Anmut ( 181 )

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Schönheit und Anmut: Zwei völlig verschiedene Dinge. Und dennoch: in unserer Vorstellung sind sie an sich ganz ähnliche, vielleicht sich ergänzende Attribute.

Ähnlich, weil beide eine Wirkung eines Menschen auf andere Menschen beschreiben, und doch: grundlegend unterschiedlich sind ihnen die Werte in ihrer Bedeutung. Die Schönheit ihrerseits zielt auf das Aussehen. Schön sein bedeutet, dass dem Menschen eine Eigenschaft zugesprochen wird, die relativ objektiv ersichtlich erscheint. Schönheit ist ein Fakt, sie gilt je nach gesellschaftlicher Prämisse als messbar, als bestimmbar.

Die Anmut hingehen erklärt sich weitgehend anders. Anmut bedeutet eine weit über die schiere Schönheit hinaus gehende Eigenschaft (nicht nur) des Menschen. Sie wird wesentlich differenzierter erkannt. Während das Schöne als anzeigende Eigenschaft einem bestimmten Menschen durch gerade eng definierte optische Eigenschaften zugesprochen wird, so ist Anmut etwas, das zwar auch dem Aussehen zuerkannt wird, insbesondere aber zudem sich manifestiert in Bewegungen, in Gestik, Mimik und den Ausdruck in ihrer Ganzheit zugrunde legt.

Entscheidend ist dabei, dass der Ausdruck in der Anmutigkeit gerade bestimmte Schönheitsfehler mit einbezieht, was der Schönheit hingegen missgönnt ist. Wo die Perfektion der Schönheit ein Manko aufweist, da beginnt meist der Anmut in seiner Ungezwungenheit. Der Anmut unterliegt damit weder irgendwelchen modischen Strömungen noch gelten für sein Erscheinen bestimmte Voraussetzungen, er ist ein Kind der Freiheit. (Empedokles: „Anmut haßt den Zwang“)

Die Schönheit bezeichne ich als gerade mal einen möglichen Teil des Anmutes. Deshalb bedeutet Schönheit, die einen Menschen ziert, oftmals nur diesen blanken Schein, der an sich zwar absolut wirkt, doch in der Beschreibung des Menschen nur oberflächlich bleibt. Schönheit in ihrer selbst führt allzu leicht zum Narzissmus, während die Anmut viel mehr vom in sich stimmigen Wesen des Menschen aufgreift. Sie lässt zudem eine viel tiefere Bestimmung des Wesens zu. Schönheit bringt den Menschen oft zu einer Darstellung ihrer selbst, deren Ausdruck in einem durch und durch künstlichem Verhalten endet, das nur noch der Schönheit selbst geschuldet erscheint. Das Verhalten hat alle spielerische Leichtigkeit, an der der Anmut zu erahnen wäre, verloren.

Vor Jahren las ich ein Buch, in dem sinngemäß die folgenden Worte geschrieben standen: ‚Wie schön du warst, allein vergaß ich dein Gesicht.‘ Dieser Satz stellte für mich damals schon eine sehr eindringliche Ermahnung dar. Ermahnung, weil dabei Dinge jenseits des optischen Äußeren beginnen zu zählen, ja geradezu bestimmend sind Es kommen wesentliche zwischenmenschliche Eigenschaften zum Tragen, die das schiere Aussehen im Sinne der allgemein gültigen Normen sichtlich überlagern. Anmut beschreibt zusätzlich ein Zusammenspiel von sinnlichem Aussehen und geistiger Haltung eines Menschen. Goethe definiert Anmut als den Gleichschritt von Geist und Körper.

In Schillers „Über Anmut und Würde“ (1793) wird Anmut definiert als willkürliche Bewegung einer „schönen Seele“, die „sympathetisch“ zu einer expressiven Gesinnung steht. Anmut ist „Schönheit, die nicht von der Natur gegeben, sondern von dem Subjecte selbst hervorgebracht wird“ und dennoch wie ein Naturschönes wirkt; sie ist sozusagen bewusste Bewusstlosigkeit. Friedrich Schiller sieht die Anmut in der „Freiheit der willkürlichen Bewegungen“.

So bleibt dem Aussehen des Menschen, nicht nur dem des Menschen, aber hier geht es ja in erster Linie um uns Menschen, neben der allseits beliebten Diskussion über Schönheitsideale in Wirklichkeit noch viel mehr, nämlich der Anmut, der so viel mehr von der Seele des Menschen innehat und intuitiv viel häufiger von unserem Empfinden erspürt wird, als wir denken.

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