Aussehen und Selbstwertgefühl (170)

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Körpergefühl, Selbstverständnis und Selbstbewusstsein. Zusammenhänge und Differenzen

Eine Betrachtung:
Zusammenhänge von Aussehen und Selbstwertgefühl beim Menschen, untersucht in unterschiedlichen Studien, ergeben für mich ein diffuses Bild. Wie groß ist der Einfluss des äußeren Erscheinungsbildes auf das eigene Selbstbewusstsein? Wieviel davon ist mir tatsächlich bewusst. Wieviel wirkt in meinem Unterbewusstsein? Was leitet mich unterschwellig an? Unterschiedliche Herangehensweisen an die Lösung dieser Frage verleiten zu unterschiedlichen Standpunkten. Widersprüche existieren nebeneinander.

Suggestionen der Gesellschaft führen zu einer verstärkten Definition des Selbstwertgefühls über die Äußerlichkeiten. Das wurde vielfach dargelegt. Es beginnt früh im jugendlichen Alter. Wie oft hört ein Jugendlicher Sätze, wie zum Beispiel: „Wie siehst duuu denn aus?“, wenn er oder sie anders aussieht, als der Durchschnitt der Gleichaltrigen. So kleiden sich junge Menschen meist derart, dass sie möglichst einem akzeptierten Allgemeinbild nahekommen. Dabei bleibt die Form des Körpers keinesfalls außenvor. Schon zu unserer Jugendzeit (1970/19 80er Jahre) wurden unförmig gewachsene Kinder und Jugendliche ausgiebig gehänselt, was sich bis heute kaum verändert hat, wie ich in meiner Jugendarbeit immer wieder feststellen musste. Dadurch wird gerade bei jungen Menschen eine wesentliche, künstliche Hürde aufgebaut, die äußerst schwer und langwierig, wenn überhaupt, erst wieder abgebaut werden kann. Dabei liegt es nicht mal im Interesse der Hänselnden, einen derartigen Schaden im Gegenüber anzurichten. Es ist weder geplant noch beabsichtigt, doch es liegt scheinbar im Menschen veranlagt, Andersartige auf welche Art auch immer, auszugrenzen oder anzuprangern.

Im weiteren Verlauf des Lebens gilt es dann, das unter Umständen wiederkehrende Szenario dahingehend einzuordnen, die Äußerlichkeiten in ein „richtiges“ Verhältnis zum eigentlichen, inneren Wesen zu bringen. Zu lernen, dass nicht das Aussehen jenes ist, worüber sich ein Mensch definiert. Dieses Ansinnen ist vermeintlich heutzutage bei all der Oberflächlichkeit scheinbar sehr schwer. Immer wieder wird es läppische Pfaun und einfältige Mädchen geben, die ihr Aussehen als ihr wertvollstes Gut erachten, denen das auch oft genug noch eingeredet oder bestätigt wird, doch sie werden früher oder später erfahren, was wichtiger ist für ein emotional erfülltes Dasein, meistens.

Wie aber bringt man dieses Missverhältnis der Überbewertung von Aussehen wieder ins Lot? Wie stark ausgeprägt ist die Überzeugung des Einzelnen, mit einem wohlgefälligen Aussehen steige linear sein Wert in der Gesellschaft, aber auch insbesondere bei sich selbst. Führt die Angleichung seines Äußeren an vorhandene Normen folgerichtig zu einem gesteigerten Selbstwertgefühl? In der momentan als oberflächlich und dem schönen Schein verfallenen Gesellschaft hat es den Anschein, wird doch regelmäßig den Formen und Ausprägungen der vermeintlichen Schönheit gehuldigt. ( … dem auch ich zum Teil durchaus erlegen bin, denn wie gern sehe ich wohlgeformte Menschen an – aber auch, wie gehe ich damit um und da spätestens kommt das Menschliche weit vor dem Äußeren!)

Ob aber der Erfolg durch den Einsatz des Aussehens in der Gesellschaft nachhaltig ist, ist durchaus zu bezweifeln, meine ich. Menschen, die sich eines Makels entledigt haben, berichten regelmäßig über den Erfolg in ihrem gesamten Umfeld. Doch würden sie auch von einem Misserfolg berichten? Würden sie davon berichten, dass nach einer Zeit der verstärkten Beachtung der Veränderung danach der Umgang auf ein ähnliches Niveau zurückgeht, wie es vor der Manipulation erfahren wurde. Schließlich wirkt der Mensch zusätzlich zu seinen optischen Werten durch Gestik, Mimik und noch viel mehr durch seine Taten oder deren Unterlassung.

Einen halben Schritt zurück: gibt die Überlegung, ob eine Tat oder Gestik oder Mimik erst durch eine Veränderung des Äußeren möglich gemacht wurde? Hatte diese erst ein gesteigertes Selbstbewusstsein zur Folge? Bin ich erst durch die Manipulation an meiner Erscheinung in einem so hinreichenden Maße innerlich gestärkt, um souverän und selbstbewusst interagieren zu können? Auch diese Frage wird fast durchgängig bejaht.

Ein Beispiel aus meiner Jugend: Der Gockel Bernhard mit der Chevignon-Jacke stolziert so überzeugt von der exklusiven Jacke über den Schulhof, dass er die neugierigen Blicke der Mitschüler auf sich zieht und so eine Bestätigung erfährt, die sein Selbstbewusstsein bis zur Einbildung hin steigen lässt. Ohne die Jacke kam er verdammt unscheinbar daher. Was änderte das an seinem Charakter? NICHTS. Oder er glaubte, er war nun ein toller Hecht, so, wie die Mitschüler auf seine Jacke reagierten, was er auf seine Person projezierte, wurde selbstsicherer und damit auch freier, eloquenter, was ihm offensichtlich gut tat. Erfolg auf ganzer Linie? Ja, könnte man meinen, doch war Bernhard vorher weniger wert? Nein, doch die Jacke öffnete ihm damals die entscheidende Türe. Er wurde wahrgenommen, er hatte die Chance, Worte zu sagen und dabei gehört zu werden. Hätte man ihm vorher zugehört, wäre er kein anderer gewesen, ohne den schönen Schein einer modischen Manipulation seines Äußeren. Gilt das jetzt als Beweis für die Notwendigkeit der Manipulation? Ganz im Gegenteil, möchte ich anführen, denn zu überdenken ist die eigene Einstellung, Menschen wahrzunehmen, jenseits des bloßen Äußeren, nämlich der eigentlichen charakterlichen Werte halber. Wie schwer das ist, erleben wir täglich… und so war es tatsächlich früher. Weiß jemand etwas Ähnliches aus heutiger Zeit zu berichten?

Dadurch wird deutlich, wie eingreifend unser Selbstbewusstsein unterlaufen ist, wie groß der Einfluss der gesellschaftlichen Trends und Moden auf unser innerstes Selbstwertgefühl ist. Momentan scheint der oberflächliche Erfolg dieser Strömung recht zu geben, stark steigende
Umsätze in der Industrie der Verschönerung des Menschen in all seinen Ausprägungen belegen dies.

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3 Gedanken zu “Aussehen und Selbstwertgefühl (170)

    • Das ist wahr und wenn man das weiter verfolgt, so sind wir auf „gutem“ Wege zu „Körper machen Leute“. Hier ein „Angebot“ aus der Wochenbeilage einer Discounter-Kette vom 03.04.2021: Anheben der Wangenknochen, inkl. 5 Wellnesstagen in Prag, nur 999€… 😉

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