Von der Beliebigkeit der Schönen [32]

Einen schönen Menschen nicht schön zu sehen, ist nicht möglich, oder? Ein hässliches Foto eines schönen Menschen zu machen, ist nicht leicht, oder?

Schöne Menschen laufen durch die Straßen. Hin und wieder sehe ich sie. Ich sitze in einem Café. Ein schöner Mensch sitzt einige Stühle weiter und trinkt einen Espresso, ließt Zeitung, sieht in sein Handy, blickt selten mal auf in die Weltgeschichte, widmet sich schnell wieder seinen Medien. Ich nehme ihn wahr. Ich blicke ihn an und denke, dass er attraktiv wirkt. Er entspricht dem, was in unserer Gesellschaft als schön gilt, er vereint das, was quer durch alle Kulturen und über alle Zeiten hinweg als Maßgabe für Schönheit gilt: makellose Haut, ebenmäßige Formen, symmetrische Proportionen. Der Blick dieses Menschen ist nahezu frei von Aussage und Bedeutung, entspannt blickt er in die Umgebung.

Da ich mich zeitlebens mit Bildern von Menschen beschäftige, setze ich den Menschen ganz bewusst in einen fiktiven Rahmen. Was würde ein Foto von ihm aussagen? Ein Zeugnis von Schönheit, sicherlich, würde entstehen, fast jeder Betrachter würde der Person Schönheit attestieren, augenblicklich und intuitiv. Schlüsselreize würden wirken, so sie denn über das Bild transportiert werden. Ich blicke den Menschen immer wieder mal an. Nein, ich starre ihn nicht an. Mein virtueller Rahmen nimmt verschiedene Formen und Perspektiven auf. Manche davon wirken vorteilhaft, andere nachteilig, wieder andere beliebig.

Ein Foto würde eines von vielen werden, das einen von vielen schönen Menschen zeigt. Es beschreibt eine Szene aus dem Leben, einer alltäglichen Geschichte, die sich so seit Jahrhunderten wiederholt und vermutlich auch über weitere Jahrhunderte wiederholen mag, wenn wir unsere Welt nicht vorher vergiftet und zerstört haben werden. Über Generationen werden schöne Menschen geboren werden, die auf uns Betrachter ihre Wirkung nicht verfehlen werden. Zeugnisse in Form von Bildern wurde früher weniger gefertigt, heute milliardenfach, zugänglich waren sie früher einem sehr kleinen Kreis, heute über alle Grenzen hinaus, jedem in zigfacher Weise zu hauf.

Waren früher die Schönheiten der Gesellschaft etwas besonderes, weil sie seltener zu sehen waren? Im Kreise seiner Familie, seiner Dorfgemeinschaft, seines sozialen Umfelds waren sie so rar, wie sie es heute auch wären, allein die Bevölkerungsdichte bietet eine größere Anzahl, relativ betrachtet. Hinzu kommt aber die Darstellung von schönen Menschen in Form des Bildes. Begonnen mit Skulpturen und Zeichnungen der Bronzezeit, fortgeführt durch die Malerei ab dem frühen Mittelalter bis zur heutigen Präsentation über Film und Foto gewinnt die Darstellung eine Dimension, die schon über den menschlichen Geist lange hinaus gewachsen ist.

Da sitzt er nun, der schöne Mensch, einige Stühle weiter im Café, und tut nichts, als schön zu sein. So meine ganz eigene, persönliche Wahrnehmung. Ob sich der Mensch selbst überhaupt als schön empfindet, steht auf einem anderen Blatt. Welche Rolle sein Aussehen überhaupt in seinem Leben spielt, ist keine Frage für einen Außenstehenden. Meine Beziehung zu ihm beschränkt sich auf die rein visuelle Situation. Das Wissen um diesen Sachverhalt verhindert nicht die optische Wertung, die automatisch in jedem von uns jederzeit stattfindet. In der zunehmend kommunikationsärmer werdenden Gesellschaft findet ein visueller und darstellerischer Ausgleich statt.

Die Präsentation des eigenen Aussehen scheint die Wahrhaftigkeit des Handelns, des zwischenmenschlichen Kontakts zu verdrängen. Früher drückt man es mit den Worten: „Mehr Schein, als sein“ aus. Es bezeichnete Menschen, die mehr Wert auf ihr Äußeres gelegt haben, als auf ihr Handeln. Heutzutage wäre das Aussehen zu ersetzen durch die Präsentation.

Ich sitze noch eine Zeit lang im Café, sehe immer noch hin und wieder zu diesem schönen Menschen hinüber und frage mich, ob nicht erst ein gewisser Grad der Abweichung von schönheitsideellen Maßen zu Interesse an einem Menschen führt. Dieser Gedanke führt aber schon wieder zu einer mit Gedanken und Gefühlen durchsetzten Betrachtungsweise, und die ist ja nicht mehr zeitgemäß. So genieße ich vorsichtshalber nur die schlichte, austauschbare Schönheit des Menschen einige Stühle weiter …