handlung im Bilde erkannt, erfasst der Betrachter den Inhalt dadurch schneller? Wird durch diese Erkenntnis diesem Bild schneller eine Sinnhaftigkeit attestiert? Hat es zur Folge, dass eine Fotografie dem Betrachter einen schnelleren und einfacheren Zugang gewährt?

Eine Person auf einem Foto vollzieht zum Beispiel eine alltägliche Handlung. Sie geht einige Schritte, sie bewegt sich im Stand, oder sitzt und zeigt so eine Bewegung, die sich dem Betrachter des Bildes leicht erschließt, weil er sie kennt, sie ihm vertraut ist. Vielleicht liegt die portraitierte Person an einem beliebigen Platz, oder lehnt stehend an einer Wand, seitlich oder mit dem Rücken, möglicherweise an einem bestimmten Objekt.

Was tut die Person dort? Warum wurde sie fotografiert? Vielleicht harrt sie auch nur, in sich gekehrt, an einem bestimmten Ort, einem Platz, der -vielleicht erkennbar- in einer Beziehung zur fotografierten Person steht, eine optische Verbindung beschreibt, durch die Haltung und Mimik unterstützt? Ein Sinn scheint vorhanden. Das Bild scheint logisch zu sein, erst einmal nichts verstörendes erschreckt den Blick. (Zu den Möglichkeiten des Skurrilen und Phantastischen als Reiz des Besonderen komme ich später zu sprechen)

Wird eine Handlung nicht direkt erkennbar, so kommt es auf die Mimik des Portraitierten an. Strahlt die Person auf dem Bild möglicherweise eine innere Ruhe aus, Kontemplation oder auch Melancholie, wird auch der Blick des Portraitierten dies bestätigen, so findet der Betrachter wiederum einen Sinn im Bilde. Es geht danach explizit um die Stimmung, ein Gefühl, welches im Bild besteht, das aus ihm heraus quillt und den hinblickenden Menschen erfassen kann.

Dabei wird erstmals eine Grenze erreicht, an der der Portraitierte und der Betrachtende sich im Bilde fiktiv begegnen. Es werden Gefühle erzeugt, Stimmungen ausgelöst. Der Sinn, die Aussage eines Bildes verschiebt sich von einer Handlung zu einer Stimmung. Genau an dieser Stelle besteht die große Gefahr, an der Belanglosigkeit zu scheitern, der Redundanz zu verfallen, und sein Bild damit einer Beliebigkeit zu opfern.

Von der Philosophie der Fotografie [37]

Gibt es eine Philosophie der Fotografie? Natürlich, mag man ausrufen! Wenn es eine Philosophie für das Leben gibt und die Fotografie zum Leben zählt, dann wäre es nur folgerichtig.

Wenn du für dein Leben und in Beziehung zur Gesamtheit der Menschen eine eigene Philosophie etabliert hast, so kannst du diese Philosophie sicher auf die Fotografie als einem Teil deines Lebens, so du dich mit ihr beschäftigst, determinieren.

Jenen Teil deines Lebens, den du -auf welcher Ebene und Seite auch immer- in die künstlerische Fotografie investierst, in die Erschaffung von Bildern, vielleicht auf der Suche nach dem einen Bild bist oder dabei bist, dein Werk zu vollbringen, diesem Teil gebührt über die pure Aufmerksamkeit hinaus die Beschäftigung mit dem Sinn dahinter, vielleicht dem Sinn, einen eigenen Weg zu beschreiten, auf dem du das auszudrücken vermagst, was du gerne verkünden möchtest, was in dir ist und dem du eine Gestalt geben kannst, nämlich in Form der künstlerischen fotografischen Aufnahme als ein Teil dessen, was von dir bleibt.

Vom Ausdruck im Portrait [36]

Ein fotografisches Portrait. Der Blick auf dem Bild sagt etwas aus. Deine Augen suchen im Blick auf diesem Bild vielleicht etwas. Einmal suchst du Informationen, ein anderes Mal kommunizierst du mit anderen oder zum letzten erfasst dein Blick etwas. Auf dem Portrait wäre die Kommunikation recht einseitig, vermutlich!

Betrachte ich ein Portrait eines Menschen, auf dem der Blick des Portraitierten in die Kamera gerichtet ist, so begegne ich dem Blick, nehme ihn wahr. Der Blick auf dem Bildnis erzeugt in nur Bruchteilen von Sekunden eine Stimmung in mir, fast immer. Was kann dieser Blick aussagen? Unendlich viele Stimmungen sind es, die er transportieren vermag. Er kann mich führen, anleiten, in eine ganz bestimmte Gefühlslage zu kommen. Zustimmung oder Ablehnung, positive und negative Reaktionen, Interesse oder Desinteresse werden erzeugt. Wieder sind bei der Erstellung eines Portraits die drei Seiten der Kreativität beteiligt, nämlich der Portraitierte, der Fotografierende und der Betrachtende.

Wie gehe ich selbst, als einer der Beteiligten, nämlich als der Fotografierende, an die Erstellung eines Portrait-Projektes heran? Als einen Teil aus der kreativen Idee heraus kann ich mehr oder weniger Raum im Geschehen einnehmen. Ich kann mich zurück halten oder deutlich und oft intervenieren. Ich kann, wie es Richard Avedon in Shootings machte, über eine Stunde lang in einem absoluten Schweigen verbringen, während dieser Stunde die Kamera auf einem Stativ fernausgelöst steuern und immer wieder eine Aufnahme des Portraitierten machen. Kommunikation findet dabei ausschließlich über gelegentliche Blicke statt. Jede noch so kleine Veränderung sehe ich dabei, löse aus und dokumentiere. Kein Mensch konnte und kann während dieser Stunde durchgehend eine Maske aufrecht erhalten, wieder und wieder fällt sie für Augenblicke nieder. Das können die Momente sein, in welchen ein Portrait ungemein an Authentizität gewinnt. Die Ersteller würden sich natürlich beide darauf einlassen.

Oder rege ich als Fotografierender gezielt Stimmungen an, erzeuge durch Geschichten und Erzählungen Gefühle, provoziere durch eigene Mimik beim Gegenüber ähnliche oder konträre Regungen, um diese in die Bildaussage zu transportieren? Was will das Portrait? Worin liegt der Sinn und Zweck der Aufnahme, welche Idee steckt dahinter und möchte kommuniziert werden?

Bei weitem bin ich in meinen Fotografien noch nicht so weit, dass ich es explizit darstellen kann, auch nach 30 Jahren nicht. Vielleicht soll diese Suche auch der Ansporn sein, der Weg, sich seiner eigenen Veränderung der Identität immer wieder zu nähern. Wie lange es geht? Solange die Kreativität lebt und Sehnsucht nach der Verwirklichung, dem Ausdruck eines Lebensgefühls in einer beliebigen Form der Kunst existiert und etwas erschaffen werden möchte, das diesem in irgendeiner Form Ausdruck verleihen kann.

Von Konsum, Produktivität und Bildern [35]

Ich sitze oder stehe da und schaue mir Bilder an. Es sind Bilder, die ich über ein Medium betrachte. Mal handelt es sich bei diesem Medium um ein Buch, dann ist es ein Handy, öfter mal eine Zeitung, viel öfter noch der Monitor; oder ich besuche eine Ausstellung.

Ich schaue die Fotografien an, entscheide dabei, meist in sekundenschnelle, ob mich das Bild berührt oder nicht. Die meisten Bilder sehe ich zwar an, doch die Wahrnehmung ist stets eine differenzierte. Denn sehr viel mehr dieser Bilder werden durch diese meine Wahrnehmung unbewusst ausgeblendet. Zusätzlich beschränkt das Medium durch die ihm eigene Art und Weise der Darstellung diese Wahrnehmung.

Je nach Art der Darstellung haben die Bilder, und mögen sie von noch so hoher Qualität sein, eine stark vom Medium abhängige Wirkung. Dabei spielen Fülle, Größe und Anzeige- beziehungsweise Ansichtsdauer eine in diesem Moment medienabhängige Rolle: Sind es viele Bilder, gehen die einzelnen unter, sind sie klein, werden sie wahrscheinlich in ihrer Aussage beschränkt, werden sie nur kurz angezeigt, haben sie kaum die Chance, eine Aussage zu vermitteln.

Kombiniere ich nun diese Voraussetzungen, ergibt sich eine noch differenziertere Situation: in extremo: viele kleine Bilder werden schnell durchgescrollt! Was, so frage ich mich, kann dabei die Aufmerksamkeit erregen? Immer geübter werden unsere Blicke, filtern in Sekundenschnelle die für uns interessanten Aufnahmen heraus, betrachten sie für einen Moment lang etwas aufmerksamer. Durch die Fülle der präsentierten Lichtbilder bleibt dem medienaffinen Wesen kaum eine andere Herangehensweise, könnte man meinen.

Wird ein Bild in einer Ausstellung gezeigt, so findet es, durch die Verweildauer des Besuchers in der Ausstellung gemeinhin, eine wesentlich höhere Aufmerksamkeit. Davon ausgänglich kann die Bildaussage deutlich stärker kommuniziert werden und auch im Nachgang behält das Bild eine stärkere Bedeutung. Sicher wurde eine gewisse Güte eines Werkes durch die Vorauswahl implementiert, denn allein der Fakt der Anwesenheit in einer Ausstellung oder Galerie impliziert eine besondere Wertigkeit. Ob sie es tatsächlich innehat, steht auf einem anderen Blatt.

In abgeschwächter Form folgt die oben getroffene Aussage ebenso dem Printmedium. Zeitung, Zeitschrift oder Buch, Poster oder Druck im öffentlichen Handel kommt einer solchen Qualitätsaussage nahe, auch, wenn es sich in unserer Gesellschaft mehr um eine durch ökonomische Richtlinien bestimmte Intentionen handelt, als dieser Tatsache einen künstlerischen Gesichtspunkt unterstellen zu können.

Was bleibt, sind die digitalen Medien. Trotz der Tatsache, dass sie allenthalben genutzt werden, ihnen eine schier unendliche Reichweite beschieden werden könnte und ihre Verfügbarkeit -insofern ein Netz vorhanden ist- stets gewährleistet zu sein scheint, ahnen wir, dass Wolken entstehen können, sich jedoch genauso gut sehr schnell wieder auflösen können. Wenige Services bereichern die Kreativität der Nutzer. Da, wo ein Kontakt zwischen Schaffenskraft und Kreativen, zwischen Künstlern und Liebhabern, zwischen Neugierigen und Mutigen, sowie ernsthaft Interessierten und authentischen Menschen entsteht, da ist ein Prozess jenseits von Konsum, Gier, Geltungssucht und Überfluss möglich.

Manche digitale Plattform hat das Zeug dazu, die Kreativität der Nutzer zu fördern, ein Stück weit den Konsum zurück zu führen, und die Menschen wieder näher zusammen zu bringen um dem Sein größeren Raum zu geben, eine Möglichkeit zu bieten, zu produzieren, zu erschaffen, anstatt immer weiter zu konsumieren.

Ob eine Plattform dazu werden kann, entscheidet der Nutzer. Ist für Dich eine solche in Sicht? Siehst Du diesen Prozess in der Gesellschaft?