Die Suche nach der Schönheit, Teil IV (214)

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Weiter auf der Suche nach der Schönheit, oder das, was man dafür halten könnte.
 
Du stehst vor etwas Schönem. Wer sagt dir, dass es schön ist? Niemand! Du empfindest es einfach als schön. Ohne jede Wertung entsteht in dir dieses Gefühl, etwas zu erfahren, was in dir eine Sehnsucht erweckt, vielleicht eine Sehnsucht nach etwas Vollkommenem, nach einem Gefühl selbst, in dir etwas zu spüren, dass dich auffängt, dort, wo nichts widersprüchiges dich befremdet.

Wieder kann es sich dabei um ein Objekt handeln, welches (be-)greifbar ist, ein Bild in der Natur, das so gewachsen ist, wie es sich unserem Auge präsentiert. Welches wir so erfahren, wie wir es gelernt haben zu erfahren, denn die Naturschönheit weiß nichts davon, uns zu gefallen, weil sie einfach nur ist. Oder Du hörst ein Musikstück. Dieses Stück versetzt dich in Verzückung. Du bist wie gefangen in den Weiten der eindringlichen Klänge, kannst Dich kaum lösen, nur schwer entziehen, schon allein deshalb, weil du es gar nicht möchtest.

Möglicherweise verweilst du gerade vor einem Kunstwerk, einst von Menschenhand geschaffen aus einer Idee heraus, die der Künstler in seinem Werke verewigt in dir widerklingen lässt, kannst dich der Ausstrahlung nicht entziehen, das Kunstwerk hat dich scheinbar in seinen Bann gezogen und du gibst dich seiner lebendigen Wirkung auf dich hin. Manche Kunstwerke lösen solch eine Faszination in dir immer wieder aus, andere nur manchmal und wieder andere gar nicht. Sollte zum Widerklang dieser einen Schönheit genau diese Saite in dir vorhanden sein müssen, um Anklang zu finden?

Die Frage, ob jedes Kunstwerk „schön“ sein soll, wurde erst seit dem 19. Jahrhunderts intensiver gestellt, zuvor komponierte ein Künstler sein Werk in naher Anlehnung an die Natur, die lange Zeit als Vorbild des Schönen galt. Mit Einzug der Romantik idealisierten die Künstler die Idee der Schönheit, versuchten selbst die Natur zu übertreffen, idealisierten sie, bevor zur Zeit von Friedrich Nietzsche (1870) das Nicht-Schöne zunehmend an Beachtung gewann.(sehr stark vereinfacht gesagt)

Betrachte ich stellvertretend ein beliebiges Kunstwerk, eine Skulptur beispielsweise: Denke dir eine aus! David
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der Denker
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die Venus
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oder ein anderes, welches dich begeistert.

Es wird Menschen geben, die diese Skulptur als schön bezeichnen. Andere würden sie vielleicht als mittelmäßig schön bezeichnen, nicht direkt als hässlich, aber auch nicht als schön. Wahrscheinlicherweise gibt es Menschen, die dieses Werk auch als unansehnlich titulieren würden, denen dieses Werk sogar Unbehagen bereiten könnte. Vielleicht sind es auch nur Teile dieser Skulptur, die Missfallen erregen? Interessant ist dabei die Frage, ob es eine Möglichkeit gäbe, die eine Art Level schlüssig darstellt, welches im Auge des Betrachters erreicht werden kann, um den Anmut einer Darstellung, die Ästhetik einer Skulptur erkennen zu können?

Nehme ich die Extreme: Eine Person hat niemals zuvor im Leben eine Plastik, eine Skulptur gesehen. Was kann in ihm vorgehen? Die Person trifft auf das Kunstwerk! Und nun? Daneben steht eine Person, die schon unzählige Skulpturen gesehen hat, die schon etliche Ausstellungen über Skulpturen veranstaltet und einige Fachbücher über die Bedeutung und Herkunft sowohl der Skulpturen als auch der Künstler verfasst hat. Worin liegen die Unterschiede?

Der Schönheit ist es einerlei, wer vor ihr steht. Zunächst beide Wesen betrachten das Werk. In beiden Wesen löst das Werk die verschiedensten Empfindungen, Gedanken oder Ideen aus. Ordnet der Kenner das Kunstwerk ein, so wird es der jenige ohne Vorerfahrungen nicht einordnen. Doch im Laufe der Betrachtung kommen und gehen in beiden Personen die unterschiedlichsten Regungen, das Werk des Künstlers erweckt eine Reihe von Dimensionen ganz unabhängig vom Stand des Betrachters. Kann es dafür eine Wertung geben. Philosophen aller Epochen versuchten sich an der Beantwortung dieser Frage und kamen zu widersprüchlichsten Thesen.

Was denkst Du? Eine Metapher: ein Kunstwerk lässt eine Saite in dir anklingen. Ist es von Wichtigkeit, wie viele Saiten ein Mensch in sich trägt? Ist es wichtig, wie oft diese Saiten angespielt werden? Ist es von Bedeutung, ob diese Saiten gestimmt wurden? Ist es entscheidend, wie stark diese Saiten angespielt werden? Ist es eine Frage der Zugänglichkeit der Saiten, ob sie erklingen? Was denkst Du?
 

 

 

Die Suche nach der Schönheit, Teil III (213)

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„Du hast ja keine Ahnung, natürlich ist das ein Kunstwerk!“ So oder so ähnlich könnte mir auch jemand vorwerfen mich geäußert zu haben, wenn ich manche Kunst intuitiv beschreiben müsste. Kann es aber wahrhaft so sein, dass jemand keine Ahnung von dem hat, was Kunst sein könnte?

Der ästhetische Blick kann geschult werden. So das gängige Verständnis der Sachverständigen. Friedrich Schiller beschreibt es in seinem Werk „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ sehr anschaulich, da er Schönheit in Verbindung mit gesellschaftlicher Moral und Freiheit bringt. Im Zuge der Persönlichkeitsentwicklung des Menschen kann man davon ausgehen, dass Schönheit, wenn sie als etwas Vollkommenes verstanden wird und Hässlichkeit als unvollkommen, grundsätzlich erkannt wird. Nuancierungen dessen, sowie Übergänge von einem Extrem zum anderen Extrem, wie auch nur marginale Unterschiede kennzeichnen die möglichen Erwägungen.

Wenn Ästhetik erlernt werden kann, so bedeutet das im Umkehrschluss, dass es Wesen gibt, die eines ästhetischen Blickes oder Verständnisses entbehren. Dieser Zustand kann über kurz oder lang so erhalten bleiben. Wird das Wesen nicht geschult, ausgebildet oder gebildet, so wird es einer eventuellen Ästhetik vielleicht niemals gewahr. Weiterhin gibt es demnach unterschiedliche Stufen der Erkenntnis. Je weiter ein Wesen gebildet worden ist, desto sicherer erkennt es eine Ästhetik.

Heißt es aber im Gegensatz zu dieser Annahme, dass ein ungebildeter Geist nicht in der Lage wäre, Ästhetik zu blicken? Erkennt ein unbedarfter Mensch nicht die Harmonie (hier in Ergänzung zur Ästhetik verwendet) eines Musikstückes? Kann ein nicht durch die musische Bildung geformter Mensch die Eloquenz einer Dichtung, die brillanten Pinselstriche eines Malers oder die atemberaubende Plastizität einer Arbeit eines Bildhauers erkennen? Mitnichten, möchte ich meinen, doch da es hier nicht um die einzelne Person geht, trägt die musische Bildung in der statistischen Summe doch: Die Wahrscheinlichkeit ist einfach um ein Vielfaches größer ein ästhetisches Werk zu erkennen, wenn einem betrachtenden Wesen eine ästhetische Bildung zu Teil wurde.

Wird eine Beschreibung durch die Fähigkeit ihrer Herleitung wertvoller als ohne diesen Hintergrund benennen zu können? Nicht unbedingt, nur die Wahrscheinlichkeit ist definitiv größer, dass etwas überhaupt erkannt wird, wenn die einzelnen Komponenten geläufig sind. Schönheit wird in jedem einzelnen Genre definiert durch bestimmte Inhalte, Merkmale oder einzelne Kompositionen.

Deute ich den trivialen Ausspruch: „Schönheit liegt im Auge des Betrachters!“ einmal näher, so liegt diesem Ausspruch eine deutlich klarere Bedeutung, als die landläufig gängige, zugrunde: Schönheit als Objekt besitzt einen absoluten Wert, wobei das betrachtende Subjekt dabei in der Lage ist, nur einen ihm bekannten, erlernten, geläufigen Wert dieser Schönheit überhaupt wahrzunehmen in der Lage ist. Du erkennst nur die Schönheit, die Du gelernt hast zu erkennen. Dabei kann der Begriff „Schönheit“ in manchen Fällen sehr viel weiter gesteckt werden, etwa als Kunst-werk, oder als Naturschauspiel, als vom Menschen geformtes oder natürlich entstandenes Objekt, dessen Inhalt nicht nur schöne, sondern auch gewöhnliche bis außergewöhnliche, bizarre oder skurrile Erscheinungen widerspiegeln vermag.

Nackt! (212)

Nackt! Bist du nackt ein anderer Mensch, als wärst Du bekleidet? Gibt dir deine Kleidung einen Schutz, eine Maskerade, eine Sicherheit. Ist Kleidung etwas, ohne die du entblößt, ja vielleicht sogar erkennbar wärst?



Nackt. So bist nur selten in der Öffentlichkeit zu sehen, nicht wahr? In unserer westlich geprägten Gesellschaft gibt es nur wenige Orte, an denen es gestattet ist, sich unbekleidet zu zeigen. Etwa der FKK-Strand oder die Sauna, und vielleicht ein Nudisten-Camping. Bist du nur etwas weniger bekleidet, so gibt es weitaus mehr Orte, an denen es zum üblichen Erscheinungsbild zählt: etwa das Schwimmbad, der Strand oder auch die Stadtparks der Städte. 

Fast fließend sind die Übergänge von Strandkleidung über leicht sommerlich bekleidet bis hin zu „normaler“ Kleidung. Eine Kleidung, die unseren Körper bis auf die Hände, Beine und unser Gesicht vollständig bedeckt. Bedeckt meint dabei eine Hülle aus Pflanzen-, Kunst-, oder Tierfaser, in welcher Weise auch immer. Denn ob eng anliegend, so dass unsere Körperform gut erkennbar bleibt oder so weit, dass wir wie hinter einem Vorhang versteckt scheinen, es kommt nur auf das Bild an.

„Erregung öffentlichen Ärgernisses“ wäre die Bezeichnung für den Tatbestand, sich unbekleidet an öffentlichen Orten zu zeigen, Orten, an denen es nicht gestattet ist. Andere Menschen fühlen sich möglicherweise vom Anblick eines Unbekleideten belästigt. Außerdem, so etwas macht man nicht, es gehört sich nicht. Unsere westlichen Sitten gebieten da deutlich Zurückhaltung. 

Nicht in allen Kulturen der Erde gilt dies bekanntlich gleichermaßen. Und schon in unserer eigenen Kultur gibt es frappierende Unterschiede bei dem, was vom Körper -und wo- zu sehen sein darf. Wer schon einmal während eines Venedig – Aufenthaltes versuchte, schulterfrei in den Markusdom zu gelangen, der weiß, wovon ich spreche. 

Doch welche Gefühle bemächtigen sich unser, wenn wir scheinbar (und der Kühle unserer Breitengrade geschuldet  – tatsächlich) schutzlos dastehen? Gilt doch Kleidung neben Nahrung und Wohnung als eines DER Grundbedürfnisse des Menschen. 

Sind wir in diesem Moment hilflos, weil wir ohne eine Aussage der Kleidung unseren bloßen Körper darstellen, nichts als unseren baren Körper? Keine Etikette üblicher Weise vermag uns einzuordnen. Nur die Form unseres Fleisches, unserer Knochen und der sonstigen „Zutaten“ eines Körperbaus beschreiben das Bild von uns. Oftmals nicht weniger, als durch körperbetonte Kleidung nicht auch zu erkennen gewesen wäre. Dennoch, es ist ein kultureller Unterschied, meist, lässt man eng anliegende Push-Up Mode außen vor. 

Nach der Beschreibung dieses Ist-Zustandes, die uns in jedem Moment eine Einschätzung über einen Menschen abverlangt stellt sich (mir hin und wieder) die Frage, was wir ohne die Kleidung vom Gegenüber erführen! Würdest du die Augen suchen? Würde die Gestik und Mimik alles in dir erzeugen? Wäre der Geruch etwas, was dich eine Meinung bilden ließe? 

Es geht hier ja um den ersten Eindruck,  aber würde er dir genügen? Würdest du auf Worte setzen? Wäre das Handeln für dich entscheidend? Käme es überhaupt so weit? Wie sähen die Interaktionen aus, wären wir alle nackt?

Und nun: Vergleiche!

Die Suche nach der Schönheit, Teil II (211)

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Hier im zweiten Teil von „Die Suche nach der Schönheit“ möchte ich mich der Beantwortung der Fragen aus dem ersten Teil nähern. Eine spannende Reise durch die Sichtweisen auf die Schönheit führt uns dabei zu einem Stück unserer eigenen Wahrnehmung.

Zunächst noch einmal die Fragen aus Teil 1:
1. Gibt es eine universelle Schönheit, deren Wert erst erkannt, begriffen oder erlernt werden kann oder gar muss?
2. Ergibt sich, und das ist eine Frage, die sich sehr nah an der ersten Frage orientiert, eine größere Befähigung, bestimmte Schönheiten erst dann zu erkennen, wenn man sich mit diesen Verhältnissen über einen größeren Zeitraum hinweg auseinandergesetzt hat?
3. Gibt es Parallelen bei der Erkenntnis oder Wahrnehmung unterschiedlicher Formen der Schönheit?
4. Entstehen Irrungen durch bestimmte Einflüsse oder defizitäre Befähigungen, vielleicht schon durch Wahrnehmungsstörungen?

Ohne mich allzu streng an die obige Reihenfolge der Fragen zu halten, soll sie mehr als inhaltliche Orientierung für das Nachfolgende dienen.

Da wäre also ein Subjekt, das vor einem Objekt steht. Das Objekt soll bisweilen noch jeglicher Form entbehren. Es könnte beispielsweise eine Landschaft sein, ein Tier, ein Kunstwerk oder ein Wesen. Wie kommt es dazu, dass in diesem Objekt Schönheit erkannt wird?

Eine fundamentale Annahme: Schönheit sehe ich als befreit von jeglichem Zweck. Etwas als schön zu befinden, weil es nützlich ist, entbehrt dem Sinn der Schönheit, die ihrer selbst willen existiert. Daher klammere ich es zunächst aus, ohne aber zu übersehen, dass im Falle eines schönen Menschen die Sinnhaftigkeit nur schwer auszublenden ist. Aber dazu später mehr. Schönheit wird daher erkannt, indem sie in Form eines Reizes über die Sinne des Menschen Eingang findet in die Vorstellung und die Idee eines jeden, der offen dafür ist. Damit komme ich in den Bereich der ersten Frage:
1. Gibt es eine universelle Schönheit, deren Wert erst erkannt, begriffen oder erlernt werden kann oder gar muss?

Hat ein Mensch die Zeit und die Befähigung die atemberaubende Schönheit eines Sonnenaufgangs vor überbordend bizarrer Kulisse fantastischer Felsformationen in einem weitläufig dramatischen Küstenabschnitt wahrzunehmen, wenn seine letzte Nahrungsaufnahme Tage zurück liegt, wenn er auf der Flucht vor einem Raubtier ist, dessen Nahrungsaufnahme auch wiederum eine längere Zeit zurück liegt oder er in sich eine tiefe Traurigkeit hineingesteigert hat ob dem Verlust eines geliebten Wesens?

Dringt die bezaubernde Schönheit einer tieftraurigen oder leicht-beschwingt heiter-fröhlichen Arie in unsere Wahrnehmung ein, um uns als Subjekt in einen wunderbaren Zustand der Hingerissenheit zu geleiten, wenn wir bisher niemals vorher solcher Töne gewahr wurden, vielleicht immerzu die eindringlichen Schläge der Arbeit eines Hammers in einem Steinbruch auf unser Trommelfell eindröhnten?

Kann die Schönheit eines Menschen von uns wahrgenommen werden, wenn wir nicht vorher in einem langen Prozess auf die kulturellen Merkmale und gesellschaftlichen Ausprägungen von Schönheit darauf konditioniert wurden?

Allesamt diskussionswürdige Fragen, meine ich. Antworten darauf habe ich schon mehrfach in früheren Beiträgen geliefert und belegt, und so erfolgt die daraus resultierende spannende These: Schönheit wahrzunehmen bedarf einer Schulung und unterliegt einer Entwicklung, die jenseits von affektierter Opportunität zu manifestieren ist. Um Schönheit zu erkennen bedarf es absolut einer Freiheit, dies tun zu können.

Freiheit von den Grundbedürfnissen des Menschen ist einer der ersten wesentlichen Aspekte, denn weder ein hungriger Mensch nimmt sie Schönheit einer skurril geformten, farblich tief durchgezeichneten Frucht war, noch ein durchfrorener Mensch ergötzt sich an der Schönheit einer staketenförmig gewachsenen Reihe von überdimensionalen Eiszapfen vor einem gigantischen Wasserfall.

Ferner gilt es, die Freiheit im Geiste zu bewahren, etwas tun zu dürfen und sich nicht Restriktionen gegenüber zu sehen, sobald man der Schönheit gewahr wird. Sogenannte „Entartete“ Kunst diene hier als anschauliches Beispiel für den manipulativen Einfluss vermeintlicher Instanzen. Auch ausreichend Zeit zu haben, Schönheit zu erkennen, ist wesentlich, denn wie schon zu Zeiten der Einführung des Begriffs der entarteten Kunst ist das entwickelte Dogma: „Arbeit macht frei“ nichts anderes als eine willkürlich Beschneidung und Einengung gedanklicher aber auch faktischer Freiheit des Menschen. Wer so viel arbeitet, dass er nach getaner Arbeit erst körperlich, gleichfalls aber damit geistig so erschöpft ist, dass ihm die Kraft und Muße abgeht, sich geistigen Dingen zu widmen, der stellt gleichzeitig keine Gefahr dar, sich Gedanken über etablierte Prozesse zu machen, darüberhinaus scheint auch die Beschäftigung mit den schönen Dingen des Lebens der Überanstrengung zum Opfer zu fallen.

Heute, da der Inhalt der „Arbeit macht frei“-Maxime zunehmend am Einfluss verliert, treten an ihre Stelle viel perfidere Systeme: „Konsum macht frei“ bringt es am ehesten auf dem Punkt. Konsum von Waren, Konsum von Medienangeboten, Konsum von Freizeitaktivitäten. So könnte der auf diese Weise zur Unfreiheit verführte Mensch Gefahr laufen, immer weniger die Schönheiten des Lebens zu erfahren.

Bevor ich im weiteren auf die oben erstellte These von der notwendigen Konditionierung für die Fähigkeit, Schönheit zu erkennen, näher eingehe, möchte ich gleich erwähnen, dass eine Antithese dazu, nämlich eine solche, nach der eine absolute Unbefangenheit gegenüber der Schönheit vielleicht erst dazu führt, die reine Schönheit zu sehen, in eine nicht weniger interessante Richtung führt.

Kann man Schönheit lernen? Muss man Schönheit lernen, bevor man sie versteht? Sind es bestimmte Schönheiten, die man erst dann erkennt, nachdem man sich mit dem Genre ausführlich befasst hat? Max Ernst meint dazu: „Kunst hat mit Geschmack nichts zu tun“

Zu diesen Fragen führt der weitere spannende Weg in dieser Beitragsreihe.

Nach Klärung dieser fundamentalen Prämissen wirken weitere Variablen auf unsere Ideen und unser Erkennen von Schönheit. Damit befasse ich mich in den nächsten Teilen von „Die Suche nach der Schönheit“, und wühle mich dafür schon wieder durch die Literatur und die neuesten Ergebnisse der Attraktivitätsforschung.

Die Suche nach der Schönheit, Teil I (210)

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Wo findet sich Schönheit? Woran wird die Schönheit erkannt? Gibt es einerseits unterschiedliche Grade der Schönheit und gibt es andererseits unterschiedliche Grade der Befähigung diese zu erkennen? Einige Gedanken und Schlüsse daraus.

Schönheit, das Thema über Jahrtausende, wurde wahrscheinlich schon immer hinterfragt, zumindest aber immer wieder seit der Zeit, da es Überlieferungen belegen. Erst als Objekt wurde es untersucht. Es wurde versucht, die Schönheit in eine Formel zu bringen. Es wurde versucht, sie in bestimmter Form und Erscheinungsweise zu manifestieren. Danach wurde die Schönheit vom Objekt gelöst. Nur ein Subjekt sollte in der Lage sein, sie überhaupt zu erkennen, denn ohne Betrachter sollte es keine Schönheit geben. Es gab nur das Sein. Es wurde fortwährend versucht, die Schönheit von jeglicher Zweckgebundenheit zu befreien. Sie sollte ihre Wirkung nur durch sich selbst entfalten, ohne sich durch eine Zweckgerichtetheit legitimieren zu müssen. So sollte die Wahrnehmung verlaufen.

An dieser Stelle möchte ich hier gerne ansetzen und eine Betrachtung wagen. Wurde die Schönheit beispielsweise von David Hume und Edmund Burke vom Objekt losgelöst? Musste ein Subjekt beschrieben werden, dessen Existenz gegeben sein muss, um eine Schönheit überhaupt erst wahrzunehmen? Im Zuge dessen finde ich eine sehr interessante Relevanz wieder:

Wenn ein Subjekt -in unserem Falle ein Mensch, der (in was auch immer) eine Schönheit erkennt- diese Schönheit wahrnimmt, dann stelle ich die Frage: Gibt es dahingehend tatsächlich unterschiedliche Grade der Befähigung, Schönheit zu erkennen? Ferner sei die Frage gestellt, welche Variablen und Bedingungen auftreten könnten, die diese Erkenntnis erstens beeinflussen, zweitens ermöglichen oder drittens verhindern!

Schönheit erkennen wir in vielen Dingen. Eine Pflanze kann einem Menschen schön erscheinen, eine Landschaft, ein Wetterphänomen kann beeindruckend schön erscheinen. Ein Tier oder ein Mensch erweckt den Anschein der Schönheit in uns. Auch ein Gedicht bezeichnen wir mitunter als schön, oder noch mehr ein Musikstück? Gefühle können es sein, die wir als schön empfinden, oder ist es vielleicht auch der Auslöser dieser Gefühle. Selbst Schauder bezeichnen wir hin und wieder gerne als schön, sei es, weil wir auf diese Weise das ursprüngliche Leben in uns spüren, ganz gleich dabei, ob in der Form von Angst und des Erschreckens oder der Gewissheit des Schauspiels und unserer distanzierten Sicherheit dazu.

Bleibe ich zunächst bei dem Subjekt, in dessen Vorstellung -Schönheit ist ja nichts Faktisches, sie ist stets nur angenommen- Schönheit entstanden ist. Sie ist erkannt worden. Es gibt nun theoretisch unendlich viele Subjekte, die sich zum einen im Wesen unterscheiden -es sind einfach unterschiedliche Wesen- und zum anderen solche, die sich in der zeitlichen Phase differenzieren -sie befinden sich an einem bestimmten Punkt ihrer Entwicklung, als Kind, Jugendlicher, Erwachsener oder reifer Mensch. Selbst innerhalb dieser Phasen zählt jeder Augenblick als einzigartige Situation.

Zu jedem Zeitpunkt begegnet Schönheit einem x-beliebigen Subjekt. Ein Subjekt begegnet irgend einer Schönheit. Wahrnehmung findet statt. Wie verhält es sich mit der Erkenntnis? Ganz gleich, was der Mensch als schön erkennt, es gibt bei manchen Dingen eine große Übereinstimmung in der Beurteilung, in manchen aber nicht. Nun greife ich die Fragen von oben auf und frage erneut:

1. Gibt es eine universelle Schönheit, deren Wert erst erkannt, begriffen oder erlernt werden kann oder gar muss?
2. Ergibt sich, und das ist eine Frage, die sich sehr nah an der ersten Frage orientiert, eine größere Befähigung, bestimmte Schönheiten erst dann zu erkennen, wenn man sich mit diesen Verhältnissen über einen größeren Zeitraum hinweg auseinandergesetzt hat?
3. Gibt es Parallelen bei der Erkenntnis oder Wahrnehmung unterschiedlicher Formen der Schönheit?
4. Entstehen Irrungen durch bestimmte Einflüsse oder defizitäre Befähigungen, vielleicht schon durch Wahrnehmungsstörungen?

Stelle sich jeder Interessierte diese Fragen, um zu prüfen, inwiefern sich die Erkenntnis von Schönheit in ihm manifestiert. Weiter mit der Beantwortung der Fragen meinerseits geht es im nächsten Artikel.