Zensur des schönen Hässlichen, Teil 2 (195)

image

mies-vandenbergh-fotografie.de


Hier im zweiten Teil von „Zensur des schönen Hässlichen“ gehe ich weiterhin der Frage nach dem Umgang mit physischen Erscheinungen nach. Was sehen wir (an), wie bewerten wir das gesehene und warum?

Zunächst ein inhaltlicher Auszug aus Plutarchs (ca. 46-120 n.Chr.) Dichtungen über die Spartaner:
„Lykurg hat auch die Lebensführung der Frauen sorgfältig geregelt. Er sorgte dafür, dass die Körper der Mädchen durch Laufen, Ringen und Speerwerfen gekräftigt wurden. Denn er sagte sich, dass Frauen mit kräftigen Körpern auch kräftige Kinder gebären würden. Und auch bei der Geburt selbst hätten sie keine Schwierigkeiten. Weichlichkeit, Verzärtelung und alles, was er abfällig „weibisch“ nannte, verbannte er. Er gewöhnte die Mädchen daran, wie die Knaben nackt ihre Aufzüge zu halten und bei bestimmten Festen zu tanzen und zu singen und das vor dem Augen der jungen Männer. Dass die Mädchen sich entblößten, hatte übrigens nichts peinliches an sich. Denn es war Scham dabei und keine ungehörige Schaulust. So gewöhnten sie sich an Einfachheit und strebten nach wohl gestalteter Körperbeschaffenheit. Auch gab das der Frau Sinn und Geschmack für das stolze Selbstgefühl, dass auch sie nicht weniger als der Mann Anteil haben sollte am Streben nach Tapferkeit und Ruhm. …“

Auch wenn schriftliche Überlieferungen aus der Zeit Spartas meist nicht von Spartanern selbst verfasst und überliefert wurden, diese stammen nämlich mehr von ihren Feinden oder von Nachfahren, und dadurch deren Integrität grundsätzlich bezweifelt werden darf, so lässt sich aus pragmatischer Vorstellung heraus doch ein wahrer Kern annehmen, zumal ausreichend andere Kulturen existieren, die einen vergleichbaren Umgang mit der Körperkultur pflegen. Anhand des obigen Beispiels sieht man, wie sich die damals aktuellen Richtlinien und vorgegebenen Verhaltensweisen im Punkto Körperlichkeit über die Zeiten hinweg verändern. Die Sozialisation körperlicher Belange mündete in der modernen westlich-geprägten Gesellschaft gemeinhin in eine Tabuisierung, was unter anderem an der Sprache, dem genutzten Wortschatz zu erkennen ist.

Die vermutlich etwas verklärte Sicht Plutarchs auf die Gebräuche der Spartaner soll hier als Gedankenanstoß gelten. Im ersten Teil stellte ich die Frage nach der Bedeutung der sichtbaren Formen aller Dinge im Umfeld des Menschen. Durch welche Überlieferungen bedeuten unserer Gesellschaft bestimmte Dinge mehr als anderes, warum verändert eine optische Abweichung die Bedeutung, wie entsteht die unterschiedliche Wertigkeit?

Nicht nur Formen beeinflussen unser Verständnis der Dinge, auch Oberflächen und Material erwirken seltsame Gebärden. Irgendwann entdeckte der Mensch das Gold. Woher und warum entstand seine Wertigkeit, warum brachten die Conquistadores viele tausend Ureinwohner für das Metall ums Leben? Weil es glänzt? Weil es rein ist? Weil es ein knappes Gut ist? Weil ein relativ hoher (Gegen-) Wert festgelegt worden ist? Warum? Vielleicht ahnen wir es.

Zurück zur eigentlichen Fragestellung. Im Zuge der Sozialisation der Gesellschaft entstanden vielfältige Übereinkünfte, die einer ganz wesentlichen, fundamentale Ambivalenz entsprang: Sie ist von einem Subjekt erschaffen und weiterentwickelt worden, und zwar für ein Objekt, das gleichzeitig Subjekt ist. Dabei ist besonders in unserem Kulturkreis die rationalistische Denkweise bezeichnend für den Umgang mit der Vielfalt der Möglichkeiten. Stark zweckdienliches Denken besitzt den höchsten gesellschaftlichen Stellenwert. Ob die zweckgerichtete Lebensart bei uns Menschen zum Selbstzweck mutiert ist, kann jeder für doch selbst entscheiden, wenn er nur reflektiert.

So ist ein wesentlicher Faktor in diesem Zusammenhang der Akt der Infragestellung von Sinnhaftigkeit jedweder sittlichen, moralischen und emotionalen Übereinkünfte durch jedes Individuum einer Gemeinschaft, um diese Gemeinschaft dem Menschen dienlich zu gestalten und nicht umgekehrt. Perfide Mechaniken wie die versteckt-offene Etablierung einer grenzenlosen Konsumsucht, angefeuert durch den Anschein von fiktiven Innovationen entfremden den Menschen zu einem zunehmend entsozialisiertem und was viel bedeutender ist, entmenschlichtem Wesen.

So lässt sich ein „Ist-Zustand“ beschreiben, wie er vielfach attestiert und auch empfunden wird. Über die Herkunft, die Entstehung sagt es nur wenig aus. Verfolgt man allerdings die Entwicklungsgeschichte von Sitten und Gebräuchen, so wird einem gewahr, dass es in den Kulturen, Epochen und Gesellschaften in ihren unterschiedlichen Umgangsweisen nahezu alle erdenklichen Formen gelebt wurden. Auch ergibt sich daraus, dass unsere aktuelle Lebensart nur einen Ausschnitt aus den Möglichkeiten beschreibt, der in ferner oder naher Zukunft schon nicht mehr gesellschaftsfähig sein kann.

Nichtsdestotrotz sind wir hier und jetzt sozialisiert worden. Umgangsformen beherrschen wir notwendigerweise und da der Mensch an sich ein zutiefst bequemes Wesen ist, Veränderungen im Grunde genommen nicht wirklich anstrebt und mag, ist jede Auseinandersetzung mit Normen anstrengend und wird erst dann in Angriff genommen, wenn diese Normen die menschliche Existenz über einen gewissen Punkt hinaus gefährden.

Dieser Punkt findet sich bei jedem Individuum am anderer Stelle, auch die Auffassungsgabe gegenüber den eigenen Lebensbedingungen gestaltet sich absolut heterogen, und das schon in jedem einzelnen von uns, geschweige denn zwischenmenschlich. Auch dabei kommt uns wieder unsere Bequemlichkeit entgegen, wenn es darum geht, Denkmodelle zu hinterfragen, oder, vollkommen utopisch, selbst solche zu entwerfen.

Gemeinhin wird gerne konsumiert, was schon da ist, was bequem übernommenen werden kann. Es wird ein wenig zurecht gebogen, und gerade so passend gemacht. Querulanten, die unbequeme Fragen aufwerfen, sind nicht gern gesehen. Nur wenn es mehr werden, wenn mehr und mehr Menschen dazu übergehen, Sichtweisen in Frage zu stellen, es sich selbst unbequem zu machen, weil man sich nicht weiter auf sich selbst ausruht, dann ist es möglich, etwas zu verändern. Dazu bedarf es, wie uns die Vergangenheit gelehrt hat, Vorreiter.

Das sind jedoch solche Wesen, die nicht unaufhörlich die zwar bequemen, aber prinzipiell unhaltbaren Zustände nur beschreien. Es braucht Menschen, die folgerichtige Lösungsansätze vorschlagen können, die menengerechte Ideen postulieren. Es braucht Denker und „Empfinder“, die durch Beschreibungen Fakten darlegen UND Wege aus dem unbekannten Dilemma weisen oder aufzeigen, wie diese zu finden sind. Wir brauchen dringend Menschen, die einfach ethische Lebens – Thesen aufstellen. Diese kann man auch durchaus mal an eine Türe nageln.

Körperwahrnehmung, Teil V (194)

mies-vandenbergh-fotografie.de segtu jeans hintern

mies-vandenbergh-fotografie.de

Wie reagierst Du auf Ärger? Wie auf Freude? Kann man es dir ansehen? Wie siehst du aus, wenn du glücklich bist? Wie, wenn du traurig bist. Was sagt dein Körper, wenn dich jemand tröstend in den Arm nimmt. Oder liebevoll? Gut, oder!? Aber: wie oft passiert das dir noch? Statistisch gesehen: Ein Trauerspiel!

Im fünften Teil geht es um deine körperlichen Reaktionen, und das, was du daraus machst. Erkennst du die Sprache deines Körpers? Oder bügelst du ihn schon mal glattweg nieder? Triumphiert dein Geist oft über deinen Körper, deine Intuition, dein „Bauchgefühl“? Dann geht es dir, wie mir. Ich bin zu oft ein schrecklich verkopfter Mensch. Bauchschmerzen ja, aber nein, ist vollkommen unlogisch! 🙂

Wie hängen deine Empfindungen mit Berührungen zusammen? Eng. Aber warum? Hierzu möchte ich etwas ausholen. Ein kritischer Barde, dessen Name mir gerade nicht geläufig ist, vielleicht André Heller in seinem Wintergarten, besang schon vor 20 Jahren in einem seiner Lieder den Zustand des eklatant zunehmenden Materialismus: „Früher streichelten wir über Körper, heute über Waren.“ Niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte litten die Menschen derart unter Berührungsarmut wie heute, so stellen es aktuelle Erhebungen sehr eindeutig heraus. Nicht nur in New York finden Kuschelparties statt, bei denen gänzlich ohne sexuelle Absichten nur eng miteinander gekuschelt wird, nie haben professionelle Berührer derartig Hochkonjunktur.

Wie ergeht es dir? Wie reagierst du auf die Reize deiner Umwelt, welche Reaktionen (er-) kennst du von deinem Körper? Stellen sich bei dir hin und wieder deine Nackenhaare auf und läuft dir ein Schauer über den Rücken? Steigt dir das Blut in den Kopf, errötest du, wenn du dir unangekündigter und bedeutsamer Dinge gewahr wirst? Viele Menschen unterdrücken zu oft diese Signale des Körpers. Forscher aus den USA haben bestätigt, dass die ausbleibenden Wahrnehmungen körperlicher Reaktionen zu psychosomatischen Erkrankungen führen können. Das beginnt bereits bei kleinen Anzeichen körperlicher Widerstände auf kleinste Reize, die wir so kaum noch wahrnehmen. Beispielsweise kleinste Widerstrebungen etwas bestimmtes zu berühren sind solche Zeichen, auch außerkulturelle Berührungen führen zu starken Irritationen. Letzteres wird als Phänomen in unseren westlichen Ländern bestätigt, in denen körperliche Berührungen nur in sehr engen Grenzen moralgesellschaftlich akzeptiert ist.

Gleiches gilt für die andere Richtung, die mehr noch das Thema dieses Beitrags ist: mangelnde Aktion, immer stärkere Zurückhaltung mit zunehmendem Entwicklungsstand entfremdet uns zunehmend von körperlichem Dasein. Was du als Kind zu Beginn deines Lebens gar nicht anders vermochtest wird derart stark reduziert, so dass es tatsächlich zu psychosomatischen Störungen kommen kann. Als Kind, besonders als Kleinkind musstest du alles begrapschen, viel mehr, als deinen Eltern lieb war, sogar in deinen Mund stecken. [Kinder aus unserer Nachbarschaft haben, weil sie keinen Kaugummi essen durften, diese von der Straße abgekratzt und mir viel knirschen versucht zu kauen.]
Du entdecktest als Kind die Welt um dich herum mit deinen Händen. Du fühltest, was unterschiedlicher Temperatur war, welche unendlich viele, haptische Variationen Dinge hervorbringen konnten. Samtig weich, glibberig feucht, scharfkantig spitz waren Objekte aller Art für dich äußerst spannend zu erforschen.

Auf der anderen Seite erfuhrst du über deinen Körper eine sensorische Vielfalt der Berührungen. Streicheleinheiten sowie Kuschelpartien waren an der Tagesordnung, nahezu jeder Elternteil weiß, wie wichtig diese körperlichen Aktionen für die seelische Entwicklung ihrer Kinder sind. Was mit der Zeit der Adoleszenz immer weiter weg verlagert wird, weg von den Eltern, hin zu Freund und Freundin, verliert sich heutzutage zunehmend mehr und mehr und mit zunehmendem Alter überdies.

Unser größtes Sinnesorgan verliert zunehmend an Stimmulierung, Wissenschaftler beschreiben es als dramatischen Akt: Statt der Berührungen geht der Mensch der westlichen Welt seiner liebsten Freizeitbeschäftigung nach, dem Fernsehen, und kompensiert den Mangel mit der tütenweisen Zufuhr von Salzgebäck. Stichwort „Ersatzbefriedigung“. Da bezieht sich nicht nur auf das Salzgebäck, auch Waren aller Art dienen dem gleichen Zweck. Berührst du deinen Partner so oft, wie dein Smartphone? 😉

Im Vergleich der Geschlechter kommen bei diesen Untersuchungen die männlichen Exemplare der Menschen noch viel schlechter weg, als die weiblichen. Der Mann, erfolgreich, hart, technikaffin, die Frau schön, zart fürsorglich. Körperliche Zuwendung gilt als weiblich, ob es in Berufen ist (Pflege, Fürsorge, Frisörin, Männer gelten in diesen Bereichen weniger als männlich, gerne als weichlich, auch homosexuell, sie sollen die „Macher“ sein, kernig, handwerklich, technisch versiert.) oder im Umgang mit anderen Menschen. Zwar ist auch bei Frauen die körperliche Auseinandersetzung offen rückläufig, doch die allgegenwärtige Beschäftigung mit der Schönheit erlaubt die Behandlung des Körpers in allen Bereichen, in jedem Alter, und in allen Regionen. Die Schönheit lässt sich, so der „gesellschaftliche Konsens“, so über den Körper ausdrücken. Dazu brauch dieser Behandlung. Dazu darf er berührt werden, lange berührt werden.

Hier möchte ich mit einem Einwand diesen Artikel beschließen. Wenn wir uns alle, also auch du, wieder mehr um unsere Empfindungen kümmern würden, so sehe ich einen guten Weg, das Leben wieder wärmer, zärtlicher, menschlicher zu gestalten, was sich definitiv auch in unserer Psyche ausdrücken würde. Zufriedenheit wäre dein Erfolg.

P.S. besonders herzliche Grüße möchte ich hier an „tigerfour“ richten, der aus luftigen Höhen unermüdlich daran erinnert: das „küssen nicht vergessen“! 🙂

Körperwahrnehmung, Teil IV (193)

mies-vandenbergh-fotografie.de satr jeans hintern

mies-vandenbergh-fotografie.de

Wie fühlst du dich? Was fühlst du gerade? Wenn du diese Frage beantwortest, sagst du etwas über Wärme oder Kälte, über Sehnsucht oder Melancholie oder über eine zärtliche Umarmung?

Hier im vierten Teil von Körperwahrnehmung möchte ich zunächst über das Entstehen deiner Möglichkeiten schreiben, deinen Körper über Berührungen zu empfinden. Diese sind so mannigfaltig, dass du oftmals vergisst, was dir dein Körper über dich verrät. Die Anfänge findest Du bereits in deiner frühesten Kindheit. Das reiße ich hier kurz an.

Wie elementar deine Empfindung ist, das begreifst du sehr eingehend, wenn du dir klarmachst, wie alles bei dir begann: Dein Wissen um die Zeit vor deinen ersten Erinnerungen hält sich in Grenzen. Manches erahnst du, falls du in der glücklichen Lage bist, Fotografien aus dieser Zeit dein eigen nennen zu können. Aber wie es damals war, weiß vielleicht dein Verstand, sicher nicht dein Gedächtnis. Du warst im Bauch deiner Mutter. Alles war warm. Nichts war eckig, alles weich und zart. Um nichts musstest du dich kümmern, Nahrung stand immer zur Verfügung. Und Nähe! Du warst nicht allein.

Damit sind deine ersten Empfindungen im Grunde benannt. Deine Haut, der größte Sensor deiner Sinne vermittelt dir in der Wärme deiner Mutter Geborgenheit. Der Bauch bietet Schutz vor Dingen, von denen du noch nicht einmal ansatzweise eine Vorahnung hattest. Du spürtest die Schwingungen deiner Mutter, wenn sie sprach, lachte, weinte oder nur atmete. Du spürtest ihr Herz schlagen, all das noch ohne dein Bewusstsein, aber: schon in dieser Zeit wurden Weichen gestellt für dein gesamtes weiteres Leben. Dazu weiter unten mehr.

Irgendwann war es dann soweit. Du erblickst das Licht der Welt durch deine eigenen Augen. Naja, erst mal hattest Du sie noch eine Weile geschlossen. Deine Geburt bedeutete die Trennung von deiner Mutter, die „Einkörperlichkeit“ wurde aufgegeben, du begannst, dein eigener Mensch zu werden. Was spürstest du? Was empfandest du? Losgelöst aus deiner bisherigen einzigen Welt betratst du diese neue Welt.

Diese heißt in erster Linie „Kälte“! Auch, wenn der Moment nur sehr kurz sein sollte, bis du im Idealfall noch vor dem Wiegen und Vermessen sofort nackt auf die nackte Haut deiner Mutter gelegt wirst, bedeutet es den Moment der Trennung, des Verlassens der warmen Umgebung des Bauches deiner Mutter. Du musst selbst atmen, die kühlende Luft strömt in deine Lungen, und du spürst den Luftzug.

Schwedische Forscher fanden in den 1980 er Jahren heraus, dass Kinder, die umgehend, also in den nächsten 30 Minuten nach ihrer Geburt direkten Hautkontakt zu ihrer Mutter erhielten, als Menschen ein grundsätzlich größeres „Urvertrauen“ besaßen, als solche Kinder, die erst nach diesen ersten dreißig Minuten diesen Kontakt erfuhren. Höchst interessant war auch der Umkehrschluss, dass Mütter mit dem direkten Kontakt zu ihren Kindern ein gleichfalls innigeres Verhältnis hatten, als solche ohne diesen frühen Kontakt.

So war von Anfang an deine Haut das erste Organ, welches in Beziehung zu deiner Umwelt trat, noch bevor du sehen konntest, hören oder schmecken, riechen konntest! Was kam danach? Atmen konntest du schon bald, Sauerstoff für deine Atmung gab es in der Luft, damit konntest du versorgt werden. Doch auch die Nahrungsversorgung wurde mit dem Betreten dieser Erde gekappt. Folglich hattest du irgendwann Hunger. Wieder bestenfalls konntest du an der Brust deiner Mutter saugen, dich dort mit Nährstoffen versorgen.

Doch nicht nur um die Nahrungsversorgung geht es dabei, wie Forscher nachweisen konnten. Der Moment der Nahrungsaufnahme hat zusätzliche elementare Funktionen: Durch die Berührung der Brust mit dem Mund und durch die Körpernähe werden im Körper des Kindes notwendige Botenstoffe ausgeschüttet, die eine beruhigende Wirkung auf das gesamte Nervensystem haben. Beim Saugreflex wird der Mund, die Lippen des Kindes mehr nach vorn geschoben, so dass die Kontaktfläche der Lippeninnenseite bei Berührung der Brustwarzen besonders groß ist, und durch die Schleimhäute in deinem Mund konntest du die in den ersten 2 Tagen des Stillens besonders inhaltsreiche Muttermilch besser aufnehmen.

Ein trauriges Kapitel der Menschheitsgeschichte umfasst die sogenannten Kinderhäuser, Anstalten, in die Mütter ihre Kinder geben konnten, wenn sie sie nicht behalten konnten/wollten und in denen sog. Findelkinder untergebracht wurden. Die Sterblichkeitsrate betrug um die 99%. Ursache war das hohe Infektionsrisiko durch Mangel an Muttermilch, sowie das fehlen von taktiler Stimmulierung und fehlendem intensiven Hautkontakt.

So wichtig war dein Hautkontakt in deiner Kindheit, und es geht noch weiter. Dazu hat Anke Herold (Psychologin, Bremen) einen sehr spannenden und interessanten Aufsatz verfasst, aus dem ich hier gerne einen kleinen Abschnitt zitieren, diesen Artikel beschließen, und darauf hinweisen möchte, wie es im 5. Teil weiter geht, nämlich mit deinen körperlichen Empfindungen:

„Zum anderen ist die Haut das Kontaktorgan, über das die Wahrnehmung von Streicheln oder auch Schlägen mit der Erlebnissituation verschmilzt und zu individueller und sozialer Erfahrung führt. Sie ist das Organ, über das wir zeitlebens, kaum beeinflussbar, mit anderen kommunizieren, ob wie beispielsweise erröten oder mit Gesichtsfalten mimisch unsere Worte unterstreichen. Über die Haut des Menschen drücken sich akute Gefühlsbewegungen, typische Verhaltensweisen, langwährende seelische Belastungen und Krankheiten aus …“

Körperwahrnehmung, Teil III (192)

image

mies-vandenbergh-fotografie.de

„Aber bitte finde deinen Körper nicht zu gut!“ Erste Restriktionen in Bezug auf dein Verhältnis zu deinem Körper durch gesellschaftliche Prägung erfährst du als Inhalt der Erziehung. Wie lebst du damit?

Nachdem du im Kindesalter viele Regeln auferlegt bekommen hast, dich vermutlich an die meisten hieltest, erfuhrst du in deiner Pubertät viel neues, spannendes über deinen Körper. Hormonumstellungen ließen dich fröhlich und betrübt zugleich sein, du konntest lachen und weinen im gleichen Atemzug und fühltest dich vermutlich ziemlich allein gelassen mit deinem innersten Gefühlen. Spricht man gemeinhin von der Ablösung der Kindheitsgefühle hin zum Erwachsenwerden, gleichwohl Loslösung von den Eltern, und stelltest du zunehmend fest, dass deine Freunde auch nicht oft sehr hilfreich sein konnten, weil sie sich in einem ähnlichen Gefühlsumbruch befanden, so konnte es, wie bei vielen Generationen vor dir, sehr raumumgreifend sein.

Was machst du zu diesem Zeitpunkt mit deinen vielen Fragen? Wunderbar ist es vielleicht, wenn du deine Eltern fragen konntest. Oder lieber doch nicht? Ist es dir lieber gewesen, das mit dir selber auszumachen? Konntest du viele deiner Erfahrungen mit denen deiner Freunde vergleichen, mit ihnen Vermutungen austauschen und Thesen aufstellen, gefolgt von Antithesen und wieder neuen Thesen? Die starken Stimmungsschwankungen machten wahrscheinlich den Umgang mit dir nicht leichter, nicht nur für andere, auch für dich selbst.

Alles entscheidend ist aber die Frage, ob du die Veränderungen deines Körpers, die Umstellungen und neuen Gefühle in dir (er-) leben konntest! Hattest du genug Raum und Zeit, allumfassende Dimensionen – und dies meine ich wortwörtlich – um dich auf deine Empfindungen einzulassen? Dimensionen deshalb, weil es einerseits um das materielle, körperliche Dasein geht, andererseits um das psychisch – geistige Verständnis.

Das körperliche Dasein beschreibt den Umgang mit deinem sich zunehmend stärker veränderndem Körper, in vielen Regionen, noch mehr körperlichen Reaktionen. Mochtest du, was du berühren konntest, gefiel dir, was du sahest, konntest du es annehmen?

Das psychisch-geistige Verständnis bezieht sich auf deinen geistigen Freiraum. Hattest du deinen Kopf frei genug, um dich mit deinen Gefühlen zu beschäftigen. Hattest du die ganz alltägliche Zeit für dich, jenseits von bildungspolitisch vorgesehenen Leistungsvorgaben, jenseits der alltäglichen Erwartungen der Menschen, die dich auf dem Weg der Menschwerdung anleiten?

Doch mit nur „Zeit“ ist die einzige Freiheit nicht maßgeblich benannt. Hattest du überhaupt die moralisch-ethische Freiheit nachzudenken und zu fühlen über deine körperlichen Signale? Konntest du dich ihnen frei von schlechtem Gewissen und Beschränkungen durch Sitte und gesellschaftlicher Verklemmtheit nähern. Warst du in der Lage, sie zu betrachten und unvoreingenommen zu „bewerten“?

Mit bewerten meine ich nicht ein absolutes Urteil abzugeben über gut und böse, sondern einen Grad der Akzeptanz im Hinblick auf empathische, freidenkerische und individuelle Wertschätzung. [Anmerkung: in unserem Bildungssystem halte ich die massive Überbetonung von purem Faktenauswendiglernen humanistisch für mehr als fragwürdig! Eine sehr viel mehr auf ethische Inhalte gerichtete Bildung würde sicher, global gesehen, wieder zu einer menschlicheren Welt führen!]

Nicht viele Menschen hatten und haben überhaupt die Freiheit, sich selbst im Hinblick auf ihren Körper frei zu entfalten! Nicht verwechseln sollte man diesen Entwicklungsspielraum jedoch mit Orientierungslosigkeit, denn die Zeit der Adoleszenz sollte immer wieder Leuchttürme und Häfen bieten, die für jedes Menschenkind unerlässlich sind. Dabei ist es nicht leicht, den Grad zwischen moralisch-ethischen Vorgaben und deren Überschreitung durch allzu körperfeindliche Vermeidungstendenzen zu wahren.

Im nächsten Teil von Körperwahrnehmung mache ich mir Gedanken über die Bedeutung von Berührungen in all ihren Facetten.