Posing 9: Der richtige Moment [17]

Gibt es in der Fotografie den richtigen Moment? Gibt es einen besseren Moment als einen anderen? Ist ein anderer Moment, ein Augenblick, ein Bruchteil einer Sekunde später oder früher der richtigere Moment, als ein anderer? Und wenn ja, warum ist es so? Ist es der geringfügig andere Winkel des Kopfes, die Öffnung der Augenlider und der damit verbundene Gesichtsausdruck?

Ist es der Windstoß durch das Haar und durch die Kleidung? Ist es der Moment, in dem die Sonne exakt im richtigen Winkel ihr Licht durch die gelblichen Blätter der Akazie aussendet, um diesen einen Farbton auf der Haut der Wangen abzubilden, der diesen weichen Teint erzeugt?

Ist es der Augenblick, in dem der Blick des Models gerade noch nicht dazu übergegangen ist, etwas von seiner frechen Laszivität zu zeigen, sondern viel mehr von dieser unbeschwerten Leichtigkeit einer verträumten Abwesenheit Ausdruck verleiht.

Was ist in diesem Moment anders, als einen Augenblick später oder zuvor, bildet er doch genau so viel eines Moments aus dem Leben ab. Was unterscheidet die beiden Aufnahmen, warum entscheidest du dich eindeutig für die eine und gegen die andere? Ist es eine Kombination aus vielen Parametern, die somit zueinander passen, keine Widersprüche aufzeigen und dem Bild die Harmonie verleiht, die einen starken Ausdruck erzeugt und vielleicht sogar eine Geschichte erzählt?

Ist es jene Aufnahme, bei der nicht eine bestimmte Pose überzogen wirkt, die Gesichtszüge mit eurer Idee harmonieren, das Licht stimmt und auch die möglichen kleinen Gemeinheiten des technischen Equipment dich nicht hinterlistig besuchen konnten?

Kann es sein einziger Moment am diesem Tage bleiben oder sein, der DAS Foto hervorbringt aus dem DAS Bild wird? Oder gibt es derer viele, aus denen du nur das eine „richtige“ Bild auswählen musst? Eine spannende Fragestellung, die vielleicht für jedes deiner Bilder eine gute Möglichkeit ergibt, das Bild mal genauer zu hinterfragen, und ein Weg, die Güte mit deinem Verständnis zu vergleichen und Pros und Cons dir zu vergegenwärtigen. Nur zu also!

Posing 8: Teilweise körperlich [16]

Wie viel von nackter Haut ist nötig, um eine Bildaussage zu erhalten? Wie viel Erkennbares vom Körper des Menschen vor der Kamera führt zu Interesse und erhöhter Aufmerksamkeit gegenüber einer Aufnahme? Was tragen sogenannte Aufnahmearten wie zum Beispiel Teilakt oder verdeckter Akt, Vollakt oder künstlerischer Akt, Aktportrait oder sinnlicher Akt, „open Legs“ oder Boudoire-Fotografie zur Idee einer Komposition, einer Geschichte im Bilde bei?

„Die Schöpfung erschuf den Körper, der Mensch die Kleidung.“ „Natürlichkeit kann nur durch den Körper dargestellt werden, nicht durch Kleidung.“ Wie sehr beeinflusst uns die Idee hinter diesen Zitaten? Wird Zivilisation durch das Tragen von Kleidung definiert und was genau beschreibt danach Zivilisation?

In wie fern verändert sich eine Pose, wenn einmal mehr, einmal weniger Haut des Models zu erkennen ist? In wie weit verschiebt sich eine Bildaussage, wenn die unterschiedlichen Bereiche des menschlichen Körpers mal mehr, mal weniger mit Kleidung oder von Schatten verdeckt sind?

Sind bestimmte Körperproportionen zwangsläufig erkennbar zu halten, um überhaupt eine bestimmte Aussage treffen, abbilden zu können? Ginge es überhaupt ohne diese Körperdarstellung? Wie viele Tatsachen sind notwendig, wie viel Phantasie kann erwartet werden? Sind Andeutungen ein Mittel, um Ideen zu transportieren oder zählen nur nackte Tatsachen? Sind es die alltäglich offensichtlichen Körperpartien, die schon zur Erfüllung einer Vorgabe ausreichen oder bedarf es einer tieferen Einsicht? Erkennst du die Proportionen anhand eines Beins oder ist ein kleiner Part des Pos als Verlängerung des Beins genau der Blickpunkt, der das Bild vervollständigt? Macht dieser Ausschnitt aus einem durchschnittlich großen Körper einen hochgewachsenen in entsprechender Pose?

Wie unterstützt der Typ Mensch die Bildidee? Ist es möglich, dass ein ernsthafter Typ Mensch mit harten Gesichtszügen ein verträumt-sensibles Romantikportrait darzustellen vermag? Oder das zartbesaitete, grazile junge Mädchen eine verwegene Kämpferin? Letzteres eher?

Die fotografische Umsetzung einer Idee fordert einen passenden Menschen, nicht anders, als einen bestimmten Schauspieler für einen bestimmten Film, der seine Fähigkeiten abrufen kann, um erforderliche Emotionen mimisch und körperlich umsetzen zu können. Und wer kennt sie nicht, die (ersten) Produktionen der Privatsender, die nur allzu gut bezeugen, dass ohne schauspielerische Fähigkeiten eine Aussage im Verborgenen erstickt.

Zurück zum Thema Fotografie: Jede zweihundertfünfzigstel Sekunde der Auslösung hält den Moment fest, der jede Mimik und Körperhaltung einfriert und danach zur Betrachtung gereicht wird, um zu fragen: Was ist es, dass du siehst und was empfindest du bei diesem Anblick, was erzählt dir dieses Bild – oder bleibt es eine Fotografie? 🙈

Posing 7: Dramatik und Überdrehung [15]

Artistische Haltungen eines Models in der Fotografie können eine spannende Bildwirkung erzielen. Doch was passiert, wenn man die natürlich anmutenden Körperproportionen des Models dadurch bildlich verformt abbildet? Entstünde dann für den Betrachter eine Irritation? Bestünde nicht allzu schnell die Gefahr der Überzeichnung? Die Empfindung des Betrachters wird dadurch also gestört, was sich auf zweierlei Weise auswirken kann: Der Betrachter wendet sich ab oder er erforscht die Ursache.

Wieder steht die Bildaussage im Zentrum. Was möchte ich darstellen?

Ob es einer Bildidee entspricht, einen muskulösen Körper zartbesaitet darzustellen oder einen schlanken, grazilen Body in einem runden, kugelförmig anmutenden Oval wiederzugeben liegt in eben dieser Idee. Es spielt dabei keine Rolle, ob eine Wertung darin integriert sein soll oder nicht, oder ob dabei das Adjektiv „schön“ einen Einfluss behalten darf, die Verletzung einer Proportion bleibt dem menschlichen Auge niemals verborgen, nur das Motiv im Zusammenspiel mit dem Kontext zeichnet für die Unterscheidung von Kunst und Fehldarstellung.

Für mich liegt es in der Natur der Sache, was Variationen in der Darstellung von Proportionen beim menschlichen Körper betrifft. Das Streben nach der perfekten Form, die Darstellung von Proportionen, die den Geist des Betrachters schlichtweg fesseln, ob in einem Ausschnitt oder als ganzes, darin liegt für mich eine wesentliche Grundlage zu einer Bildidee.

Wie das erreicht werden kann, ist eine spannende Sache. Ob dabei der Umweg über Dissonanzen in der Erfahrung einer Körperform führt oder man sich dem kleinen Ausschnitt über die Form des gesamten widmet, es ist eine fantastische Reise mit manchmal atemberaubenden Werken. Der Mensch, sein Körper und die unendlichen Möglichkeiten seines Ausdrucks stellen für mich momentan eine schier unerschöpfliche Quelle von fotografischen Aussagen dar, in denen ich in allen Bereichen der Fotografie den Ausdruck des Lebens, der Schöpfung des Anmuts und der Leichtigkeit im Bild erreichen möchte.

Natürlichkeit als Orientierung dient mir momentan viel mehr zur Entdeckung der vorhandenen Proportionen als eine (künstlerische) Verfremdung. Eine möglichst (für mich) symmetrische Form zu beschreiben, manchmal angelehnt an der klassizistischen Körperwahrnehmung von Schönheit und Anmut führt für mich zu kreativen Bildern. Dabei sind es nicht immer die aktuell gängigen Schönheitsideale, die zu einer solchen Darstellung führen, aber aus einem kurzen Bein wird auch durch fotografische Perspektivenwechsel kein proportional langes Bein. Dass man auch ein proportional langes Bein in einem ungünstigen Winkel unproportional verstört darstellen kann, beweist die Presse und das Internet jeden Tag 😼.

Bei der Umsetzung einer Bildidee lohnt es sich meiner Meinung nach viel zu experimentieren, nicht plan- und ziellos, aber durchaus auch mal gewagt. Bekannte oder gewohnte Praktiken zurück zu stellen, zu erfahren, wie ändert sich die Bildaussage, wenn die Pose so oder anders variiert wird. Welches Adjektiv erzielt welche Aktion des Models und wie wird die Geschichte des Bildes dadurch verändert?

So ergeben sich neue Sichtweisen, die mit einem spannenden Blick des Betrachters auf eine kreative fotografische Arbeit belohnen.

Posing 6: Gefallen [14]

Fotoshooting Eifel Modelscout Portrait

Betrachte jene Bilder einmal genauer, die dir besonders gut gefallen. Was ist es, das deine Aufmerksamkeit erweckt? Warum gefällt dir genau dieses Bild? Was ist an diesem Bild besonders? Was ist diesem Bild anders, als an den vielen Millionen anderen Bildern, die tagtäglich um deine Aufmerksamkeit buhlen?

Wo verweilen deine Augen gerne länger, zu welchen Einzelheiten wenden sie sich, zwischen welchen Merkmalen wandern deine Augen hin und her? Oder ist es der Gesamteindruck, der dieses Bild besonders macht. Erreicht dich eine Art „Wow-Effekt“, der dich sprachlos überzeugt, bevor dir überhaupt klar wird, warum es so ist?

Und im weiteren, wie ist es mit dem Bild im Laufe der Zeit? Bleibt deine positive Bewertung erhalten oder verändert sie sich? Nutzt sich das Bild ab, gewöhnt sich dein Eindruck an das Bild oder kann die Begeisterung, die überzeugende Wirkung bestand halten?

Kannst (oder möchtest) du überhaupt analysieren, warum dir ein Bild gefällt? Da ich in der Reihe „Posing“ von Menschenbildern ausgehe, beginnt die Analyse natürlich mit dem Ausdruck des abgebildeten Menschen. Darauf folgt die Körperhaltung des Menschen.

Der sichtbare Teil des Körpers spielt eine Rolle, aber auch das, was nicht zu sehen ist, ist von entscheidender Wirkung auf den Betrachter. Wie viel siehst du vom Menschen? Denn ganzen Körper? Nur einen Teil des Körpers? Welchen Teil siehst du und ist es ein Teil des Körpers, der gemeinhin nicht üblicherweise zu sehen ist? Ist es eine Gliedmaße, die allgemein nicht öffentlich sichtbar gezeigt wird, deren Sichtbarkeit eine Art wohliger voyeuristischer Empfindung im Betrachter auslöst und eine daher rührende (heimliche) Begeisterung zur Folge hat?

Es kann ferner eine ungewöhnlich spannende Perspektive sein, die eine positive Gefühlsregung mit anschließender Begeisterung für eine Aufnahme hervor rufen. Nur warum ist es so? Was macht diese Aufnahmen so anziehend, für den einzelnen, oder für eine ganze Gemeinschaft von Betrachtern. Ist es ein Bein, ein Arm, die Statur, die Form, die Proportionen oder der Blick, der vielleicht laszive Blick, oder ein stolz-unnahbarer Blick, der dich fesselt? Überlege einmal, während du dir zwei, drei Bilder ansiehst, die dir so gut gefallen!