Die Veränderung deiner Gewohnheiten (196)

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Im Laufe der Industrialisierung und der anschließenden Epoche der Postmoderne erhöhte sich der Anteil der Freizeit an der gesamten dem Menschen zur Verfügung stehenden Zeit. Gleichzeitig verringerte sich in nicht unerheblichem Maße die körperliche Betätigung im Bereich aller Arbeiten. Dadurch, sowie durch weitere Umstände beschäftigt sich der Mensch zunehmend intensiver mit seinem Körper. In jeder Hinsicht!

In der postindustriellen Gesellschaft verlagerte sich die arbeitsrelevante Beschäftigung -nicht nur im Haushalt oder auf dem Wohnsitz der Menschen- zunehmend auf den Dienstleistungssektor. Waren früher Arbeiten sehr viel mehr körperbetont, so verlagerte sich dies zunehmend auf intellektuelle, geistige Inhalte. Maschinen aller Art übernahmen unsere Bewegungen. Mit gleichzeitiger Vermehrung der arbeitsfreien Zeit gewann der Körper immer mehr an Beachtung. Maßgeblich trugen Medien aller Art zu dieser Steigerung der Aufmerksamkeit dem Körperlichen gegenüber bei.

Konsumorientierte Individuen werden vorzugsweise über diese Medien informiert, unterliegen damit folglich einer massiven Beeinflussung durch mögliche und tatsächliche Steuerung der Inhalte. Eine Kommerzialisierung des menschlichen Körpers war und ist verantwortlich für unser verändertes Wahrnehmungsbild. Wir sind jedoch gleichzeitig Täter und Opfer, Verursacher und Beeinflusster, Vorbild und Nachahmer. Damit geht unser Leben in eine immer statischere Phase über, was unserer körperlichen Verfassung, unserer Konstitution in keinster Weise zuträglich ist.

Auffällig werden Veränderungen in den Schulen. Dort finden die folgenden Generationen zusammen, und es ergibt sich speziell im Sportunterricht ein Abbild der körperlichen Fähigkeiten, die, gelinde gesagt, große Defizite aufweisen. Beispielsweise haben Kinder in der Grundschule zu Beginn der sportlichen Aktionen große Probleme einen Ball zu fangen. Im Vergleich zu vergangen Jahrgängen nehmen die Fähigkeiten deutlich ab. Ob es dazu statistische Erhebungen gibt, entzieht sich meiner Kenntnis, regional auf den Südwesten Deutschlands bezogen wird es allerdings festgestellt.

Gegen die schleichende Dekadenz und die körperlichen Unzulänglichkeiten bei uns selbst möchten wir reagieren. Zeit dafür haben wir. Auch wird für jeden finanziellen Hintergrund ein Angebot zur körperlichen Betätigung angeboten. Der Mensch beschränkt sich natürlich nicht nur auf körperliche Ertüchtigung. Der Körper, zunehmend in den Fokus gerückt, entwickelt sich zu einem Statussymbol. Dazu wird der Körper auf alle Arten modifiziert, reguliert und dargestellt.

Gerade die Darstellung des Körpers, ob in den Massenmedien oder im eigenen und durchaus optisch von dem der Medien abweichenden Umfeld rückte und rückt deutlich in den Blickpunkt von uns Individuen. Mit unserer Darstellung sind wir wieder Akteure und Publikum gleichzeitig. Es dreht sich dabei hauptsächlich um Anerkennung und Wahrnehmung in unserer Gemeinschaft, in der wir die Ambivalenz von Abhebung von und Aufgang in derselben zu bewerkstelligen wünschen.

Eine weitere Folge im Zuge dieser Veränderungen ist für mich die Individualisierung der Menschen. Die vermutlich immer weiter reduzierte Identifizierung mit Gemeinschaften aller Art führte zu der weitläufig festgestellten Steigerung von Egozentrik. Der Begriff „Ellbogendenken“ wurde schon in den 1960 Jahren geprägt, und zeigte aus dem Hintergrund der geschichtlichen Entwicklung in Deutschland, vermutlich auch sonst in Mitteleuropa, den Wandel von der notwendigen Anstrengung des Wiederaufbaus von Umwelt und Gesellschaft, der nur „gemeinsam“ zu bewältigen war. Nach den ersten Erfolgen begannen sich die Menschen folglich wieder mit der Beschäftigung ihrer selbst. Da der Mensch im allgemeinen sehr empfindlich auf Veränderungen reagiert, blieben auch diese nicht ohne Beachtung. Des weiteren bleiben natürlich solche Entwicklungen nicht stehen, der Mensch findet nur in der Veränderung seine Bestätigung. Da er alles mögliche versucht, waren auch Übertreibungen an der Tagesordnung, eine gewisse Eigendynamik tat ihr übriges.

Ein Individualisierungsprozess begreift nicht nur den Geist des Menschen, auch der Körper rückt in den Blickpunkt des Einzelnen. Wie bei vielen Prozessen dieser Art verbergen sich nicht nur Chancen auf dem Weg, auch Risiken sind zu erwarten. Du siehst dich selbst im Lichte der Gesellschaft, und was erblickst du? „Vergleich“ ist das Stichwort, denn der Mensch als soziales Wesen definiert sich über die Beziehungen zu den Individuen und Gemeinschaften seines Habitats. Verantwortung wird gleichzeitig weniger durch Instanzen übernommen, jeder selbst trägt seine Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft wie auch sich selbst.

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