Über – sehen (200) [zum 200. Artikel: Vorsicht, etwas anders als sonst ;-) ]

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Übe dich im Sehen, den ganzen Tag über, nichts als hinsehen. Entscheide, was davon in’s Bewusstsein vordringt. Nehme wahr und lasse auf dich wirken, was du siehst, sei aufmerksamer, als du es gewöhnlich bist. Was ist dir entgangen? Warum?

Da hat sich jemand für dich schön gemacht. Jemand hat lange überlegt, wie er sein Aussehen verändern kann, damit ihm deine Aufmerksamkeit zuteil wird, du ihn bemerkst.

Er hat Variante für Variante im Geiste durchgespielt, jede Möglichkeit bedacht, überlegt, was welche Wirkung haben könnte, alles, was ihm auffiel, alles, was vielleicht unvorteilhaft wirken könnte, eliminiert. Nach seinem Dafürhalten hat er ausgesucht, ausgewählt, war überzeugt und hat wieder verworfen.

Dann, endlich, er hat sich schweren Herzens entschieden, keineswegs sicher war er dabei, denn ihm sind, noch immer, all die anderen Möglichkeiten im Sinne, von denen vielleicht eine ganz spezielle Alternative doch etwas mehr Eindruck hervorbringen würde, genau der, der notwendig wäre, um dich zu erreichen, deinen Blick, deine Gedanken oder um ganz verwegen zu glauben, zu hoffen, ein Gefühl in dir zu erwecken.

Unsicher wäre das falsche Wort, da er genau weiß, was er wünscht, nämlich diese deine Aufmerksamkeit zu erhalten, und wenn es nur für die Dauer eines Flügelschlags des bezaubernden Schmetterlings auf der Blüte vor seinen Augen wäre. Unentschieden träfe es schon eher, denn er überlegt sich ein Gefühl, ein Gefühl, welches du gerade dann empfinden würdest, wenn ihr euch begegnen würdet, das vielleicht darüber entscheiden könnte, ob du ihn überhaupt wahrnehmen würdest. Bist du in diesem Moment gegenwärtig oder verweilst du versunken in Gedanken, vertieft in Gefühlen deiner selbst?

Er denkt und fühlt darüber nach, ob es überhaupt und tatsächlich an einer winzig kleinen, unbedeutenden Äußerlichkeit hängen könnte, die darüber entscheiden würde, ob sich euer Schicksal für diesen einen Augenblick träfe und ob dies ein Beginn sein könne. Solle es möglicherweise so sein, dass die Wahl einer Farbe oder die Wirkung einer bestimmten Form, eine einzige Geste oder ein Geruch darüber entscheidet, welchen Abzweig er auf dem Weg des Lebens verpasst?

Du gehst die Straße entlang. Die Sonne versteckt sich von Zeit zu Zeit hinter kleinen weißen Wolken. Ein leichter Wind geht durch dein Haar. Deine Haut freut sich über die willkommene Ablenkung von deinen Gefühlen. Eine leichte Kühle streift sanft dein Gesicht. Du blinzelst etwas, es scheint ein Anflug eines Lächelns in deinen Wesenszügen zu liegen. Aber nur kurz. Deine Gefühle sind präsent. Die jedoch sind stark. Deine Gefühle scheinen dich schnell wieder in ihren Bann zu ziehen.

Kein Wunder, ist nicht das, was in deinem Herzen tobt, wie ein wilder, wütender Orkan? Ein Orkan, der einstmals tatsächlich begann wie ein leiser Hauch, ein Hauch von Gefühlen, die in dir entstanden, als dein Blick den seinem traf, jenseits von Farben und Formen, nicht achtend auf Töne und Düfte, Befindlichkeiten schien es in diesem Augenblick nur auf fernen Welten zu geben …

Dein Weg führt dich in ein kleines Bistro an der alten Stadtmauer unten am Fluss. Du bist hin und wieder gerne dort, fast schon regelmäßig. Es ist das Flair, die Ruhe und Ausstrahlung dieses Ortes, der dir eine tiefe Wärme und Geborgenheit in dein Innerstes zaubert. Du sitzt gerne nahe am Fluss, wenn es geht, du magst das leise Flüstern des langsam dahin fließenden Wassers. Es ist aber auch an anderen Stellen schön.

Du kommst an, im Bistro, siehst dich um, erblickst mit Freude einige freie Plätze unten am Wasser. Deine Gedanken treiben weiter. Du fühlst schnell wieder diesen Druck, der dir manchmal die Luft zum Atmen zu nehmen scheint, es ist, als hätte er sich in deinem Herzen verfangen. Du gehst hinunter. Ein Tisch in der Nähe des kleinen Wasserfalls im Fluss spricht dich intuitiv an. Du setzt dich, siehst sich um.

Einige Menschen sitzen an anderen Tischen, manche allein, andere in Gesellschaft, alle sind leise, schauen, reden behutsam, kaum hörbar, einige lesen, andere scheinen zu träumen. Du siehst dich um, siehst den ein und anderen an, setzt dich, das Wasser des kleinen Falls lässt dich hinüber blicken, zieht dich für einige Sekunden magisch an, bis der freundliche Kellner dich fragend leise begrüßt. Du bestellst dein Lieblingsgetränk.

Der Kellner schreitet von dannen, lässt dich zurück in deinen Gefühlen. Du, blickst dich um, suchst wieder das Plätschern des Wasserfalls, das deine Sinne so leise einfängt, dich ablenkt und sanft entführt in die traurige Erinnerung an die Zeit, da du mit deiner Liebe da warst, lustige Worte wechselnd, zärtliche Gesten austauschend in der Leichtigkeit des Seins verweilend. Jetzt, dein Blick wandernd, im Hier, über die Gesichter der Menschen und Dinge um dich herum, nicht bemerkend, dass einer der Menschen, deren Blicke du trafst, für diese eine Zehntelsekunde länger deine Augen in sich aufnahm, als gewöhnlich, der sich voller Vorfreude aufmachte, in das alte Bistro an der alten Stadtmauer unten am Fluss, wo er hoffte dich heute vielleicht wieder einmal zu sehen, wo er hoffte, dass auch du ihn …

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