Von der Handlung im Bilde [31]

Soll ein Portrait eine Handlung des Portraitierten suggerieren oder nicht? Künstler aller Zeiten beschäftigen sich mit dieser Thematik. Fotografen tun dies gleichso, seit über Kunst in fotografischen Portraits diskutiert wird.

Dazu einige Zitate:

„Wie eitel ist die Malerei, wo man die Ähnlichkeit mit Dingen bewundert, die man im Original keineswegs bewundert.“

Blaise Pascal (1623 – 1662), französischer Philosoph

„Malerei, Skulptur, Literatur, Musik stehen einander viel näher, als man im Allgemeinen glaubt. Sie drücken alle Gefühle der menschlichen Seele der Natur gegenüber aus.“

Auguste Rodin (1840 – 1917), französischer Bildhauer

„Malerei ist die Kunst, die Seele zu bewegen durch Vermittlung der Augen. Wenn der Maler nur bis zu den Augen kommt, hat er nur den halben Weg zurückgelegt.“

Denis Diderot (1713 – 1784), franzöšsischer Philosoph

„Jedes Portrait, das mit Gefühl gemalt wurde, ist ein Porträt des Künstlers, nicht dessen, der ihm dafür gesessen hat.“

Oscar Wilde (1854 – 1900) irischer Dramatiker und Dichter

Ein Portrait kann so oder anders sein: es zeigt ein Stückwerk aus dem Leben, dem Alltag, ein Ausschnitt aus einer Handlung, ein Spiegel eines Gefühls oder einer Stimmung. Dabei scheint der Fotograf als der Künstler nur stiller Beobachter zu sein. Auf der anderen Seite gibt es ein Portrait, welches aus der Zwiesprache zwischen Portraitiertem und Fotograf entsteht. Der Blick des Models steht bei letzterem in direktem Kontakt mit dem Fotografen, beziehungsweise mit seiner Kamera. Damit entsteht auch eine scheinbare Beziehung zum späteren Betrachter des Bildes.

Das Bild gibt beim direkten Blick in die Kamera nicht nur das Gesicht der Person wieder, sondern viel mehr. Es ist eine Komposition aus vielen Komponenten, die jede für sich genommen von entscheidendem Einfluss auf die Bildaussage ist. Es ist zunächst die Form des Gesichts, dabei die Proportionen von Augen, Nase und Mund, einzeln, sowie zueinander, dann von Farben, Licht und Schatten, welche einige Teile des Gesichts ausblenden, überzeichnen oder schlicht dokumentieren können.

In dieser Form des Portraits spiegelt sich der Ausdruck des Menschen, seine Verfassung, seine Gefühle und Gedanken, seine Ängste und Stärken, seine Ideen und Vorstellungen, seinen Mut und seine Verbindung zum Menschen gegenüber wieder. Es zeigt ein Stück weit die Realität, gleichzeitig ein Schauspiel, ein Theater der Emotionen im Ausdruck des Portraitierten. Und erheblich mehr von der Sichtweise des Fotografen, als vielen Menschen bewusst ist.

Wie weit sich der Mensch vor der Kamera loslassen oder festhalten, er selbst sein kann oder etwas vorspielen kann, auf der Aufnahme befreit und unabhängig, oder befangen fremd wirkt, liegt wesentlich am Verhältnis von Fotograf und Model zueinander. Es liegt zudem an der Fähigkeit des Models, die Ausdrücke zu spielen oder zu fühlen. Es ist ein Zusammenspiel von Model und Fotograf, bei dem die Wesensart des Fotografen entscheidet, in wie weit die Fertigkeiten des Models sich entfalten können. Sie zuzulassen, zu fördern, sie zu unterstützen in Form seines Auftretens und im Umgang mit Menschen speziell in diesem relativ intensiven Moment ist gleichermaßen bildbestimmend.

Beim Bild der stillen Betrachtung hingegen findet meist keine direkte Verbindung durch Blickkontakt zwischen Model und Betrachter (Kamera) statt. Entweder etwas abgewendet von der Kamera, oder mit geschlossenen Augen, verdeckt oder unbestimmt kennzeichnet diese Art Portrait. Zeitweilig kann aber auch ein abwesender, in sich gekehrter Blick in die Kamera, oder vielmehr durch Kamera und Betrachter hindurch diese Art eines solchen Portraits beschreiben.

Eine Handlung, ob aus ganz Alltäglichem oder einer besonderen Aktion, dient als Grundlage für die Geschichte, die ein solches Bild erzählen soll. Der Betrachter nimmt so die Rolle ein, als der stille Beobachter einer definierten Szenerie. Sie könnte sich jederzeit so oder so ähnlich überall abspielen. Sie enthält einen oder mehrere Aspekte, die sie spannend und unterhaltsam, interessant und sehenswert, vielleicht geheimnisvoll und ergreifend macht.

Etwas nicht (mehr) alltäglich Öffentliches könnte diese Szene darstellen. Hier wird dem Betrachtenden ein Einblick gewährt. Eine öffentliche Handlung, die im Rahmen des Bildes eine wertvolle Betonung erfährt, die damit wiederum ein spannendes und eindringliches Gefühl erzeugt, erzählt das die Geschichte des Bildes? Vielleicht eine Geschichte von Leichtigkeit und Freiheit, von Schönheit und Natur, von Unbefangenheit und Unvoreingenommenheit, durch lichtdurchflutete, helle Tönung unterstützt, nimmt es den Betrachter mit, und ermöglicht so diese Empfindung auf wunderbare Weise.

Oder ein Bild schreibt eine düstere Metapher, melancholisch und schwermütig, durch dunkle Töne mitreißend faszinierend, den Betrachter die dunkle Seite seiner Seele wiederfindend in das Bild hinein ziehend. So sähe eine fotografische Wegbeschreibung aus.

Anders ist die Dreiecksbeziehung beim direkten Portrait. Dabei besteht ein persönlicher Blickkontakt zwischen Model und Fotograf, mehr noch zwischen Model und Kamera, letztendlich aber bildlich zwischen Model und Bildbetrachter. Wesentliches begründet sich in der Stimmung, dem Gefühl, dem Ausdruck, der in einem Bild übermittelt wird. Ein Gefühl, entstanden im Blick und der Mimik des Models, erfasst durch den Fotografen, in seinem für richtig und passend empfundenen Moment und von ihm bestimmten Blickwinkel und Licht der Aufnahme. Letztendlich ist es die Empfindung, die das Bild im Besucher erzeugt, die über Inhalt und Geschichte eine Güte findet, oder eben nicht.

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