Leichte Kost [34]

Vom Verlust des Anspruchs.

Was reicht dir persönlich an Qualität, ganz gleich, ob in den Dingen, die dich umgeben oder für die Art und Weise, wie du lebst? Gibt es in allen Dingen, in allen Bereichen des Lebens eine gewisses Niveau, hast du prinzipiell einen Anspruch an dich und das, das dich erreicht, umfasst, bereichert oder ausmacht?

Was geschieht, wenn du es misst, wenn es dich flieht, wenn es sich deiner entzieht? Bist du neuerdings zufrieden mit dem, was dir frei Haus geliefert, was dir geboten wird, worum du dich nicht mühen musst? Das, wofür du keinen Schritt weiter machen musst, was ohne Aufwand dir zufällt, ist es das, was dir reicht, ausreicht, dein Leben zu bereichern? Gibt es noch die Neugier in dir, die dich entfacht? Zu erforschen, was noch möglich ist, möglich nach dem, was Usus ist, was vorhanden und dir zu deinem Glück gereicht wird?

Verweilst du mit der Sicherheit des Bekannten in der Gewohnheit, dem, was dich nicht aus dem Wohlsein der I… bringen könnte? Lehnst du lieber an der Schutzmauer der Behaglichkeit, als einen Blick darüber zu riskieren, in Sorge, es könnte die Sicht auf das Fundament bloßlegen, das die Ketten an deinen Füßen verbirgt und eine Sehnsucht entfachen und dir die Ruhe gefährden, womöglich die Unruhe des Herzens der Kreativen in dir eröffnen könnte?

Vom Wert des fotografischen Bildes im Zeitalter der digitalen Welt [33]

Was bedeutet dir ein Bild von dir selbst? Spielt es eine Rolle, auf welchem Medium es vorliegt?

Überall und jederzeit werden Menschen fotografiert. Nochmehr aber fotografieren sie sich vermutlich selbst. Vor allem jüngere Menschen tun dies mehrmals täglich. Die entstandene Aufnahme wird zumeist sofort in ein beliebiges Netzwerk gestellt. Rein digital führen die Menschen ihre bildliche Identität mit sich herum, auf ihrem Handy, oder besser gesagt in der weltweiten Cloud der Social Networks, deren Schlüssel und Verbindung das Handy darstellt.

Nie so viel, wie zuvor entstehen fotografische Aufnahmen, nie zuvor war es so bequem möglich, sie autonom vor einem mehr oder weniger differenziertem Publikum zu veröffentlichen. Jedermann ist es so möglich, seine Werke zu präsentieren. Sein Konterfei mag in jeder erdenklichen Art und Weise, mehr oder weniger häufig, die Datenspeicher und Foren der Netzwerke füllen. Dem optischen Wesen Mensch wurde ein Spielzeug an die Hand gegeben, dem er kaum widerstehen kann. Mit welchen Folgen geschieht das?

Ist eine Fotografie, weil in einfachster Weise, jederzeit und überall zu bewerkstelligen, nicht mehr wert, als die wenige Sekunden dauernde Aufmerksamkeit im www bei ihrer Veröffentlichung, um danach vom Betrachter und Ersteller vergessen im digitalen Nirvana aufzugehen? Ändert die Form der Darstellung den Wert der Aufnahme? Macht heute noch jemand Abzüge von digitalen Bildern außer denen, deren Hobby mit der Fotografie zu tun hat? Die berufliche Seite spielt hier keine Rolle.

Was geschieht mit der Fotografie als solches? Verfolgen wir ihr Dasein ein wenig weiter, und fragen, welche Möglichkeiten der Präsentation genutzt werden? Ein digitales Fotoalbum ist noch kein haptisches Gut. Du kannst es nicht be-greifen. Erst im Abzug gelänge es dir. Ein Fotoabzug wäre ein erster Versuch. Was geschieht nach dem Ausdruck mit dem Foto? Ein Fotobuch, früher Fotoalbum genannt, wäre ein mögliches Archiv. Bedeutet Archiv eine Ablage, deren Halbwertszeit nur geringfügig größer ist, als die der digitalen Variante? Steht im Schrank. Neben den anderen Alben und Büchern. Nimmt man sich hin und wieder zur Hand. Ein erhebendes Gefühl, in den Erinnerungen zu schwelgen. Oder? Vielleicht gehst du einen Schritt weiter und lässt das Bild von einem der vielen Dienstleister als Acrylglas- oder Aludibond-Bild, vielleicht auch als Leinwand abziehen, um es in deiner Wohnung aufzuhängen? Wie lange würde es an seinen Platz passen?

Das ist das, was du persönlich machen kannst. Eine Kollage, ein Kissen, eine Tasse oder einer der vielen anderen Motivträger kommen noch in Frage. Als Präsent kannst Du es jemand anderen überreichen, der es in seinem Bereich präsentiert oder verwahrt. Und was ist noch möglich, wenn du an eine anderen Art der Verwendung deiner Fotografien interessiert bist? Veröffentlichung als Beitrag eines Wettbewerbs ist eine Möglichkeit, die heutzutage fast ausschließlich digital verläuft. Es wäre eine Option. Wiederum digital, bestenfalls in einem Printmedium würde dein Bild gezeigt, um damit seinen Sinn erfüllt zu haben? Gibt es ein „danach“, oder ist der Sinn und Zweck der Aufnahme nur ein Zeitzeugnis der kurzweiligen Bedeutung?

Gehe ich ein Stück weit in die Vergangenheit zurück und frage, welche Bedeutung die Fotografie von ihren Anfängen aus, über die Zeit des Erwachsenwerdens hinaus, als Eastman Kodak den Rollfilm erfand, bis kurz vor der Digitalisierung innehatte, so gilt für jedes Genre ein eigener Maßstab. Davon ausklammern möchte ich die Werbefotografie, die zwar oft als Motor verschiedener Strömungen diente, deren Zweck aber stets gebunden an das Produkt war. Auch die Dokumentar- oder Reportagefotografie ist ein ein eigenständiges Genre. Bei ihr kommt es weniger auf den Stil an, viel mehr auf die zu transportierende Botschaft eines Themas, die außer informativ zu sein stets zweckgerichtet ist. Was bleibt als Genre oder Richtung der Fotografie übrig? Welche Menschen bleiben außer den Werbe- und Dokumentarfotografen?

Reisefotografie ist eines der frühesten Genres, die zusammen mit den ersten Zeitschriften, die in erster Linie aus abgedruckten Fotografien mit etwas Text bestanden. Und all die anderen Themen? Dazu demnächst mehr.

Und Fotografie? Was bedeutet dir ein Bild von dir selbst?

Von der Beliebigkeit der Schönen [32]

Einen schönen Menschen nicht schön zu sehen, ist nicht möglich, oder? Ein hässliches Foto eines schönen Menschen zu machen, ist nicht leicht, oder?

Schöne Menschen laufen durch die Straßen. Hin und wieder sehe ich sie. Ich sitze in einem Café. Ein schöner Mensch sitzt einige Stühle weiter und trinkt einen Espresso, ließt Zeitung, sieht in sein Handy, blickt selten mal auf in die Weltgeschichte, widmet sich schnell wieder seinen Medien. Ich nehme ihn wahr. Ich blicke ihn an und denke, dass er attraktiv wirkt. Er entspricht dem, was in unserer Gesellschaft als schön gilt, er vereint das, was quer durch alle Kulturen und über alle Zeiten hinweg als Maßgabe für Schönheit gilt: makellose Haut, ebenmäßige Formen, symmetrische Proportionen. Der Blick dieses Menschen ist nahezu frei von Aussage und Bedeutung, entspannt blickt er in die Umgebung.

Da ich mich zeitlebens mit Bildern von Menschen beschäftige, setze ich den Menschen ganz bewusst in einen fiktiven Rahmen. Was würde ein Foto von ihm aussagen? Ein Zeugnis von Schönheit, sicherlich, würde entstehen, fast jeder Betrachter würde der Person Schönheit attestieren, augenblicklich und intuitiv. Schlüsselreize würden wirken, so sie denn über das Bild transportiert werden. Ich blicke den Menschen immer wieder mal an. Nein, ich starre ihn nicht an. Mein virtueller Rahmen nimmt verschiedene Formen und Perspektiven auf. Manche davon wirken vorteilhaft, andere nachteilig, wieder andere beliebig.

Ein Foto würde eines von vielen werden, das einen von vielen schönen Menschen zeigt. Es beschreibt eine Szene aus dem Leben, einer alltäglichen Geschichte, die sich so seit Jahrhunderten wiederholt und vermutlich auch über weitere Jahrhunderte wiederholen mag, wenn wir unsere Welt nicht vorher vergiftet und zerstört haben werden. Über Generationen werden schöne Menschen geboren werden, die auf uns Betrachter ihre Wirkung nicht verfehlen werden. Zeugnisse in Form von Bildern wurde früher weniger gefertigt, heute milliardenfach, zugänglich waren sie früher einem sehr kleinen Kreis, heute über alle Grenzen hinaus, jedem in zigfacher Weise zu hauf.

Waren früher die Schönheiten der Gesellschaft etwas besonderes, weil sie seltener zu sehen waren? Im Kreise seiner Familie, seiner Dorfgemeinschaft, seines sozialen Umfelds waren sie so rar, wie sie es heute auch wären, allein die Bevölkerungsdichte bietet eine größere Anzahl, relativ betrachtet. Hinzu kommt aber die Darstellung von schönen Menschen in Form des Bildes. Begonnen mit Skulpturen und Zeichnungen der Bronzezeit, fortgeführt durch die Malerei ab dem frühen Mittelalter bis zur heutigen Präsentation über Film und Foto gewinnt die Darstellung eine Dimension, die schon über den menschlichen Geist lange hinaus gewachsen ist.

Da sitzt er nun, der schöne Mensch, einige Stühle weiter im Café, und tut nichts, als schön zu sein. So meine ganz eigene, persönliche Wahrnehmung. Ob sich der Mensch selbst überhaupt als schön empfindet, steht auf einem anderen Blatt. Welche Rolle sein Aussehen überhaupt in seinem Leben spielt, ist keine Frage für einen Außenstehenden. Meine Beziehung zu ihm beschränkt sich auf die rein visuelle Situation. Das Wissen um diesen Sachverhalt verhindert nicht die optische Wertung, die automatisch in jedem von uns jederzeit stattfindet. In der zunehmend kommunikationsärmer werdenden Gesellschaft findet ein visueller und darstellerischer Ausgleich statt.

Die Präsentation des eigenen Aussehen scheint die Wahrhaftigkeit des Handelns, des zwischenmenschlichen Kontakts zu verdrängen. Früher drückt man es mit den Worten: „Mehr Schein, als sein“ aus. Es bezeichnete Menschen, die mehr Wert auf ihr Äußeres gelegt haben, als auf ihr Handeln. Heutzutage wäre das Aussehen zu ersetzen durch die Präsentation.

Ich sitze noch eine Zeit lang im Café, sehe immer noch hin und wieder zu diesem schönen Menschen hinüber und frage mich, ob nicht erst ein gewisser Grad der Abweichung von schönheitsideellen Maßen zu Interesse an einem Menschen führt. Dieser Gedanke führt aber schon wieder zu einer mit Gedanken und Gefühlen durchsetzten Betrachtungsweise, und die ist ja nicht mehr zeitgemäß. So genieße ich vorsichtshalber nur die schlichte, austauschbare Schönheit des Menschen einige Stühle weiter …

Von der Handlung im Bilde [31]

Soll ein Portrait eine Handlung des Portraitierten suggerieren oder nicht? Künstler aller Zeiten beschäftigen sich mit dieser Thematik. Fotografen tun dies gleichso, seit über Kunst in fotografischen Portraits diskutiert wird.

Dazu einige Zitate:

„Wie eitel ist die Malerei, wo man die Ähnlichkeit mit Dingen bewundert, die man im Original keineswegs bewundert.“

Blaise Pascal (1623 – 1662), französischer Philosoph

„Malerei, Skulptur, Literatur, Musik stehen einander viel näher, als man im Allgemeinen glaubt. Sie drücken alle Gefühle der menschlichen Seele der Natur gegenüber aus.“

Auguste Rodin (1840 – 1917), französischer Bildhauer

„Malerei ist die Kunst, die Seele zu bewegen durch Vermittlung der Augen. Wenn der Maler nur bis zu den Augen kommt, hat er nur den halben Weg zurückgelegt.“

Denis Diderot (1713 – 1784), franzöšsischer Philosoph

„Jedes Portrait, das mit Gefühl gemalt wurde, ist ein Porträt des Künstlers, nicht dessen, der ihm dafür gesessen hat.“

Oscar Wilde (1854 – 1900) irischer Dramatiker und Dichter

Ein Portrait kann so oder anders sein: es zeigt ein Stückwerk aus dem Leben, dem Alltag, ein Ausschnitt aus einer Handlung, ein Spiegel eines Gefühls oder einer Stimmung. Dabei scheint der Fotograf als der Künstler nur stiller Beobachter zu sein. Auf der anderen Seite gibt es ein Portrait, welches aus der Zwiesprache zwischen Portraitiertem und Fotograf entsteht. Der Blick des Models steht bei letzterem in direktem Kontakt mit dem Fotografen, beziehungsweise mit seiner Kamera. Damit entsteht auch eine scheinbare Beziehung zum späteren Betrachter des Bildes.

Das Bild gibt beim direkten Blick in die Kamera nicht nur das Gesicht der Person wieder, sondern viel mehr. Es ist eine Komposition aus vielen Komponenten, die jede für sich genommen von entscheidendem Einfluss auf die Bildaussage ist. Es ist zunächst die Form des Gesichts, dabei die Proportionen von Augen, Nase und Mund, einzeln, sowie zueinander, dann von Farben, Licht und Schatten, welche einige Teile des Gesichts ausblenden, überzeichnen oder schlicht dokumentieren können.

In dieser Form des Portraits spiegelt sich der Ausdruck des Menschen, seine Verfassung, seine Gefühle und Gedanken, seine Ängste und Stärken, seine Ideen und Vorstellungen, seinen Mut und seine Verbindung zum Menschen gegenüber wieder. Es zeigt ein Stück weit die Realität, gleichzeitig ein Schauspiel, ein Theater der Emotionen im Ausdruck des Portraitierten. Und erheblich mehr von der Sichtweise des Fotografen, als vielen Menschen bewusst ist.

Wie weit sich der Mensch vor der Kamera loslassen oder festhalten, er selbst sein kann oder etwas vorspielen kann, auf der Aufnahme befreit und unabhängig, oder befangen fremd wirkt, liegt wesentlich am Verhältnis von Fotograf und Model zueinander. Es liegt zudem an der Fähigkeit des Models, die Ausdrücke zu spielen oder zu fühlen. Es ist ein Zusammenspiel von Model und Fotograf, bei dem die Wesensart des Fotografen entscheidet, in wie weit die Fertigkeiten des Models sich entfalten können. Sie zuzulassen, zu fördern, sie zu unterstützen in Form seines Auftretens und im Umgang mit Menschen speziell in diesem relativ intensiven Moment ist gleichermaßen bildbestimmend.

Beim Bild der stillen Betrachtung hingegen findet meist keine direkte Verbindung durch Blickkontakt zwischen Model und Betrachter (Kamera) statt. Entweder etwas abgewendet von der Kamera, oder mit geschlossenen Augen, verdeckt oder unbestimmt kennzeichnet diese Art Portrait. Zeitweilig kann aber auch ein abwesender, in sich gekehrter Blick in die Kamera, oder vielmehr durch Kamera und Betrachter hindurch diese Art eines solchen Portraits beschreiben.

Eine Handlung, ob aus ganz Alltäglichem oder einer besonderen Aktion, dient als Grundlage für die Geschichte, die ein solches Bild erzählen soll. Der Betrachter nimmt so die Rolle ein, als der stille Beobachter einer definierten Szenerie. Sie könnte sich jederzeit so oder so ähnlich überall abspielen. Sie enthält einen oder mehrere Aspekte, die sie spannend und unterhaltsam, interessant und sehenswert, vielleicht geheimnisvoll und ergreifend macht.

Etwas nicht (mehr) alltäglich Öffentliches könnte diese Szene darstellen. Hier wird dem Betrachtenden ein Einblick gewährt. Eine öffentliche Handlung, die im Rahmen des Bildes eine wertvolle Betonung erfährt, die damit wiederum ein spannendes und eindringliches Gefühl erzeugt, erzählt das die Geschichte des Bildes? Vielleicht eine Geschichte von Leichtigkeit und Freiheit, von Schönheit und Natur, von Unbefangenheit und Unvoreingenommenheit, durch lichtdurchflutete, helle Tönung unterstützt, nimmt es den Betrachter mit, und ermöglicht so diese Empfindung auf wunderbare Weise.

Oder ein Bild schreibt eine düstere Metapher, melancholisch und schwermütig, durch dunkle Töne mitreißend faszinierend, den Betrachter die dunkle Seite seiner Seele wiederfindend in das Bild hinein ziehend. So sähe eine fotografische Wegbeschreibung aus.

Anders ist die Dreiecksbeziehung beim direkten Portrait. Dabei besteht ein persönlicher Blickkontakt zwischen Model und Fotograf, mehr noch zwischen Model und Kamera, letztendlich aber bildlich zwischen Model und Bildbetrachter. Wesentliches begründet sich in der Stimmung, dem Gefühl, dem Ausdruck, der in einem Bild übermittelt wird. Ein Gefühl, entstanden im Blick und der Mimik des Models, erfasst durch den Fotografen, in seinem für richtig und passend empfundenen Moment und von ihm bestimmten Blickwinkel und Licht der Aufnahme. Letztendlich ist es die Empfindung, die das Bild im Besucher erzeugt, die über Inhalt und Geschichte eine Güte findet, oder eben nicht.