Körperwahrnehmung, Teil III (192)

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mies-vandenbergh-fotografie.de

„Aber bitte finde deinen Körper nicht zu gut!“ Erste Restriktionen in Bezug auf dein Verhältnis zu deinem Körper durch gesellschaftliche Prägung erfährst du als Inhalt der Erziehung. Wie lebst du damit?

Nachdem du im Kindesalter viele Regeln auferlegt bekommen hast, dich vermutlich an die meisten hieltest, erfuhrst du in deiner Pubertät viel neues, spannendes über deinen Körper. Hormonumstellungen ließen dich fröhlich und betrübt zugleich sein, du konntest lachen und weinen im gleichen Atemzug und fühltest dich vermutlich ziemlich allein gelassen mit deinem innersten Gefühlen. Spricht man gemeinhin von der Ablösung der Kindheitsgefühle hin zum Erwachsenwerden, gleichwohl Loslösung von den Eltern, und stelltest du zunehmend fest, dass deine Freunde auch nicht oft sehr hilfreich sein konnten, weil sie sich in einem ähnlichen Gefühlsumbruch befanden, so konnte es, wie bei vielen Generationen vor dir, sehr raumumgreifend sein.

Was machst du zu diesem Zeitpunkt mit deinen vielen Fragen? Wunderbar ist es vielleicht, wenn du deine Eltern fragen konntest. Oder lieber doch nicht? Ist es dir lieber gewesen, das mit dir selber auszumachen? Konntest du viele deiner Erfahrungen mit denen deiner Freunde vergleichen, mit ihnen Vermutungen austauschen und Thesen aufstellen, gefolgt von Antithesen und wieder neuen Thesen? Die starken Stimmungsschwankungen machten wahrscheinlich den Umgang mit dir nicht leichter, nicht nur für andere, auch für dich selbst.

Alles entscheidend ist aber die Frage, ob du die Veränderungen deines Körpers, die Umstellungen und neuen Gefühle in dir (er-) leben konntest! Hattest du genug Raum und Zeit, allumfassende Dimensionen – und dies meine ich wortwörtlich – um dich auf deine Empfindungen einzulassen? Dimensionen deshalb, weil es einerseits um das materielle, körperliche Dasein geht, andererseits um das psychisch – geistige Verständnis.

Das körperliche Dasein beschreibt den Umgang mit deinem sich zunehmend stärker veränderndem Körper, in vielen Regionen, noch mehr körperlichen Reaktionen. Mochtest du, was du berühren konntest, gefiel dir, was du sahest, konntest du es annehmen?

Das psychisch-geistige Verständnis bezieht sich auf deinen geistigen Freiraum. Hattest du deinen Kopf frei genug, um dich mit deinen Gefühlen zu beschäftigen. Hattest du die ganz alltägliche Zeit für dich, jenseits von bildungspolitisch vorgesehenen Leistungsvorgaben, jenseits der alltäglichen Erwartungen der Menschen, die dich auf dem Weg der Menschwerdung anleiten?

Doch mit nur „Zeit“ ist die einzige Freiheit nicht maßgeblich benannt. Hattest du überhaupt die moralisch-ethische Freiheit nachzudenken und zu fühlen über deine körperlichen Signale? Konntest du dich ihnen frei von schlechtem Gewissen und Beschränkungen durch Sitte und gesellschaftlicher Verklemmtheit nähern. Warst du in der Lage, sie zu betrachten und unvoreingenommen zu „bewerten“?

Mit bewerten meine ich nicht ein absolutes Urteil abzugeben über gut und böse, sondern einen Grad der Akzeptanz im Hinblick auf empathische, freidenkerische und individuelle Wertschätzung. [Anmerkung: in unserem Bildungssystem halte ich die massive Überbetonung von purem Faktenauswendiglernen humanistisch für mehr als fragwürdig! Eine sehr viel mehr auf ethische Inhalte gerichtete Bildung würde sicher, global gesehen, wieder zu einer menschlicheren Welt führen!]

Nicht viele Menschen hatten und haben überhaupt die Freiheit, sich selbst im Hinblick auf ihren Körper frei zu entfalten! Nicht verwechseln sollte man diesen Entwicklungsspielraum jedoch mit Orientierungslosigkeit, denn die Zeit der Adoleszenz sollte immer wieder Leuchttürme und Häfen bieten, die für jedes Menschenkind unerlässlich sind. Dabei ist es nicht leicht, den Grad zwischen moralisch-ethischen Vorgaben und deren Überschreitung durch allzu körperfeindliche Vermeidungstendenzen zu wahren.

Im nächsten Teil von Körperwahrnehmung mache ich mir Gedanken über die Bedeutung von Berührungen in all ihren Facetten.

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2 Gedanken zu “Körperwahrnehmung, Teil III (192)

  1. Hallo Mies,

    eine gute Entscheidung, den Text so zu gestalten, dass er an die Erfahrung des Lesers appeliert. Man beginnt seine Erinnerung zu befragen, wann es begann, dass der eigene Körper zum Problem wurde. Vielleicht ist das aber auch eine Grundbefindlichkeit des Menschen, die noch durch die kulturellen Einflüsse potenziert wird.

    Zumindest ist diese Frage eine ganz aktuelle, wenn wir die hypochondrischen Auswüchse des Körperkults und die meistens misslungenen Schönheitsoperationen bedenken. Für mich knüpft diese Textreihe konsequent an einer Deiner vorherigen an, die sehr schön die Antithese zwischen der Schönheit an sich und der Anmut aufgriff und sie zugunsten der letzteren entschied: als ethische Aufgabe, die an sich seiende Schönheit durch eine erst an sich selbst hervorzubringende Schönheit zu ersetzen.

    LG
    Phileos

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Phileos,
      danke erstmal für Dein zustimmendes Lob über die Textgestaltung 🙂 Was mich zudem sehr freut, dass es Menschen gibt, DICH!, die meine nicht immer ganz leichten (O-Ton meiner Frau) Texte lesen!
      Ich meine ebenfalls, dass die Gesellschaft, obwohl ihr, also dem Menschen in ihr, die überbordenden Körperkulte und deren Folgen bewusst zu sein scheinen, durch ihren orientierungslosen Konsum nur diesen Kult noch potenzieren. Schön auch, dass Du eine Verbindung zu meinem Artikel über Anmut knüpfst. Wenn die einzelnen Menschen es tatsächlich umsetzen, den Anmut über die Schönheit zu stellen, bzw. sie in ein „gesundes“ Verhältnis zu setzen, wäre schon viel am Menschlichkeit gewonnen. Herzliche Grüße. Freue mich, auf Deinem Blog bald mal länger auf Entdeckungsreise zu gehen 🙂

      Gefällt 1 Person

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