Körperwahrnehmung, Teil IV (193)

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Wie fühlst du dich? Was fühlst du gerade? Wenn du diese Frage beantwortest, sagst du etwas über Wärme oder Kälte, über Sehnsucht oder Melancholie oder über eine zärtliche Umarmung?

Hier im vierten Teil von Körperwahrnehmung möchte ich zunächst über das Entstehen deiner Möglichkeiten schreiben, deinen Körper über Berührungen zu empfinden. Diese sind so mannigfaltig, dass du oftmals vergisst, was dir dein Körper über dich verrät. Die Anfänge findest Du bereits in deiner frühesten Kindheit. Das reiße ich hier kurz an.

Wie elementar deine Empfindung ist, das begreifst du sehr eingehend, wenn du dir klarmachst, wie alles bei dir begann: Dein Wissen um die Zeit vor deinen ersten Erinnerungen hält sich in Grenzen. Manches erahnst du, falls du in der glücklichen Lage bist, Fotografien aus dieser Zeit dein eigen nennen zu können. Aber wie es damals war, weiß vielleicht dein Verstand, sicher nicht dein Gedächtnis. Du warst im Bauch deiner Mutter. Alles war warm. Nichts war eckig, alles weich und zart. Um nichts musstest du dich kümmern, Nahrung stand immer zur Verfügung. Und Nähe! Du warst nicht allein.

Damit sind deine ersten Empfindungen im Grunde benannt. Deine Haut, der größte Sensor deiner Sinne vermittelt dir in der Wärme deiner Mutter Geborgenheit. Der Bauch bietet Schutz vor Dingen, von denen du noch nicht einmal ansatzweise eine Vorahnung hattest. Du spürtest die Schwingungen deiner Mutter, wenn sie sprach, lachte, weinte oder nur atmete. Du spürtest ihr Herz schlagen, all das noch ohne dein Bewusstsein, aber: schon in dieser Zeit wurden Weichen gestellt für dein gesamtes weiteres Leben. Dazu weiter unten mehr.

Irgendwann war es dann soweit. Du erblickst das Licht der Welt durch deine eigenen Augen. Naja, erst mal hattest Du sie noch eine Weile geschlossen. Deine Geburt bedeutete die Trennung von deiner Mutter, die „Einkörperlichkeit“ wurde aufgegeben, du begannst, dein eigener Mensch zu werden. Was spürstest du? Was empfandest du? Losgelöst aus deiner bisherigen einzigen Welt betratst du diese neue Welt.

Diese heißt in erster Linie „Kälte“! Auch, wenn der Moment nur sehr kurz sein sollte, bis du im Idealfall noch vor dem Wiegen und Vermessen sofort nackt auf die nackte Haut deiner Mutter gelegt wirst, bedeutet es den Moment der Trennung, des Verlassens der warmen Umgebung des Bauches deiner Mutter. Du musst selbst atmen, die kühlende Luft strömt in deine Lungen, und du spürst den Luftzug.

Schwedische Forscher fanden in den 1980 er Jahren heraus, dass Kinder, die umgehend, also in den nächsten 30 Minuten nach ihrer Geburt direkten Hautkontakt zu ihrer Mutter erhielten, als Menschen ein grundsätzlich größeres „Urvertrauen“ besaßen, als solche Kinder, die erst nach diesen ersten dreißig Minuten diesen Kontakt erfuhren. Höchst interessant war auch der Umkehrschluss, dass Mütter mit dem direkten Kontakt zu ihren Kindern ein gleichfalls innigeres Verhältnis hatten, als solche ohne diesen frühen Kontakt.

So war von Anfang an deine Haut das erste Organ, welches in Beziehung zu deiner Umwelt trat, noch bevor du sehen konntest, hören oder schmecken, riechen konntest! Was kam danach? Atmen konntest du schon bald, Sauerstoff für deine Atmung gab es in der Luft, damit konntest du versorgt werden. Doch auch die Nahrungsversorgung wurde mit dem Betreten dieser Erde gekappt. Folglich hattest du irgendwann Hunger. Wieder bestenfalls konntest du an der Brust deiner Mutter saugen, dich dort mit Nährstoffen versorgen.

Doch nicht nur um die Nahrungsversorgung geht es dabei, wie Forscher nachweisen konnten. Der Moment der Nahrungsaufnahme hat zusätzliche elementare Funktionen: Durch die Berührung der Brust mit dem Mund und durch die Körpernähe werden im Körper des Kindes notwendige Botenstoffe ausgeschüttet, die eine beruhigende Wirkung auf das gesamte Nervensystem haben. Beim Saugreflex wird der Mund, die Lippen des Kindes mehr nach vorn geschoben, so dass die Kontaktfläche der Lippeninnenseite bei Berührung der Brustwarzen besonders groß ist, und durch die Schleimhäute in deinem Mund konntest du die in den ersten 2 Tagen des Stillens besonders inhaltsreiche Muttermilch besser aufnehmen.

Ein trauriges Kapitel der Menschheitsgeschichte umfasst die sogenannten Kinderhäuser, Anstalten, in die Mütter ihre Kinder geben konnten, wenn sie sie nicht behalten konnten/wollten und in denen sog. Findelkinder untergebracht wurden. Die Sterblichkeitsrate betrug um die 99%. Ursache war das hohe Infektionsrisiko durch Mangel an Muttermilch, sowie das fehlen von taktiler Stimmulierung und fehlendem intensiven Hautkontakt.

So wichtig war dein Hautkontakt in deiner Kindheit, und es geht noch weiter. Dazu hat Anke Herold (Psychologin, Bremen) einen sehr spannenden und interessanten Aufsatz verfasst, aus dem ich hier gerne einen kleinen Abschnitt zitieren, diesen Artikel beschließen, und darauf hinweisen möchte, wie es im 5. Teil weiter geht, nämlich mit deinen körperlichen Empfindungen:

„Zum anderen ist die Haut das Kontaktorgan, über das die Wahrnehmung von Streicheln oder auch Schlägen mit der Erlebnissituation verschmilzt und zu individueller und sozialer Erfahrung führt. Sie ist das Organ, über das wir zeitlebens, kaum beeinflussbar, mit anderen kommunizieren, ob wie beispielsweise erröten oder mit Gesichtsfalten mimisch unsere Worte unterstreichen. Über die Haut des Menschen drücken sich akute Gefühlsbewegungen, typische Verhaltensweisen, langwährende seelische Belastungen und Krankheiten aus …“

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