Von der Kunst des Weglassens, Teil 3 [30]

Du nimmst ein Bild in Augenschein. Es ist eine Fotografie eines beliebigen Menschen. Was erkennst du? Siehst du etwas von der Statur des Körpers? Was von diesem Menschen ist abgebildet? Nur das Gesicht, zusätzlich noch die Haare, oder sind sie unter einer Kapuze verborgen? Siehst du die Kleidung oder ist der Mensch unverhüllt? Wenn du Kleidung siehst, bedeckt sie den ganzen Körper? Oder beschränkt sich das Bild auf die Darstellung des Oberkörpers? Wenn du Kleidung siehst, zeichnet sich die Statur des Körpers dennoch darunter ab oder verwischt sie jegliche Kontur?

Was erblickst du noch, außer dem Portraitierten? Ein Setting, das in Bezug zur Person steht oder eine Umgebung, die dir willkürlich erscheint, deren Verbindung zum Motiv, zum Menschen dir Rätsel aufgibt? Was empfindest du beim Studium der Aufnahme? Welche Gedanken und Gefühle löst sie in dir aus? Erzeugt sie Zustimmung oder Ablehnung, wendest du dich schnell ab, blätterst verstört weiter oder nimmst du sie deutlicher wahr? Erzeugt sie dadurch eine positive Wirkung? Wirkt sie auf eines deiner archaischen Zentren, löst ein Gefühl von Belohnung aus, lässt dich dieses Gefühl genießen, weidest dich daran und lässt es gerne zu?

Was macht das Bild aus? Ein Portrait bedeutet ein Bild eines Menschen. Erkennst du darauf das Gesicht des Menschen oder ist es mit dem Halbdunkel verwoben? Zeigt es die Person im Profil oder entzieht sich das Gesicht deinem Blick, bleibt anonym und führt damit das Portrait an den Rand der Bedeutung. Gibt es überhaupt eine übergreifende Bewertung, eine allgemeingültige Bestimmung von Kriterien, die aussagekräftig ein Bild einordnen? Kunstwerke werden seit je her kritisiert. Altbekanntes immer wieder neu zu präsentieren scheint ein ewiger Kreislauf zu sein. Mal ist etwas modern, danach nicht mehr, irgendwann erneut.

Ein Portrait bleibt ein Portrait. Von einer puren Gesichtsmaske bis hin zur opulenten Komposition, eine Person bildet das Motiv. Tritt ein Hintergrund in Konkurrenz zum Motiv, so bekommt der Betrachtende eine anstrengende Aufgabe, die er möglicherweise nicht in der Lage ist zu bewältigen. Das Bild hat verloren. Bietet es zu wenig Spannung, fällt es durch das Aufmerksamkeitsraster des Betrachters. Es verliert ebenso. Gilt es also eine Balance zu finden, auszuloten, bis wohin es in welcher Weise auf wen wirkt. Doch der Künstler, das beschrieb ich bereits hier, fertigt sein Werk aus sich heraus, nicht als Auftragsarbeit. Will er aber sein Publikum erreichen, gilt es eine Zwiesprache zu halten.

Ein Portrait bleibt ein Portrait. Ein Blick eines Portraitierten kann unendlich viele Gefühle erzeugen. Auf einige Ausdrücke reagieren wir Menschen automatisch, ohne uns dies bewusst zu sein, andere analysieren wir genauer. Wie ein Portrait wirkt, hängt vom Ausdruck des Menschen ab, ist er interessant, so entstehen viele Eindrücke. Spricht uns, das heißt, sprechen die Bilder unsere momentane Verfassung und Gefühlslage an, findet eine Begegnung statt. Viele Bilder übersehen wir, ob der Flut der Fotos oder der stetig sinkenden Güte derselben, aber einige erreichen unsere Aufmerksamkeit. Das, weil wir in diesem Moment die Botschaft ins Bild legen, die wir suchen. Ob sie so gemeint war, spielt keine Rolle. Da wir stets auf der Suche nach einer Erfüllung unserer Wünsche und Bedürfnisse sind, finden wir, wonach wir suchen. Für den einen ist es das Portrait der Kindfrau, für den nächsten das Gesicht des alten Bergbauern, für wieder andere der Körper(teil) des Models. Schönheit ist zwar nicht Ansichtssache, aber eine definierte Wirkung wird auf jeden Menschen individuell ausgeübt.

Gibt es ein Fazit? Weniger kann mehr sein, aber auch zu wenig, wenn Aufmerksamkeit in mehrere Richtungen erzeugt werden soll. Von der Wirkung einer Kunst reicht tatsächlich ein einziges Auge als Portrait eines Menschen, das unter einer Kapuze, einer Decke hervor blickt, das so viel Spannung erzeugt, um den Betrachter in seinen Bann zu ziehen. Manchmal sind es zwei Augen, manchmal Augen und Nase oder Teile des Gesichts, die so erfüllt sind von Kraft und Ausdruck, dass kaum ein Betrachter sich der Wirkung entziehen kann. Geht man nach der Beachtung, die bisherigen Kunstwerken geschenkt wird, so liegt der Anteil der reinen Gesichtsportraits weit vorn in der Gunst der Besucher. Das Tagwesen Mensch, als zutiefst visuelles Wesen, der seine Hauptimpressionen über sein Auge erfasst, tritt auch mit diesem in erster Linie in Kontakt. Spannende Betrachtung, finde ich.

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Von der Kunst des Weglassens, Teil 2 [29]

Weniger ist mehr! Trifft das auch in der Fotografie zu? Einfaches Design wird zum Klassiker, zeitlos und über jeden Geschmack erhaben. Gestern wurde das nachweislich letzte Gemälde von Leonardo da Vinci, sein Jesus-Portrait, für die bisher unerreichte Rekordsumme von 450.000.000 Euro (Vierhundertfünfzig-Millionen) verkauft. Ein Portrait eines Malers, der in Armut starb.

Ein relativ einfaches Portrait. Nicht viel mehr, als einige Accessoires und Kleidung zeigt das Bild, alles andere ist Gestik und Mimik, Licht und noch mehr Schatten, sowie Farben. Gilt dies als Beispiel für eine Art Minimalismus, wie auch „Mona Lisa“ aus der Sicht da Vincis erstellt wurde?

Ein berühmter Fotograf vertrat die Ansicht, dass ein Bild schlecht geraten war, weil noch nicht genug weggelassen wurde. Ein anderer sagte: Ist Dein Bild nicht gut genug, warst Du nicht nah genug dran. Wie übertrage ich diese Ansichten auf die Fotografie von Menschen? Wie binde ich die Devise von „Weniger ist mehr“ in eine fotografische Arbeit ein? Der französische Maler Thomas Couture (1815 – 1879) sagte: „Vor allen Dingen seid bescheiden: in der Malerei gibt Bescheidenheit die größte Kraft.“ Ist ein Blick, ein Auge allein als erster und prägnantester Blickpunkt eines portraitierten Menschen ausreichend und hat die Voraussetzungen für einen Klassiker? Einige Fotografien mehr oder weniger bekannter Fotografen auf diversen Plattformen im Internet deuten dies an, wenn man die Zahl der „Likes“ als Indikator zugrunde legt.

Gehe ich davon, ohne eine genauere Überprüfung durchgeführt zu haben, aus, so stellt sich die anschließende Frage, in wie weit der Blick, die Aussage des Blicks, die Interpretationsmöglichkeiten für den Blick die Entscheidung beeinflusst. Geht jeder Blick? Funktioniert es bei jedem Gesicht? Spielt schon die Form des Auges eine Rolle? Ist das Alter des Portraitierten ausschlaggebend? Sind Wimpern und Augenbrauen Elemente mit Einfluss auf unser Urteil? Ist es allein die Stimmung, die im Blick des aufgenommenen Menschen für Zustimmung oder Ablehnung im Betrachter sorgt, für eine Empathie, die die vielleicht entscheidenden Gefühle in uns auslöst? Stimmung kann viele Saiten spielen. Was zählt in einem Bild? Eine genau bestimmbare Emotion? Oder kann es undifferenziert sein, vage, eine weit zu interpretierende Mimik, vielleicht wie Mona Lisa?

Was spricht wen in welcher Situation in welcher Weise an? Welche Aussagen bewegen? Wie darf, soll, muss ein Blick sein? Traurig, melancholisch, trübe oder lustig, vergnügt, heiter? Vielleicht lasziv, sexy, provokant oder unschuldig, verletzt, hilflos? Lieber stark, unabhängig, heroisch oder weise, klug, in sich ruhend? Die Leistung eines Models ist überaus bedeutsam, wenn es solche und viele weitere Emotionen mimisch wiederzugeben in der Lage ist, was nur sehr vereinzelt der Fall ist. Für ein einzelnes Bild ist es authentisch, wenn ein Mensch auf dem Portrait eine dieser Eigenschaften verkörpert, dann funktioniert aber auch nur diese eine, selten mehr. Das nur am Rande.

Was wirkt nun, wenn es über den Blick, mit dem Auge als nur eine Quelle der Emotionen, hinaus die Gesichtsmuskeln sind, in Kombination mit dem Mund, als zweitwichtigstes Element der Mimik. Viele Kombinationen von Emotionen über Auge und Mund auf einem Bild sind möglich. Dabei geht es von widersprüchlich über neutral oder gleichbedeutend bis hin zu übertrieben, jede Nuance kann die Aussage verändern.

Zurück zum Ausgangspunkt: wenn es mehr als nur ein Gesicht ist, das auf einer Fotografie abgebildet ist, welchen Mehrwert, welche zusätzliche Aussage begleitet die Idee? Sehr viele Fotografen zeigen eine tolle Location, das Naturschöne kommt zum Portrait hinzu. Oder eine Bildidee fordert eine bestimmte Kleidung. Dadurch wird mehr als nur ein Gesicht vom Körper des Menschen gezeigt. Ich klammere hier ganz bewusst jede Art von Fashion oder Glamour aus, dabei spielt der Mensch nur eine untergeordnete Rolle, solange Maße, Symmetrie und Proportionen passen. Mir geht es hier um künstlerisch orientierte Fotografie, aber das dürfte klar sein. In welchen Fällen ist nicht weniger mehr, wann kann mehr mehr sein? Hin und wieder ist es sicher zutreffend. Dazu mehr in Teil 3 dieses kleinen Essays.

Von der Kunst des Weglassens, Teil 1 [28]

Üblicherweise trifft ein Bild eine Aussage. Es zeigt etwas, das der Fotograf wert erachtete festzuhalten und zu präsentieren. Bei einem Portrait einer Person ist es der Mensch vor der Kamera, mit seinen Besonderheiten, seinen Formen und Proportionen, seinen Gesichtszügen und seiner Kleidung, zurecht gemacht oder natürlich, sein Ausdruck. Bei einem Ganzkörper-Portrait ist mehr vom Menschen zu erkennen, als beim klassischen Portrait, auf dem hauptsächlich das Gesicht abgebildet wird. Der Mensch als visuelles Wesen unterliegt trotz viele Jahrtausende andauernder Entwicklung noch immer rudimentären Reizen und Trieben, nach denen er handelt, beziehungsweise denen er in jeder erdenklichen Weise folgt.

Auch bei der Betrachtung einer Fotografie ist es nicht verwunderlich, dass ihr ein großes Maß an Aufmerksamkeit geschenkt wird, wenn eine solche die allseitig bekannten Schlüsselreize anspricht. Bei einem Portrait gilt das Auge des Portraitierten für den Menschen als wichtigster Part. Jedoch nicht nur die Augen, auch andere Partien des Gesichts und des Körpers weisen diese Auslöser für diese Empfindung im Betrachter auf. Sind sie erkennbar, oder werden sie vielleicht sogar etwas überzeichnet, so ist die Aufmerksamkeit nahezu garantiert. Nicht, dass die Aufmerksamkeit nicht auch schnell wieder abebbt, aber zunächst wirken die Reizinformationen unweigerlich auf unsere Rezeptoren.

Nun ist es aber so, dass der Mensch nicht unendlich viele Impressionen gleichzeitig oder kurz hintereinander aufnehmen kann. Er ist schnell überfordert, wenn sein Filtersystem nicht mehr in der Lage ist, die Flut an Informationen zu verarbeiten. Als Folge kommt es -wiederum reaktiv und intuitiv- zu einer Verweigerungshaltung, die, ganz klassisch, entweder in Flucht oder Angriff mündet. (Natürlich kommt hin und wieder eine Übersprunghandlung vor.)

Wie äußert sich das im Felde der Portraitfotografie? Es gibt das Foto. Auf diesem ist ein Bildnis eines Menschen zu erkennen. Findet das Auge nun zu viele Informationen in diesem Portrait, kommt das Gedächtnis nicht damit zurecht, es wird versuchen, zu sortieren, zu gruppieren, abzuwägen, auszuschließen. Bei einer Überforderung aber wird sich der Mensch schnell abwenden. Er betrachtet ja Fotografien, um sich zu vergnügen. (Außer bei journalistischen Hintergründen) Überforderung bereitet jedoch dem Mensch nur seltenst Vergnügen. Damit verweigert er sich mehr oder weniger offen diesem Werk.

In der Lehre der Fotografie wird häufig die Zahl drei genannt, wenn es um Elemente im Motiv einer Aufnahme geht. Auf höchstens fünf sollte demnach ausgedehnt werden, dies jedoch nur als Ausnahme. Eine größere Anzahl überfordere den Betrachter schnell und ein Foto verlöre so die Aufmerksamkeit. Gehe ich von dieser Vorstellung einmal aus, so stellt sich bei jedem Portrait erneut die Frage, wie viel möchte ich einschließen, was darf ich weglassen, was auf keinen Fall und welche Wirkung möchte ich überhaupt erzielen, welche Aussage gedenke ich zu treffen.

Abgesehen von der Tatsache, dass es für den Betrachter von viel größerer Bedeutung ist, welchen Gesichtsausdruck er erkennt, kann das „Drumherum“ beeinflussen – mal mehr, mal weniger. Um das „weniger“ dreht sich meine Frage, wie wenig ist „weniger“. Als ich in Italien mein Model in die Brandung stellte und wir sage und schreibe 2 Stunden auf die „richtige“ Welle warteten, unzählige Brecher vorher nicht DAS Bild ergaben, fragten wir uns schon, ob das „Drumherum“ so viel der Bildaussage hinzufügen konnte, oder ob nicht weniger auch mehr sein könne. Es kommt drauf an. Ist ja kein Portrait mehr, sagte sie. Ja, stimmt. Was wollten wir also?

Mir gefallen immer wieder Aufnahmen, auf denen nur die Augen zu sehen sind, noch Haare, vielleicht eine sinnvoll eingebaute Hand, Kapuze, Lichtstimmung, das reicht. Manchmal sind es auch Ganzkörper-Portraits. Mit Verkleidung, Makeup, Backlight, usw., es ist viel aufwendiger. Die Frage, die sich bei meinen Portraits immer wieder aufdrängt, ist, ob nicht weniger reichen würde. Worauf kommt es schließlich an? Dem gedanklich näher zu kommen, folge ich in Teil 2 dieses Beitrags.

Kannst Du Deinen Augen trauen? [27]

Richtest du einen kurzen Blick auf das Bild, was erkennst Du? Nicht schwer, oder? Oder doch?

Was ein Betrachter auf einer Fotografie erkennt, ist ersichtlich, oder? Er sieht, was abgebildet ist. Er erkennt, was er sieht und sein Geist ordnet ein, trennt Motiv vom Hintergrund -hoffentlich hat es der Fotograf verstanden, die Prioritäten zu setzen- und der Betrachter blendet all das aus, was nicht von Bedeutung für ihn ist. Er erkennt Punkte und wenn vorhanden, möglicherweise Linien, welche horizontal beruhigend, vertikal energetisch oder diagonal aufwühlend sein können. Er erkennt Farben und Komplementärfarben, blau-beruhigendes, rot-belebendes oder grün-vertrauensvolles. Er differenziert nach Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund, wenn diese Ebenen auf der Fläche des Fotos sich überhaupt voneinander abheben. Vielleicht erkennt er Dynamik und Statik, es ist vielleicht eine Bewegung im Bilde wahrzunehmen. Manchmal trennte der Fotograf sein Motiv vom Hintergrund durch eine Unschärfe, dann kann der Betrachter Unscharfes von einem klarem Motiv unterscheiden.

Ist der Betrachter als Adressat für ein Kunstwerke eine vollkommen vom Künstler losgelöste Person? Ein Kunstwerk, auch in Form einer Fotografie, ist zunächst losgelöst vom Erschaffer zu sehen. Es spricht seine ganz eigene Sprache. Auch wenn der Künstler in seinem Werk seine Handschrift noch so genau verewigt hat, im Moment der Entdeckung durch den Betrachter nimmt dieser nur jenes wahr. Was er sieht, was er versteht, dessen Sprache er mächtig ist, kann er aufnehmen. Die Töne spürend, die durch die Schwingungen des Kunstwerkes in ihm seine Saiten berührt, diese vernimmt er.

Nicht immer korrespondieren Botschaft und Nachricht, Aussage und Statement, Gefühl und Idee zwischen Urheber und Konsument mittels Werk. Wozu aber fertigt der Künstler sein Werk? Wozu betrachtet der Besucher ein Werk? Zwischen zufälligem Blick und gezielter Suche, zwischen öffentlicher Publikation und ausgestelltem Werkstück, zwischen Massenware und ausgesuchter Präsenz sucht ein Werk die Betrachter anzusprechen. Es strebt nach Aufmerksamkeit, einen Weg in das Bewusstsein desjenigen sich bahnend, der hinsieht. Wie weit reichend es verstanden wird, letztendlich akzeptiert wird oder nicht, kann tatsächlich davon abhängen, in wie weit ein Werk allgemeingültigen Wertvorstellungen entspricht oder nicht.

Ist wahre Kunst ausgenommen vom potentiellen Adressaten? Interessiert den wahren Künstler nicht im Geringsten, wie ein Werk wahrgenommen wird? Ist es ausschließlich ein Abbild seiner inneren Idee, ohne einen Bezug auf einen möglichen Betrachter zu nehmen, beziehungsweise an einen möglichen Adressaten auch nur zu denken? Oder fertigt der Künstler seine Kunst nur für ein gezieltes Publikum an? Ist es dann noch Kunst? Eine immer wiederkehrende Frage, ungelöst und vielfach beantwortet.

Eine Fotografie dokumentiert, bildet Vorhandenes ab. Sie gibt einen Ausschnitt aus Sichtbarem wieder. Was sie aber wie präsentiert, ist nicht immer gleich erkennbar und bedarf des Öfteren einen zweiten Blick. Die Fotografie hier im Beitrag zeigt ein Spiegelbild einer jungen Frau. Eine Wasserstelle mit Herbstlaub, welches wie zu schweben scheint, diente als Spiegelfläche. Dadurch wird das Fotomodel spiegelverkehrt abgebildet, auch der Baum im Hintergrund, dessen Ast die Form des Menschen so schön umschließt, ist eine Spiegelung. Verkehrt herum, und doch einer klarer Aussage fähig: Ein Model sitzt angelehnt an einer Stufe, schützt die Augen vor der Sonne und schaut herüber. Entspannt an einem Herbsttag in der urbanen Natur im noch wärmenden Sonnenschein relaxen, genießen, einfach sein, nichts Spektakuläres erfährt der Betrachter hier. Das Bild ist nahezu unbearbeitet außer einem Beschnitt, sowie die Schatten wurden etwas aufgehellt.

Damit trennen sich Realität und Fiktion, Wirklichkeit und Erlebtes (zusammen und im Prinzip) nicht. Es existiert kein Unterschied in der Bildaussage, denn es ist zunächst nicht von Bedeutung, ob es ein Spiegelbild ist, oder nicht. „Mensch draußen in der Natur im Herbst“. Nur die an der Wasseroberfläche schwimmenden Blätter geben einen vagen Hinweis auf eine besondere Situation, die dem aufmerksamen Betrachter etwas mehr zeigt und vielleicht einen Denkprozess anregt und Neugier erweckt. Wenn ein Bild etwas aussagen soll, etwas über das Alltägliche hinaus, etwas, was es Wert wäre, zu zeigen, zu sagen, „Schau mal hier, ist es nicht eine ganz leicht andere Art und Weise die Dinge zu sehen?“, erweitert es auf diese Weise den eigenen Horizont? Bleibe lieber ungewöhnlich!